1Mit der vorliegenden Edition (MEGA² IV/19) werden vier Exzerpthefte und ein Notizbuch von Marx sowie im Anhang drei Hefte mit Zeitungsausschnitten, die Marx’ Tochter Jenny Marx für ihren Vater angelegt hat, erstmals veröffentlicht. Die vier Exzerpthefte hat Marx zum Großteil innerhalb von viereinhalb Monaten, zwischen dem 13. Oktober 1868 und dem 1. März 1869 angefertigt. Lediglich die letzten drei Exzerpte des vierten Hefts sind erst später, bis wahrscheinlich 1872, spätestens 1875 entstanden. Das Notizbuch wurde von Marx in den Jahren 1869 bis 1871 und die drei Hefte mit Zeitungsausschnitten von Jenny Marx wahrscheinlich zwischen August 1868 und Januar 1870 geführt. In die Einführung wurden Forschungsergebnisse eingearbeitet aus Timm Graßmann: Die Krisen des Kapitals. Marx, die politische Ökonomie und die periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen. Phil. Diss., Universität Osnabrück. Osnabrück 2020. Schließen [*]

2Die Exzerpthefte stehen in Zusammenhang mit der geplanten Überarbeitung und Fertigstellung des zweiten und dritten Buchs des Marx’schen ökonomiekritischen Hauptwerks „Das Kapital“. Die meisten Exzerpte befassen sich mit den Themen Geldmarkt, Kredit, Bank- und Börsenwesen, Aktiengesellschaften, Wechselkurse, Geldsysteme sowie Krise, Wirtschaftskriminalität und Finanzbetrug. Marx informiert sich umfassend über die Handels- und Finanzgeschichte der jüngeren Vergangenheit und über die aktuelle geld-, kredit- und krisentheoretische Literatur. Im Rahmen einer systematischen Untersuchung der Bewegung des englischen Geldmarkts in den Jahren 1866 bis 1868 stellen die vornehmlich England betreffende Wirtschaftskrise von 1866 sowie ihre sozialen und politischen Auswirkungen zwei Hauptthemen dar. Weitere zentrale Themen sind die politische Ökonomie des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) und die Herausbildung eines amerikanischen Zentralstaats, die wirtschaftliche Entwicklung im französischen Kaiserreich und in den britischen Kolonialgebieten Indien und Irland sowie ferner Landwirtschaft, Arbeitskämpfe und Pauperismus.

3Marx hat alle vier Exzerpthefte selbst betitelt: Sie heißen „London. 1868“, „1868“, „1869 I Heft“ und „Heft II. 1869“. Die ersten drei Hefte enthalten hauptsächlich Exzerpte aus den drei Jahrgängen 1866 bis 1868 der beiden in London herausgegebenen und wöchentlich erscheinenden Wirtschaftszeitschriften „The Economist“ und „The Money Market Review“. Marx fertigt Auszüge aus insgesamt rund 840 Artikeln an; darüber hinaus stellt er in einer eigenständigen Struktur Materialien zur Bewegung des Geldmarkts der Jahre 1866 bis 1868 aus verschiedenen Rubriken der „Money Market Review“ unter insgesamt 158 Überschriften zusammen.

4Mit dem umfangreichen Heft „London. 1868“ beginnt Marx seine Auszüge aus den beiden Periodika: Es enthält Exzerpte aus rund 530 Artikeln sowie einen eingeklebten Zeitungsausschnitt aus „The Social Economist“. In „London. 1868“ fertigt Marx zwischen dem 13. Oktober und ungefähr Mitte November 1868 Auszüge aus 102 der 104 Ausgaben der Jahre 1866/1867 des „Economist“ sowie aus den meisten Ausgaben der „Money Market Review“, die zwischen dem 19. Mai 1866 und dem 28. Dezember 1867 erschienen sind, an. Am Ende eines Exzerpts aus einem „Economist“-Artikel verfasst Marx eine längere Notiz zu verschiedenen Geldsystemen und der Rolle der Staatsbanken. Marx setzt seine Auszüge aus den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“ ungefähr zwischen Mitte November und Mitte Dezember 1868 im Heft „1868“ mit Auszügen aus 82 Artikeln sowie dem Beginn der Materialsammlung zum Geldmarkt der Jahre 1866 bis 1868 fort. Das Heft „1868“ enthält außerdem bereits vor Oktober 1868 entstandene kurze Auszüge aus dem „Kurzen Lehrbuch der Chemie“ von Henry Enfield Roscoe. Marx beendet seine Auszüge aus den beiden Periodika im Januar 1869 in dem Heft „1869 I Heft“ mit Auszügen aus 222 Artikeln der Jahrgänge 1868 der beiden Periodika und der Fortsetzung der Materialsammlung zum Geldmarkt. Nach den Auszügen aus den beiden Periodika trägt Marx ungefähr in den ersten beiden Wochen des Februars 1869 zwei weitere Exzerpte in „1869 I Heft“ ein: zuerst Auszüge aus dem Buch „The Theory of the Foreign Exchanges“ von George Joachim Goschen und dann den ersten Teil seiner umfangreichen Exzerpte aus dem mathematischen Lehrbuch „Das Ganze der kaufmännischen Arithmetik“ von Friedrich Ernst Feller und Carl Gustav Odermann. Den zweiten Teil der Auszüge aus Feller/Odermann fertigt Marx unmittelbar danach im Folgeheft „Heft II. 1869“ an. In „Heft II. 1869“ folgen dann Exzerpte aus „An Essay on the Principle of Commercial Exchanges“ von John Leslie Foster, die Marx aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen dem 27. Februar und dem 1. März 1869 erstellt und die, wie seine Auszüge aus dem Werk von Goschen, die Theorie der Wechselkurse und der internationalen Handels- und Kreditbeziehungen behandeln. Das „Heft II. 1869“ setzt Marx mit einer kurzen Notiz zu den „Principles of Geology“ von Charles Lyell und langen Exzerpten aus Otto Hausners „Vergleichender Statistik von Europa“ und Michael Thomas Sadlers „Ireland; its Evils, and their Remedies“ fort, wobei die beiden Exzerpte vermutlich erst nach 1869 entstanden sind (für die Datierungen siehe die Apparatteile „Entstehung und Überlieferung“ zu den einzelnen Heften).

5Das Notizbuch aus den Jahren 1869 bis 1871 umfasst neben verschiedenen Notizen ein kurzes Exzerpt aus der bis heute viel zitierten „Geschichte der Handelskrisen“ von Max Wirth, in dem Marx einige in seinen Augen offensichtliche Sachfehler beziehungsweise Fehleinschätzungen Wirths festhält. Die drei von Jenny Marx erstellten Hefte enthalten eingeklebte Ausschnitte aus 288 Artikeln englischer Zeitungen wie „The Daily News“, „Reynolds’s Newspaper“ und „The Standard“ aus dem Zeitraum vom 10. August 1868 bis zum 6. Januar 1870. Die Hefte tragen die Titel „Trade and Finance 1868“, „Trade and Finance 1869“ und „Social cases. 1869“ und behandeln die gleichen Themen, die auch in den vier Marx’schen Exzerptheften vorherrschend sind: die damalige wirtschaftliche Stagnationsphase, Geschehnisse rund um Aktien- und Finanzgesellschaften, der Gerichtsprozess gegen die Direktoren der Diskontbank Overend, Gurney and Company sowie die soziale Frage und Pauperismus. Da die drei Hefte mit eingeklebten Zeitungsausschnitten zwar nicht von Marx selbst, aber in seinem Auftrag erstellt wurden und sich darüber hinaus eine Benutzung durch ihn nachweisen lässt (siehe die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte zu den drei Heften), werden sie im Anhang der vorliegenden Edition veröffentlicht.

6Marx hat ab dem 13. Oktober 1868, dem Tag, als er von Sigismund Ludwig Borkheim die ersten Jahrgänge der „Money Market Review“ und des „Economist“ erhielt, nicht durchgängig und nicht ausschließlich an den Exzerptheften gearbeitet. Er litt währenddessen auch unter Krankheiten und engagierte sich in den Generalratssitzungen der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA). Laut den Protokollen der Generalratssitzungen der IAA hat er seit dem 13. Oktober bis zum 30. März an fast jeder der beinahe wöchentlich stattfindenden Sitzungen teilgenommen und lediglich die Sitzungen vom 10. November, 8. Dezember 1868 und vom 19. und 26. Januar 1869 sowie vom 30. März 1869 verpasst. (Siehe die Generalratsprotokolle der IAA in: MEGA² I/21. S. 603–637.) Obwohl er Engels am 13. Januar 1869 wissen ließ, seit zwei Wochen unter einer schweren Erkältung gelitten zu haben – ein „Stockschnupfen“ halte „Aug, Ohr, Nase u. den ganzen Kopf, seit about 2 weeks, in förmlichem Belagerungszustand“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4587) –, nahm er an den IAA-Sitzungen vom 5. und 12. Januar 1869 teil (siehe MEGA² I/21. S. 617.3 u. 619.3). Auch gegenüber Louis Kugelmann sprach Marx am 11. Februar 1869 von einer langen Krankheit: „das verdammte Nebelwetter hier – nothing but mist –“ habe ihm „eine beinahe vierwöchentliche, ganz aussergewöhnlich bösartige Grippe zugeschanzt“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. C 358). So hat Marx wahrscheinlich krankheitsbedingt in den Generalratssitzungen vom 19. und 26. Januar 1869 gefehlt, nahm laut den Protokollen allerdings an den Sitzungen vom 2. und 9. Februar 1869 teil. (Siehe MEGA² I/21. S. 622.4 u. 624.3.) Möglicherweise war er also nur in der zweiten Hälfte des Januars 1869 nicht arbeitsfähig. Schließen [1] Zudem arbeitete Marx zu dieser Zeit wahrscheinlich auch am zweiten Buch des „Kapital“ (siehe MEGA² II/11). Laut eigener Auskunft ging Marx dann Anfang Februar 1869 – in etwa zu dem Zeitpunkt, als er ungefähr Ende Januar 1869 die Auszüge aus der „Money Market Review“ und dem „Economist“ beendet hatte – daran, seine womöglich im Laufe des Jahres 1868 begonnene und zwischenzeitlich unterbrochene Arbeit am zweiten Buch des „Kapital“ fortzusetzen. Er teilte Engels am 13. Februar 1869 mit, dass er „nach mehrwöchentlicher Schnupfenfieberunterbrechung die Arbeit wieder aufgenommen habe“ und „in diesem Augenblick“ mit seinem Buch „sehr“ beschäftigt sei. Marx an Engels, 13. Februar 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4591). – Wann genau Marx mit der Arbeit an Manuskript II des zweiten Buchs zum „Kapital“ begonnen hat, ist schwer zu bestimmen (siehe MEGA² II/11. S. 910–915). Durch die vorliegenden Exzerpte lässt sich möglicherweise präzisieren, dass auch der Großteil des ersten Kapitels erst ab Januar 1869 entstanden ist, denn bereits die Fußnote 11 auf S. 12 des Manuskripts, in der Marx Besprechungen der „Money Market Review“ und des „Economist“ von einem Buch von Ernest Seyd erwähnt (MEGA² II/11. S. 33), lässt sich auf eine Rezeption der Jahrgänge 1868 der beiden Periodika zurückführen (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „1869 I Heft“), die Marx erst am 30. Dezember 1868 von Borkheim erhalten hat. Zwar ist es möglich, dass Marx diese Fußnote erst nachträglich in einen bereits bestehenden Haupttext gesetzt hat, aber dann müsste auch die im Manuskript unmittelbar folgende Fußnote 12 zu Victor Riquetti Marquis de Mirabeau erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden sein, was unwahrscheinlich sein dürfte, da diese Fußnote eine im Haupttext geäußerte Behauptung unmittelbar ausführt und nachweist. Schließen [2]

Die Wiederaufnahme der Studien zum Kredit im Jahr 1868

7Marx beabsichtigte, sein großes Werk „Das Kapital“ über die allgemeinen Prinzipien der kapitalistischen Produktionsweise und die Kritik der sie begleitenden Wissenschaft der politischen Ökonomie in vier Büchern herauszubringen. Er veröffentlichte den ersten Band des „Kapital“ mit dem ersten Buch über den Produktionsprozess des Kapitals im September 1867 (siehe MEGA² II/5). Der zweite Band sollte die Bücher 2 und 3 und der dritte Band das vierte Buch über die Geschichte der Wissenschaft der politischen Ökonomie enthalten. Diesen Plan wiederholte Marx noch zu Beginn von Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“ (MEGA² II/11. S. 28). Schließen [3] Auch wenn Marx zwischen 1868 und 1870 ein umfangreiches Manuskript für das zweite Buch des „Kapital“ über den Zirkulationsprozess des Kapitals verfasste, in dem er von vielen 1868/1869 entstandenen Exzerpten Gebrauch machte, können seine vielfältigen und umfassenden Studien dieser Jahre in erster Linie als Vorbereitung für das dritte Buch angesehen werden, in dem er das Auseinanderfallen des im Produktionsprozess des Kapitals erzeugten Mehrwerts in die verselbständigten Revenueformen Profit, Zins und Grundrente behandeln wollte.

8Einen umfangreichen Entwurf für das dritte Buch des „Kapital“, den Engels nach Marx’ Tod als den dritten Band des „Kapital“ herausgab (siehe MEGA² II/15), schrieb Marx in den Jahren 1864/1865 (siehe MEGA² II/4.2). Einen Entwurf für das fünfte Kapitel des dritten „Kapital“-Buchs über das zinstragende Kapital beendete er im Oktober 1865, wie die am Ende des Kapitels festgehaltene Erhöhung des Diskontsatzes der Bank of England von 4,5% auf 7% Anfang Oktober 1865 bezeugt. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 664. Schließen [4] Nach der Arbeit am Manuskript zum dritten Buch arbeitete Marx ab Anfang des Jahres 1866 die finale Textgestalt des ersten Bandes des „Kapital“ aus. Als er sich circa ein Jahr später dem Abschluss dieses Werks näherte, äußerte er das Bedürfnis, für die Fertigstellung des zweiten Bandes – der, wie bemerkt, die Bücher 2 und 3 enthalten sollte – seine Forschungen noch einmal aufzunehmen und die aktuelle Literatur, die auf den für das dritte Buch relevanten Feldern Kredit und Grundeigentum erschienen war, durchzusehen. Im Mai 1867 schrieb er Engels: „Endlich verlangt Meißner den 2. Band für spätestens Ende Herbst. Die Schanzerei muß also sobald als möglich beginnen, indem namentlich für die Kapitel über Kredit u. Grundeigenthum viel neues Material seit der Abfassung des Mscrpts geliefert worden ist. Im Winter soll der dritte Band fertig gemacht werden, so daß bis nächstes Frühjahr das ganze opus abgeschüttelt.“ Marx an Engels, 7. Mai 1867. In: MEGAdigital. Schließen [5]

9Die im Band IV/18 und in der vorliegenden Edition veröffentlichten Exzerpte dokumentieren diese Marx’sche „Schanzerei“ in Vorbereitung der geplanten Fertigstellung des zweiten Bandes des „Kapital“. Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes im September 1867 studierte Marx in den ersten drei Monaten des Jahres 1868 zunächst Fragen von Grundeigentum, Grundrente und Landwirtschaft in den drei „Heften zur Agrikultur 1868“ (siehe MEGA² IV/18). Parallel begann er mit der Durchsicht des ‚vielen neuen Materials‘ über den Kredit, das „seit der Abfassung des Mscrpts“, also seit Ende 1865, erschienen war. Die mit der vorliegenden Edition veröffentlichten Exzerpthefte sind als ein wesentlicher Beitrag dieser Studien über den Kredit anzusehen, die Marx zu dieser Zeit betrieben hat – wenngleich sie auch nur einen Ausschnitt daraus darstellen. Etwa behandeln die in Band IV/18 veröffentlichten Marx’schen Exzerpthefte zwar schwerpunktmäßig die Problematik des Grundeigentums und der Grundrente, aber sie umfassen zum Beispiel mit dem „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ ebenfalls Materialien zum Kredit. Umgekehrt enthalten auch die vorliegenden Hefte Materialien, die thematisch eher den „Heften zur Agrikultur“ zuzuordnen sind: umfangreiche Statistiken über Grundbesitz und landwirtschaftliche Produktion aus Otto Hausners „Vergleichender Statistik von Europa“ in „Heft II. 1869“, die Exzerpte aus Roscoe und Lyell sowie ferner Exzerpte in „London. 1868“ zum ökologischen Komplex von Bodenerschöpfung, Verunreinigung der Flüsse und städtischem Wasser- und Abwassersystem sowie zur industriellen Tierhaltung und ihren Konsequenzen, wie etwa der in England zwischen 1865 bis 1867 grassierenden Rinderpest („Cattle Plague“). Marx versammelt diese und andere Exzerpte unter dem Gliederungspunkt „7) Land in England and Agriculture“ seines Inhaltsregisters zu den Auszügen aus den Jahrgängen 1866/1867 des „Economist“ im Heft „London. 1868“ (S. 185/186) sowie unter dem Eintrag „8) Land“ in „1869 I Heft“ (S. 88). Einige der Titel, aus deren Besprechungen Marx exzerpiert, sammelt er später in bibliographischen Auflistungen in „Heft 3. 1868“ der „Hefte zur Agrikultur“ (MEGA² IV/18. S. 586–588 u. 728–730). Schließen [6] Marx exzerpierte auch die ausführliche „Economist“-Besprechung des Buchs „The Coal Question“ (London, Cambridge 1865) von William Stanley Jevons, in dem Jevons berechnete, dass die englischen Kohlevorkommen vor dem Jahr 1960 erschöpft sein würden („London. 1868“, S. 2).

10Ebenso hat Marx in Vorbereitung der Überarbeitung seiner Kredittheorie noch sehr viel mehr Literatur konsultiert, als durch die vorliegenden Exzerpthefte überliefert ist. Bereits im März 1868 las er eine neue Auflage eines Buchs von Henry Dunning Macleod zum Bankwesen, das ihn offenbar wenig begeisterte. Marx ließ Engels am 6. März 1868 wissen: „Herr Mac Leod hat es doch mit seinem lausigen u. pedantisch-scholastischen Buch über banks zu einer 2. Auflage gebracht. Er ist ein sehr gespreizter Esel, der jede banale Tautologie 1) in algebraische Formen bringt u. 2) geometrisch construirt. Ich habe ihm schon einen gelegentlichen Tritt in dem bei Duncker erschienenen Heft gegeben. Seine ‚grosse‘ Entdeckung ist: Credit is Capital.“ (MEGAdigital.) – Bei dem genannten Buch handelt es sich um Henry Dunning Macleod: The Theory and Practice of Banking. 2. Ed. Vol. 1.2. London 1866. Schließen [7] Als er sich kurz darauf dem gerade erschienenen Buch von Maurice Aycard über die Geschichte der im Herbst 1867 zwangsliquidierten französischen Aktienbank Crédit Mobilier widmete, schrieb er Engels:

11

„Die ‚Histoire du Crédit Mobilier‘ durchgelesen. Was die eigentliche Essenz der Sache betrifft, so hatte ich in der That schon Bessres vor Jahren darüber geschrieben in die ‚Tribune‘. Der Verfasser kennt das Geschäft. Er ist selbst Pariser Banquier. Aber er hat in der That kein andres Material als das officielle, vom Crédit in seinen Reports selbst gelieferte, u. die in den Börsenquotationen verzeichneten fata. Das Geheimmaterial könnte nur auf gerichtlichem Wege beigebracht werden. Was mich vor allem frappirt, ist dieß: die eigentlichen tricks lösen sich alle in Agiotage an der Börse auf u., in diesem Departement, au fond, welches immer die Verkleidungen, nichts Neues seit Law! Weder auf dieser, noch auf jener Seite des Kanals. Das Interessante an diesen Sachen ist die Praxis, nicht die Theorie.“ Marx an Engels, 11. April 1868. In: MEGAdigital. – Bei dem erwähnten Buch handelt es sich um [Maurice] Aycard: Histoire du Crédit Mobilier 1852–1867. Bruxelles, Leipzig, Livourne 1867. Marx erhielt das Buch wahrscheinlich von Borkheim, denn dieser fragte ihn später, ob sich das Buch bei ihm befinde. Siehe Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 28. Dezember 1868. In: MEGAdigital. Schließen [8]

12Möglicherweise bezieht sich Marx’ Äußerung, dass sich die Praktiken an der Börse auf beiden Seiten des Kanals nicht wesentlich weiterentwickelt hätten, nicht nur auf die Beschreibungen bei Aycard und Macleod, sondern auch schon auf die aktuellen Werke zweier britischer Autoren, die Marx neben einer weiteren Schrift von Macleod im April/Mai im „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ exzerpierte (siehe MEGA² IV/18). In seinen Auszügen aus „The Theory of Business for Busy Men“ (London 1868) von John Laing und „The Science of Finance“ (Edinburgh, London 1868) von Robert Hogarth Patterson informierte er sich unter anderem über die Finanzinstrumente, die während des britischen Eisenbahnbooms der 1860er Jahre erfunden und eingesetzt worden waren. Des Weiteren fertigte Marx im Sommer 1868 Exzerpte aus britischen Handelsberichten an und informierte sich dort über einige Auswirkungen der Krise von 1866 auf China, Brasilien und die Niederlande. Karl Marx: Index zu: Commercial Reports of H. M.’s Consuls … 1865–1867. In: MEGA² IV/18. S. 654–658. Schließen [9] Im August 1868 korrespondierte er zudem mit John Mills und las dessen Theorie der Kreditzyklen; Siehe John Mills an Marx, 16. September 1868. In: MEGAdigital. – Marx hatte Mills, dessen Angaben zufolge, am 26. August 1868 eine nicht überlieferte Notiz geschrieben und dort um Zusendung seines Vortrags über Kreditzyklen gebeten. Mills bestätigte das Versenden eines Pamphlets. Es handelt sich um John Mills: On Credit Cycles, and the Origin of Commercial Crises. In: Transactions of the Manchester Statistical Society. Session 1867–68. Manchester 1868. S. 9–40. Dieses Buch ist auch im Katalog der SPD-Bibliothek von 1927 verzeichnet (Nr. 41531), was es noch wahrscheinlicher macht, dass es sich im Besitz von Marx befand. Weil Mills auch eine positive Besprechung dieses Vortrags im „Economist“ erwähnt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Marx durch die Korrespondenz mit Mills zu dem Eindruck gelangt sein mag, neue Entwicklungen in der Kredittheorie verpasst zu haben und auch aus diesem Grund die Jahrgänge des „Economist“ durchgehen wollte. Allerdings kritisiert Marx bei der Lektüre dieser Besprechung Mills’ Theorie heftig („1869 I Heft“, S. 61). Schließen [10] er exzerpierte auch aus einem Artikel der „Times“ vom 18. August 1868 in „Heft 1. 1868“ der „Hefte zur Agrikultur“, der die außergewöhnliche Dauer und Tiefe der ökonomischen Stagnation nach der Krise von 1866 betonte. Karl Marx: Exzerpte aus „The Times“, 18. August 1868. In: MEGA² IV/18. S. 449/450. Schließen [11] Wahrscheinlich legte Jenny Marx zu dieser Zeit mit „Trade and Finance 1868“ auch das erste ihrer drei für Marx bestimmten Hefte mit Zeitungsausschnitten an, zumindest stammt der erste in das Heft geklebte Artikel vom 10. August 1868. Am 25. September 1868 fragte Marx zum ersten Mal bei Engels an, ob er ihm John Leslie Fosters „Essay on the Principle of Commercial Exchanges“ in Manchester besorgen könne, da das Buch in London nicht zu erhalten sei. Marx an Engels, 25. September 1868. In: MEGAdigital. – Marx hatte sich also bereits auf der Suche nach diesem Buch befunden, bevor er die Exzerpte aus dem „Economist“ und der „Money Market Review“ begann. Die Exzerpte aus Foster in „Heft II. 1869“ sind zwar die letzten Exzerpte der vorliegenden Edition, die sich mit Kredittheorie im weiteren Sinne befassen, aber sie resultieren somit eher nicht aus einer möglichen Logik der Marx’schen Forschung. Während der Wiederaufnahme seiner Studien zum Kreditwesen wollte er diesen Klassiker aus dem Jahr 1804 unbedingt lesen (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „Heft II. 1869“). Auch die unmittelbar davor entstandenen Exzerpte aus der „Kaufmännischen Arithmetik“ von Feller/Odermann müssen in keinem direkten Zusammenhang mit den Exzerpten aus den beiden Wirtschaftszeitschriften stehen, denn das Buch befand sich bereits seit 1864 in Marx’ Besitz, als er es von Wilhelm Wolff erbte (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „1869 I Heft“). Allerdings passt die Aneignung der genauen kaufmännischen Rechenoperationen durch Feller/Odermann zu Marx’ Vorhaben, die Praxis des Bank-, Börsen- und Handelswesens besser nachzuvollziehen. Schließen [12]

13Ab dem 13. Oktober begann Marx mit den Exzerpten aus der „Money Market Review“ und dem „Economist“. Ungefähr bei Abschluss des ersten Hefts „London. 1868“ schrieb er Engels am 14. November 1868: „Da Praxis besser als alle Theorie, so ersuche ich Dich, mir ganz genau (an Beispielen) die Methode zu beschreiben, worin Ihr Euer business quant à banquier etc betreibt. […] Da der 2nd volume grossentheils zu sehr theoretisch, werde ich das chapter über Credit benutzen zu actuel denunciation des Schwindels u. der commercial morals.“ Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [13]

14In seinen beiden Briefen an Engels vom 11. April und vom 14. November 1868 erscheinen ähnliche Schwerpunkte, die auf das genauere Forschungsinteresse von Marx hindeuten. Marx stellte in beiden Briefen fest, dass die Praxis des Bank- und Börsenwesens „das Interessante“ und sogar „besser“ als die Theorie dazu sei. Auch schienen ihm seine eigenen Ausführungen in den Büchern 2 und 3 „zu sehr theoretisch“, so dass er sie mit einer auf ganz aktuelles Material gestützten Darstellung der auf dem Geldmarkt vorherrschenden Praxis anreichern und erweitern wollte. Im Manuskript zum dritten Buch von 1865 griff Marx vor allem auf die in seinen „Londoner Heften 1850–1853“ exzerpierten Schriften und die britischen Parlamentsberichte von 1857 und 1858 über Geldmarkt und Krise und damit auf Material zurück, das zum Teil schon zwanzig Jahre alt war. Die „Praxis“ an der Börse ließe sich als Agiotage, das heißt als Erzielen von Differenzgewinnen durch Ausnutzung von Kursschwankungen, bezeichnen. Engels bestätigte am 17. April 1868, dass „an der Agiotage theoretisch nichts Interessantes & Nichts Neues darstellbar ist“: „Es löst sich Alles in Prellerei unter falschen Vorspiegelungen auf, & da kann eben nichts wechseln als die Manier.“ Engels an Marx, 17. April 1868. In: MEGAdigital. Schließen [14] Marx interessierte sich also für die genaue Funktionsweise und die technischen Aspekte der Spekulation: die „Methode“ der Bankiers und Kaufleute, die „Verkleidungen“ der Agiotage und die „tricks“ an der Börse.

