| Hoboken, 4 Dezbr. 1871.
Verehrter Freund!
C. Speyer hat mir vor ein Paar Tagen Ihren Brief mitgetheilt. Herzlichen Dank für das darin Gesagte, vor Allem aber für den mir gewährten „Freundes“ Titel. Ich werde ihn mit Ehren zu tragen versuchen!
Ueber Jessup etc. kann ich heute nicht schreiben, da ich ihn erst noch einmal sehen will.
Ueber die hiesigen Vorgänge folgende Nachrichten privatim, da unsre Sitzung gestört u. unterbrochen wurde, ehe der Bericht an den Generalrath angenommen war, Was nun wohl erst in 14 Tagen geschehen wird.
Der Brief an den Generalrath dd. 19 Novbr. über Bildung eines provisorischen Föderalraths wurde in Abschrift sämmtlichen Sektionen, außer S. 12, mitgetheilt. Eine kleine Clique vom 5 Delegaten versuchte am 26 Novbr. das alte Central-Komité aufzuwärmen, standen aber davon ab u. vereinigten sich mit der großen Mehrheit der französischen u. amerikanischen Delegirten, um in unsre gestrige Sitzung zu kommen u. die Organisation in ihre Hand zu nehmen. In der durch die Ereignisse u. frühere Erfahrungen bestätigten Ueberzeugung, dass dann vorläufig Nichts zu Stande kommen würde, beriefen wir unsre Versammlung auf 2 Uhr, ernannten provisorische Beamte u. ernannten ein Mandatsprüfungskomité, welches sämmtliche Mandate prüfen u. in der nächsten Sitzung darüber berichten sollte. Unterdessen erschien die Gegenpartei u. als wir das über die hiesigen Vorgänge zu erlassende Rundschreiben verlesen u. berathen wollten, unterbrachen sie uns u. führten eine schmachvolle Scene auf. Mit wüstem Geschrei u. Beschimpfungen der pöbelhaftesten Art verhinderten die Franzosen vor Allen jede weitere Berathung. Mit Mühe gelangte ich zum Wort, bat sie, gleich Jedem der Unsrigen ihre Mandate dem dazu ernannten Komité vorzulegen u. gab ihnen im Namen der Unsrigen mein Ehrenwort, dass gerecht u. billig verfahren werden u. Jeder zum Wort kommen würde. Kein Appell fruchtete. Devoy, der den Vorsitz führte, verließ den Sitz u. wir beschlossen, uns zu vertagen, um es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. | Unter Drohungen u. rohen Schmähungen von Seiten unsrer Gegner verließen wir den Saal. Der Wirth des Hauses räumte denselben nun u. unsre liebenswürdigen internationalen Brüder gingen nun nach einem andern Platz u. organisirten sich dort als Gegenkomité. Zu erwähnen ist noch, dass sie verschiedene reporters mitgebracht hatten u. als ich sie bat, die Sache unter uns auszumachen, erst recht auf der größten Publizität des Skandals beharrten. Der Schlimmste von Allen war Laugrand den man mir früher mit großer Wichtigthuerei als collaborateur Proudhon’s vorgestellt hatte. – Heute sind nun alle Zeitungen voll davon u. in ächt gemeiner Manier stellen die Bursche es jetzt dar als Streit zwischen den Deutschen u. Franzosen u. unsre Partei wird die “Sorgefraction” genannt. Dies bestimmt mich, auf meinem Entschluss zu bestehen u. von Neujahr an kein Amt mehr anzunehmen. Der Partei werde ich deshalb doch nach Kräften dienen.
Was nun geschehen wird, läßt sich nicht vorausbestimmen. Bis jetzt hatten wir auf unsrer Seite die grosse Mehrheit der deutschen u. alle irischen Sectionen Wenn die Letzteren ausharren, wird die Sache für uns gut gehen. Unsre deutschen Sectionen werden sicherlich auf folgenden Punkten bestehen: 1, Aufnahme neuer Sectionen nur dann, wenn dieselben wenigstens zu 2/3 aus Lohnarbeitern bestehen; u. 2, Abbruch aller Verbindung, ja! Ausschluss von Section 12. Wir halten dies für unumgänglich nothwendig, um der Bewegung den Charakter der Arbeiterbewegung zu wahren u. das sich mit Gewalt hereindrängende Kleinbürger– u. Maulheldenthum fern zu halten. Der Kampf war u. ist unausbleiblich u. muß durchgefochten werden. –
Nächsten Sonntag halten die
Unsern eine Privatbesprechung. Vielleicht gehen dann
offizielle
Berichte an den G. R. Die Beilage ist nicht
überliefert.
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eine Mittheilung
John Devoy’s über Mc Donnell in Abschrift.
F. A. Sorge
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Blatt weißem Papier. Sorge hat beide Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte (mit zwei Ergänzungen in blauer Tinte).
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift oben auf der ersten Seite: „106“ sowie Vermerk „l“.
Zitiervorschlag
Friedrich Adolph Sorge an Karl Marx in London. Hoboken, Montag, 4. Dezember 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M2153060. Abgerufen am 08.08.2026.