| 20 Apr. 70.

Lieber Mohr!

Ob „transzendental“ oder nicht — es war wirksam. Und sieht das Produkt auch einem Fußtritt ähnlicher als einer Liebkosung, so war es doch ein Lebenszeichen und — gegen Freunde bin ich nicht rachsüchtig.

Daß Du insgeheim feurige Kohlen auf mein Haupt gesammelt — dafür bin ich Dir sehr dankbar; bedaure aber, daß Du Dich nicht früher über Schweitzer und Bakunin offen ausgesprochen hast (außer Deinem Brief, liegt mir ein Brief Bracke’s vor, in dem es heißt, Du habest ein Circular erlassen, das sich entschieden gegen Bakunin und Schweitzer und für uns ausspreche). Hättest Du das 1 Jahr früher gethan, so war Schweitzer heut im Preußischen Preßbureau begraben, und die Internationale nicht gesprengt. Doch das ist nun geschehen und muß wieder gut gemacht werden.

Räthst Du mir, Bakunin’s weitre Briefe, nota bene, wenn er noch welche schickt, abzudrucken? Ich hatte von Anfang an die Absicht, ihn herauszulocken, damit man ihm zu Leib könne. Allein nach den Vorgängen in der Schweitz ist es nicht mehr nöthig ihn herauszulocken, sondern nur noch, ihn zu vernichten. — Aus einem Brief Becker’s, den ich heut erhielt, geht hervor, daß der vollständig enttäuscht ist, und wie schwärmte er noch  IV. Kongress der IAA in Basel vom 6. bis 11. September 1869.
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in Basel
für ihn! er sagt: Bakunin will in der I.A.A. dieselbe Rolle spielen, wie Schw. in der deutschen Sozialdemokratie. Als ich ihm das wörtlich vor 3/4 Jahren sagte, gerieth er außer sich. — Noch einmal, sei so gut und sende mir Deinen Rath, jedenfalls das | von Bracke erwähnte Aktenstück, das mir wahrhaftig so gut wie Kugelmann hätte mitgetheilt werden können.

Nun noch 3 Worte:

Du meinst, ich sei sehr christlich mild gegen Freiligrath. Seit Freiligrath bei der Bourgeoisie gebettelt hat, ist er todt — und wäre etwa noch ein Funke von Leben in ihm, nun — ich dächte der Abdruck seiner prolitarischen proletarischen Jugendsünden wäre die ärgste Rache an dem Almosen-Empfänger der Bourgeoisie.

Daß im „Volksstaat“ noch mitunter „Lassalle-Kultus“ getrieben wird, ist leider wahr, aber ebenso wahr ist — und Du mußt das wissen —, daß ich mein möglichstes thue, um diesen Cultus zu zerstören. Die Hatzfeldt ist mir in der Beziehung gerechter. Natürlich. wäre ich unverantwortlicher Redakteur und der „Volksstaat“ mein Eigenthum, so könnte ich anders vorgehen, würde es indeß schwerlich, da ich die Gewinnung der „Lassalleaner“ für nothwendig halte. Wir haben in Deutschland wahrhaftig keinen Überfluß an Kräften.

Daß ich Rasch’s Spanische Skizzen empfohlen? Nun, der Mann schrieb sehr freundlich an mich, und hat sich in letzter Zeit verschiedentlich ganz an|ständig benommen. Er ist übrigens anerkanntermaßen sans consequence. Mit ernsten Feinden verfahre ich anders.

Sage Engels noch, er solle nicht so grob sein, und in den für die Druckerei bestimmten  Friedrich Engels: Vorbemerkung zu „Der deutsche Bauernkrieg“ (1870). Siehe MEGA2 I/21. S. 167–174. Diese Vorbemerkung schrieb Engels im Februar 1870 für einen von Wilhelm Liebknecht zuerst im Feuilleton des „Volksstaats“ als Broschüre geplanten Neudruck der von ihm 1850 verfaßten Arbeit „Der deutsche Bauernkrieg“. (Siehe Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. In: MEGA2 I/10. S. 367–443.)
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Correkturbogen
unter eine für die Leser des Volksstaat berechnete Anmerkung zu schreiben: „Randglossen verboten.“ Was sollen denn die Setzer denken, wenn sie das lesen?

Ferner sage Engels, nicht ich, sondern der Setzer resp. Correktor habe die Verwechslung Karls V mit Karl dem Großen gemacht — ich erfuhr es erst durch Engels. Ich war nämlich die letzten Tage durch häusliche Angelegenheiten in Anspruch genommen, die sich seitdem dahin entwickelt haben, daß meine Frau mich vor 3 Stunden mit einem Erben meines negativen Besitzthums beschenkte.

Wie stehts bei Euch? Warst Du wirklich ernstlich krank? Was machen die Deinen? Du bist recht, recht garstig, daß Du mich seit Jahren wie einen Fremdling behandelst.

Sei so gut, und schicke  Die Beilage ist nicht überliefert.
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einliegenden Brief
sofort an Borkheim.

Alice läßt Tussy grüßen.

Von mir Grüße an Alle

Dein, trotz alledem treuer
Library.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Liebknecht hat die ersten drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Die Zeilen „er sagt: ... gerieth er außer sich.“ stehen mit Einfügungszeichen (+) am unteren Blattrand.

Von unbekannter Hand: Datierungsvermerk auf der ersten Seite oben mit Blaustift: „20 Ⅳ 70“.

 

Zitiervorschlag

Wilhelm Liebknecht an Karl Marx in London. Berlin, Mittwoch, 20. April 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M4311337. Abgerufen am 08.08.2026.

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