15Aus diesem Grund bemängelte er an Aycards Darstellung, nur auf das offizielle Material des Crédit Mobilier zurückzugreifen. Er setzte seine Hoffnungen auf das „Geheimmaterial“, das bei der Abwicklung des Crédit Mobilier durch die Gerichte zutage gefördert würde. Engels schrieb weiter: „Das Geheimmaterial der Gesch. des Credit Mobilier kann übrigens, & wird wahrscheinl. beim Sturz des Empire von selbst an den Tag kommen selbst wenn es ohne Intervention der Gerichte abgehn sollte.“ (Engels an Marx, 17. April 1868. In: MEGAdigital.) Schließen [15] Marx hat daher in den vorliegenden Exzerpten den Gerichtsprozess um die englische Diskontbank Overend, Gurney and Company intensiv verfolgt und durch seine Tochter Jenny Marx dokumentieren lassen, auch weil er wahrscheinlich hoffte, dass vor Gericht ermittelt würde, welche Transaktionen den Alltag der Londoner City prägten.

16Weil sich in den englischen und französischen Kredittechniken „nichts Neues“ gezeigt hätte, konnte Marx betonen, dass seine eigenen Analysen zum Crédit Mobilier aus den 1850er Jahren (erscheinen in MEGA² I/15) ‚besser‘ seien, als das, was die neue Literatur anzubieten hatte. Er ging also wahrscheinlich nicht davon aus, die Phänomene von Grund auf neu bestimmen zu müssen. Allerdings verband Marx im Brief vom 14. November 1868 sein Interesse an den genauen Techniken und Formen der Kredittransaktionen mit einem neuen Ziel, für das er das Kapitel über den Kredit des dritten „Kapital“-Buchs benutzen wollte: die „actuel denunciation des Schwindels u. der commercial morals“ (dazu ausführlicher unten).

17Über die von Marx exzerpierten und im Briefwechsel diskutierten Titel hinaus zeichnet sich zudem anhand der Schriften und Bücher aus den Jahren 1865 bis 1870, die in den Aufstellungen seiner Bibliothek verzeichnet sind, ein weites Lesefeld ab: Theorie der Wechselkurse und der internationalen Finanzbeziehungen, Börsen- und Kaufmannshandbücher, Methoden und Techniken des Wechselhandels und des kaufmännischen Rechnens, Wirtschafts- und Krisengeschichte, finanzielle Innovationen der 1860er Jahre, aktuelle Kredittheorie, die konkrete Gestaltung des Geldmarkts mit den einzelnen Akteuren wie den Banken, Aktien- und Finanzgesellschaften, Finanzbetrug und Währungen in verschiedenen Ländern. In seiner Bibliothek befanden sich etwa die folgenden Schriften aus den Jahren 1865 bis 1870: George Anderson: The Reign of Bullionism. Glasgow 1867 (MEGA² IV/32. Nr. 20); James J[ones] Aston: The Stock Exchange „a Sham Market“? London 1869 (ebenda. Nr. 41); [Samuel Orchart Beeton:] Beeton’s Guide Book to the Stock Exchange and Money Market. With Hints to Investors, and the Chances of Speculators. London [1870] (ebenda. Nr. 114); Seton Laing: A New Series of the Great City Frauds of Cole, Davidson, & Gordon. 5. Ed. London 1869 (ebenda. Nr. 718); Life Assurance Companies. Their Financial Condition. By an Actuary. London 1869 (ebenda. Nr. 777); Managers and Marionettes. London 1869 (ebenda. Nr. 829); [Malcolm Ronald Laing Meason:] The Bubbles of Finance. London 1865 (ebenda. Nr. 885); [id.:] The Profits of Panics; Showing How Financial Storms Arise, Who Make Money by Them, Who Are the Losers, and Other Revelations of a City Man. London 1866 (ebenda. Nr. 886); Robert Lucas Nash: Money Market Events, and the Value of Securities Dealt in on the Stock Exchange in the Year 1868. London 1869 (ebenda. Nr. 932); Adolph Samter: Die Reform des Geldwesens. Berlin 1869 (ebenda. Nr. 1166); Vollständige Handelswissenschaft. Theorie und Praxis derselben systematisch dargestellt für Kaufleute und Industrielle, besonders für Zöglinge des Handels. In Verbindung mit tüchtigen Geschäftsmännern und Gelehrten hrsg. v. Theodor Wenzelburger. Stuttgart, Leipzig 1869 (ebenda. Nr. 1380). – Im Katalog der SPD-Bibliothek von 1927 verzeichnet und damit wahrscheinlich im Besitz von Marx befanden sich außerdem Bücher und Schriften wie A[lexander] Brückner: Finanzgeschichtliche Studien. Kupfergeldkrisen. St. Petersburg 1867 (Nr. 32983); Adolph Wagner: Die russische Papierwährung. Riga 1868 (Nr. 33968); The Law of Negotiable Instruments; a Handbook of the Law on Inland and Foreign Bills of Exchange, Promissory Notes, Cheques, IOUs, and the Law of Bills of Lading. By a Barrister. London 1868 (Nr. 41442); John Mills: On Credit Cycles, and the Origin of Commercial Crises. Manchester 1868 (Nr. 41531); Overend, Gurney and Co. or the Saddle on the Right Horse. London 1866 (Nr. 41576); Ernest Seyd: Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered. London 1868 (Nr. 41735; für eine Marx’sche Einschätzung siehe MEGA² II/11. S. 33); John Benjamin Smith: An Inquiry into the Causes of Money Panics and of the Frequent Fluctuations in the Rate of Discount. London 1866 (Nr. 41745). Schließen [16] Marx befand sich offensichtlich auch auf der Suche nach den Protokollen des französischen „Bank Enquête Committee“ – das Napoleon III. im Jahr 1865 wegen anhaltender Kontroversen um die Ursachen der Geldmarktklemme von 1863/1864 genehmigte und in dem die führenden Persönlichkeiten aus dem Finanzsystem des Zweiten Kaiserreichs unter anderem über die Geldpolitik der Banque de France stritten – sowie auch nach dem Bericht der amerikanischen „National Revenue Commission“ unter Vorsitz von David Ames Wells über die fiskal- und geldpolitischen Umbrüche während des Amerikanischen Bürgerkriegs. Dies legt sein Brief an Nikolaj Francevič Daniel’son vom 7. Oktober 1868 nahe, in dem Marx schrieb: „Sie können nicht auf den zweiten Band warten, dessen Erscheinung vielleicht noch 6 Monate sich verzögern wird. Ich kann ihn nicht fertig machen bis gewisse officielle Enquêtes, während des vergangnen Jahres (u. 1866) in Frankreich, United States u. England angestellt, beendigt oder publicirt sind.“ Marx an Nikolaj Francevič Daniel’son, 7. Oktober 1868. In: MEGAdigital. Schließen [17] Die Berichte des „Bank Enquête Committee“ und der „National Revenue Commission“ rezipiert Marx vermittels der im „Economist“ abgedruckten Übersetzungen, Auszüge und Besprechungen (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „London. 1868“).

18Als Marx von dem ‚vielen neuen Material‘ schrieb, das seit Ende 1865 auf dem Gebiet der Kredittheorie erschienen war, dachte er wahrscheinlich auch an die zeitgenössische Literatur zur Krise von 1866, die noch umfangreicher und vielseitiger ausfiel als die Literatur zu früheren Wirtschaftskrisen. „No other crisis of the nineteenth century inspired as broad a range of commentary.“ (History of Financial Disasters. Vol. 2. Ed. by Benedikt Koehler. London 2006. S. 67.) Es wurden Verlaufsanalysen, satirische Pamphlete, Analysen des Krisenmanagements, juristische Abhandlungen und polemische Streitschriften verfasst. Schließen [18] Zwar bestand für Marx schon früher ein enger Zusammenhang zwischen den Wirtschaftskrisen und dem Geldmarkt und Kreditwesen Die Gesamtkrise „eclatirt“ im Geldmarkt, schrieb Marx bereits 1851 in seiner längeren Notiz „Reflection“ (MEGA² IV/8. S. 231). Wahrscheinlich 1855/1856 entstand eine Exzerptsammlung, die Marx mit „Citate. Geldwesen. Creditwesen. Crisen“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 79) betitelte (erscheint in MEGA² IV/13). Im „Ökonomischen Manuskript 1861–1863“ heißt es, dass „die reale Crisis […] nur aus der realen Bewegung der capitalistischen Production, Concurrenz und Credit, dargestellt werden [kann]“ (MEGA² II/3. S. 1133). Schließen [19] und daneben stellte er im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ fest, dass sich „die erwähnenswerthe ökonomische Literatur seit 1830 […] hauptsächlich in Literatur über currency, Creditwesen, Crisen auf[löst]“, Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 545. Schließen [20] aber dieser Zusammenhang gewann deshalb an Aktualität und Brisanz, da Marx die Krise von 1866 im ersten Band des „Kapital“ als eine Krise bestimmte, die einen „vorwiegend finanziellen Charakter“ annahm.

Die Krise von 1866

19Die Wirtschaftskrise von 1866 war zumindest in Großbritannien das bestimmende und die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen am meisten in Anspruch nehmende Ereignis der Jahre 1866 bis 1868. Marx war davon überzeugt, dass die periodische Wiederkehr von Wirtschaftskrisen ein für die moderne Gesellschaft ebenso spezifisches wie unvermeidliches Phänomen ist, und dies aus der widersprüchlichen Entwicklungslogik der kapitalistischen Produktionsweise heraus zu erklären, betrachtete er als ein grundsätzliches Anliegen seiner ökonomischen Theorie. Die Krisen definierte er als den Eklat aller Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise: Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie 〈Manuskript 1861–1863〉. In: MEGA² II/3. S. 1154. Schließen [21] Es sind „die großen Weltmarktsungewitter, worin der Widerstreit aller Elemente des bürgerlichen Produktionsprocesses sich entladet“. Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft. In: MEGA² II/2. S. 240. Schließen [22]

20In allen seit 1825 in den Jahren 1836/1837, 1839, 1847 und 1857 wiedergekehrten Krisen stand England in irgendeiner Weise im Zentrum, und die von 1866 war die zweite allgemeine Krise, die Marx aus nächster Nähe miterlebte, seit er sich 1849 ins Londoner Exil begeben musste. Gleich zu Beginn der „Londoner Hefte 1850–1853“ exzerpierte er eine Reihe von Schriften über die damals gerade erst überwundene Krise von 1847 (siehe MEGA² IV/7), die in die Revolution von 1848/1849 gemündet war. Marx ging damals von einem engen Zusammenhang zwischen Krise und Revolution aus, wie er zum Beispiel zum Abschluss seiner eigenen Rekonstruktion der Krise von 1847 in der „Neuen Rheinischen Zeitung. Politisch-ökonomische Revue“ zu erkennen gab: „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Revue. Mai bis Oktober 1850. In: MEGA² I/10. S. 467.) Schließen [23] Die Weltwirtschaftskrise von 1857/1858, die mit einem Bankencrash in den Vereinigten Staaten begann, dokumentierte Marx in ihrem unmittelbaren Verlauf in den drei „Krisenheften“ (siehe MEGA² IV/14). Obwohl die neue Krise, anders als in den „Krisenheften“ von 1857/1858, keineswegs das einzige Thema der vorliegenden Exzerpthefte ist, lassen sich die letzteren auch als Fortsetzung der Marx’schen Krisenuntersuchungen betrachten.

21Bereits im ersten Band des „Kapital“ skizzierte Marx in einer längeren Passage, die er – auch nach den intensiven Studien in den vorliegenden Exzerptheften – für die zweite deutsche Ausgabe (1872) und die französische Ausgabe des „Kapital“ (1872–1875) nicht modifiziert hat, Entstehung, Charakter und Verlauf der Krise von 1866.

22

„Man erinnert sich: das Jahr 1857 brachte eine der großen Krisen, womit der industrielle Cyklus jedesmal abschließt. Der nächste Termin wurde 1866 fällig. Bereits diskontirt in den eigentlichen Fabrikdistrikten durch die Baumwollnoth, welche viel Kapital aus der gewohnten Anlagesphäre zu den großen Centralsitzen des Geldmarkts jagte, nahm die Krise dießmal einen vorwiegend finanziellen Charakter an. Ihr Ausbruch im Mai 1866 wurde signalisirt durch den Fall einer Londoner Riesenbank, dem der Zusammensturz zahlloser finanzieller Schwindelgesellschaften auf dem Fuß nachfolgte. Einer der großen Londoner Geschäftszweige, welche die Katastrophe traf, war der eiserne Schiffsbau. Die Magnaten dieses Fachs hatten während der Schwindelzeit nicht nur maßlos überproducirt, sondern zudem enorme Lieferungskontrakte übernommen, auf die Spekulation hin, daß die Kreditquelle gleich reichlich fort fließen werde. Jetzt trat eine furchtbare Reaktion ein, die auch in andren Londoner Industrien bis zur Stunde, Ende März 1867, fortdauert.“ Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 540. Schließen [24]

23Als zentrales Ereignis für die Entstehung der Krise führt Marx die Baumwollhungersnot (1861–1865), die „Cotton Famine“ an. Damit ist die Unterbrechung der englischen Baumwollindustrie durch den Amerikanischen Bürgerkrieg gemeint, als die englische ‚Werkbank der Welt‘ plötzlich von ihrem Hauptlieferanten für Rohbaumwolle – den Südstaaten der Vereinigten Staaten, wo die Baumwolle auf Sklavenplantagen produziert wurde – abgetrennt wurde, nachdem die Union als Kriegsmaßnahme die Häfen der Südstaaten blockiert hatte. Die Handelsblockade auf der anderen Seite des Atlantiks führte zu einer schockartigen Störung der englischen Industrie. Marx bezeichnete die Baumwollhungersnot im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ als das „größte Beispiel der Unterbrechung des Reproductionsprocesses durch want and consequent high price, of the raw material“ (MEGA² II/4.2. S. 198). Schließen [25] Alle Krisen seit 1825 waren Marx zufolge der Form nach Überproduktionskrisen, die aus der schnellen Ausdehnung der industriellen Produktion und der sich auf sie beziehenden Kreditexpansion entstanden. Aber die Krise von 1866 wurde bereits „in den eigentlichen Fabrikdistrikten durch die Baumwollnoth“ „diskontirt“, das heißt, mit der Lähmung des industriellen Kapitals wurde auch die Überproduktionstendenz in der damaligen Schlüsselindustrie des Weltkapitals unterbrochen und die Krise damit vorweggenommen. Denn infolge der „Cotton Famine“ war das gewohnheitsmäßig in den „eigentlichen Fabrikdistrikten“ der Baumwollindustrie angelegte Kapital von dort abgezogen und „zu den großen Centralsitzen des Geldmarkts“ gejagt worden. Siehe Susumu Takenaga: Marx’s Exzerpthefte of the later 1860s and the Economic Crisis of 1866. In: Marx-Engels-Jahrbuch 2015/16. Berlin 2016. S. 71–102. Schließen [26] Im Zuge dieses Shutdowns wurde also nicht nur der Fabrikkomplex in Lancashire weitgehend stillgelegt „Was den Umfang der Lähmung betrifft, so standen nach den authentischen Schätzungen im Oktober 1862 60,3% der Spindeln und 58% der Webstühle still.“ (MEGA² II/5. S. 372.) Schließen [27] und das englische Textilproletariat von einer Rekord-Arbeitslosigkeit betroffen, Zur „Cotton Famine“ siehe zum Beispiel Douglas Anthony Farnie: The English Cotton Industry and the World Market, 1815–1896. Oxford 1978; W. O. Henderson: The Lancashire Cotton Famine, 1861–1865. Manchester 1934. Marx und Engels lasen das Buch von John Watts: The Facts of the Cotton Famine. London, Manchester 1866. Als sie Ende 1868 über das Ausmaß der Baumwollvorräte während der „Cotton Famine“ diskutierten, schrieb Engels: „Vieles findest Du übrigens in Watts.“ (Engels an Marx, 11. Dezember 1868. In: MEGAdigital.) Schließen [28] sondern es ereignete sich in England auch ein Finanz- und Aktienboom. Daher nahm die Krise von 1866 laut Marx „einen vorwiegend finanziellen Charakter an“ – es war die erste große Finanzkrise im industriellen Zeitalter. In den vorliegenden Heften wiederholt Marx diese Einschätzung: „Der cotton famine verminderte das Geschäft. Aber zugleich setzte er Kapital frei, welches zu den Finanz etc schwindeleien im Innern führte.“ („London 1868“, S. 91.)

24Die Krise begann am 10. Mai 1866 mit dem „Fall einer Londoner Riesenbank“: der Diskontbank Overend, Gurney and Company, eines der wichtigsten Bankhäuser in der Londoner City, wo sich schon damals das englische Geldkapital konzentrierte. Dieser Pleite schloss sich unmittelbar „der Zusammensturz zahlloser finanzieller Schwindelgesellschaften“ an und es kam zur Panik am folgenden Tag, dem „Black Friday“ (dieser Ausdruck findet sich auch in den Exzerpten, siehe „London. 1868“, S. 219).

25In der Krise verschränkten sich drei finanzielle Entwicklungen der 1860er Jahre. Zur finanziellen Entwicklung in Großbritannien während der 1860er Jahre und zur Krise von 1866, siehe John Harold Clapham: The Bank of England. A History. Vol. 2. Cambridge 1944; Philip L. Cottrell: Railway Finance and the Crisis of 1866: Contractors’ Bills of Exchange, and the Finance Companies. In: The Journal of Transport History. N. S. 1975. Nr. III. S. 20–40; id.: Credits, Morals and Sunspots: the Financial Boom of the 1860s and Trade Cycle Theory. In: Money and Power. Essays in Honour of L. S. Pressnell. Ed. by P. L. Cottrell and D. E. Mogridge. Basingstoke, London. S. 41–71; David Foucaud: The Impact of the Companies Act of 1862. Extending Limited Liability to the Banking and Financial Sector in the English Crisis of 1866. In: Revue économique. Vol. 62. 2011. Nr. 5. S. 867–897; Joshua Gooch (o.D.): On „Black Friday,“ 11 May 1866. In: BRANCH: Britain, Representation and Nineteenth-Century History. Ed. Dino Franco Felluga. Extension of Romanticism and Victorianism on the Net (Zugriff: Mai 2021); Marc Flandreau, Stefano Ugolini: Where It All Began: Lending of Last Resort at the Bank of England Monitoring During the Overend-Gurney Panic of 1866. In: The Origins, History, and Future of the Federal Reserve. Ed. by Michael D. Bordo and William Roberds. Cambridge 2013. S. 113–161. Schließen [29] Erstens kam es infolge des Amerikanischen Bürgerkriegs zu einer „Repatriierung“ Dazu Philip L. Cottrell: Railway Finance and the Crisis of 1866: Contractors’ Bills of Exchange, and the Finance Companies. In: The Journal of Transport History. N. S. 1975. Nr. III. S. 20–40. Schließen [30] des britischen Geldkapitals, das sich nun weniger in überseeischen Unternehmungen, sondern verstärkt in heimischen Aktiengesellschaften, vor allem im Eisenbahnsektor engagierte. Zwischen 1860 und 1865 stagnierten die englischen Exporte und zugleich verdoppelten sich die inländischen Investitionen, vor allem in Eisenbahnunternehmungen. Wie bemerkt, informierte sich Marx bereits im April/Mai 1868 im „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ (MEGA² IV/18) bei Patterson und Laing näher über die grundlegenden Formen der „Railway Finance“ und die verschiedenen Aktien und Schuldverschreibungen, von denen die Eisenbahngesellschaften Gebrauch machten. Schließen [31] Die in den Banken hinterlegten Depositen und die umlaufenden Wechsel erreichten 1865 ihren Höhepunkt. Philip L. Cottrell: Credits, Morals and Sunspots: the Financial Boom of the 1860s and Trade Cycle Theory. In: Money and Power. Essays in Honour of L. S. Pressnell. Ed. by P. L. Cottrell and D. E. Mogridge. Basingstoke, London 1988. S. 41–71, hier: S. 43–45. Schließen [32] Zweitens blühten in Großbritannien neuartige Finanzgesellschaften („finance companies“) auf. Die Finanzgesellschaften vermittelten Finanztransaktionen und schlugen eine Kommission auf, welche die Hauptquelle ihres Gewinns ausmachte. Die Vermittlungsleistung wurde „financing“ genannt und das Hauptmerkmal der Finanzgesellschaften bestand darin, gegen alle möglichen Sicherheiten zu leihen. Dieser Boom wurde drittens befördert durch eine ‚Deregulierung‘ der Geldmärkte. Die restriktiven Bestimmungen des Peel’schen „Joint Stock Banking Act“ von 1844 wurden durch den „Limited Liability Act“ von 1855 (18 and 19 Vict., Cap. 133), den „Joint Stock Companies Act“ von 1856 (19 and 20 Vict., Cap. 47) und den Akten von 1857 (20 and 21 Vict., Cap. 49) und 1858 (21 and 22 Vict., Cap. 91) zunehmend zurückgenommen. Zwischen 1844 und 1857 waren nur zwölf Neugründungen von Aktienbanken zu verzeichnen. Philip L. Cottrell: Investment Banking in England, 1856–1881. A Case Study of the International Financial Society. Vol. 1. New York 1985. S. 52/53. Schließen [33] Aber die neuen Gesetze erleichterten die Gründung von Aktiengesellschaften mit beschränkter Haftung („limited liability“) und der „Companies Act“ von 1862 (25 and 26 Vict., Cap. 89) stellte Banken anderen Handelsgesellschaften gleich, Siehe B. L. Anderson, P. L. Cottrell: Money and Banking in England. The Development of the Banking System, 1694–1914. Newton Abbot 1974. S. 304; David Foucaud: The Impact of the Companies Act of 1862. Extending Limited Liability to the Banking and Financial Sector in the English Crisis of 1866. In: Revue économique. Vol. 62. 2011. Nr. 5. S. 867–897. Schließen [34] und Marx notiert an einer Stelle die Berechnungen des Statistikers Leone Levi, dass allein in den Jahren 1864/1865 insgesamt 832 Aktiengesellschaften, darunter viele Banken und Finanzgesellschaften, neugegründet wurden („London. 1868“, S. 213). Die Reform des Haftungswesens verbesserte das Investitionsklima, da Besitzer und Anteilseigner („shareholder“) bei einem Bankrott nunmehr nur für die investierte Summe, nicht mehr mit ihrem Privatvermögen zu haften hatten. Auch Overend, Gurney and Company wurde Mitte des Jahres 1865 in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt.

