| Engelsk., 29 Octb 1871
Lieber Friedrich
F. Engels an E.
Engels, 21.10.1871.
Schließen Deinen Brief habe ich erhalten u. weiß wirklich
nicht was ich Dir darauf sagen soll, Du behauptest so bestimmt alle diese
Schrecke die in Paris verübt sind seien Lügen u. nur die wenigen Geiseln u.
wenigen Paläste die nach preußischen Muster vernichtet sind hälst Du für
unbedeutend. Ich könnte Dir ebenso gut sagen Du bekämst Deine Nachrichten über
Frankreich u. was da vorgefallen ist von Deinen Gesinnungs-Genossen die
Franzosen sind u. wie die Lügen verbreiten können hat der letzte traurige Krieg
„genung“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm
Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for
Digital Humanities, Version 01/23, abgerufen am 12.09.2024.
Schließen genung
bewiesen, denn wenn nicht Thatsachen das Gegentheil bewiesen so würden sie alle
Siege für sich in Anspruch nehmen. Wir wollen aber die ganze Sache fallen lassen
denn Du würdest nur jedes weitere Wort meinerseits für eine persönliche Kränkung
halten u. Dich verletzt fühlen wo hingegen mich die Sache sehr betrübt u. mir
großen Kummer macht. Ich habe freilich | wol vermuthet daß sich Deine
Ansichten nicht besonders geändert hätten aber noch niemals ist mir diese
Richtung so
gefehrlich
u. schrecklich erschienen, wie bei den Schreckensscenen in Paris u. es geht mir
durch’s Herz wenn ich in den Zeitungen Deinen Namen mit Marx u. Andern in
Verbindung gebracht finde u. dann freue ich mich daß der Vater das nicht zu
lesen nöthig hat u. ihm der Kummer ersparet ist. Du weißt nicht was es heißt
wenn man ein Kind was zu so großen Erwartungen berechtigte u. auf welches man so
große Hoffnungen setzte, Wege gehn sieht die nach meinem Glauben in’s Verderben
führen. Ich kann weiter nichts thun als Gott bitten daß Er Dich noch wieder auf
den rechten Weg lenkt u. wir uns in der Ewigkeit wieder finden, das thue ich
treulich.
Trotz des kalten Wetter’s
was wir
seid
acht Tagen haben bin ich noch hier, denke aber in der nächsten Woche wieder nach
| Barmen zu gehn. Am vorigen Dienstag sind Adolf u. Elise mit den
beiden Mägden nach Bonn abgereißt, wo Adolf sich ein Haus auf der Coblenzer
Straße kaufte. Die Vermutlich Friederike
von Griesheim.
Schließen alte Tante Griesheim blieb mit
den Kindern u. Hebchen bei mir, Letztere um
daß aufladen der Möbel u. sonstigen Gegenstände zu leiten die in 5 Möbelwagen u.
2 Karren transportiert wurden. Gestern Morgen sind die Vier aber auch abgereißt
u. ich bin mit Emil u. Familie allein
hier. Die letzte Schluß-Auseinandersetzung ist noch nicht ganz geordnet doch
sind sie in den Hauptsachen einig. Das Geschäft hat in diesem Jahr mehr
umgeschlagen
wie je in eine andern u. wenn es im vorigen Jahr so gut gewesen wäre würde Adolf
wol noch nicht gekündigt haben, wenigstens machte er zuweilen Bemerkungen die
sich so deuten ließen. Sein Stellvertreter ist noch nicht hier, weil die Wohnung
für ihn noch nicht in Ordnung ist. Adolf wird Neujahr wenn die Aufnahme gemacht
wird hierher kommen.
| Von Barmen habe ich Gott sei Dank gute Nachrichten u. bin auch selbst in diesem Sommer im Ganzen wohl gewesen, der Winter wird wol nicht so gut vorüber gehn u. mache ich mich immer auf Krankheit gefaßt.
Nun leb wohl für heute u. unser Her[r] im Himmel der Alles lenkt u. regiert sei Dir gnädig.
Von Emil u. Lottchen soll ich Dich herzlich grüßen u. laß mich nicht so lange auf Nachricht warten ich höre doch gern daß Du Dich körperlich wohl befindest.
Mit treuer LiebeDeine Mutter E.
Den 30ten Octb.
Ich wurde gestern daran verhindert diesen Brief abzuschicken. Nachdem ich ihn noch mal gelesen meine ich, ich hätte Dir noch so viel zu sagen u. mein Herz ist so voll, aber es würde doch nur vergeblich sein. So sei Dir denn Gott gnädig u. ob Du Ihn vielleicht verlassen hast so hoffe ich Er wird mein Gebet erhören u. Dich nicht verlassen. Noch mal’s lebe wohl.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Elisabeth Engels hat alle vier Seiten vollständig beschrieben Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Masch.-schr. Nummerierung (aufgeklebte Zettel): „835a–b“.
Die Textverluste durch Lochung des Papiers konnten rekonstruiert werden.
Die Schreibweise wurde nicht korrigiert.
Zitiervorschlag
Elisabeth Engels an Friedrich Engels in London. Engelskirchen, Sonntag, 29, und Montag, 30. Oktober 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M2428229. Abgerufen am 08.08.2026.