26Marx war dieses Booms von Aktienmarkt und Finanzgesellschaften in den 1860er Jahren nicht nur gewahr, sondern nahm sogar selbst daran teil. Zumindest ließ er seinen Onkel Lion Philips am 25. Juni 1864 wissen, er habe „speculirt theils in americanischen funds, namentlich aber in den engl. Actienpapieren, die wie Pilze in diesem Jahr hier aus der Erde wachsen (für alle möglichen und unmöglichen Actienunternehmungen), zu einer gewissen unvernünftigen Höhe getrieben werden und dann meist zerplatzen. Ich habe in dieser Art über 400£ St. gewonnen, und werde jetzt, wo die Verwicklung der politischen Verhältnisse neuen Spielraum bietet, von neuem anfangen. Diese Art von Operationen nimmt nur wenig Zeit fort, und man kann schon etwas riskiren um seinen Feinden das Geld abzunehmen.“ Marx an Lion Philips, 25. Juni 1864. In: MEGA² III/12. S. 575. – Kurz darauf wiederholte er, dass im Laufe des Jahres 1864 „Myriaden von swindling jointstock companies […] wie Pilze aus der Erde gewachsen sind“ und kündigte einen „grosse[n] crash“ an, zu dem es im Oktober 1864 in Gestalt einer Geldklemme mehr oder weniger wirklich kommen sollte. Siehe Marx an Lion Philips, 17. August 1864 (MEGA² III/12. S. 612). Schließen [35]

27So machte Marx Engels am 13. Februar 1866 – angesichts erster Bankrotte wie jenem des Eisenbahnbauunternehmers Watson, Overend and Company im Januar 1866 – zwar darauf aufmerksam, dass „der ökonomische Status […] auf Crise drohend u. drohender hinweist“. Marx an Engels, 13. Februar 1866. In: MEGAdigital. Schließen [36] Aber sechs Tage nach dem „Black Friday“ zeigte er sich von den Ereignissen zunächst wenig beeindruckt: „Die jetzige Krise scheint mir blos verfrühte, financielle Sonderkrise. Wichtig könnte sie nur werden, wenn die Geschäfte in den U. States faul, wozu wohl kaum noch die Zeit hinreichte.“ Marx an Engels, 17. Mai 1866. In: MEGAdigital. – Marx meint hier, dass die Zeit nach dem Ende der „Cotton Famine“ und der Wiederherstellung der Rohstoffzufuhr aus den Vereinigten Staaten nicht ausreichte, um eine neue Überproduktion der englischen Baumwollindustrie herbeizuführen. Schließen [37] Engels stimmte zu: „Der panic ist jedenfalls viel zu früh gekommen & kann uns möglicher Weise eine gute solide Krisis, die sonst 67 oder 68 gekommen wäre, verderben. […] Dies Zusammenbrechen der limited liability & financing Schwindeleien war ja schon lange vorhergesehn“. Engels an Marx, 25. Mai 1866. In: MEGAdigital. Schließen [38] Im ersten Band des „Kapital“ heißt es allerdings, dass auf die Krise „eine furchtbare Reaktion“ folgte, „die auch in andren Londoner Industrien bis zur Stunde, Ende März 1867, fortdauert“. Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 540. Schließen [39] Die Krise von 1866 wurde also doch intensiver und länger als Marx zunächst vermutet hatte. Die Krise dürfte er also nicht nur als eine Fundgrube für sein Vorhaben betrachtet haben, die Praxis der Kreditspekulation in der Londoner City, die Verkleidungen der Agiotage und die Tricks an der Börse näher zu untersuchen. Darüber hinaus galt es auch zu erklären, wie aus Ereignissen, die zunächst wie eine „blos verfrühte, financielle Sonderkrise“ aussahen, eine tiefe ökonomische Depression werden konnte, die noch bis Ende 1869 andauern sollte. Die Ursachen der Krise fanden auch im Bekanntenkreis von Marx Aufmerksamkeit; beispielsweise schrieb ihm Wilhelm Eichhoff am 25. März 1868, er habe „3 Vorträge über ‚Die Ursachen der Handelsstockungen der Gegenwart‘ zugesagt“ (MEGAdigital). Leider ist keine Antwort von Marx überliefert, die vielleicht Auskunft über dessen Einschätzung von Eichhoffs Vorhaben gegeben haben könnte. Schließen [40]

Die Orakel des Geldmarkts

28So viel Literatur Marx ab 1868 bei der Wiederaufnahme seiner Studien zum Kredit auch konsultierte, Exzerpte sind kaum aus theoretischen Schriften, sondern vor allem aus zwei Zeitschriften überliefert, die in erster Linie einer tagesaktuellen Berichterstattung verpflichtet waren. Marx befasste sich wahrscheinlich auch deshalb so intensiv mit der „Money Market Review“ und dem „Economist“, weil er die Wirtschafts- und Finanzgeschichte In einem Brief spricht Marx von den ‚Annalen der Handelsgeschichte‘ („the annals of English commercial history“) (Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital) und Engels erfasst in seinem Inhaltsverzeichnis zu „1869 I Heft“ die Marx’schen Exzerpte aus dem Jahrgang 1868 der beiden Periodika ebenfalls mit „Handelsgeschichte“ („1869 I Heft“, Umschlag), einem Begriff, den Marx auch in der zweiten Auflage des ersten Bandes des „Kapital“ verwendete (MEGA² II/6. S. 669.10). Schließen [41] der Jahre, in denen er intensiv mit der Fertigstellung des ersten Bandes des „Kapital“ beschäftigt war, bis zum gegenwärtigen Moment studieren und dabei „die Praxis“ in der Londoner City und die konkrete Gestaltung des englischen und des internationalen Geldmarkts besser verstehen wollte. Außerdem nahm er wahr, dass viel neues Material, etwa zur Krise von 1866, geliefert worden war und möglicherweise dachte er, sich durch die Presse einen Überblick über diese Literatur verschaffen zu können. Jedenfalls enthalten die vorliegenden Hefte Exzerpte aus lediglich acht Büchern, aber Marx nahm Kenntnis von dutzenden weiteren Titeln und rezipierte mitunter ihre Hauptinhalte durch die oftmals detaillierten Besprechungen in den Organen des Geldmarkts. Die Krise behandelnde Titel, die Marx durch Hinweise, Besprechungen und Teilauszüge in der Presse erfasst, sind etwa [Malcolm Ronald Laing Meason:] The Profits of Panics; Showing how Financial Storms Arise, who Make Money by them, who Are the Losers, and other Revelations of a City Man. London 1866; John Benjamin Smith: An Inquiry into the Causes of Money Panics and of the Frequent Fluctuations in the Rate of Discount. London 1866; The Financial Lessons of 1866. A Letter, Addressed, by Permission, to W. E. Gladstone. By a City Manager. London 1867; William Fowler: The Crisis of 1866. London 1867; John Peter Gassiot: Monetary Panics and Their Remedy. London 1867; John Mills: On Credit Cycles, and the Origin of Commercial Crises. In: Transactions of the Manchester Statistical Society. Session 1867–68. Manchester 1868. S. 9–40. – In einem seiner Inhaltsregister legt Marx sogar einen Unterpunkt „B.) Theory of Panic“ („London. 1868“, S. 285) an. Schließen [42]

29Marx erhielt die Jahrgänge der beiden Periodika als Leihgaben in zwei Lieferungen von Sigismund Ludwig Borkheim. Zur ersten Lieferung mit den Jahrgängen 1866/1867 vom 13. Oktober 1868 schrieb Borkheim: „Überbringer dieses wird Ihnen Money Market Review und Economist – beide für 1866 & 1867 übergeben; auch Slades Buch. Dieses bitte ich mir recht bald wiederzugeben.“ Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 13. Oktober 1868. In: MEGAdigital. Schließen [43] Die Jahrgänge 1868 der beiden Zeitschriften übersandte er am 30. Dezember 1868: „Ich sende Ihnen durch Ueberbringer dieses Econ., MM Review 1868, Haxthausen und N. Rheinische Febr. 1849 mit Bitte mir Econ, u. M.M. Review u. was sonst zurückzuschicken.“ Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 30. Dezember 1868. In: MEGAdigital. – Borkheim hatte die Lieferung der Leihgaben bereits zwei Tage zuvor angekündigt: „Haben Sie nicht von mir: 1, Slade 2, Aycard 3, Evans? Morgen oder übermorgen schicke ich Ihnen Economist. M.M. Review für 1868 – Haxthausen u. N. Rheinische.“ (Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 28. Dezember 1868. In: MEGAdigital.) Schließen [44] Zur Anfertigung der Exzerpte musste Marx also nicht die Bibliothek des Britischen Museums aufsuchen, sondern konnte dies von zu Hause aus erledigen. Dass Borkheim die Leihgabe zurückhaben wollte und Marx nur für kurze Zeit über sie verfügt hat, trägt auch zu einer Erklärung dafür bei, dass Marx die Jahrgänge so gründlich und zügig durchgegangen ist. Etwaige Briefe von Marx an Borkheim, aus denen hervorgehen könnte, zu welchem Zweck er die Zeitschriften durchsehen wollte, sind nicht überliefert.

30Aus diesem Grund kann auch nicht entschieden werden, ob es Zufall war, dass Marx gerade die „Money Market Review“ heranzog. Die vorliegenden Auszüge stellen jedenfalls die erste überlieferte Rezeption dieser Zeitschrift durch Marx dar. Die „Money Market Review“ wurde wie der „Economist“ einmal wöchentlich am Samstag herausgegeben, beide Zeitschriften also unter identischem Datum. Erstmals erschien die „Money Market Review“ am 9. Juni 1860 Die Zeitschrift wurde von einem „Mr. Dunham“ gegründet, der zuvor langjähriger Redakteur der „Daily News“ und dort für die Finanzrubrik des „City Article“ verantwortlich war. Siehe James Grant: The History of the Newspaper Press. Vol. 3. The Metropolitan Weekly and Provincial Press. London, New York [1872]. S. 120. Schließen [45] und unter diesem Titel bis August 1914, als sich ihr Titel zu „Money Market Review and Investors’ Chronicle“ veränderte. 1976 wurde die Zeitschrift in „Investors Chronicle“ umbenannt, und unter diesem Namen erscheint sie noch heute. Das Selbstverständnis der „Money Market Review“ als Fachblatt für Handels- und Finanzangelegenheiten lässt sich einer Anzeige entnehmen, die in der Tageszeitung „The Daily News“ rund zwei Wochen vor der ersten Ausgabe der „Money Market Review“ geschaltet war und in der sie wie folgt beworben wird: „exclusively devoted to the discussion of commercial and financial topics. […] This journal has access to the highest sources of information, and will comprise only original and condensed matter. The ‘Money Market Review’ appeals specially to all interested in trade and finance, in Stock Exchange movements, and in public securities of every kind. Starting with a large subscription circulation of the highest class, it forms a most valuable medium for commercial, financial, and general trade advertisements.“ The Daily News, 24. Mai 1860. S. 4. Etwas kondensierter heißt es in einer zwei Tage später abgedruckten Anzeige: „exclusively devoted to Commerce and Finance. […] Thoroughly well-informed and perfectly original.“ (The Daily News, 26. Mai 1860. S. 4.) Schließen [46]

31Mit der ‚Deregulierung des Finanzmarkts‘ durch die Gesetze von 1856, 1857, 1858, 1859 und 1862 und dem Börsenboom der 1860er Jahre war auch eine bestimmte Leserschaft gewachsen: die Anleger, kleinere und größere Investoren, die sich für die Möglichkeiten einer gewinnsichernden Unterbringung ihres Geldkapitals interessieren. Ab 1860 nahm die Zahl solcher Finanzmarktpublikationen in England sprunghaft zu. Andere Blätter, die zu dieser Zeit gegründet wurden, sind etwa der „Financial Reformer“ (erscheinend ab 1858), das „Liverpool Journal of Commerce, Daily Shipping, and Mercantile Advertiser“ (1861), das „Insurance Record“ und der „Investors’ Guardian“ (beide 1863) und „The Bullionist“ (1866). Siehe David J. Moss, Chris Hosgood: The Financial and Trade Press. In: Victorian Periodicals and Victorian Society. Ed. by J. Don Vann and Rosemary T. VanArsdel. Toronto 1994. S. 199–218. Schließen [47] Allerdings sprach die „Money Market Review“, erkennbar schon an ihrem Untertitel „A Weekly Record of Trade and Finance; also of Railway, Banking, Insurance, Mining, Steam, & Other Public Companies“, nicht in erster Linie konkrete Anlagetipps aus, sondern richtete den Blick auf jene wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Entwicklungen, die dem Investitionsklima günstig oder abträglich sind: die Ereignisse auf dem Geldmarkt und in der internationalen Diplomatie, die Einführung neuer Anleihen, die aktuelle Ernte, politische Auseinandersetzungen – und natürlich sind für Investoren die Gerüchte, Aussichten, Einschätzungen und Erwartungen zu all diesen Umständen genauso wichtig wie die tatsächlichen Vorgänge selbst. So konnte es bereits Marx den Börsenhandbüchern seiner Zeit entnehmen. Siehe [Samuel Orchart Beeton:] Beeton’s Guide Book to the Stock Exchange and Money Market. With Hints to Investors, and the Chances of Speculators. London [1870]. S. 69/70. Das Buch befand sich in Marx’ Bibliothek (MEGA² IV/32. Nr. 114). Schließen [48] Die „Money Market Review“ versprach unabhängige Analysen und Kommentare zu den verschiedenen kommerziellen und finanziellen Themen der Woche: Wiedergaben der Wochenberichte der Bank of England mit Kommentaren zu den aktuellen Ereignissen auf dem Geldmarkt und an der Börse; spezielle Analysen der Bilanzen („accounts“) und der wirtschaftlichen Lage der großen englischen Eisenbahn-, Bank- und Aktiengesellschaften; eine Beschreibung des Handels, der Industrie und des Bergbaugeschäfts; Handel, Währungen, Rohstoffe und Unternehmen. Weil die „Money Market Review“ deutlich auf dem Standpunkt der Anleger, Aktionäre und Anteilshalter stand, kann ihre Berichterstattung als einigermaßen kritisch verstanden werden: Angriffe auf die Direktion von Aktiengesellschaften, die Prüfung von Unternehmensbilanzen, Berichte von Aktionärsversammlungen, Leserbriefe von Geldmarkt-Insidern, heftige Polemiken gegen die Darstellungen in der „Times“ und im „Economist“ und nicht zuletzt eine scharfe Kritik der britischen Wirtschaftspolitik, insbesondere des „Bank Act“ von 1844, sind charakteristisch für diese Zeitschrift, die eine größtmögliche Transparenz und Risikoabwägung für Aktionäre und alle, die es werden wollten, herzustellen beabsichtigte. In der „Money Market Review“ herrschte eine große Aufmerksamkeit für unsaubere Abrechnungen, gefälschte Bilanzen, Wirtschaftsbetrug, institutionelle Schwächen sowie inkompetente und korrupte Politik. Die Zeitschrift empörte sich gern und verwendete dementsprechend verhältnismäßig viele Ausrufezeichen in ihren Artikeln. Bisweilen werden auch Konspirationen vermutet. „In London, the Money Market Review: A Weekly Record of Trade and Finance was determined to be the best in the field. Seeking to prove that assertion, it ferociously attacked all competitors, including the ‘politically motivated’ Economist. The editor believed that conspiracies abounded and hinted at hidden deals between publishers and promoters to enhance certain companies. The Review’s accusations were not without merit, because some papers did act more in the manner of race-track touts than impartial analysts.“ (David J. Moss, Chris Hosgood: The Financial and Trade Press. In: Victorian Periodicals and Victorian Society. Ed. by J. Don Vann and Rosemary T. VanArsdel. Toronto 1994. S. 199–218, hier: S. 215.) Schließen [49]

32Den „Economist“ hingegen las Marx regelmäßig seit seiner zwangsweisen Exilierung nach London im Jahr 1849. Gerade in den „Londoner Heften 1850–1853“ sind sehr viele Exzerpte aus dieser 1843 von James Wilson gegründeten Zeitschrift überliefert (siehe MEGA² IV/7 bis IV/11). Marx griff schon damals nicht nur auf die aktuellen Nummern, sondern auch auf ältere Jahrgänge, etwa von 1844 und 1847, zurück, um die Einschätzungen der Zeitschrift zu wichtigen Ereignissen der Vergangenheit nachzulesen: 1844 wurde der Peel’sche „Bank Act“ verabschiedet, zu dem der „Economist“ auf kritische Distanz ging, und 1847 wütete eine Wirtschaftskrise in Großbritannien. In den „Londoner Heften“ lernte Marx den „Economist“ als eine wertvolle Quelle wirtschaftlicher Statistiken, wirtschaftspolitischer Informationen und polit-ökonomischer Diskussionen zu schätzen. Auf Statistiken aus dem „Economist“ griff er in den folgenden Jahren während seiner bis 1861 anhaltenden Korrespondententätigkeit für die „New-York Tribune“ gelegentlich in seinen eigenen Artikeln zurück. Auch in seiner Dokumentation der Weltwirtschaftskrise von 1857/1858 in den „Krisenheften“ war der „Economist“ die mit Abstand am häufigsten verwendete Quelle. Siehe MEGA² IV/14. S. 561. Schließen [50] Trotz seiner Wertschätzung sparte er nie mit Kritik an dem Blatt: Siehe zum Beispiel die kritischen Diskussionen in den Auszügen aus dem „Economist“ in den „Londoner Heften“ (MEGA² IV/7. S. 449.25, 458 u. 484.28–29; MEGA² IV/8. S. 11/12 u. 71). Schließen [51] Er ließ es sich nicht nehmen, im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ zu dokumentieren, dass der „Economist“ damals Louis Napoléon unterstützte, indem er nur vier Tage vor dessen Staatsstreich durch seinen Frankreich-Korrespondenten verkünden ließ, dass Louis Napoléon an allen europäischen Börsen als ‚Schildwache der Ordnung‘ („the guardian of order“) anerkannt werde. Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEGA² I/11. S. 164 u. 166. Siehe: The Economist, 29. November 1851. S. 1317. Schließen [52]

33Im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ bezeichnete Marx den „Economist“ als das „europäische Organ“ der „Finanzaristokratie“ und kurz darauf in einem Artikel als „the most sober, the most rational, the most moderate organ of the industrial Bourgeoisie, The London Economist“. Karl Marx: Corruption at Elections. In: New-York Daily Tribune, 4. September 1852. In: MEGA² I/11. S. 334. Schließen [53] Die Zeitschrift bot für Marx also Einblicke in die Gedankenwelt, die Tätigkeiten und Projekte der Bourgeoisie: „Die Stellung der Finanzaristokratie schildert am schlagendsten ein Citat aus ihrem europäischen Organ, dem Londoner Oekonomist.“ Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEGA² I/11. S. 164. Schließen [54] In zwei Passagen des Manuskripts II zum zweiten Buch des „Kapital“, die wahrscheinlich ungefähr mit den vorliegenden Exzerpten entstanden sind, verbindet Marx solche Periodika allerdings nicht mehr mit den Absichten einer bestimmten Klasse, sondern spricht stattdessen, beide Male nicht ohne kritische Seitenhiebe, von den „Organen des Geldmarktes“ Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 17. Schließen [55] und „den Fachautoritäten, dem London ‚Economist‘, der ‚Money Market Review‘ u.s.w.“ Ebenda. S. 33.33–34. Schließen [56] Diese Organe personifizieren den Geldmarkt „Im Geldmarkt ist das Capital in seiner Totalität gesezt“, schrieb Marx in den „Grundrissen“ (MEGA² II/1. S. 199). Schließen [57] und verleihen dessen Verstand, Geist und Vorstellungswelt eine Stimme; in diesem Sinne drückt sich Marx, während er an den vorliegenden Exzerpten arbeitet, in einem Brief aus: „The ‘Money Market Review’ simply reflects the mind of the Money Market.“ Marx an Collet Dobson Collet, 19. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [58] In seinen Exzerpten nennt Marx beide Periodika auch „das Orakel“ („London. 1868“, S. 14) beziehungsweise „Orakel des Money Market“ („1868“, S. 35). Bei den Organen des Geldmarkts handelt es sich also gewissenmaßen um die Sprechstätte und das Medium, durch das die in den „Börsenquotationen verzeichneten fata“ Marx an Engels, 11. April 1868. In: MEGAdigital. Schließen [59] – also die durch die ‚höhere Instanz‘ des Geldmarkts vermittelten Göttersprüche, Schicksale und Verhängnisse – ihre rätselhafte Verkündung und Offenbarung erfahren.

34Wenn es auch unbekannt ist, ob Marx, als er seine Studien zur Kredittheorie im Jahr 1868 wiederaufgenommen hatte, bewusst ein zweites Organ des Geldmarkts – und absichtlich die „Money Market Review“ – heranziehen wollte, so zog er doch offensichtlich einen Nutzen aus der Beschäftigung mit dieser Zeitschrift. Dafür, dass Marx so ausgiebig aus einer zweiten Quelle überhaupt und dazu noch gerade aus dieser exzerpiert, lassen sich eine Reihe von Gründen ermitteln. In den „Londoner Heften“ lernte Marx insbesondere James Wilson zu schätzen, den Gründer des „Economist“ und dessen Chefredakteur bis 1857. „Der Herr Economist“ Karl Marx: Exzerpte aus „The Economist“. In: MEGA² IV/7. S. 449. Schließen [60] war nämlich ein erbitterter Gegner der Geldtheorie David Ricardos und der sich auf diese stützenden „Currency School“ um Samuel Jones Loyd (alias Lord Overstone), Robert Torrens, George Warde Norman und William Clay gewesen. Wilson gilt heute neben Thomas Tooke, John Fullarton und James William Gilbart als Vertreter der sogenannten „Banking School“, einer die „Currency School“ in vielerlei Hinsicht opponierenden geldpolitischen Denkströmung. Ricardo und die sich auf ihn beziehenden Vertreter des „Currency Principle“ waren Anhänger der Quantitätstheorie des Geldes, die unter anderem davon ausgeht, dass die Quantität des umlaufenden Geldes die Warenpreise bestimmt. Da aber in jeder Wirtschaftskrise die Preise schlagartig fallen und es also so scheinen mag, dass sie vorher einfach ‚zu hoch‘ gewesen wären, muss man in den Augen der „Currency School“ die Geldemission begrenzen, um auf diese Weise den inflationären, krisenauslösenden Anstieg der Preise zu unterbinden. „Das allgemeinste und sinnfälligste Phänomen der Handelskrisen ist plötzlicher, allgemeiner Fall der Waarenpreise, folgend auf ein längeres, allgemeines Steigen derselben. […] Ricardo’s Geldtheorie kam daher ungemein gelegen, da sie einer Tautologie den Schein eines Kausalverhältnisses giebt. Woher das periodische allgemeine Fallen der Waarenpreise? Vom periodischen Steigen des relativen Werths des Geldes. […] Es könnte eben so richtig gesagt werden, daß das periodische Steigen und Fallen der Preise von ihrem periodischen Steigen und Fallen herrührt.“ (Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft. In: MEGA² II/2. S. 241.) Schließen [61] Die geldpolitischen Annahmen der „Currency School“ fanden eine Umsetzung im „Bank Act“ von 1844, durch den die Banknotenausgabe der Bank of England gesetzlich an ihre Goldvorräte gekoppelt und damit die Wiederkehr der Wirtschaftskrisen verhindert werden sollte. James Wilson war zwar ein radikaler Befürworter des globalen Freihandels und der Abschaffung der agrarprotektionistischen „Corn Laws“, aber zugleich auch vehementer Kritiker dieses dritten großen Peel’schen Reformprojekts, des „Bank Act“ von 1844, den er, im Anschluss an Tooke und Fullarton, als eine falsche Regulierungsweise der Bank of England begriff, welche jede Wirtschaftskrise unnötig verschlimmern müsste, da dieses Gesetz das Angebot an dem in jeder Krise ohnehin panisch nachgefragten Geld noch künstlich verknappen würde. Marx schätzte in den „Londoner Heften 1850–1853“ die detaillierte Kritik der „Banking School“ am „Bank Act“, Siehe Fred E. Schrader: Restauration und Revolution. Die Vorarbeiten zum „Kapital“ von Karl Marx in seinen Studienheften 1850–1858. Hildesheim 1980. Schließen [62] wenngleich er im Entwurf des Kreditkapitels von 1865 auch bemerkte, dass es „von Tooke so gut zugegeben, wie von Loyd“ ist, dass in den Krisen „die größten Opfer an realem Reichthum nöthig sind, um die metallne Basis zu halten“ und sich der „Streit“ zwischen den beiden Schulen „nur um ein Plus oder Minus und die mehr oder minder rationelle Behandlung des Unvermeidlichen“ Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 625. Schließen [63] dreht.

35Wilson war jedoch 1860 im Alter von 55 Jahren in Indien – wo er im Auftrag von Königin Victoria das Steuer-, Währungs- und Finanzsystem reformieren sollte – an der Ruhr gestorben, und auch die anderen Vertreter der „Banking School“ waren 1868 längst nicht mehr am Leben. Fullarton, den Marx zu „den besten Oekonomen“ Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie 〈Manuskript 1861–1863〉. In: MEGA² II/3. S. 1121. Schließen [64] zählte, war schon 1849, Tooke – für Marx „der lezte englische Oekonom of any value“ Marx an Engels, 5. März 1858. In: MEGA² III/9. S. 94. Schließen [65] – im Jahr 1858 und Gilbart 1863 gestorben. Nicht nur konnte Marx beim Verständnis der wirtschaftlichen Entwicklung der 1860er Jahre und der Krise von 1866 also nicht mehr auf die von ihm geschätzten Konjunktur- und Geldmarktanalytiker der „Banking School“ zurückgreifen, sondern unterdessen war in seinen Augen auch die Qualität des „Economist“ fragwürdig geworden. Nach einem Intermezzo von Richard Holt Hutton (zwischen 1857 und 1861) übernahm ab 1861 Walter Bagehot, der Schwiegersohn Wilsons, den Posten des Chefredakteurs. Marx exzerpiert in den vorliegenden Heften daher häufig die Leitartikel Bagehots, die wie die allermeisten Artikel des „Economist“ anonym erschienen sind. Die Bagehot-Werkausgabe „Collected Works“ enthält unter anderem eine Auswahl von Bagehots „Economist“-Artikeln und weist für die folgenden Artikel, die auch Marx in den vorliegenden Heften exzerpiert, Bagehot als Verfasser aus: „Should the Bank of England Allow Interest on Deposits?“ (The Economist, 24. März 1866. S. 346/347), „The State of the City“ (The Economist, 12. Mai 1866. S. 553/554), „What a Panic is and How it Might be Mitigated“ (The Economist, 12. Mai 1877. S. 554/555), „The Panic“ (The Economist, 19. Mai 1866. S. 581–583), „The Practical Effect of the Act of 1844“ (The Economist, 26. Mai 1866. S. 614/615), „Overend, Gurney, and Co., Limited and Unlimited“ (The Economist, 16. Juni 1866. S. 697/698), „Is it Better that the Banking Reserve of a Country Should be Kept in a Single Bank or be Distributed between Several Banks?“ (The Economist, 25. August 1866. S. 995/996), „The Causes of the Existing Depression of Trade and the Probabilities of its Removal“ (The Economist, 18. Mai 1867. S. 554/555; 25. Mai 1867. S. 582/583), „The ‘National Bank’ System of the United States: its Progress and Effects“ (The Economist, 8. Juni 1867. S. 638–640; 15. Juni 1867. S. 667/668; 22. Juni 1867. S. 695–697; 6. Juli 1867. S. 750–752). Siehe Walter Bagehot: The Collected Works. Ed. by Norman St John-Stevas. Vol. 9–11. The Economic Essays (in three volumes) with an Introduction by R. S. Sayers. London 1978. – Als Chefredakteur war Bagehot Hauptverfasser der Beiträge des „Economist“ und steuerte pro Ausgabe circa zwei Artikel bei, weshalb noch viele weitere der von Marx exzerpierten Artikel aus seiner Feder stammen dürften. Schließen [66] Ohne dass sein Name ein einziges Mal genannt wird, ist Bagehot somit einer der am meisten exzerpierten Autoren der vorliegenden Hefte. Unter seiner Redaktion vollzog sich eine bedeutende Veränderung der Ausrichtung des „Economist“, da er, anders als Wilson, ein ambivalentes Verhältnis zum „Bank Act“ einnahm. An Wilson anknüpfend, hielt zwar auch Bagehot daran fest, dass der „Bank Act“ jede Krise verschlimmern müsse, wie Marx exzerpiert: „The provisions of Peel’s Act aggravate alarm. They cause panic where there would have been merely fear.“ („London. 1868“, S. 53.) Aber zugleich ging Bagehot davon aus, dass der „Bank Act“ dazu beitrage, eine nationale Geldreserve in der Bank of England zu konzentrieren und zu vermehren, indem seine Vorschriften die Bank of England dazu anhalten würden, ihren Goldschatz durch eine Restriktionspolitik (die Erhöhung ihrer Diskontrate) im Falle eines Goldabflusses („drain of bullion“) zu verteidigen; Marx fasst Bagehots Position wie folgt zusammen: „Weiß nichts Gutes von dem Act zu sagen, als daß durch rechtzeitige Erhöhung des Zinsfusses von 1861–66 we kept sufficient bullion.“ (Ebenda, S. 84.) Bagehot sprach sich daher nicht für eine Abschaffung, sondern für eine Modifikation des „Bank Act“ aus. Auf dem Höhepunkt der Panik von 1866 forderte er in der „Economist“-Ausgabe vom 12. Mai die Aufnahme einer Krisenklausel („expansive clause“, „crisis clause“) in den „Bank Act“, mit deren Hilfe die Regierung in kommerziellen Ausnahmezuständen befugt wäre, das Gesetz auf legale Weise suspendieren zu können, um der Bank of England eine expansive Geldpolitik zu gestatten. Siehe The Economist, 12. Mai 1866. S. 555. Schließen [67] In seinen Exzerpten aus diesem Artikel notiert Marx diesen Vorschlag zunächst nicht, aber später hält er die ausführliche Kritik fest, welche die „Money Market Review“ daran äußerte: „Economist, under J. Wilson, Die Bemerkung „under J. Wilson“ steht nicht in der „Money Market Review“, sondern ist ein Zusatz von Marx. Schließen [68] antagonist des Bank Act. Then, it ‚ratted‘, became its supporter. Latterly, again backsliding. […] demands expansive clause (so daß minister Chancellor of Exchequer by law ihn suspendieren können). Wants, therefore, partial abrogation of the Act.“ (Ebenda, S. 247.) Für Marx scheint diese Uneindeutigkeit unverzeihlich gewesen zu sein. Er entgegnet in seinen Exzerpten aus einem „Economist“-Artikel Bagehots, dass nach Bagehots eigener Darstellung in den Krisen von 1847 und 1857 die Reserve der Bank of England trotz des Gesetzes leer gewesen war: „The main use of the law is that it compels the Bank to act at an early stage during a foreign drain of bullion … Aber, der Esel sagt selbst: the Banking department was bare in 1857 and 1847, before they had aroused themselves to act as they ought, und damals existirte ja Act of 1844!“ (Ebenda, S. 62. Redaktionell unterstrichen hier die Zusätze von Marx.)

36Bagehots Abrücken von einer klaren Kritik des „Currency Principle“ ist nicht der einzige Grund, aus dem sich Marx in den vorliegenden Exzerpten mit dem „Economist“ unzufrieden zeigt. Während die „Money Market Review“ konsequent vom Standpunkt der Aktionäre und Investoren aus berichtete und auf diese Weise die Rationalität des Geldmarkts vielleicht noch reiner verkörperte, hielt es der etwas ‚politischere‘ „Economist“ eher mit der Verwaltung und der Direktion der Aktiengesellschaften. Etwa argumentierte der „Economist“ dafür, dass selbst die betrogenen Aktionäre von Overend, Gurney and Company für die Verbindlichkeiten der Bank aufkommen müssten (siehe „London. 1868“, S. 100 u. 109). In seinem Entwurf des Kreditkapitels von 1865 betrachtete Marx es als ein Charakteristikum der Aktiengesellschaften, dass sie ihrer Form nach das Eigentum an Produktionsmitteln von seiner Verwaltung trennen, wodurch die Funktionäre des Kapitals zu bloßen Managern und Verwaltern eines Unternehmens werden, das ihnen nicht gehört, wohingegen die Kapitaleigentümer die Kontrolle über den Produktionsprozess an die Verwalter, Direktoren und leitenden Angestellten („manager“) abtreten. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 502. – Die „Money Market Review“ bezeichnete die Konflikte zwischen den Aktionären und der Direktion von Eisenbahngesellschaften als einen ‚Krieg‘ („The War between Railway Shareholders and the Board Rooms“) (Heft „1868“, S. 37). Als ein Beispiel für diesen Kampf kann der Streit im Jahr 1867 um die „pre-preference shares“ gelten. Eine in finanzielle Notlage geratene Eisenbahngesellschaft wollte zur Linderung ihrer Sorgen mit den „pre-preference shares“ eine neue Aktienform ausgeben, deren Emission die bestehenden Prioritäten schon emittierter Vorzugsaktien („preference shares“) einfach überschrieben und damit diese Vorzugsaktien entwertet hätte (ebenda, S. 35/36). Wie Marx zu diesen Plänen in eigenen Worten anmerkt, wären auf diese Weise „die existirnden Proprietors expropriir[t]“ worden (ebenda, S. 54). Schließen [69] Der Trennung von Eigentum und Verwaltung eines Unternehmens entsprechen gewissermaßen die konträren Positionen der „Money Market Review“ und des „Economist“, die der Tendenz nach jeweils eine Seite dieses Gegensatzes besetzen, der in den 1860er Jahren eine Verbreitung neuen Ausmaßes gefunden hatte.

37Darüber hinaus nahm der „Economist“ in Marx’ Augen eine äußerst geringe Distanz zu dem Treiben auf dem englischen Geldmarkt in der Londoner City ein und verteidigte etwa die „Bären“ („bears“), die Spekulation auf fallende Aktienkurse durch Leerverkäufe, als legitimes Mittel zur Enttarnung unsolider Unternehmen. Dass der „Economist“ sich an den „Bank Act“ annäherte, die Leerverkäufe verteidigte und Partei gegen die Aktionäre von Overend, Gurney and Company ergriff, dürften für Marx Gründe gewesen sein, nicht allein dieser ‚unkritischen‘ Quelle zu vertrauen, sondern auch zur „Money Market Review“ zu greifen, die in all diesen Fragen die gegenteilige Auffassung vertrat. Als der „Economist“ an einer Stelle auch noch gegen Gewerkschaften polemisiert, platzt es aus Marx heraus: „what foolery!“, „Perfection as profitproducing machines for the capitalist!“ – und er beschimpft das Blatt als „einen Cityschweinhund, a City sycophant like the Economist“ („London 1868“, S. 128). Aus den Jahrgängen 1866/1867 beider Zeitschriften exzerpiert Marx noch mehr oder weniger im gleichen Umfang, aber aus den Jahrgängen 1868 fertigt er ungefähr doppelt so viele Exzerpte aus der „Money Market Review“ wie aus dem „Economist“ an. Bei den Exzerpten aus den Jahrgängen 1866/1867 aus den beiden Periodika greift Marx zuerst auf den „Economist“, dann auf die „Money Market Review“ zurück, aber für den Jahrgang 1868 kehrt er die Reihenfolge um und nimmt sich zuerst die „Money Market Review“ vor. Schließen [70]

38Die „Money Market Review“ scheint Marx insbesondere einmal kritisch im Blick zu haben, Ein anderes Mal amüsiert er sich, als in einem Artikel der „Money Market Review“ die Schulden zur Quelle des Reichtums erklärt und die europäischen Staaten zu ihrer wachsenden Verschuldung beglückwünscht werden: „Wenn das kein ‚Progress‘ ist, meint dieß Orakel des Money Market, wo the devil soll Progress herkommen?“ („1868“, S. 35.) In der französischen Ausgabe des „Kapital“ erklärte Marx solche Vorstellungen durch die Bedeutung der Staatsschulden für die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus: „Il n’y a donc pas à étonner de la doctrine moderne que plus un peuple s’endette, plus il s’enrichit.“ (MEGA² II/7. S. 671.) Schließen [71] nämlich als sie nahezu fanatisch Partei für den Council of Foreign Bondholders ergreift, ein Forum privater britischer Kreditgeber zur Koordinierung ihres Umgangs mit ausländischen Schuldnern, das im Jahr 1868 angesichts des Bedeutungszuwachses ausländischer Anleihen nach der Krise von 1866 gegründet wurde. Marx fasst die Position der Befürworter des Council of Foreign Bondholders, gegen säumige Regierungen vorzugehen, mit eigenen Worten zusammen: „Hauptwitz […] daß die Englische Regierung gegen Venezuela (die Regierung dort hatte den englischen Kapitalisten gewisse Zölle verpachtet) interveniren soll. […] Und die Money Market Review sagt: […] if a foreign state, as a state, contracts to pay a British subject, the latter has an undoubted right to the assistance of his Gvt., in enforcing the performance of that contract.“ („1869 I Heft“, S. 38.) Bei ihrer Verteidigung der Aktionäre und Investoren ging die bloß die Rationalität des Geldmarkts zur Sprache bringende „Money Market Review“ so weit, den britischen Staat zu einer Intervention auch mit militärischen Mitteln zu ermutigen, um dafür Sorge zu tragen, dass ausländische Schuldner den Verpflichtungen gegenüber ihren britischen Gläubigern nachkommen würden.

Die Bewegung des Geldmarkts

39In der Regel exzerpiert Marx die beiden Periodika jahrgangsweise in chronologischer Reihenfolge, Ausgabe nach Ausgabe. Er strukturiert seine Exzerpte, indem er zunächst die Überschrift des Jahrgangs, dann einer Ausgabe und dann die eines Artikels aus dieser Ausgabe notiert. Gelegentlich führt Marx auch Exzerpte aus mehreren Artikeln unter einer Überschrift zusammen, exzerpiert einen Artikel unter separaten Überschriften oder springt zwischen den Ausgaben hin und her. Zudem wandelt er die Titel der Artikel oft ab, ergänzt sie durch Zusätze in Klammern und ersetzt sie nicht selten durch eigene Überschriften. Sowohl die Modifikationen als auch die Zusätze geben häufig Aufschluss über sein genaueres Interesse an dem Exzerpierten (siehe dazu die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichten zu den einzelnen Heften). Schließen [72] Zuerst geht er so im Heft „London. 1868“ die Jahrgänge 1866/1867 des „Economist“ durch und erstellt im Anschluss ein Inhaltsregister zu seinen Auszügen. Dann verfährt er auf die gleiche Weise mit den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“, zu denen er noch im gleichen Heft ebenfalls ein Inhaltsregister anlegt. In Heft „1868“ setzt Marx diese Auszüge aus den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“ fort und in „1869 I Heft“ erstellt er Auszüge aus dem Jahrgang 1868, dieses Mal zuerst der „Money Market Review“, dann des „Economist“.

40Zusätzlich zu den Exzerpten aus den Artikeln legt Marx im zweiten und dritten Heft eine Materialsammlung zur Bewegung des Geldmarkts der Jahre 1866 bis 1868 an, die er im Heft „1868“ ab der ersten Woche nach der Krise von 1866 bis Jahresende 1867 unter den Überschriften „Money Market. 1866. Von 16 May an (Bank of England)“ und „Bank of England and Moneymarket. 1867“ beginnt und für das Jahr 1868 am Beginn des dritten Hefts „1869 I Heft“ weiterführt. Hier exzerpiert Marx nicht einfach aus einem Artikel, sondern kompiliert verschiedene Angaben, Beschreibungen und Analysen zum Geldmarkt anhand von Indikatoren wie den Bilanzen der Bank of England, der Entwicklung von Aktienkursen, Bankrotten und den internationalen Bewegungen des Goldes. Er ordnet das Material wochenweise an. Marx erfasst im Rahmen dieser Materialsammlung für den Zeitraum vom 16. Mai 1866 bis zum 23. Dezember 1868 zum einen in großen Tabellen die wöchentlichen Berichte („Returns“) der Bank of England, das Volumen der Transaktionen im Londoner Clearing House, Angaben aus den Wochenberichten der Banque de France sowie zum anderen detaillierte Kommentare über die wichtigen Entwicklungen der Woche. Diese Materialsammlung weist also einen im Vergleich zu den Exzerpten aus den Artikeln höheren Grad an eigenständiger Bearbeitung durch Marx auf, der sich zum Beispiel auch darin zeigt, dass Marx in seiner Materialsammlung, anders als bei den Exzerpten aus den Artikeln, in der Regel auf einen Quellennachweis verzichtet. Zwar waren fast alle Informationen in der „Money Market Review“ abgedruckt, aber Marx entnimmt nicht einfach fertige Tabellen der Zeitschrift, sondern erstellt sie selbst und füllt sie mit ausgewählten Angaben aus der Zeitschrift. Auch kompiliert er häufig Informationen und Materialien aus mehreren Rubriken der „Money Market Review“ wie beispielsweise „The Money Market“, „The Stock Markets“ und „City Article“, In „The Money Market“ wurde zumeist am Beginn der Ausgabe ein kurzer Überblick über wichtige Ereignisse der Woche auf dem Geldmarkt geboten; „The Stock Markets“ hieß eine Rubrik in der Mitte der Ausgabe über die Bewegungen an der Börse; der „City Article“ schließlich war eine in der Regel ungefähr vierseitige Rubrik mit ausführlichen Angaben und Einschätzungen über die wöchentlichen Vorgänge bei der Bank of England, der Banque de France, dem Clearing House, auf dem Geld- und Edelmetallmarkt („Money Market“, „Bullion Market“) und bei den Wechselkursen („Exchanges“), mit verschiedenen Wirtschaftsnachrichten über zum Beispiel Bankrotte („Mercantile Embarassments“), Eisenbahnen („Railways“), Banken („Banks“), Anleihen („Bonds“) wie ausländische Staatsanleihen, den Aktienmarkt („Stock and Share Market“), Wertpapieren („Securities“), die Versicherungs- und öffentlichen Gesellschaften („Assurance Companies“, „Public Companies“) sowie zu einzelnen Unternehmen und Gesellschaften. Schließen [73] die sich an verschiedenen Stellen der Ausgabe befinden. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass Marx systematisch eine ganz neue Statistik überträgt: den in Pfund Sterling bemessenen Umfang der täglichen Verrechnungen für jeden Tag zwischen dem 2. Mai 1867 und dem 23. Dezember 1868 des Londoner Clearing House. Das Clearing House war eine Interbankenverrechnungsstelle in der Londoner Lombard Street, in der die gegenseitigen Verbindlichkeiten von Banken gegeneinander aufgerechnet wurden; dadurch wurden die Zahlungen mit Wechseln und Banknoten erleichtert. Im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ bestimmte Marx das Clearing House als eine Technik des bargeldlosen Zahlungsverkehrs: „Das blose Oekonomisiren erscheint in der highest Form im clearing House, dem blossen Austausch von Wechseln, oder der vorwiegenden Function des Geldes als Zahlungsmittel.“ (MEGA² II/4.2. S. 534.) Schließen [74] Das Clearing House veröffentlichte diese Statistiken über den Umfang des täglichen Clearingverkehrs – auf Vorschlag von John Lubbock, einem Bankier und späteren Theoretiker der Entstehung der „Zivilisation“ – erstmals am 9. Mai 1867Siehe The Money Market Review, 11. Mai 1867. S. 563. Schließen [75] und ab dann wöchentlich (siehe „London. 1868“, S. 122 u. 131). Marx exzerpiert also die Angaben ab dem ersten Tag ihrer Veröffentlichung und dazu häufig die Erklärungen der „Money Market Review“ für Tage mit besonders hohen oder niedrigen Verrechnungsumfängen.

41In seiner systematischen Zusammenstellung der Materialien zur Bewegung des Geldmarkts nach der Krise von 1866 bis hin zum gegenwärtigen Moment führt Marx jeweils zuerst verschiedene ausgewählte Angaben in eigenen Tabellen zusammen; im Anschluss daran exzerpiert er die Einschätzungen der wöchentlichen Vorgänge unter Überschriften wie „Notices to Moneymarket“ und „Notes to Movement of Money Market“, wobei diese Überschriften nicht der Zeitschrift entnommen sind, sondern von Marx selbst stammen. Immer wieder geht Marx auf vermeintliche Anomalien und Besonderheiten der Geldmarkterscheinungen ein. Er schätzte Thomas Tooke dafür, in den Geldmarktfragen undogmatisch von den Phänomenen selbst ausgegangen zu sein: „Tooke leitet seine Principien nicht aus irgend einer Theorie her, sondern aus gewissenhafter Analyse der Geschichte der Waarenpreise von 1793 bis 1856.“ Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft. In: MEGA² II/2. S. 243. Schließen [76] Umgekehrt kritisierte er David Ricardo für sein „falsches Dogma“ – später von der „Currency School“ aufgegriffen –, dass eine ungünstige Handelsbilanz immer auf eine entwertete Währung infolge ihrer übermäßigen Quantität im Umlauf zurückzuführen sei. „Wie die falsche Auffassung der Gesetze, welche die Masse der Circulationsmittel regeln, sich in der falschen Auffassung der internationalen Bewegung der edlen Metalle nur widerspiegelt, habe ich ausführlich an Ricardo nachgewiesen.“ (Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 98.) Marx bezieht sich hier auf seine 1859 veröffentlichte Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (siehe MEGA² II/2). Schließen [77] Ricardo und seine Anhänger tendierten dazu, alle Phänomene einseitig auf die übermäßige Ausgabe von Papiergeld zurückzuführen. Auch in den vorliegenden Exzerpten kritisiert Marx über alle Hefte hinweg solche quantitätstheoretischen Vorstellungen. Neben der Kritik am „Bank Act“ und der „Krisenklausel“ betrifft dies insbesondere auch seine Exzerpte aus den Büchern von Goschen und Foster sowie ferner seine Kommentare zu den Krisenerwartungen des „Economist“ und dessen Analyse der „Greenback“-Währung in den Vereinigten Staaten, welche eine Inflation der Warenpreise verursacht habe („London. 1868“, S. 5, 38 u. 144). Schließen [78] Etwa findet er, dass in John Leslie Fosters „Essay on the Principle of Commercial Exchanges“ von 1804 „die Ricardosche Theorie völlig entwickelt ist, u. besser als bei Ricardo – über Geld, Wechselkurs etc“ Marx an Engels, 1. März 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4594). Schließen [79] und Foster als Anhänger des „Currency Principle“ anzusehen sei, bei dem sogar schon die Anwendung des „Currency Principle“ auf die Ausgabe von Banknoten, wie später durch Lord Overstone ersonnen, wortwörtlich nachgewiesen werden kann. Erwartungsgemäß kritisiert Marx Foster dafür, die Tatsachen nur mittels einer vorgefertigten Theorie – in diesem Fall der Quantitätstheorie des Geldes von David Hume – erfassen zu können und damit die wirklichen Zusammenhänge verzerren zu müssen: „Die Beispiele die Foster immer giebt […] zeigen nichts als wie vorgefaßte Theorie den Kopf umnebelt und die Thatsachen verdunkelt.“ („Heft II. 1869“, S. 50.) Foster Ausführungen demonstrieren, „[w]ie sich alle facts verdrehn, im Kopf der currency principle Besessnen“ (ebenda, S. 38).

42Wie Tooke widmet sich auch Marx in den vorliegenden Heften einer gewissenhaften Analyse der Erscheinungen des Geldmarkts. Zwar wird er eine gewisse Regelmäßigkeit in der Bewegung des Geldmarkts erkannt haben, aber dennoch waren, wie auch in dem industriellen Zyklus zwischen den Krisen von 1847 und 1857, einige Erscheinungen neuartig, andere zumindest in ihrer Dimension ungewöhnlich. Etwa bedeutete die „Cotton Famine“ eine Störung des gewöhnlichen Gangs der Kredit- und Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten und trug dazu bei, dass die Krise von 1866, anders als 1857, mangels wirtschaftlicher Verflechtung keine transatlantische Erfahrung wurde und nicht die Vereinigten Staaten erreichte. Aber auch die während des Amerikanischen Bürgerkriegs eingesetzte „Greenback“-Währung in den Vereinigten Staaten führte zu einigen ‚Anomalien‘, über die sich Marx vor allem im „Economist“ und bei Goschen informiert. Während des Bürgerkriegs emittierten die Nordstaaten seit der Verabschiedung des „Legal Tender Act“ von 1862 sogenannte „Greenbacks“, das heißt inkonvertibles, nicht durch Gold oder Silber gedecktes Papiergeld, das von der Zentralregierung zum gesetzlichen Zahlungsmittel („legal tender“) für wirtschaftliche Transaktionen und die Schuldentilgung erklärt wurde. Schließen [80] Zudem war die Phase der hohen Zinsen während der Geldkrise von 1866 besonders lang und – zur Überraschung vor allem der englischen Kommentatoren – bestand in dieser Zeit eine große Differenz in den Diskontraten zwischen der Bank of England und der Banque de France: Während die Bank of England in der Krise ihre Diskontrate auf 10% hochschraubte und sie dort mit 14 Wochen außergewöhnlich lange hielt, konnte die Banque de France ihre während dieser Zeit bei 4% und niedriger lassen. Diese Tatsache war ein Anzeichen dafür, dass Frankreich kaum von der Geldkrise getroffen wurde, und sorgte für reichlich Diskussion in der englischen Öffentlichkeit, wo von einem europäischen ‚Sturm auf England‘ („run upon England“) die Rede war. In vielen Theorien des Außenhandels und der Wechselkurse herrschte die Auffassung vor, dass die Zinsunterschiede zwischen London und Paris zum Ausgleich tendieren und niemals besonders groß sein könnten. Marx notiert sich diese Auffassung auch in seinen Exzerpten aus Goschens „The Theory of the Foreign Exchanges“ und macht dazu kurze kritische Bemerkungen („1869 I Heft“, S. 106 u. 108). Zugleich strömte während dieser Zeit Gold aus den Vereinigten Staaten ein, und der „Economist“ vermutete, dass dies gerade wegen der dortigen „Greenback“-Währung möglich sei, das heißt dem ungedeckten Papiergeld, das sich im Umlauf befand („London 1868“, S. 79 u. 196). Diese Analyse motiviert Marx zu einer längeren Notiz über Geldsysteme und die Rolle der Staatsbanken (ebenda, S. 79/80).

43Schließlich folgte auf die Krise eine Periode von Niedrigzinsen unbekannter Länge. Marx hatte bereits im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ herausgefunden, dass „am Anfang des industriellen Cyclus“, in der Phase der wirtschaftlichen Stagnation, „der niedrige Zinsfuß zusammenfallend mit Contraction […] von productivem Capital“ ist. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 542. Schließen [81] Typischerweise drückt nach Marx die niedrige Zinsrate in der Stagnation also aus, dass sich überproduziertes, sich entwertendes Kapital in einer Übermasse von verleihbarem Kapital im Kreditsystem reflektiert, das sich nicht mehr auf die gewohnten Sphären wirft, sondern nach neuen Anlagesphären sucht beziehungsweise sich wegen des Mangels an neuen Anlagesphären im Kreditsystem, bei den Banken und Geldhändlern, sammelt. Aber eine Diskontrate der Bank of England von 2% hatte es in der jüngeren Vergangenheit nur zwei Mal gegeben: Im Jahr 1852, nach den Goldfunden in Kalifornien und Australien für 37 Wochen bei allgemeiner Prosperität sowie für 14 Wochen im Jahr 1862, als es wegen der Krise in der englischen Baumwollindustrie durch die Baumwollhungersnot zu einer großen Goldeinfuhr aus den Vereinigten Staaten kam, weil die dortigen Importe von britischen Industriewaren nicht mehr mit Rohbaumwolle bezahlt werden konnten („1868“, S. 56). Während diese Phasen nur 37 beziehungsweise 14 Wochen währten, wie sich Marx genau notiert (ebenda, S. 48/49), begann die Bank of England nun erst nach 69 Wochen im November 1868 mit der Erhöhung ihrer Diskontrate („1869 I Heft“, S. 17). Im Jahr 1867 akkumulierte die Bank of England zugleich enorme Goldbestände, was Marx ebenfalls als einen typischen Ausdruck des periodischen Wechselfalls der Stagnation begriff, „[O]bgleich a full Bullion Reserve meist in der Prosperity Zeit da, bildet sich dieser Schatz immer in der quiescent und stagnant Zeit, die auf den Sturm folgt.“ (Ebenda. S. 514.) Schließen [82] auch wenn sie 1867 eine historisch einmalige Größe annahmen („1868“, S. 37). In den drei auf die Krise von 1866 folgenden Jahren ereignete sich in England also so etwas wie eine Rekorddepression.

44Es ist deutlich, dass Marx seine Materialsammlung zum Geldmarkt der Jahre 1866 bis 1868 anlegt, um ein Verständnis der Vorgänge und eine Erklärung der Besonderheiten, die sich vor, in und nach der Krise von 1866 gezeigt haben, gewinnen zu können. Eine Verwendung dieser Materialsammlung von Marx in anderen Schriften oder Briefen ist nicht zu ermitteln. Wahrscheinlich ging er nicht davon aus, dass die Besonderheiten der beobachteten Phase so groß seien, dass sich keine allgemeinen Schlüsse daraus ableiten ließen. Er schrieb Engels mehr als vier Jahre später: „Ich habe hier Moore eine Geschichte mitgetheilt, mit der ich mich privatim lang herumgebalgt. Er glaubt aber, dass die Sache unlösbar ist, oder wenigstens, wegen der vielen und grossentheils erst auszufindenden Faktoren, die darin eingehn, pro tempore unlösbar ist. Die Sache ist die: Du kennst die Tabellen, worin Preise, Discountrate, etc., in ihrer Bewegung während des Jahrs etc in auf- und absteigenden Zickzacks dargestellt sind. Ich habe verschiednemal versucht – zur Analyse der Krisen –, diese ups and downs als unregelmäßige Curven zu berechnen und geglaubt (ich glaube noch, dass es mit hinreichendgesichtetem Material möglich ist), daraus die Hauptgesetze der Krisen mathematisch zu bestimmen. Moore, wie gesagt, hält die Sache einstweilen für unthubar, und ich habe beschlossen, for the time being es aufzugeben.“ Marx an Engels, 31. Mai 1873 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4685). Schließen [83] Möglicherweise sollte die Materialsammlung zum Geldmarkt der Jahre 1866 bis 1868 die Datengrundlage für solche mathematischen Bestimmungen der „Hauptgesetze der Krisen“ bereitstellen. Allerdings führt Marx in den vorliegenden Heften keinerlei Berechnungen durch.

Der Verlauf der Krise

45Obwohl Marx die Krise von 1866 im ersten Moment „verfrüht“ und nicht besonders „wichtig“ schien, bildet ihre Erforschung doch eine seiner Haupttätigkeiten in den vorliegenden Exzerptheften. In drei der insgesamt vier Inhaltsregister, die Marx zu seinen Exzerpten aus den beiden Organen des Geldmarkts erstellt, wird die Krise von 1866 als zweiter Gliederungspunkt geführt. Diese von Marx selbst „Register“ und „Inhaltsregister“ genannten Indices fertigt er jeweils unmittelbar nach den Auszügen eines Jahrgangs an: im Heft „London. 1868“ ein Register zu den Exzerpten aus den Jahrgängen 1866/1867 des „Economist“ und eines zu den Exzerpten aus den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“; im Heft „1868“ ein Register zu den fortgesetzten Auszügen aus den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“; und in „1869 I Heft“ ein Register zu den Exzerpten aus dem Jahrgang 1868 beider Periodika. In diesen Inhaltsregistern reproduziert Marx nicht einfach die Chronologie der Heftseiten, wie es für ein Inhaltsverzeichnis üblich wäre, sondern ordnet seine umfangreichen Exzerpte stichpunktartig und thematisch unter Gliederungspunkte. Die Einträge in das Inhaltsregister versieht er mit den Seitenzahlen der von ihm selbst paginierten Hefte, auf denen sich die vermerkten Exzerpte befinden. Die Inhaltsregister sind also keine Inhaltsverzeichnisse, sondern mit großem Aufwand erstellte Themenübersichten beziehungsweise eine Art Sachregister. Der erste Gliederungspunkt in den Inhaltsregistern ist meistens die Bewegung auf dem Geldmarkt, der zweite Punkt meistens die Krise von 1866. In dem einzigen Register, wo dies nicht der Fall ist, behandelt Marx die Krisenbranchen. Siehe Fn. 86. Schließen [84] Wahrscheinlich weil die Krise doch länger und intensiver war, als Marx zunächst vermutete, und wahrscheinlich wegen ihres besonderen Charakters als Finanzkrise exzerpiert er umfangreich zu der Entstehung, den Charakteristika und dem Verlauf der Krise und der an sie anschließenden wirtschaftlichen Stagnationsphase.

46Wie bemerkt, wurde der „Black Friday“ vom 11. Mai 1866 ausgelöst durch den Bankrott der Bank Overend, Gurney and Company einen Tag zuvor. Die Krise von 1866 war die erste des 19. Jahrhunderts, die nicht im Herbst, sondern im Frühjahr ausbrach (ebenda, S. 101). Diesen Fakt teilte Marx auch Collet Dobson Collet in seinem Brief vom 13. November 1868 mit: „The 1866 Crisis exceptionally took place in the spring; commercial panics usually occur in autumn“ (MEGAdigital). Schließen [85] Infolge der Overend-Pleite bankrottierte eine ganze Reihe von Banken, Aktien-, Finanz- und Eisenbahngesellschaften, was sich auch in Marx’ Inhaltsregistern zeigt: In seinem Inhaltsregister zu den Exzerpten aus der „Money Market Review“ im Heft „London. 1868“ unterteilt Marx den Gliederungspunkt „2) Crisis of 1866“ in sieben weitere Unterpunkte und vermerkt dabei auch die Krisenbranchen Aktien-, Finanz- und Eisenbahngesellschaften: „A) Bank o. England und Act of 44“, „B.) Theory of Panic“, „C) Securities (Investments) und Panic“, „D) Joint Stock Banking und other Cos. Schwindel seit 1865 etc. (respective seit 62)“, „E.) Railways“, „F) Plethora of Money“, und „G.) Limited Liability Act of 1862“. Das Register zu seinem Exzerptheft „1868“ strukturiert er ähnlich, allerdings ohne die Punkte explizit mit der Krise von 1866 in Verbindung zu bringen. Die fünf Gliederungspunkte dort lauten: „1) Bank of England. (resp. France) und Moneymarket“, „2) Stock und Share Market. Investments etc“, „3) Cos.“, „4) Trade“ sowie „5) Railways“ (Heft „1868“, S. 84–86). Schließen [86] unter anderem die English Joint Stock Bank, die Imperial Mercantile Credit Company, die European Bank, die Bank of London, die Consolidated Bank und die Agra and Masterman’s Bank. Bis zum 10. August 1866 gingen 180 Häuser in der Londoner City Pleite. Siehe History of Financial Disasters. Vol. 2. Ed. by Benedikt Koehler. London 2006. S. 67. Schließen [87] Weil die Krise nicht vom Handel ausging, sondern von der Sphäre von Börse, Banken und Finanz, griff sie kaum außerhalb Englands um sich, denn die Finanzverflechtung nahm in den 1860er Jahren, anders als noch eine Dekade zuvor, nur geringfügig internationale Ausmaße an. Die Ansteckung erreichte weder die Vereinigten Staaten noch Frankreich (siehe „London. 1868“, S. 64 u. 78/79). In den Exzerpten aus Handelsberichten im Sommer 1868 bezeichnete Marx daher die Ereignisse in eigenen Worten zwei Mal als „English crisis of 1866“. Karl Marx: Index zu: Commercial Reports of H. M.’s Consuls … 1865–1867. In: MEGA² IV/18. S. 654.9–10 u. 658.15. Schließen [88] Gleichwohl waren „Rückschläge“ („Reactions“) dieser englischen Krise auf andere Länder zu verzeichnen: auf Indien, das mit dem englischen Finanzsystem enger verbunden war und wo sich der Handel mit England während der „Cotton Famine“ plötzlich intensivierte, aber auch auf China und Brasilien. Siehe ebenda. Schließen [89]

47Die Krise nahm ihren Ausgang von der Erhöhung der Diskontrate der Bank of England im Oktober 1865 von 3,5% auf 7%, die schlagartig die Refinanzierungskonditionen verschlechterte, was eine Bankrottwelle auslöste. Am Ende des im Oktober 1865 abgeschlossenen fünften Kapitels über das zinstragende Kapital des Manuskripts zum dritten Buch des „Kapital“ hatte Marx diese ruckartige Erhöhung notiert. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 664. Schließen [90] Er exzerpierte darüber auch in kurz darauf entstandenen Exzerpten aus einem „Daily News“-Artikel im „Großheft 1865/1866“ der „Hefte zur Agrikultur“. Karl Marx: Exzerpte aus „The Daily News“, 23. Oktober 1865. In: MEGA² IV/18. S. 123–125. Schließen [91] Die Zinserhöhung kam nicht wegen eines Goldabflusses im Ausland, sondern, so Marx, „wegen internal drain“ Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 664. Schließen [92], also wachsender innerbritischer Nachfrage nach Noten und Münzen zustande, was die „Daily News“ bestätigte. Zu Beginn des Jahres 1866 stand der Diskontsatz der Bank of England bei 8%, was Marx mit dem ersten Satz der vorliegenden Hefte erfasst: „Bankrate at 8%.“ („London. 1868“, S. 1). Anfang Februar ereigneten sich weitere Pleiten von Eisenbahnkontraktoren (ebenda, S. 14) und während die Diskontrate der Bank of England Ende Februar 1866 auf 7% (ebenda, S. 23) und Mitte März auf 6% (ebenda, S. 34) herabgesetzt wurde, fielen die Aktienkurse von britischen Finanzgesellschaften wie der London Financial Association, der Imperial Mercantile Credit und der Joint Stock Discount Company (ebenda, S. 11), die im März in Schwierigkeiten geriet (ebenda, S. 32). Im April stellte die Barned’s Banking Company die Zahlung ein und hinterließ umfangreiche Verbindlichkeiten (ebenda, S. 46), was zu weiteren Aktienkurseinbrüchen führte. Der „Economist“ stellte bereits am 20. Januar 1866 fest, dass 72% der Aktien von Gesellschaften mit beschränkter Haftung einen Kapitalverlust für die ursprünglichen Zeichner des Aktienkapitals darstellten, ging aber dennoch davon aus, dass ein so großer Anteil an Wertpapieren nicht wertlos sein könne, was Marx spöttisch kommentiert: „So 72% dieser limited liability cos’ shares entailed loss of principal upon the original subscribers at par, or their representatives, the succeeding proprietors. Aber dennoch nicht so large proportion ‚valueless or even unsound!‘ By no means, dear me!“ (Ebenda, S. 6.)

48Während er die Kette der Ereignisse nachvollzieht, die in der Krise gipfelten, findet Marx Gefallen daran, die vielen unerfüllt gebliebenen „Prophezeiungen“ – wieder eine religiöse Metapher – des von ihm mehrmals als „wiseacre“ (Besserwisser, Klugscheißer) bezeichneten „Economist“ über den weiteren Verlauf des Wirtschaftsjahres 1866 festzuhalten. Er sammelt eine ganze Reihe von vor der Krise getroffenen falschen Vorhersagen des „Economist“, wonach 1866 ein ruhiges Jahr werden würde. Gleich im zweiten Exzerpt hält Marx aus dem „Economist“-Artikel „What The Value of Money in 1866 is likely to be“ fest: „Unter diesem heading entdeckt der wiseacre: 1) Daß seit dem Freetrade, Abnahme auf einem Markt, Expansion auf dem andern sich compensiren. […] 2) Our system of credit is better than it used to be. Die Bank […] kannte früher das Geheimniß nicht Bullion festzuhalten durch Erhöhung des Zinsfusses.“ („London 1868“, S. 1.) Marx notiert die Vorhersage des „Economist“, dass es 1866 zu keiner Krise kommen werde, mit zum Teil doppelter Unterstreichung: „But, now there is no reason to fear the least diminution of credit. … As far as our credit goes, we may expect 1866 to be a normal year.“ (Ebenda.) Noch angesichts erster Unternehmenspleiten zu Beginn des Jahres blieb „das Orakel“ (ebenda, S. 14) optimistisch (ebenda, S. 6, 11, 14 u. 46). Marx bezeichnet die Prophezeiung des „Economist“ vom 21. April 1866, dass solche Pleiten ‚heutzutage‘ keine größere Ansteckung mehr nach sich ziehen würden, als „die ruling Dummheit im head des Economist“ (ebenda, S. 46). Als Bagehot in der Ausgabe vom 12. Mai 1866, auf dem Höhepunkt der Panik, die rhetorische Frage stellte – „trotz seiner beständigen Prophezeiung des Gegentheils!“ (ebenda, S. 53), wie Marx ihn erinnert – „if there ever was a collapse of credit more diffused and more complete“, fügte er zugleich an: „As to the General state of the trade of the country, we have no doubt of its substantial soundness.“ (Ebenda, S. 53.) Marx beglückwünscht dies ironisch in seinen Exzerpten mit einem „Hurrah!“ und schreibt wahrscheinlich daraufhin in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“: „Wir erleben […] periodisch bei jeder Krise, die stehende Wiederkehr der Versicherungsphrase in Parlamentsreden, in den Organen des Geldmarktes u.s.w., daß die Produktion sound (gesund) war, aber plötzlich durch verschiedne Zufälle u. Handelsabentheuer ‚unsound‘ (ungesund) geworden ist.“ Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 17. Schließen [93]

49So wie der Krise kein großer externer Abfluss von Edelmetallen vorausging, gab es in der Geldkrise untypischerweise auch keine besondere Nachfrage nach Gold, wohl aber nach Banknoten der Bank of England. Marx fügte daher schon im ersten Band des „Kapital“ an, dass die „Erscheinungsform des Geldes“, das in einer Geldkrise verlangt wird, „gleichgültig“ ist: „Die Geldhungersnoth bleibt dieselbe, ob in Gold oder Creditgeld, Banknoten etwa, zu zahlen ist.“ Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 95. Schließen [94] Eine Besonderheit der Krise von 1866 bestand somit in einer großen Diskrepanz zwischen den kaum verminderten Edelmetallen („bullion“) in der Bank of England und ihren erheblich geschrumpften Banknoten in Reserve. Dagegen bestätigte sich die schon in der Krise von 1857 sichtbare, aber 1847 noch abwesende Tendenz eines Anstiegs in der Rubrik der „Other Securities“ beziehungsweise „Private Securities“ der Bank of England während der ersten Woche der Krise, den Marx an mehreren Stellen festhält (zum Beispiel „1868“, S. 1a). Dieser Anstieg zeigt an, dass die Bank of England in der Krise von 1866, anders als noch 1847, Banknoten gegen Sicherheiten ausgab. Wie Marx bei John Laing lesen konnte, aus dessen Buch er im „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ (MEGA² IV/18) exzerpierte, gewährte die Bank of England auf dem Höhepunkt der Krise Vorschüsse in nie dagewesenem Umfang von mehr als 12 Millionen Pfund Sterling in nur fünf Tagen. Siehe John Laing: The Theory of Business for Busy Men. 2. Ed. London 1868. S. 276/277. Schließen [95] Aus diesem Grund schrumpfte auf dem Höhepunkt der Krise von 1866 ihre Reserve auf das vom „Economist“ als „childish“ („London. 1868“, S. 61) bezeichnete Niveau von 800 000 Pfund Sterling, so dass die Bank of England für einen Moment selbst das Leihen gegen britische Staatsanleihen einstellte (ebenda, S. 56). Nach der Panik stieg somit die aktive Banknotenzirkulation an: „Overends failed on Friday Evening […], and by the next Friday the active circulation had increased by 3,776,000l.“ (Ebenda, S. 98.) Wie Marx exzerpiert, wurden vorwiegend Noten mit Beträgen von über 20 Pfund Sterling verlangt, was anzeigt, dass diese Noten vornehmlich für Depositen anderer Großbanken und nicht etwa für die Zirkulation in der englischen Provinz nachgefragt worden waren (ebenda, S. 98). Weil also in dieser Krise kaum Gold, sondern in erster Linie Banknoten der Bank of England verlangt wurden, charakterisierte der „Economist“ die Krise als „credit panic“, die von einer „capital panic“ wie 1847 und einer „bullion panic“ wie 1857 zu unterscheiden sei (ebenda, S. 56). Auch Marx nennt die Krise an einer Stelle in eigenen Worten eine „banking crisis“ (ebenda, S. 67), wo es in der Quelle „credit crisis“ heißt. Er spezifiziert die Krise damit als Bankenkrise. Womöglich mit Blick auf die Krise von 1866 bestimmte Marx bereits im ersten Band des „Kapital“ die selbständige Geldkrise als eine besondere Krisenart: „Die Geldkrise […] als Phase jeder Krise, ist wohl zu unterscheiden von der besondern Krisenart, die man auch Geldkrise nennt, die aber ein ganz selbstständiges Phänomen bilden kam, so daß sie auf Industrie und Handel nur rückschlagend wirkt. Es sind dieß Krisen, deren Bewegungscentrum das Geldkapital ist, und deren unmittelbare Sphäre daher auch die Sphäre der Haupt- und Staatsaktionen des Geldkapitals, Bank, Börse, Finanz.“ (MEGA² II/5. S. 94.) Schließen [96]

50Nicht nur in seinen Exzerpten dokumentiert Marx die besondere Rolle, die der Bank of England schon damals in einer Krise zufiel. Bereits im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ schrieb er zwar, dass „[d]as ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des Reproductionsprocesses […] natürlich nicht dadurch curirt werden [kann], daß nun etwa eine Bank (die Bank of England z.B.) in Papier allen Schwindlern das ihnen fehlende Capital giebt“, Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 543. Schließen [97] erkannte aber auch, „daß so lange der Credit einer Bank nicht erschüttert ist, sie durch Vermehrung des Creditgelds […] den Panic lindert und durch Contraction ihn vermehrt“. Ebenda. S. 595. – In der Marx’schen Handschrift heißt es an dieser Stelle „d. Panic“, was in MEGA² II/4.2 irrtümlicherweise zu „die Panic“ stillschweigend aufgelöst ist. Schließen [98] An Collet Dobson Collet schreibt er während der Arbeit an den vorliegenden Heften: „In another article, Times rails at the ‚distressed‘ London bankers ‚begging‘ assistance from the B.o.E. (that is to say, asking for their own deposits).“ Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [99] Die Bank of England in einer Krise um Unterstützung zu bitten, bedeute also, die Auszahlung seiner eigenen Depositen zu verlangen. In einer längeren Notiz über die Geldsysteme seiner Zeit („London. 1868“, S. 79/80) stellt Marx auch fest, dass, so wie das Bankgeschäft im Allgemeinen „Handel mit other people’s money“ sei, auch eine Staatsbank über kein Kapital verfüge: „Die Banks of England und France haben jezt in der That kein disponibles Kapital. Es ist ganz dem Staat gepumpt. Ihr Kapital ist also bloßer Credit, den das Publicum dem Staat giebt, und hat nichts mit ihrem Geschäft zu thun. Sie haben Schuldscheine auf den Staat.“ (Ebenda.) In dieser Notiz denkt Marx die Staatsbanken zwar als formell unabhängig von der Regierung, aber auch als materiell abhängig vom Staat und seinen Finanzen: Der Staat „kann daher nur soweit bei der Staatsbank discontiren lassen oder leihen, soweit er ihr Sicherheit giebt, ihr seine Einnahmen überweist (wie bei der B. o. England) etc.“ (Ebenda.) Solange der Staat die Bank of England unterstützt, dachte Marx, kann diese reichlich leihen und damit die Panik lindern.

51Aber mit dem „Bank Act“ von 1844 hatte sich England eine künstliche Blockade der Vermehrung des Kreditgelds auferlegt. So musste der „Bank Act“ in der Krise von 1866, auf dem Höhepunkt der Panik am 11. Mai 1866, nach den Krisen von 1847 und 1857 zum dritten Mal suspendiert werden. Nachdem Marx zum ersten Mal in den „Londoner Heften“ die theoretischen Grundlagen des „Bank Act“ und auch die Argumente der Kritiker Fullarton, Tooke und Wilson eingehend studiert hatte, zählte er dieses Gesetz 1851 in seiner ersten Kritik daran zu den „verrückte[n] Einmischungen der Staatsgewalt“, welche „die vorhandne Crise erschweren können, wie 1847“. Marx an Engels, 3. Februar 1851. In: MEGA² III/4. S. 27. Schließen [100] In der nächsten Krise von 1857 prognostizierte er folglich in der „New-York Tribune“ korrekt die abermalige Suspendierung dieses Gesetzes. Siehe Karl Marx: The Bank Act of 1844 and the Monetary Crisis in England. In: New-York Daily Tribune, 21. November 1857. In: MEGA² I/16. S. 64–68. Dieser Artikel verschaffte ihm eine „Satisfaction“, weil der „Bank Act“ kurz darauf tatsächlich suspendiert werden musste (MEGA² III/8. S. 210). Schließen [101] Und auch in den vorliegenden Exzerpten schreibt Marx über den „Bank Act“, er sei „not an effect of the nature of things. Quite the contrary“ („1869 I Heft“, S. 105). Zwar kam es dieses Mal, anders als 1857, zu keiner Mehremission von Banknoten über die durch den „Bank Act“ gesetzlich vorgeschriebene Grenze hinaus und der „Bank Act“ wurde bloß suspendiert, aber nicht verletzt („infringed“); gleichwohl zog die 14 Wochen lang währende Diskontrate von 10% den Unmut der Handelswelt auf sich und stieß in der englischen Öffentlichkeit neue Diskussionen um dieses Gesetz an. Marx informiert sich über viele Positionen in der aktuellen Debatte. Es stand die Frage im Raum, ob die nationale Geldreserve in einer staatsnahen Bank mit öffentlichem Auftrag konzentriert oder auf mehrere Banken verteilt werden sollte. Eine Mehrheit der Kommentatoren befürwortete die von Bagehot vorgeschlagene Krisenklausel im „Bank Act“ („London 1868“, S. 247/248).

52Für Irritation bei den Kommentatoren sorgte ebenso, dass die Erhöhung der Zinsen dieses Mal, entgegen bisheriger Erfahrungen und entgegen der herrschenden Theorie der Wechselkurse, keine unmittelbare Goldeinfuhr vom europäischen Kontinent erreichen konnte. Marx notiert: „this time no such magnetism.“ (Ebenda, S. 89.) Im Gegenteil floss trotz der hohen Zinsen sogar Gold aus England auf den europäischen Kontinent ab, wofür die Formel „run upon England“ (ebenda, S. 87) gefunden wurde, die auch Marx aufgreift (ebenda, S. 67). Gegenüber Collet Dobson Collet bestätigte Marx, dass die Suspendierung des „Bank Act“ und die hohe Zinsrate von 10% auf das Ausland wie ein Alarmsignal wirkten, dass es um Englands wirtschaftliche Situation schlecht bestellt sei: „The Bank maintained the 10% minimum rate of discount for more than 3 months. This rate was regarded by Europe as a danger signal.“ Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [102] In einem längeren Kommentar kritisiert Marx den „Bank Act“ als Mittel der Bank of England, Profit aus der allgemeinen Notlage zu schlagen: „They acted very prudently – for their own pockets!“ (Ebenda, S. 78.)

53In seinen Exzerpten sieht Marx im „Bank Act“ nicht die einzige Möglichkeit einer unnötigen Verschärfung der Krise durch falsche Handhabung. Ein missverständlicher Brief des Außenministers George Villiers, dem Earl of Clarendon, vom 12. Mai 1866, der dem Ausland versichernd erklären wollte, dass die Suspendierung des „Bank Act“ nicht den Bankrott der Bank of England oder die Aufhebung der Konvertibilität der Pfundnote in Gold bedeute und dass generell kein Grund zur Panik bestünde, verschärfte noch das Stigma, denn angesichts der erstmaligen Abfassung eines solchen Briefs wurde das Ausland erst recht hellhörig (ebenda, S. 62 u. 91). Marx sah den Goldabfluss aus England Richtung Kontinent trotz der englischen Diskontrate von 10% einzig durch den Brief Clarendons verursacht: „Such a thing was quite unheard of in the annals of English commercial history. Gold was shipped from London to France, while, simultaneously, the official minimum rate of discount was 10% in London and 31/2 to 3% at Paris. This proves that the withdrawal of gold was no regular ‘commercial’ transaction. It was simply the effect of Clarendon’s letter.“ Ebenda. Schließen [103]

54Auch zum Bankrott der Consolidated Bank schreibt Marx zusammenfassend in eigenen Worten: „foolish durch die Dummheit einiger Direktoren, die aus Panic, ohne allen Grund, auf ihre eigne Faust die Thüren dem Publikum schlossen“ (ebenda, S. 67). Schließlich exzerpiert er unter der Überschrift „The Times and the Panic“ verschiedene Berichte über die irreführende und potentiell krisenverschärfende Berichterstattung der Tageszeitung „The Times“ während der Krise von 1866, die der „Money Market Review“ zufolge unter anderem die falsche Nachricht verbreitet hatte, dass auch die Suspendierung des „Bank Act“ die Panik in der Londoner City nicht habe beruhigen können. An Collet schreibt Marx: „I have not yet touched upon a most important point, – the influence which […] a paper like the Times would be able to exercise in bringing about the catastrophe.“ Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [104] Schon aus dem „Economist“ exzerpiert Marx im vorliegenden Heft, dass die „Times“ einfach eine Falschmeldung abdruckte, die ihr per Telegramm zugespielt worden sei: „Telegrams ferner (falsche) of outbreak of war to Times, next day all over the world that a great Bank had failed.“ (Ebenda, S. 70.) Tatsächlich fallierten damals Banken in Übersee per Telegramm: Die indischen Niederlassungen der Agra and Masterman’s Bank in Kalkutta und Bombay erlitten Depositenabzüge, nachdem über den Telegraphen die Nachricht eintraf, dass die Londoner Hauptniederlassung dieser großen indischen Bank nach einem schweren Ansturm ihre Türen schließen musste, wie Marx mit Randanstreichungen exzerpiert (ebenda, S. 69/70). Der Bankrott dieser Bank hatte erhebliche Auswirkungen auf Indien: „Its collapse almost a national misfortune. It will carry poverty and sorrow to hearts of 100nds of men and women, who […] had entrusted all to this institution.“ (Ebenda, S. 70.) Über das Kommunikationsmedium des Telegraphen exzerpiert Marx kritisch: „Der Telegraph the most enormous machine for the diffusion for rumour für all the agencies at work in the panic.“ (Ebenda.) Dies erinnert an seine spätere Äußerung im Brief an Louis Kugelmann vom 27. Juli 1871: „Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen im Nu über den ganzen Erdboden ausstreut, fabriciren mehr Mythen (und d. bourgeois mind glaubt und verbreitet sie) in einem Tag, als früher in einem Jahrhundert fertig gebracht werden konnten“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. C 133). Schließen [105]

55Dass die extreme Anspannung und Fragilität des Geldmarkts während einer Panik einen Spielraum für Manipulation, politische Intrige An einer Stelle schreibt Marx: „The B.o.E. asked for Government intervention on Friday (11 May) evening only, instead of on Thursday evening, because, to some extent, it was able to calculate the limits of the pressure to be met during the interval of one day. All such calculation becomes impossible from the moment political intrigue enters the field.“ (Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital.) Schließen [106] und eine Art Finanzkrieg öffnet, erörterte Marx ausführlich in seinen drei Briefen an Collet Dobson Collet vom November 1868, die erst vor wenigen Jahren bekannt geworden sind und in denen er von den vorliegenden Exzerpten über den Krisenverlauf umfangreich Gebrauch machte. Der erste dieser Briefe datiert vom 2. November 1868 und mündete später in den Artikel „How Mr. Gladstone’s Bank Letter of 1866 Procured a Loan of Six Millions for Russia“, der am 2. Dezember 1868 in der Londoner „Diplomatic Review“ erschien, dessen Redakteur Collet war. Karl Marx: How Mr. Gladstone’s Bank Letter of 1866 Procured a Loan of Six Millions for Russia. In: MEGA² I/21. S. 101–103. Schließen [107] Marx argumentierte hier dafür, „daß Peel’s Bank Act v. 1844 die russische Regierung befähigt, unter certain conjunctures of the money-market, die B.o.E. zum Bankerutt zu zwingen“. Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital. – Siehe auch Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868: „I did never assert that the Russian Gvt. could prevent the Brit. Gvt. from suspending Peel’s Act. What I affirm is that, under certain conjunctures of the Money Market, the Russ. Gvt. might take the Bank unawares notwithstanding the will and the power of the Brit. Gvt. to come to her rescue.“ (MEGAdigital.) Schließen [108]

56Zwar betrachtete Marx Niedrigzinsen und die Akkumulation von verleihbarem Kapital in den Banken als ein Charakteristikum von Stagnationsperioden, aber gegenüber Collet suggerierte er, dass der „Bank Act“ für die extreme Ausprägung dieser Phänomene in den Jahren 1866 bis 1868 mitverantwortlich sei: „The 10% minimum rate of discount having thus been kept up for more than 3 months, there followed the inevitable reaction. From 10% the minimum rate receded by quick steps to 2%, which is still the official bankrate.“ Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [109] So begannen während der Stagnationsphase ausländische Staatsanleihen und Kolonialanleihen zu florieren (siehe „1868“, S. 21) und die britischen Auslandsinvestitionen erlangten wieder eine größere Bedeutung, wie es auch in der redigierten Artikelfassung des Marx’schen Briefs an Collet vom 2. November 1868 in der „Diplomatic Review“ vom 2. Dezember 1868 heißt: „all English securities, railway shares, bank shares, mining shares, every sort of home investment, had become utterly depreciated, and was anxiously shunned. Even the Consols declined. […] Then the hour had struck for Foreign Investments. Foreign Government Loans were contracted, under the most facile conditions, on the London market.“ Karl Marx: How Mr. Gladstone’s Bank Letter of 1866 Procured a Loan of Six Millions for Russia. In: MEGA² I/21. S. 102. Schließen [110] Daher konnte laut Marx Russland für eine Anleihe Abnehmer auf dem Londoner Geldmarkt finden und er schließt gegenüber Collet, dass die russische Regierung durch einen Abzug von Geldern vom englischen Geldmarkt während einer Wirtschaftskrise den Bankrott der Bank of England herbeiführen könnte: „The bankruptcy of the B. o. Engld might then have been enforced by a telegram from St. Petersburgh.“ Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital. – Ferner heißt es: „This, however, is the least thing Peel’s Act does for Russia – to keep the English money market open for her. That act puts England, the richest country in the world, literally at the mercy of the Moscovite government, the most bankrupt government in Europe.“ (Ebenda.) Schließen [111] Gegenüber Engels hat sich Marx von dieser Argumentation zwar distanziert, bestand gleichwohl darauf, dass „die Sache richtig within certain limits“ sei. Dass der „Bank Act“ die russische Regierung befähige, die Bank of England in der Anspannung einer Geldkrise zu Fall zu bringen, bezeichnete er gegenüber Engels als „einen neuen Floh“, den er „den Urquhartiten […] ins Ohr gesetzt“ habe und der nun „ernsthaft zwischen Collet u. Urquhart debattirt wird“. (Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital.) Als er Collet Dobson Collet die Publikation seines Briefs in der „Diplomatic Review“ zugesagt hatte, gab er am 23. November gegenüber Engels erneut an: „Was den Collet betrifft, so habe ich mir die Finger mit diesen verfluchten Urquartiten verbrannt. Du weißt – wenigstens glaube ich Dir das geschrieben zu haben – daß ich, aus blossem Spaß am mischiefmongering, Ihnen neue Flöhe über den Peel Act v. 1844 u. dessen nützliche Wirkung für Rußland ins Ohr gesezt. (Uebrigens ist die Sache richtig within certain limits.)“ (Marx an Engels, 23. November 1868. In: MEGAdigital.) Schließen [112]

57In seinen Exzerpten zur auf die Krise von 1866 folgenden, vergleichsweise langen und tiefen Stagnationsphase findet Marx diesen Zusammenhang bestätigt, als die „Money Market Review“ mithilfe eines statistischen Vergleichs demonstrierte, dass die Bank of England ihre Diskontrate in den Krisen nach 1844 für immer längere Zeit immer höher schraubte, und hinzufügte, dass die Rate umso tiefer fallen und umso länger auf diesem niedrigen Niveau verweilen müsse, je höher sie vorher gewesen war („1869 I Heft“, S. 50). Marx exzerpiert mehrere Artikel zu den „Causes of Depression“ („London. 1868“, S. 131/132, 133 u. 140) und den „Nachwirkungen“ („1869 I Heft“, S. 87) und „Nachwehn“ (ebenda, S. 31) der Krise von 1866. Marx exzerpiert aus der „Money Market Review“ vom 4. April 1868 unter der selbstgewählten Überschrift „Crisis of 1866 und Nachwehn“: „Never a period of dull suffering and depression so long and continuously felt.“ („1869 I Heft“, S. 31.) Schließen [113] Im „Economist“ führte Bagehot drei Gründe für die Stagnation an: Erstens habe seit der Krise die Nachfrage in beinahe allen Sektoren nachgelassen; zweitens sei durch die enorme Anzahl von in der Phase der „Extension Mania“ von 1863 bis 1865 gegründeten Unternehmungen ein Großteil des ausgelegten Kapitals fixiert („locked up“) und werfe nun keinerlei Einkommen mehr ab, so dass neun Zehntel aller zwischen 1861 und 1865 errichteten und mit enormen Summen gespeisten Aktiengesellschaften „have failed to make any profit, and, too, incurred losses so great as to extinguish most of the capital“ („London. 1868“, S. 132); Die Krise habe so viel Kapital vernichtet wie ein Krieg: „Dissipation of Capital, während der Extension Mania, almost as complete as a war expenditure.“ („London. 1868“, S. 132.) Schließen [114] drittens habe die Baumwollindustrie in den Jahren 1866/1867 überproduziert (ebenda, S. 133). Eine Passage aus einem Engels-Brief integrierend, schrieb auch Marx über diese Überproduktion nach der Krise im ersten Band des „Kapital“: „In diesem Augenblick, März 1867, ist der indisch-chinesische Markt durch die Konsignationen der britischen Baumwollfabrikanten schon wieder völlig überführt.“ (Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 525. – Siehe auch ebenda. S. 356.) Schließen [115] Die Baumwollindustrie wurde zwar weniger von der Krise von 1866 getroffen, weil sie schon zuvor, wegen der „Cotton Famine“, paralysiert war; „The cotton market, which had previously declined to a comparatively low point, has not been so much affected by the monetary crisis as might have been expected.“ („London. 1868“, S. 61.) Schließen [116] zu einer manifesten Überproduktion in der Baumwollindustrie kam es aber nach der Krise, als die gewöhnliche Baumwollzufuhr aus den Vereinigten Staaten mit Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs wiederhergestellt war. So exzerpiert Marx aus dem „Economist“ vom 6. Oktober 1866: „Four years ago our cottonsupply in jeopardy. This year larger than ever before. Already the aggregate importations during the first 9 months of the year exceed the average of the 2 years before the war, and we have still large quantities to receive“ („London. 1868“, S. 101). Schließen [117] Ausführlich untersucht Marx die bis Ende 1869 andauernde Stagnationsphase in „1869 I Heft“, wo er seine Exzerpte unter dem Gliederungspunkt „2) Crisis of 1866 und Nachwirkungen“ seines Inhaltsregisters vermerkt. In den Jahren 1868/1869 sammelt auch seine Tochter Jenny Marx Artikel aus verschiedenen Zeitungen wie „The Daily News“ und „Reynolds’s Newspaper“ unter anderem zur damaligen Wirtschaftslage und klebt viele Artikel zur Stagnationsphase in das Heft „Trade and Finance 1868“.

Die Denunziation des Schwindels

58Wie angemerkt, hatte Marx schon im April 1868 zu erkennen gegeben, dass das „Interessante“ an den Bank- und Börsenoperationen in seinen Augen „die Praxis, nicht die Theorie“ sei, aber ungefähr zu dem Zeitpunkt, als er das erste Heft „London. 1868“ abschloss, informierte er Engels am 14. November 1868 entschlossener über seine Absichten für das Kreditkapitel: „Da der 2nd volume grossentheils zu sehr theoretisch, werde ich das chapter über Credit benutzen zu actuel denunciation des Schwindels u. der commercial morals.“ Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital. – Wahrscheinlich zu dieser Zeit erweiterte auch Jenny Marx den Schwerpunkt ihrer Auswahl von der ökonomischen Stagnation auf die Finanz- und Aktiengesellschaften (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu den drei Heften). Schließen [118] Diese Aussage ist mit Sicherheit ein Schlüssel zum Verständnis der vorliegenden Exzerpte. Offenbar bestärkt durch die aussagekräftige Berichterstattung aus dem „Economist“ und vor allem der „Money Market Review“, wollte Marx die neue Fassung seines Kreditkapitels mit aktuellem Material und einer spezifischen Kritik anreichern.

59Der Begriff „Commercial Morality“ wurde in der „Money Market Review“ häufig zur Kritik an den betrügerischen Vorgängen in der Londoner City gebraucht: Er taucht in den Exzerpten von Marx zum ersten Mal auf S. 237 des Hefts „London. 1868“ auf und wird in der Folge häufiger in den Überschriften der Exzerpte verwendet. An einer Stelle exzerpiert Marx prägnant die Kritik der „Money Market Review“ an der Tageszeitung „The Times“: „Fraudulent concealment and wilful and deliberate misrepresentation, for the purpose of taking the public in, if the public could not be taken in without them, are, according to the Times, neither legal crimes nor moral offences, but fair and allowable mercantile transactions. That is the orthodox commercial morality of the Times.“ („London. 1868“, S. 242/243.) Es geht bei den „commercial morals“ also um eine bestimmte Normativität der bürgerlichen Gesellschaft, die zu Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Unaufrichtigkeit und einer Unfähigkeit zu Vorsicht und Voraussicht tendiert. In diesem Sinne bemerkte Marx bereits im ersten Band des „Kapital“: „Das Kapital […] wird in seiner praktischen Bewegung durch die Aussicht auf zukünftige Verfaulung der Menschheit […] so wenig und so viel bestimmt als durch den möglichen Fall der Erde in die Sonne. In jeder Aktienschwindelei weiß jeder, daß das Unwetter einmal einschlagen muß, aber jeder hofft, daß es das Haupt seines Nächsten trifft, nachdem er selbst den Goldregen aufgefangen und in Sicherheit gebracht hat. Après moi le déluge! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.“ Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 212. Schließen [119]

60Den Begriff des Schwindels verwendete Marx häufig in den Manuskripten zum zweiten und dritten Buch des „Kapital“, ihm anscheinend eine doppelte Bedeutung beimessend. Einmal bezeichnet er eine Manie, einen Rausch oder Taumel, in den man unfreiwillig, womöglich sogar gegen den eigenen Willen gerät, wenn man „Geld machen“ und die laut Marx begriffslose Form G–G´ vollziehen will: „Alle Nationen kapitalistischer Produktionsweise werden daher periodisch v. einem Schwindel ergriffen, worin sie ohne die lästige Vermittlung des Produktionsprozesses die Geldmacherei vollziehn wollen.“ Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 31/32. – Ähnlich exzerpiert Marx aus der „Money Market Review: „Under limited liability the nation has, during the last few years, been intoxicated with visions of rapidly acquired wealth.“ („London. 1868“, S. 284.) Schließen [120] Im dritten Kapitel des Manuskripts zum dritten Buch des „Kapital“ über das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ging Marx davon aus, dass das Kapital im Falle einer fallenden Profitrate abenteuerlustig werde, um die Rate wieder zu steigern: „Die Masse der kleinen zersplitterten Capitalien daher Abenteuerlustig, Speculation, Creditschwindel, Aktienschwindel, Crisis“. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 325. Schließen [121] So sei es dem gesamten Kreditsystem immanent – und also nicht auf die individuelle Manipulation oder die Gier Einzelner zurückzuführen –, den „Trieb der capitalistischen Productionsweise, Bereicherung durch Ausbeutung fremder Arbeit, zum reinsten und kolossalsten Schwindelsystem und Spielsystem zu entwickeln“ Ebenda. S. 505. Schließen [122] und insbesondere mit dem Aktienwesen entstehe „ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf den Aktienhandel, ihre Ausgabe etc“. Ebenda. S. 503. Schließen [123] Die zweite Bedeutung des Schwindels umfasst Operationen jenseits oder zumindest an der Grenze des Legalen. Aus der „Money Market Review“ exzerpiert Marx über diese Grauzone: „The periodic recurrence of speculative manias, and their tendency to promote transactions either positively fraudulent or verging upon fraud, have become familiar historic facts.“ („London. 1868“, S. 256.) An einer Stelle spricht Marx auch in eigenen Worten von der „so zu sagen criminal Revelation“ (ebenda, S. 252) der Handelskrisen, also den Aspekten der Krisen, die ein Fall für Kriminalschriftsteller und den juristischen Apparat werden. Marx’ Interesse an der „Praxis“ des Kaufmanns-, Bankier- und Börsenlebens richtet sich somit nicht nur auf die genauen Techniken der Bilanzierung, der Buchhaltung, des Abrechnens, des Wechselhandels und der Spekulation, sondern auch auf Betrug und Wirtschaftskriminalität.

61Von der Krise waren besonders die Eisenbahn- und Finanzgesellschaften betroffen, in denen das durch die „Cotton Famine“ freigesetzte Geldkapital in den 1860er Jahren angelegt wurde. Dementsprechend informiert sich Marx im vorliegenden Heft ausführlich über die Finanzgesellschaften und ihre Rolle beim Eisenbahnausbau. Im „Economist“ war zu lesen, dass in der „Railway Mania“ der 1840er Jahre die Aktionäre ihre Anteile noch durch eigene Ersparnisse erworben hätten („London. 1868“, S. 48), aber der Boom in den 1860er Jahren wesentlich durch das „financing“ ermöglicht worden sei: durch Leihtechniken wie „finance paper“ (ebenda, S. 49), „financial securities“ (ebenda, S. 49 u. 226) oder „Accommodation bills“ (ebenda, S. 177), mit deren Hilfe das verleihbare Kapital vermehrt wurde. Mit ihren Finanzierungsgeschäften vermittelten die Finanzgesellschaften ein weit verzweigtes Geschäftsnetzwerk zwischen verschiedenen Akteuren wie den Direktoren der Eisenbahngesellschaft, Ingenieuren und Bauunternehmern („contractors“). Aus dem „Economist“ exzerpiert Marx die später von ihm bestrittene Behauptung, dass das Verb „to finance“ erst 1864 erfunden worden sei: „The year 1864 was remarkable for several things, and one of the most characteristic was the invention of a new verb. ‚Finance‘ used to be a substantive only in English, but it then became a verb also “ (ebenda, S. 32). Nachdem Marx das Verb bereits im Parlamentsbericht von 1857 zur Wirkungsweise des „Bank Act“ nachweisen konnte, bestritt er die Behauptung des „Economist“ in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“: „Also dieß Wort schon völliges Bürgerrecht 1857!“ (MEGA² II/11. S. 185.20 u. Erl.) Schließen [124] Details zum „Financing“ exzerpiert Marx am Beispiel der Ende Juli 1866 in Turbulenzen geratenen Eisenbahngesellschaft London, Chatham and Dover Railway Company. Als diese Eisenbahngesellschaft bereits Anfang des Jahres 1866 an der Schwelle zum Bankrott stand, verkaufte sie ihrem Bauunternehmer Samuel Morton Peto ein Grundstück, und Peto erhielt mit diesem Land als ‚Sicherheit‘ zwei große Kredite von den Finanzgesellschaften Imperial Mercantile Credit Company und General Credit and Finance Company. Marx notiert: „These 2 Cos. were not to advance any actual money at all. They were to give their acceptance to Bills to be drawn from time to time during a twelvemonth by ‚firms or individuals resident on the Continent of Europe, and on that behalf approved by the Credit Cos.‘; and the bills so drawn and accepted were to be handed to the Borrowers ‚for Discount‘.“ (Ebenda, S. 177.) Peto bekam also von den Finanzgesellschaften (zu einer Kommission von 5%) akzeptierte zwölfmonatige Wechsel, die auf Personen auf dem europäischen Kontinent gezogen wurden. Später stellte sich heraus, dass weder das Grundstück, das Peto von der Eisenbahngesellschaft verkauft worden war, noch die Bezogenen in Europa existierten. Solche Wechsel konnte Peto wiederum in der City, etwa bei Overend, Gurney and Company, diskontieren lassen, solange der Geldmarkt störungsfrei blieb. Dieser von Marx ausgiebig untersuchte Fall – er exzerpiert sogar die im „Economist“ abgedruckten Akzeptscheine („London. 1868“, S. 102/103) – ist später auch diskutiert worden bei Philip L. Cottrell: Railway Finance and the Crisis of 1866: Contractors’ Bills of Exchange, and the Finance Companies. In: The Journal of Transport History. N. S. 1975. Nr. III. S. 20–40, hier: S. 30/31. Schließen [125] In der zweiten Auflage des ersten Bandes des „Kapital“ brachte Marx Peto in einen Zusammenhang mit Bethel Henry Strousberg, der während der Gründerzeit im Deutschen Reich eine ähnliche Rolle als Eisenbahnmagnat einnahm wie Peto wenige Jahre zuvor in England. Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. 2. Aufl. In: MEGA² II/6. S. 241.38. – In einem wahrscheinlich 1879 entstandenen Heft exzerpierte Marx Strousbergs Schrift „Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert“ (Berlin 1876) (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 154/B 138). Schließen [126]

62Marx schrieb schon früher, dass dem Kredit- und Banksystem eine Tendenz zur finanziellen Instabilität eigen ist, da es alles Geldeinkommen in Kapital verwandle und zugleich die Geldreserve vermindere: „Es ist aber eben die Entwicklung des Credit und Banksystems […] that creates this sensibility of the whole machinery.“ Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 624/625. Schließen [127] Das Kreditwesen erscheine aber nur deshalb „als Haupthebel der Ueberproduction“, „weil der Reproductionsproceß, der seiner Natur nach elastisch ist, hier bis zur äussersten Grenze forcirt wird“, auch „weil ein grosser Theil des gesellschaftlichen Capitals von den Nichteigenthümern desselben angewandt wird, die daher ganz anders riskiren als der ängstlich die Schranken seines Privatcapitals erwägende Eigenthümer“. Ebenda. S. 505. Schließen [128] Eine risikoreiche Finanzoperation, von der in den Marx’schen Exzerpten häufig die Rede ist, ist das „bearing“. Die „bears“, so definierte der „Economist“, „have sold the shares of some particular banks which they never owned, have depressed the price of those shares and have ruined the credit of the bank“ („London. 1868“, S. 76). Als „Bären“ („bears“) wurden also Börsenspekulanten bezeichnet, die in großem Umfang Aktien verkaufen, die sie zum Verkaufszeitpunkt nicht besitzen, sondern erst später zu liefern sich verpflichten, und die in der Zwischenzeit versuchen, die Kursnotierung der Aktien zu drücken, indem sie etwa, mitunter durch Einsatz von Strohmännern und Falschmeldungen, schlechte Gerüchte über die Aktiengesellschaften streuen. Sind sie erfolgreich, gewinnen sie die Differenz zwischen dem hohen Preis, zu dem sie die Aktien verkauften, und dem vergleichsweise niedrigen Preis, zu dem sie sie später kauften und den sie teilweise durch ihre eigenen Machenschaften selbst herbeiführten. Die „Bären“ versuchen also Gewinne mittels Spekulationen auf Aktienkurseinbrüche oder den Bankrott einer Bank zu erzielen. Weil das „bearing“ für den Ausbruch der Krise von 1866 nicht unwichtig war, Den Organen des Geldmarkts war zu entnehmen, dass Leerverkäufe an den Bankrotten der Agra and Masterman’s Bank („London. 1868“, S. 215 u. 254) und von Overend, Gurney and Company (ebenda, S. 76) beteiligt waren. Schließen [129] unterbreitete später George Leeman, Mitglied des britischen Unterhauses, einen Vorschlag zur Regulierung der Leerverkäufe. Leemans Gesetzesentwurf sah vor, den Verkauf von nichtbesessenen Bankaktien zu untersagen und den Aktienbesitz in Registern zu erfassen (ebenda, S. 76 u. 123). Der „Economist“ indes verteidigte das „bearing“ als Mittel der Enttarnung unsolider Häuser, und Marx kritisiert diese Verteidigung in eigenen Worten und auf Formulierungen des Gedichts „Anno 1829“ von Heinrich Heine zurückgreifend: „Sehr charakteristisch! Eine Infamie stets checked by a still worse infamy! Dieß ist satte Tugend und zahlungsfähige Moral.“ (Ebenda, S. 76.)

63Zwar las Marx über die „Bären“ schon früher in den „Londoner Heften“, Etwa in seinen Exzerpten aus [Thomas] Mortimer: Every Man His Own Broker (MEGA² IV/7. S. 532/533) und [David Morier Evans:] The City or the Physiology of London Business (MEGA² IV/7. S. 589). Über die Spekulationstechnik des „bearing“ las Marx wahrscheinlich 1868/1869 auch in den beiden Büchern von Malcolm Ronald Laing Meason „The Bubbles of Finance“ (London 1865) und „The Profits of Panics“ (London 1866), die sich in seiner Handbibliothek befinden und viele Randanstreichungen von ihm aufweisen (MEGA² IV/32. Nr. 885 u. 886). Schließen [130] aber im Entwurf für das Kapitel über das zinstragenden Kapital von 1865 erwähnte er sie nicht, ebenso wenig wie das Prinzip der unbeschränkten Haftung. Doch gerade die neue Krise bot viel Anschauungsmaterial über ihre genaue Vorgehensweise und damit für Marx’ frühere These, dass wenn „das Eigenthum […] in der Form der Aktie existirt, […] sein movement selbst, sein transfer, reines Resultat des Börsenspiels [wird], wo die kleinen Fische von den Haifischen und das Schaaf von dem loup garou verschlungen wird“. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 504. Schließen [131] Die „Money Market Review“ berichtete deutlich kritischer als der „Economist“ über die Leerverkäufe und machte auf die, wie Marx in einem Inhaltsregister vermerkt, „Investor Losses from ‚Bear‘ Frights“ („London. 1868“, S. 285) aufmerksam. Marx scheint einen ähnlichen Kritikpunkt formuliert zu haben, als er schreibt: „Übrigens, wenn der Economist sagt, daß no good concerns ruined durch die bears, so massenhaft private possessors of good securities frenzied into selling them.“ (Ebenda, S. 76.) Auch in einem Brief an Collet bemerkt er über das krisenverschärfende Verhalten der „Bären“: „It is notorious that, during the Panic, an organised conspiracy of Bears was deliberately seizing upon, and exaggerating, every symptom of distress. Now, if our supposed Greek firm had at 2 o’clock forced two great Joint Stock Banks to suddenly withdraw a million of Notes from the B.o.E., and simultaneously, through the agency of a few Bears, alarmed the Stock Exchange by spreading this news, the Banking Department must have stopped payment within an hour.“ Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital. Schließen [132]

64Eindeutig fällt Marx’ Bewertung des Wirtschaftsskandals um Overend, Gurney and Company aus, desjenigen Bankhauses, dessen Bankrott die Krise von 1866 auslöste. Dieser alte Wechselmakler war Mitte 1865 in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung („limited liability“) umgewandelt worden und schon bald nach ihrer Pleite am 10. Mai 1866 kam ans Tageslicht, dass bei der Umwandlung der Firma alte Schulden in Höhe von vier Millionen Pfund Sterling in dem Prospekt des neuen Unternehmens verschwiegen worden waren, was Marx an einer Stelle in eigenen Worten als „deliberate fraud upon the public“ („London. 1868“, S. 74) bezeichnet. Der „Money Market Review“ galten die Vorgänge um diese Firma als „one of the most gigantic and unmitigated frauds ever recorded in our mercantile history“ (ebenda, S. 259). Marx nennt die Firma in eigenen Worten einen „swindling Concern“ (ebenda, S. 286). Er dokumentiert mehrere solcher Fälle von Diskrepanzen („misrepresentations“) zwischen entweder der Satzung oder der wirklichen Situation eines Unternehmens einerseits und der im für die Öffentlichkeit zugänglichen Prospekt dargestellten tatsächlichen Lage des Unternehmens andererseits: Wie Overend, Gurney and Company wurde auch die Smith, Knight and Company in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt, weil sie insolvent war und sich die Firmeninhaber finanziell befreien und ihre Kreditgeber auszahlen wollten. Bei Overend, Gurney and Company wurden zudem noch die Defizite der alten Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung bei ihrer Umwandlung in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung in der Bilanz des neuen Unternehmens einfach zu den Aktiva gerechnet, wie Marx exzerpiert: „Alle faulen Schulden figurirten as assets ‚to pay the liabilities transferred to the limited Co.‘ Den faulen Schulden unter denselben Rubriken noch zugefügt durch die limited liability Co.“ (Ebenda, S. 224.) Auch die auf den Garantiekonten des Unternehmens verbuchten Beträge stammten zum Teil von zahlungsunfähigen Firmen. Neben diesen faulen Schulden, die als Aktiva auf die neue Firma übergingen, bestanden bei der alten Firma Verbindlichkeiten aus rediskontierten Wechseln, gewährten Krediten und Bürgschaften in Höhe von fast neun Millionen Pfund Sterling, darunter viele Liquiditätswechsel („accommodation bills“), die zum Teil unter Einsatz von Strohmännern entstanden waren (ebenda, S. 225 u. 233).

65Nach der Pleite von Overend, Gurney and Company sollten die Aktionäre für die Verluste des Unternehmens aufkommen. Weil sie ohne Kenntnis der betrügerischen Vorgänge geblieben waren, weigerten sich einige Aktionäre, die Verbindlichkeiten der Firma zu tilgen und die Gläubiger der Firma zu bedienen (ebenda, S. 100). Beim Erwerb einer Aktie zahlten Aktionäre nicht selten nur einen Teil des nominalen Aktienwerts ein: Eine Aktie mit Nominalwert von 20 Pfund Sterling wurde oftmals nur mit fünf Pfund Sterling gezeichnet und das Unternehmen konnte zu einem späteren Zeitpunk mit einem Aufruf („call“) die Differenz (oder einen Teil von ihr) einfordern. Wie bemerkt, vertrat der „Economist“ die Auffassung, dass die Aktionäre trotz des Betrugs die Verbindlichkeiten der Diskontbank zu tilgen hätten (ebenda, S. 109). Diese Parteinahme muss wahrscheinlich zu den Gründen gezählt werden, aus denen Marx so ausführlich auf die „Money Market Review“ zurückgreift, die sich deutlich auf der Seite der Aktionäre positionierte. Es sind gerade diese umfangreichen Exzerpte aus der Berichterstattung der „Money Market Review“ sowie einer Reihe von Leserbriefen eines Insiders mit dem Pseudonym „1915“ an die Zeitschrift, die Marx unter der Überschrift „Commercial Morality“ führt (ebenda, S. 258, 258/259, 259, 260 u. 263) und auch in einem Inhaltsregister unter demselben Stichwort sammelt (ebenda, S. 286). Inspiriert von der Berichterstattung der „Money Market Review“ und den Leserbriefen von „1915“ gibt Marx einen längeren Kommentar zu den Vorgängen bei Overend, Gurney and Company ab:

66

„Der Case war sehr simple. Nach dem Limited Liability Act of 1862 hat der creditor no hold on the personal shareholder, sondern nur auf den corporate body, die Co. Nun sagten die shareholders – dieß war die question – sie seien nicht members dieser fraudulenten Co, die ursprünglich nur aus den 7 Directoren bestand. Die shareholders hatten keinen Ertrag erhalten, die creditors ihr eingezahltes Kapital bereits gefressen. Die Co. war bankrott, bei ihrem Beginn (eh shareholders drin waren) July 1865 so gut wie May 1866. Mit ganz wenigen Ausnahmen alle Creditors waren die identical creditors der old firm. Sie wurden also durch den fraud – nach dem Judgment erst des Malins, dann der Lords, bezahlt, und steckten vielleicht mit in dem Hokus Pokus! Die Presse war fast ganz gekauft, Times und Economist an der Spitze, durch die creditors. Marx’ Kritik an der Berichterstattung des „Economist“ und der „Times“ bezieht sich zum Beispiel auf die Angaben der „Money Market Review“, dass die „Times“ die Insolvenz der alten Firma bestritt („London. 1868“, S. 245). Wie Marx registriert, räumte zwar auch der „Economist“ ein, dass die Aktionäre durch den Prospekt getäuscht worden waren, schlug allerdings vor, dass die Aktionäre zunächst die Gläubiger bezahlen und anschließend die Direktoren der Firma auf Schadensersatz verklagen sollten (ebenda, S. 100). Schließen [133] Dieß Urtheil zugleich gegen die durch die Lords selbst anerkannten Precedents!“ (Ebenda, S. 271.)

67Später wurde bei einem Treffen der Overend-Aktionäre entdeckt, dass zum Zeitpunkt der Umwandlung des Unternehmens von einer Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung im Juli 1865 drei Verträge zwischen den Partnern der alten Firma und den Direktoren der neuen Firma ausgestellt worden waren, wobei den Aktionären nur einer davon zugänglich gemacht und ein anderer Vertrag, der die Insolvenz der alten Firma offenbarte, zurückgehalten worden war („1869 I Heft“, S. 30). Infolge dieser Enthüllungen kam es zu einem Gerichtsprozess gegen die Direktoren von Overend, Gurney and Company, den Marx über mehrere Exzerpthefte hinweg verfolgt und durch seine Tochter Jenny Marx dokumentieren lässt, und zwar über andere als den von ihm selbst exzerpierten Zeitschriften wie „The Daily News“ und „Reynolds’s Newspaper“. Jenny Marx gab selbst im Brief an Louis Kugelmann vom 27. Dezember 1869 an, zu diesem Zweck für ihren Vater Zeitungsausschnitte gemacht zu haben: „I have looked through several hundred newspapers, in order to make extracts from them to Moor of the financial swindling concerns etc.“ Jenny Marx (Tochter) an Louis Kugelmann, 27. Dezember 1869. In: MECW. Bd. 43. S. 548. Schließen [134] Marx’ Interesse an diesem Prozess dürfte auch mit seinem Vorhaben in Verbindung gestanden haben, die genauen Geschäftstransaktionen zu studieren. So wie er im April 1868 enttäuscht feststellte, dass Aycard für seine Geschichte des Crédit Mobilier nur das offizielle Material verwendet hatte, und dabei bemerkte, dass das „Geheimmaterial […] nur auf gerichtlichem Wege beigebracht werden“ Marx an Engels, 11. April 1868. In: MEGAdigital. Schließen [135] könnte, interessierte sich Marx auch deshalb so sehr für den Prozess gegen Overend, Gurney and Company, weil er hoffte, dass durch Intervention der Gerichte ans Tageslicht kommen würde, was in der Londoner City wirklich vor sich gegangen war.

68Marx gab allerdings gegenüber Engels – ungefähr zu der Zeit, als er die Exzerpte aus der „Money Market Review“ und dem „Economist“ abschloss – auch an, durch die Vorgänge und den Prozess gegen sechs der sieben Direktoren von Overend, Gurney and Company bestens unterhalten zu werden: „Die Gurney affaire amuses mich königlich. Ich habe diesen Saucase in allen Details studirt; fand daher nichts Neues in den proceedings im Mansion House, except great Edwards.“ Marx an Engels, 28. Januar 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4589). – Am 1. Januar 1869 begannen im Mansion House, dem Amtssitz des Lord Mayor von London, öffentliche Anhörungen über das Geschäftsgebaren von Overend, Gurney and Company. Marx interessierte sich für die Rolle von Edward Watkin Edwards („great Edwards“), der Bevollmächtigter („assignee“) des Londoner Konkursgerichts („Bankruptcy Court“) war und bei den Anhörungen im Mansion House zugab, seit mehreren Jahren als Nebentätigkeit für ein Jahressalär von 5000 Pfund Sterling für Overend, Gurney and Company als Anwalt und Bevollmächtigter in diversen Großtransaktionen tätig gewesen zu sein. Edwards’ Aussage im Mansion House, welche die „Daily News“ am 23. Januar 1868 abdruckte („Trade and Finance 1868“, S. [51]), erheischte große öffentliche Aufmerksamkeit (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu den drei Heften mit Zeitungsausschnitten). Später musste Edwards zugeben, von Stefanos Xenos, dem griechischen Schriftsteller und Gründer des von Overend, Gurney and Company finanzierten Unternehmens Greek and Oriental Steam Navigation Company, eine Yacht erhalten zu haben (ebenda, S. [60]). Schließen [136] Dieser Prozess endete im Dezember 1869 mit einem Freispruch für alle Direktoren, den Jenny Marx gegenüber Kugelmann am 27. Dezember 1869 kommentierte: „By the bye Overend and Gurney have just been acquitted. The bourgeoisie throughout the length and breadth of the land rejoice at the liberation of these ‘martyrs’ […]. I shouldn’t be at all surprised if these thieves in broadcloth were one of these days returned to Parliament to legislate for their countrymen. The partiality of the Judge for the defendants was so glaring, that it struck even the obtuse jury, and on one occasion elicited a protest from them.“ Jenny Marx (Tochter) an Louis Kugelmann, 27. Dezember 1869. In: MECW. Bd. 43. S. 548. Schließen [137]

Die Politik des Aktienwesens

69Zwar erwähnte Marx schon im Kapitel über das zinstragende Kapital des Manuskripts zum dritten Buch des „Kapital“ die „great city frauds“, „The money dealers of the country only, in point of fact, represent the public. ⦗Wie Herr Chapman später vor den Assisen in dem case Davidson etc⦘ (The great city frauds.)“ (Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 603.) Schließen [138] aber schrieb dort zugleich: „Noch ungehöriger und begriffsloser ist es, das Verleihen von Häusern etc für den individuellen Consum hier hereinzubringen. Daß die Arbeiterklasse auch in dieser Form beschwindelt wird, und zwar himmelschreiend, ist klar; aber dieß geschieht ebenso von dem Detailverkäufer, der ihr die Lebensmittel liefert.“ Ebenda. S. 663. Schließen [139] Marx bezeichnet diese Art des ‚Beschwindeln‘ als die „secundäre Exploitation, die neben der Primitiven herläuft, die im Productionsproceß selbst unmittelbar vor sich geht“. Ebenda. S. 663/664. Schließen [140] Neben ihrer ‚primären‘ Ausbeutung als Produzenten des Mehrwerts im Produktionsprozess des Kapitals vollzieht sich die „secundäre Exploitation“ der Arbeiterklasse also, sofern sie als Konsument und Kreditnehmer oder -geber auftritt. Auch in einem Inhaltsregister notiert Marx unter dem Gliederungspunkt „3) Commercial Morality“ unter anderem das Stichwort „Bescheissen von workmen“ („1869 I Heft“, S. 87). Schließen [141]

70Möglicherweise war es eine durch die Exzerpte vor allem aus der „Money Market Review“ veranlasste Neuorientierung, dass Marx das Kapitel über das zinstragende Kapital mit einer Darstellung der aktuellen ‚Schwindelpraktiken‘ anreichern wollte. So wie er im ersten Band des „Kapital“ ausführlich über Lebensmittelfälschung berichtete, „Die unglaubliche Brodverfälschung, namentlich in London, wurde zuerst enthüllt durch das Comité des Unterhauses ‚über die Verfälschung von Nahrungsmitteln‘ (1855–56) und Dr. Hassall’s Schrift ‚Adulterations detected.‘ […] Der bibelfeste Engländer wußte zwar, daß der Mensch, wenn nicht durch Gnadenwahl Kapitalist oder Landlord oder Sinekurist, dazu berufen ist, sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, aber er wußte nicht, daß er in seinem Brode täglich ein gewisses Quantum Menschenschweiß essen muß, getränkt mit Eiterbeulenausleerung, Spinnweb, schwarzen Käfer-Leichnamen und fauler deutscher Hefe, abgesehn von Alaun, Sandstein und sonstigen angenehmen mineralischen Ingredienzen.“ (MEGA² II/5. S. 193/194.) Schließen [142] dokumentiert er auch in den vorliegenden Heften die Fälschung von Bilanzen, Prospekten und Wechseln, aber auch von Cognac, Nachrichten und Telegrammmeldungen. Schließlich bezeichnete er die Vorgänge bei Overend als „deliberate fraud upon the public“ („London. 1868“, S. 74). Wie Marx allerdings schon in der Krise von 1857/1858 kritisierte, dass sich die Presse vor moralischer Entrüstung über einzelne Spekulanten überschlug, Karl Marx: The Commercial Crisis in England. In: New-York Daily Tribune, 15. Dezember 1857. In: MEGA² I/16. S. 104. Schließen [143] notiert er auch in den vorliegenden Exzerpten die Einwände der „Money Market Review“ gegen Versuche, das Problem auf wenige Sündenböcke zu reduzieren („London. 1868“, S. 250, 252 u. 255). Im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ führte Marx in diesem Sinne aus: „Weniger als jeder andre kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den Einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er social bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (MEGA² II/5. S. 14.) Schließen [144] Und als er aus der „Money Market Review“ exzerpiert, dass die Krise zur Überraschung vieler die Unsolidität der Eisenbahngesellschaften offenbarte, merkt er an: „In diesen Fällen der gewöhnliche Philister Indignation und Verwunderung, moralisches Geschrei, Committees of Investigation and so forth!“ („1868“, S. 54.) Doch sobald die Katastrophe vergangen ist und wieder Dividenden gezahlt werden, exzerpiert Marx weiter, vergesse die Öffentlichkeit auch die Krisenvorgänge, woraufhin er festhält: „So jedoch ist der moderne Geldphilister und wird sein in seculum seculorum!“ (Ebenda.)

71Gleichwohl spielte Marx mit dem Gedanken, dass die Overend-Affäre einen Wandel des politischen Klimas in England herbeiführen könnte, indem sie die Regierung in ein schlechtes Licht rücken würde. Er schrieb Engels am 3. Juli 1869: „Was sagst Du zu dem Verfahren des tugendhaften Gladstone u. Puritaners Bright in Overend, Gurney et Co? […] Die Gurney Affaire, resp. die Haltung des Ministeriums darin, ditto in der Mold Affaire, Gemeint ist die Niederschlagung eines Aufstands in der Stadt Mold durch das Militär. Siehe dazu „Entstehung und Überlieferung“ zu den drei Heften mit Zeitungsausschnitten. Schließen [145] endlich die Ministermogelei mit Lamuda u. andern Schweinhunden gegen die Trades Unions Bill – haben den Zauber der Namen Gladstone-Bright hier unter den Arbeitern in London verdammt gebrochen.“ Marx an Engels, 3. Juli 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4614). Schließen [146] Marx rekurriert unter anderem auf das Verhalten der Regierung unter Schatzkanzler William Ewart Gladstone im Prozess gegen Overend, Gurney and Company. Da es zu dieser Zeit noch keine Staatsanwaltschaft in Großbritannien gab und Gerichtsprozesse für private Kläger kostspielig und nur schwierig durchzuführen waren, wurde trotz hunderter im Zuge der Krise von 1866 überführter Delinquenten in den britischen Aktien- und Finanzgesellschaften insgesamt nur eine Handvoll an Strafverfahren angestrengt („1869 I Heft“, S. 55). Adam Thom, der Ankläger von Overend, Gurney and Company und ein Aktionär dieser Bank, musste daher die Anklage auf eigene Kosten führen und in Zeitungen um Geld bitten. Die Regierung unter dem „tugendhaften“ Schatzkanzler Gladstone indes weigerte sich, den Prozess mit staatlichen Finanzmitteln zu unterstützen oder ihn von staatlicher Seite führen zu lassen („Trade and Finance 1868“, S. [99]). Siehe auch Geoffrey Elliott: The Mystery of Overend and Gurney. A Financial Scandal in Victorian London. London 2006. S. 213. Schließen [147] In einem von Jenny Marx aus der „Daily News“ vom 2. Juli 1869 ausgeschnittenen Artikel heißt es: „Dr. Thom alleged that he had already spent all the money which he was able to spend in this prosecution, and unless the matter was taken up by the Government, they would hear the hackneyed phase of there being one law for the rich and another for the poor. This case showed more than anything of late years the necessity of appointing a public prosecutor.“ (Ebenda, S. [11].) Viele Leser der Zeitungen stellten sich auf die Seite des Anklägers Thom: „a prosecutor does represent the public“, heißt es in einem von Jenny Marx aus „Reynoldsʼs Newspaper“ vom 11. Juli 1869 ausgeschnittenen Leserbrief (ebenda, S. [99]). Da Gladstone seine Schatzkanzlerschaft auch der Reform des Wahlrechts durch den „Representation of the People Act“ (alias „Reform Act“) von 1867 (30 and 31 Vict., Cap. 102) verdankte, der eine erhebliche Ausweitung des Männerwahlrechts auch auf proletarische Schichten bewirkte, Vor der Verabschiedung verfügte rund eine Million erwachsener Männer (von rund sieben Millionen) in England und Wales über das Wahlrecht; der „Reform Act“ verdoppelte die Zahl der Wahlberechtigten und hatte große Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Unterhauses. Die erste allgemeine Wahl zum britischen Unterhaus nach Verabschiedung des „Reform Act“ führte zu einer Mehrheit der Liberalen Partei von 112 Sitzen im Unterhaus: Gladstone setzte sich gegen seinen konservativen Herausforderer Benjamin Disraeli durch und wurde Schatzkanzler. Engels bemerkte dazu: „Was sagst Du zu den Wahlen der Fabrikdistricte? Das Proletariat hat sich wieder einmal gräulich blamirt.“ (Engels an Marx, 18. November 1868. In: MEGAdigital.) Schließen [148] dachte Marx darüber nach, ob solche Fälle, in denen auch unter der neuen Regierung ein gegen das Proletariat gerichteter Justiz- und Militärapparat waltete, die Legitimation der neuen Regierung bei den „Arbeitern in London“ gefährden könnten.

72Es ist gleichwohl zu vermuten, dass sich Marx auch deshalb so sehr für den Fall von Overend, Gurney and Company interessierte, weil er ihn als durchaus typisch für das Aktienwesen betrachtet hat. Im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ von 1865 sah Marx die Aktiengesellschaften, die in Großbritannien nach der Krise von 1857/1858 so schnell Verbreitung gefunden hatten, durch drei Eigenschaften charakterisiert: Sie ermöglichen erstens eine ungeheure Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion und überschreiten die Grenzen eines Privatkapitals; zweitens erhält das Kapital in den Aktiengesellschaften „die Form von Gesellschaftskapital (Capital direkt associirter Individuen)“; Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 502. Schließen [149] drittens, wie oben bemerkt, trennen die Aktiengesellschaften der Form nach das Eigentum an Produktionsmitteln von ihrer Verwaltung. Aus diesen Gründen bezeichnet Marx das Aktienwesen als das „Resultat der capitalistischen Production, in ihrer höchsten Entwicklung“ Ebenda. Schließen [150] und führt dies wie folgt aus:

73

„Es ist dieß die Aufhebung der capitalistischen Productionsweise innerhalb der capitalistischen Productionsweise und daher ein sich selbst aufhebender Widerspruch, der prima facie als blosser Uebergangspunkt zu einer neuen Form der Productionsweise sich darstellt. Als solcher Widerspruch stellt er sich dann auch in der Erscheinung dar. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und sollicitirt daher Staatseinmischung. Er reproducirt eine neue Finanzaristokratie, neues Parasitenpack in der Gestalt der Unternehmungsprojectors und Directors (blos nomineller managers); ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf den Aktienhandel, ihre Ausgabe etc. Privatproduction ohne die Controlle des Privateigenthums.“ Ebenda. S. 503. Schließen [151]

74Vor dem Hintergrund der vorliegenden Exzerpte liest sich diese Passage wie eine Forschungsnotiz über das Aktienwesen, das Marx vertiefend untersuchen wollte: die Aufspaltung der Kapitalfunktionen, das „System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf den Aktienhandel“ und nicht zuletzt auch die Expropriation kleiner Kapitalisten, die Monopolbildung und die daraus resultierende Staatseinmischung. Wenn auch das Aktienwesen „Privatproduction“ bleibt und es somit nicht die grundlegenden Formbestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise wie Ware, Geld und Kapital überwindet, bildet seine Entwicklung „den Gegensatz zwischen dem Charakter des Reichthums als gesellschaftlichen und als Privatreichthum, neu aus“. Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 504. Siehe João Antonio de Paula, Hugo Eduardo da Gama Cerqueira, Leonardo Gomes de Deus, Carlos Eduardo Suprinyak, Eduardo da Motta e Albuquerque: Investigating Financial Innovation and Stock Exchanges. Marx’s Notebooks on the Crisis of 1866 and Structural Changes in Capitalism. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. N. F. 2014/2015. Hamburg 2016. S. 194–217. Schließen [152] Auch weil das, was im Börsenspiel riskiert wird, Gesellschaftskapital ist, veranlasst („sollicitirt“) das Aktienwesen unweigerlich die Staatseinmischung.

75Aktienwesen, Monopolbildung und die Rolle des Staats in der modernen Gesellschaft sind folglich weitere Hauptthemen der vorliegenden Exzerpte. Bei der Staatseinmischung geht es nicht nur um Agenturen wie Staatsanwaltschaft, Konkursgerichte, Untersuchungsausschüsse und Gerichte, Geldmarkt-Regulierung und Finanzaufsicht, sondern auch um Fälle einer Übernahme, Kontrolle oder Regulierung von Aktiengesellschaften durch den Staat. Ein Beispiel dafür ist die Gasversorgung in London, die seit dem „Metropolitan Gas Act“ von 1860 durch dreizehn Aktiengesellschaften erfolgte, welche jeweils einen Bezirk der Stadt belieferten. Als ein parlamentarischer Untersuchungsbericht erhebliche Probleme bei der Qualität des Gases dokumentierte, kritisierte der „Economist“ dieses System als funktionsuntüchtiges Monopol und Marx notiert die Auffassung der Zeitschrift, dass der Staat die Gasversorgung selbst bewerkstelligen soll: „Every monopoly must, as such, be under public regulation, or it may hurt the public. Incomparably the best system in such a case where it can be applied, is that the State should be itself the producer.“ („London. 1868“, S. 130.) Bereits in seinem längeren Kommentar über die Geldsysteme seiner Zeit betont Marx die wachsende Bedeutung des Staatskapitals und schreibt, dass der Staat „in immer grössrem Umfang“ „selbst Geschäft treibt, Eisenbahnen, Minen, Telegraphe etc“ (ebenda, S. 79).

76Auch in der Eisenbahnfrage geht Marx mehrmals auf verschiedene Aspekte der Staatseinmischung ein: Regulierung und Prüfung der Bilanzen, Sozialisierung der Verluste und Planung eines Streckennetzes. Der „Economist“ bezeichnete die indischen Eisenbahnen als „in fact state railways“ („London. 1868“, S. 50) und gestand: „As to the outline of arterial lines of railways, the plan more coherent and useful in proportion to the outlay than in England.“ (Ebenda, S. 87.) Schließen [153] Aus einem Artikel notiert er unter der selbstgewählten Überschrift „Railways und State Control“ die damals diskutierte Forderung nach einem verpflichtenden Audit für die Bilanzen der Eisenbahngesellschaften durch den Staat: „‚Economist‘ at last reluctantly admits: ‚sole remedy for the present discredit in the railway market is an independent audit of the accounts of railway Cos by official auditors appointed by the State.‘ ‚The Govt is the only uniform authenticator possible.‘ Review bemerkt: the audit ought not to be optional (wie Economist will) but compulsory upon every Railway Co.“ („1869 I Heft“, S. 21.) Der „Economist“ zeigte sich bei Regulierungsvorschlägen also zögerlicher als die „Money Market Review“, die offen über die Methoden der „Fälschung“ von Eisenbahnbilanzen („Falsification of Railway Accounts“) berichtete. Marx notiert sich auch hier die genauen Methoden des „Account cooking“ wie zum Beispiel die Zahlung von Dividenden nicht aus Profiten sondern aus Krediten, die Unterrepräsentation zukünftiger Kapitalaufwendungen und die Nichtaufführung tatsächlicher Arbeitskosten in den Bilanzen. Die neue Regulierung durch den „Regulation of Railways Act 1868“ (31 and 32 Vict., Cap. 119) sah indes keine verbindliche Kontrolle durch den Staat vor, wie Marx aus der „Money Market Review“ vom 8. August 1868 exzerpiert: „Der Akt enthält nicht Compulsory official Audit.“ („1869 I Heft“, S. 41.) Außerdem machte die Krise staatliche Unterstützung für in Notlage geratene Eisenbahngesellschaften nötig: „In past years the question was raised as to whether the State ought not to buy up the railways as a means of increasing its revenue. Now the question has changed its complexion, and the interference of the State is demanded chiefly in the interest of the railway Cos themselves, as a method of relief from pressing embarrassments.“ (Ebenda, S. 27.) Zu einer Besprechung des „Economist“ von einem Vortrag Robert Dudley Baxters kommentiert Marx: „Es scheint, der eigentliche Zweck dieses paper war, in any way den Eisenbahnen – häklich gestellt und damals sehr in Verlegenheit ihre debentures etc zu zahlen – durch den Staat zu helfen.“ („London. 1868“, S. 110.)

77Staatliche Unterstützung in einem Katastrophenfall benötigte auch die britische Aktiengesellschaft East India Irrigation and Canal Company, die eine unrühmliche Rolle in der Hungersnot im indischen Orissa im Jahr 1866 spielte, welche rund eine Million Menschen das Leben kostete. Marx erwähnte diese Hungersnot an drei Stellen des ersten Bandes des „Kapital“ (MEGA² II/5. S. 287, 419 u. 603) und untersuchte sie ungefähr im Sommer 1868 in „Heft 3. 1868“ der „Hefte zur Agrikultur“ durch Exzerpte aus britischen Parlamentsberichten näher (MEGA² IV/18. S. 670–676). Ausführlicher zur Hungersnot in: MEGA² IV/18. S. 1132–1136. Schließen [154] Als ein unmittelbarer Anlass der Hungersnot gilt die durch den ausgebliebenen Monsun hervorgerufene Dürre im Winter 1865, die zu einer schwachen Reisernte führte. Dabei war die Regenmenge im Herbst ausreichend, aber es fehlte an einem Bewässerungssystem zur Aufbewahrung und Verteilung der Niederschläge. Die Bewässerungsgesellschaft East India Irrigation and Canal Company sollte für Orissa ein umfangreiches Kanalsystem anlegen und nach der Hungersnot von 1866 warf die indische Regierung der Gesellschaft vor, die Arbeiten am Kanalsystems Orissas vernachlässigt und nicht zum Abschluss gebracht zu haben und somit teilverantwortlich für die Hungersnot zu sein. Die von der Regierung anschließend geforderte beschleunigte Fertigstellung stellte das Unternehmen indes vor Probleme der Kapitalbeschaffung, weshalb die indische Regierung der Gesellschaft vorschlug, das Orissa-Vorhaben zu übernehmen („1869 I Heft“, S. 52). Als auf der Aktionärsversammlung in London am 28. November 1868 der Verkauf des Orissa-Vorhabens an die indische Regierung beschlossen wurde (ebenda, S. 54), erhielt die Gesellschaft als Gegenleistung eine Summe in bar in Höhe des gesamten eingezahlten Vermögens und 5% Zinsen sowie ferner die Direktoren und leitenden Angestellten eine Vergütung in Höhe von 50 000 Pfund Sterling (ebenda, S. 50). Marx notiert sich im Kontext des Ausbaus der indischen Bewässerungsanlagen ein zweites Beispiel für den nötig gewordenen staatlichen Eingriff in die Aktiengesellschaften: Zur Kapitalisierung des Bewässerungsvorhabens der East India Irrigation and Canal Company für die Region Behar (heute Bihar) gab die indische Regierung eine Garantie ab, der Gesellschaft das gesamte gelieferte Wasser abzunehmen, was einer Garantie für hohe Dividenden gleichkam („1869 I Heft“, S. 37). – Die „Money Market Review“ indes sah in der katastrophalen Wasserversorgung eine Gemeinsamkeit zwischen der indischen Provinz und den englischen Metropolen und führte diesen Mangel auf einen gemeinsamen Nenner zurück: die Regierungsunfähigkeit und das Missmanagement des britischen Staats. Marx exzerpiert: „If we look to our legislation and administration, as affecting national defense, national finance, army and navy, Bk.o.E., railways etc, in all we shall see the same lamentable indications of utter incapacity. The ‚ruling families‘ have lost the art of ruling, and the leading political parties the art of legislating and governing.“ („London. 1868“, S. 214.) Schließen [155]

78Daneben verfolgt Marx Diskussionen um die Gründung zentralstaatlicher Institutionen zur Bewältigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Probleme in England. So schlugen die Kommissare eines Untersuchungsberichts über die Verschmutzung des englischen Flusses Lee die Einführung eines „Conservancy Board“ vor, das für das gesamte Wassereinzugsgebiet verpflichtet wäre, für ein Ende der Abwasserzufuhr in den Fluss sowie für dessen allgemeine Instandhaltung Sorge zu tragen. Ähnlich berief die Regierung im September 1865 angesichts der „Cattle Plague“ die „Cattle Plague Commission“ ein und gründete eine staatliche Veterinärbehörde („State Veterinary Department“). Des Weiteren stellt Marx in seiner Notiz über das Verhältnis von Staat und Staatsbank fest, dass die Bank of England, damals formell noch eine Privatbank, immer mehr zu einer Staatsbank wird: „Staatsbank (ausschließlich) mit Zweigbanken, wie in Frankreich und mehr und mehr in England.“ („London. 1868“, S. 79.) Schließlich liest er über Bemühungen zu einer besseren öffentlichen Statistik: Seine Exzerpte über den Vorschlag, dass Lagerhalter und Spediteure dazu verpflichtet werden müssten, monatlich ihre gelagerten Baumwollvorräte anzuzeigen, notiert Marx unter einer Überschrift mit dem Zusatz „(Sthaatseinmischung.)“. Er exzerpiert: „formerly the great object of commercial reformers was to exclude the Government from trade; now their object is to get it back into trade. And the persons who used to object to State aid are now the persons who invoke it.“ („1869 I Heft“, S. 68.) Auch der Council of Foreign Bondholders lässt sich als eine Form des Sollizitierens der Staatseinmischung verstehen: Hier wurde der britische Staat im juristischen Sinne „sollicitirt“, also um Rechtshilfe angesucht, um auf internationaler Bühne die Interessen der englischen Gläubiger gegen Schuldnerstaaten zu vertreten.

79Bereits vor all diesen Exzerpten zur Staatseinmischung schreibt Marx zu Beginn des Hefts „London. 1868“: „Ueberall Centralisation und centralised Gvt. action unvermeidliches Schicksal der modernen Gesellschaft!“ („London. 1868“, S. 34.) Diese Bemerkung trifft er in seinen Exzerpten über eine Versammlung in einem Londoner Gesellschaftsklub im März 1866, auf der zur Beseitigung der katastrophalen Zustände in den englischen Arbeitshäusern Resolutionen eingebracht wurden, die vorschlugen, dass die Armenspitäler konsolidiert, durch einen allgemeinen Stadttarif unterstützt und unter eine einheitliche Leitung gestellt werden sollten. In anderen Exzerpten zu diesem Thema aus einem Artikel, der zwei aktuelle Parlamentsberichte vorstellt, welche die grauenhaften Bedingungen in den Arbeitshäusern dokumentieren, kommentiert Marx ähnlich: „Diese Scheisse wichtig, weil sie wieder zeigt, wie impossible local Gvt. in our state of things.“ (Ebenda, S. 152). Ähnlich stellte auch der „Economist“ angesichts der Skandale in der Arbeitshäusern fest: „The main source and reason of all the barbarities now exciting so much just indignation has been the desire to save expense, to keep the rates as far as possible ‚down‘. Das management der workhouses is mean, aber zugleich viel waste, peculation etc. Local boards are not good managers of money […] and local boards working through contracts are peculiarly liable to imposition and jobbery.“ („London. 1868“, S. 176.) Schließen [156] In den vorliegenden Exzerpten beschäftigt sich Marx also mit vielfältigen Formen der Staatseinmischung wie Staatskapital, Außenpolitik, Geldpolitik, Regulierung, Umwelt-, Sozial- und Wohnungspolitik.

80Die soziale Frage und den Pauperismus dokumentiert Jenny Marx für ihren Vater in dem Heft „Social cases. 1869“, in das sie 106 selbstausgewählte und dann ausgeschnittene Artikel aus verschiedenen englischen Zeitungen klebt. Auf die Zunahme des Pauperismus nach der Krise von 1866 machte Marx bereits im ersten Band des „Kapital“ aufmerksam, und zwar in dem Abschnitt, in dem er das „Allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“, eine stetig wachsende, gemessen an den Verwertungsmöglichkeiten des Kapitals überflüssige Bevölkerung hervorzubringen, historisch illustrieren will.

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„Vorher noch ein Wort über den officiellen Pauperismus, d.h. den Theil der Arbeiterklasse, der seine Existenzbedingung, Verkauf der Arbeitskraft, eingebüßt hat und von öffentlichem Almosen vegetirt. […] Die Krise von 1866, die London am schwersten traf, schuf in diesem Sitz des Weltmarkts, einwohnerreicher als das Königreich Schottland, für 1866 einen Pauperzuwachs um 19,5%, verglichen mit 1865, und um 24,4%, verglichen mit 1864, einen noch größern Zuwachs für die ersten Monate von 1867, verglichen mit 1866.“ Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 527. Schließen [157]

82Die Krise zeitigte enorme soziale Verwerfungen in London, und Marx führte schon im „Kapital“ einen Bericht an, in dem beschrieben wird, wie Tausende von Mechanikern im Osten der Stadt vor den Arbeitshäusern auf die Ausgabe von Lebensmittelmarken warten. Ebenda. S. 540/541. Schließen [158] Der erste in das Heft „Social cases. 1869“ geklebte Artikel stammt vom 25. Oktober 1868, also aus der Zeit, in der Marx intensiv an den Exzerpten aus der „Money Market Review“ und dem „Economist“ arbeitete, was darauf hindeuten könnte, dass er von Anfang an auch die sozialen Folgen der Krise berücksichtigen und möglicherweise im zweiten Band oder in einer neuen Auflage des ersten Bandes des „Kapital“ anführen wollte. Auch als er in dem Heft „1868“ die „Money Market Review“-Kritik an der „Times“ exzerpiert, die wirtschaftliche Stagnation und das Leiden der Londoner Arbeiter ganz einfach zu leugnen, bemerkt er: „And East End of London etc!“ („1868“, S. 68.) Die Themen der in „Social cases. 1869“ geklebten Zeitungsartikel sind zum Beispiel die unzähligen Skandale in den englischen Gefängnissen und Arbeitshäusern, wo überfüllte und nicht zu belüftende Zimmer, Selbstmorde, Gewalt des Personals und Ausbrüche von Seuchen auf der Tagesordnung standen; die Todesfälle in Polizeirevieren, in den Arbeitshäusern und ihren Krankenstationen; die Entstehung und Ausbreitung von Epidemien wie Typhus und einer als „famine fever“ bezeichneten Fieberkrankheit, die vor allem die arme Bevölkerung Londons im Herbst 1869 heimsuchte; Auswanderung als „Heilmittel“ für Armut sowie Armengesetzgebung wie der „Metropolitan Poor Act“ von 1867. Die Materialsammlung zeichnet ein grausames Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse im viktorianischen London. Das „Reynolds’s Newspaper“, eine häufig von Jenny Marx verwendete Zeitung, sprach von dem „barbarous mode in which the sick poor are dealt with in our workhouses“ („Social cases. 1869“, S. 38). Auch diese empörende Schreibweise der Presse konstatierte Marx bereits 1867 im ersten Band des „Kapital“, wo es heißt: „die Barbarei in der Behandlung der Paupers, worüber die englische Presse (Times, Pall Mall Gazette u.s.w.) während der letzten zwei Jahre so laut schrie, ist alten Datums. F. Engels konstatirt 1844 ganz dieselben Greuel und ganz dasselbe vorübergehende, zur ‚Sensationsliteratur‘ gehörige Geschrei.“ (Ebenda. S. 527.) Schließen [159]

83Wie bemerkt, ging Marx im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ davon aus, dass das Aktienwesen „den Gegensatz zwischen dem Charakter des Reichthums als gesellschaftlichen und als Privatreichthum“ neu ausbildet. Es scheint unbestreitbar, dass er in den vorliegenden Exzerpten Position gegen den privaten Charakter des Reichtums bezieht: gegen die „great city frauds“ und den Schwindel von Overend, Gurney and Company, gegen die Apologetik des „Economist“ und gegen die erbärmliche Lage eines großen Teils der arbeitenden Klasse in England. Diese Antipathie-Bekundungen sind allerdings nicht mit einer Parteinahme für die Seite des „Gesellschaftskapitals“ der Aktiengesellschaften zu verwechseln. Zum einen wirkt es eher, als würde Marx in den vorliegenden Exzerpten beobachten, wie sich bestehende Gegensätze durch institutionelle Innovationen (wie die Reform des Haftungswesens) und altbekannte, aber rasche Verbreitung findende Formen der wirtschaftlichen Kombination (wie das Aktienwesen) verlagern und neu ausrichten. Zum anderen kritisierte er 1881 in einer wieder gestrichenen Passage im ersten Entwurf für den Brief an Vera Ivanovna Zasulič die Elemente des Aktienwesens – „la jeu de bourse, la spéculation, les banques, les sociétés par action, les chemins“MEGA² I/25. App. S. 851. Schließen [160] –, die leicht zu akklimatisieren seien und in Russland auf Kosten der Bauern Fuß gefasst hätten, als ‚Auswüchse‘ („excroissances“) der kapitalistischen Produktionsweise. Die im Manuskript zum dritten Buch des „Kapitals“ noch stark betonte ‚aufhebende‘ Seite der Aktiengesellschaften scheint Marx hier nicht mehr in den Vordergrund gestellt haben zu wollen.

84Auch bedeutet seine Kritik der Privatproduktion im Aktienwesen nicht, dass Marx die Staatseinmischung befürwortet hätte. Schließlich vertiefte er seine langjährige Staatskritik gerade im Anschluss an die vorliegenden Exzerpte in seiner Schrift über die Commune de Paris von 1871 „The Civil War in France“. Marx präsentierte gerade die Commune als den wahren Gegensatz zum modernen Staat und als „the political form of the social emancipation“: Karl Marx: The Civil War in France (First Draft). In: MEGA² I/22. S. 58. Schließen [161] „The true antithesis to the Empire itself – that is to the state power, the centralized executive, of which the Second Empire was only the exhausting formula – was the Commune.“ Ebenda. S. 55. Schließen [162] In einer Passage, die von der Wirtschaftsgeschichte der 1860er Jahre geprägt ist, schrieb Marx folglich schon in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“, dass in einer zukünftigen, postkapitalistischen Gesellschaft, in welcher „der Produktionsprozeß unter die planmässige gesellschaftliche Controlle des Menschen gebracht u. von ihm beherrscht werden kann“, Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 39. Schließen [163] die „Gesellschaft“ – nicht der Staat – sich über den Umfang an Arbeit verständigen muss, die sie – dann ohne das Geldkapital und seine „Verkleidungen“ – für den Ausbau ihrer systemrelevanten Infrastruktur aufbringen möchte:

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„Denken wir die Gesellschaft nicht kapitalistisch, sondern kommunistisch, so fällt d’abord das Geldkapital ganz fort, also auch die Verkleidungen der Transaktion, die durch es hereinkommen. Die Sache reducirt sich einfach darauf, daß die Gesellschaft im voraus berechnen muß, wie viel Arbeit, Productionsmittel u. Lebensmittel sie ohne irgend welchen Abbruch in Geschäftszweigen (z.B. Bau v. Eisenbahnen etc) verwenden kann, die für längre Zeit […] weder Productionsmittel, noch Lebensmittel, noch irgend einen Nutzeffekt liefern, aber wohl Arbeit, Productionsmittel u. Lebensmittel der jährlichen Gesamtproduktion entziehn. In der kapitalistischen Gesellschaft dagegen, wo der gesellschaftliche Verstand sich immer erst post festum geltend macht, können u. werden so beständig grosse Störungen eintreten.“ Ebenda. S. 304–307. Schließen [164]

86Marx geht in den vorliegenden Heften wie auch schon früher davon aus, dass das „Schicksal“ eines zentralisierten Staats keine bloß französische Angelegenheit ist, sondern die moderne Gesellschaft insgesamt und „[u]eberall“ betrifft. In den vorliegenden Exzerpten beschäftigt er sich nicht nur mit der konkreten Manifestation dieses Schicksals in England, der „klassische[n] Stätte“ Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 12. Schließen [165] der kapitalistischen Produktionsweise, sondern hat darüber hinaus auch die Herausbildung eines Zentralstaats in den Vereinigten Staaten infolge von nationalen Reformen des Bildungs-, Steuer-, Währungs- und Bankenwesens im Zuge des Amerikanischen Bürgerkriegs im Blick. Marx sammelt die Mehrzahl dieser Auszüge unter dem Gliederungspunkt „13) United States“ seiner Exzerpte aus den Jahrgängen 1866/1867 des „Economist“ (für eine Beschreibung siehe „Entstehung und Überlieferung“ zum Heft „London. 1868“). Auch in den Indices zu den Auszügen aus den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“ in „London. 1868“ und zu den Auszügen der Jahrgänge 1868 der beiden Periodika in „1869 I Heft“ gibt es jeweils einen Gliederungspunkt „United States“. – Wahrscheinlich auch durch diese Exzerpte veranlasst, ergänzte Marx seine Bemerkungen über die Vereinigten Staaten in der französischen Ausgabe des „Kapital“: „la guerre civile américaine a entraîné à sa suite une énorme dette nationale, l’exaction fiscale, la naissance de la plus vile aristocratie financière, l’inféodation d’une grande partie des terres publiques à des sociétés de spéculateurs, exploitant les chemins de fer, les mines, etc., en un mot, la centralisation la plus rapide du capital. […] La production capitaliste y marche à pas de géant“ (Karl Marx: Le capital. In: MEGA² II/7. S. 688). Schließen [166]

87Mit den Themen Geld, Kredit und Krise beschäftigte sich Marx nach 1869 noch des Öfteren. Er erlebte 1873 und 1878/1879 zwei weitere allgemeine Wirtschaftskrisen und studierte in diesem Zusammenhang abermals Kredit-, Aktien-, Börsen- und Finanzsystem in den Exzerptheften von 1878/1879 und las dazu nicht mehr nur englische, sondern auch amerikanische, italienische, französische und russische Autoren (diese Exzerpte werden im Band IV/25 veröffentlicht). Hinweise darauf, dass er diese Themen mit größerer Aufmerksamkeit behandeln wollte, finden sich in den Entwürfen zum Brief an Zasulič und auch in den ökonomischen Texten, die nach den vorliegenden Exzerpten entstanden sind: Auf Aktien-, Börsen- und Eisenbahnwesen kam Marx mehrmals in den Manuskripten zum zweiten Buch des „Kapital“ zu sprechen (siehe MEGA² II/11) und die Agiotage, das Börsenspiel, erwähnte er ebenso wie die Bedeutung der Aktiengesellschaften als ein Mittel der Zentralisation des Kapitals in der französischen Ausgabe des „Kapital“ (1872–1875), wo dies zum ersten Mal in einer Ausgabe des „Kapital“ auftaucht.Ebenda. S. 549 u. 672. Schließen [167] Auch wenn Marx von den im Band IV/18 und der vorliegenden Edition versammelten Materialien ausgiebig in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“ Gebrauch gemacht hat (darüber informieren die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichten zu den einzelnen Heften), hat er, trotz aller durch diese Exzerpthefte überlieferten Anstrengungen, zu einer Überarbeitung des dritten Buchs des „Kapital“ nicht mehr angesetzt.

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88Die vorliegende Edition wurde von Timm Graßmann an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) unter Mitwirkung der japanischen MEGA-Arbeitsgruppe in Tokio unter Leitung von Teinosuke Otani (✝) erarbeitet. Als deren Mitglieder waren Hideto Akashi (Tokio), Kohei Saito (Osaka), Soichiro Sumida (Tokio) und Susumu Takenaga (Tokio) an den Editionsarbeiten beteiligt. Die Erstentzifferungen wurden im Moskauer Marx-Engels-Lenin-Institut, an der BBAW und an der japanischen MEGA-Arbeitsstelle in Tokio angefertigt. Die Exzerpte aus Otto Hausners „Vergleichender Statistik von Europa“ wurden von Johanna Preusse (Berlin) entziffert, die ebenfalls bei der Überführung der Texte in die digitale Edition behilflich war. Das Exzerptheft „1869 I Heft“ sowie die Exzerpte aus Feller/Odermann in „Heft II. 1869“ wurden von Norman Jakob (BBAW) kollationiert, der auch die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte zu den Exzerpten aus Feller/Odermann geschrieben hat. Die drei von Jenny Marx geführten Hefte wurden von Isaak Gelen (Passau) und E. Michael Schauerte (Miyazaki) kollationiert. An den Registerarbeiten wirkte Caroline Lura (BBAW) mit. Das Heft „London. 1868“ wurde von Carolyn Benson Korrektur gelesen. Wegen der Coronavirus-Pandemie konnten die Originalhefte noch nicht am IISG konsultiert werden, weshalb die Zeugenbeschreibungen provisorisch sind. Ljudmila Vasina (Moskau) hat die Zeugenbeschreibung für das Notizbuch aus den Jahren 1869 bis 1871 verfasst. Die digitale Edition wurde von der Arbeitsgruppe TELOTA (BBAW) von Teodora Dogaru, Gordon Fischer, Sascha Grabsch, Lou Klappenbach und Ruth Sander unter Mitarbeit von Timm Graßmann und Caroline Lura realisiert. Gedankt wird allen Institutionen, die die Vorbereitung und Edition des Bandes unterstützt haben, insbesondere dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam (IISG) und dem Russländischen Staatlichen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte (RGASPI) in Moskau. Der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften schließlich ist für die umfassende Förderung der Arbeiten zu danken.

Anmerkungen

  • [*] In die Einführung wurden Forschungsergebnisse eingearbeitet aus Timm Graßmann: Die Krisen des Kapitals. Marx, die politische Ökonomie und die periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen. Phil. Diss., Universität Osnabrück. Osnabrück 2020.
  • [1] Laut den Protokollen der Generalratssitzungen der IAA hat er seit dem 13. Oktober bis zum 30. März an fast jeder der beinahe wöchentlich stattfindenden Sitzungen teilgenommen und lediglich die Sitzungen vom 10. November, 8. Dezember 1868 und vom 19. und 26. Januar 1869 sowie vom 30. März 1869 verpasst. (Siehe die Generalratsprotokolle der IAA in: MEGA² I/21. S. 603–637.) Obwohl er Engels am 13. Januar 1869 wissen ließ, seit zwei Wochen unter einer schweren Erkältung gelitten zu haben – ein „Stockschnupfen“ halte „Aug, Ohr, Nase u. den ganzen Kopf, seit about 2 weeks, in förmlichem Belagerungszustand“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4587) –, nahm er an den IAA-Sitzungen vom 5. und 12. Januar 1869 teil (siehe MEGA² I/21. S. 617.3 u. 619.3). Auch gegenüber Louis Kugelmann sprach Marx am 11. Februar 1869 von einer langen Krankheit: „das verdammte Nebelwetter hier – nothing but mist –“ habe ihm „eine beinahe vierwöchentliche, ganz aussergewöhnlich bösartige Grippe zugeschanzt“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. C 358). So hat Marx wahrscheinlich krankheitsbedingt in den Generalratssitzungen vom 19. und 26. Januar 1869 gefehlt, nahm laut den Protokollen allerdings an den Sitzungen vom 2. und 9. Februar 1869 teil. (Siehe MEGA² I/21. S. 622.4 u. 624.3.) Möglicherweise war er also nur in der zweiten Hälfte des Januars 1869 nicht arbeitsfähig.
  • [2] Marx an Engels, 13. Februar 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4591). – Wann genau Marx mit der Arbeit an Manuskript II des zweiten Buchs zum „Kapital“ begonnen hat, ist schwer zu bestimmen (siehe MEGA² II/11. S. 910–915). Durch die vorliegenden Exzerpte lässt sich möglicherweise präzisieren, dass auch der Großteil des ersten Kapitels erst ab Januar 1869 entstanden ist, denn bereits die Fußnote 11 auf S. 12 des Manuskripts, in der Marx Besprechungen der „Money Market Review“ und des „Economist“ von einem Buch von Ernest Seyd erwähnt (MEGA² II/11. S. 33), lässt sich auf eine Rezeption der Jahrgänge 1868 der beiden Periodika zurückführen (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „1869 I Heft“), die Marx erst am 30. Dezember 1868 von Borkheim erhalten hat. Zwar ist es möglich, dass Marx diese Fußnote erst nachträglich in einen bereits bestehenden Haupttext gesetzt hat, aber dann müsste auch die im Manuskript unmittelbar folgende Fußnote 12 zu Victor Riquetti Marquis de Mirabeau erst zu einem späteren Zeitpunkt entstanden sein, was unwahrscheinlich sein dürfte, da diese Fußnote eine im Haupttext geäußerte Behauptung unmittelbar ausführt und nachweist.
  • [3] Diesen Plan wiederholte Marx noch zu Beginn von Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“ (MEGA² II/11. S. 28).
  • [4] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 664.
  • [5] Marx an Engels, 7. Mai 1867. In: MEGAdigital.
  • [6] Marx versammelt diese und andere Exzerpte unter dem Gliederungspunkt „7) Land in England and Agriculture“ seines Inhaltsregisters zu den Auszügen aus den Jahrgängen 1866/1867 des „Economist“ im Heft „London. 1868“ (S. 185/186) sowie unter dem Eintrag „8) Land“ in „1869 I Heft“ (S. 88). Einige der Titel, aus deren Besprechungen Marx exzerpiert, sammelt er später in bibliographischen Auflistungen in „Heft 3. 1868“ der „Hefte zur Agrikultur“ (MEGA² IV/18. S. 586–588 u. 728–730).
  • [7] Marx ließ Engels am 6. März 1868 wissen: „Herr Mac Leod hat es doch mit seinem lausigen u. pedantisch-scholastischen Buch über banks zu einer 2. Auflage gebracht. Er ist ein sehr gespreizter Esel, der jede banale Tautologie 1) in algebraische Formen bringt u. 2) geometrisch construirt. Ich habe ihm schon einen gelegentlichen Tritt in dem bei Duncker erschienenen Heft gegeben. Seine ‚grosse‘ Entdeckung ist: Credit is Capital.“ (MEGAdigital.) – Bei dem genannten Buch handelt es sich um Henry Dunning Macleod: The Theory and Practice of Banking. 2. Ed. Vol. 1.2. London 1866.
  • [8] Marx an Engels, 11. April 1868. In: MEGAdigital. – Bei dem erwähnten Buch handelt es sich um [Maurice] Aycard: Histoire du Crédit Mobilier 1852–1867. Bruxelles, Leipzig, Livourne 1867. Marx erhielt das Buch wahrscheinlich von Borkheim, denn dieser fragte ihn später, ob sich das Buch bei ihm befinde. Siehe Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 28. Dezember 1868. In: MEGAdigital.
  • [9] Karl Marx: Index zu: Commercial Reports of H. M.’s Consuls … 1865–1867. In: MEGA² IV/18. S. 654–658.
  • [10] Siehe John Mills an Marx, 16. September 1868. In: MEGAdigital. – Marx hatte Mills, dessen Angaben zufolge, am 26. August 1868 eine nicht überlieferte Notiz geschrieben und dort um Zusendung seines Vortrags über Kreditzyklen gebeten. Mills bestätigte das Versenden eines Pamphlets. Es handelt sich um John Mills: On Credit Cycles, and the Origin of Commercial Crises. In: Transactions of the Manchester Statistical Society. Session 1867–68. Manchester 1868. S. 9–40. Dieses Buch ist auch im Katalog der SPD-Bibliothek von 1927 verzeichnet (Nr. 41531), was es noch wahrscheinlicher macht, dass es sich im Besitz von Marx befand. Weil Mills auch eine positive Besprechung dieses Vortrags im „Economist“ erwähnt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Marx durch die Korrespondenz mit Mills zu dem Eindruck gelangt sein mag, neue Entwicklungen in der Kredittheorie verpasst zu haben und auch aus diesem Grund die Jahrgänge des „Economist“ durchgehen wollte. Allerdings kritisiert Marx bei der Lektüre dieser Besprechung Mills’ Theorie heftig („1869 I Heft“, S. 61).
  • [11] Karl Marx: Exzerpte aus „The Times“, 18. August 1868. In: MEGA² IV/18. S. 449/450.
  • [12] Marx an Engels, 25. September 1868. In: MEGAdigital. – Marx hatte sich also bereits auf der Suche nach diesem Buch befunden, bevor er die Exzerpte aus dem „Economist“ und der „Money Market Review“ begann. Die Exzerpte aus Foster in „Heft II. 1869“ sind zwar die letzten Exzerpte der vorliegenden Edition, die sich mit Kredittheorie im weiteren Sinne befassen, aber sie resultieren somit eher nicht aus einer möglichen Logik der Marx’schen Forschung. Während der Wiederaufnahme seiner Studien zum Kreditwesen wollte er diesen Klassiker aus dem Jahr 1804 unbedingt lesen (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „Heft II. 1869“). Auch die unmittelbar davor entstandenen Exzerpte aus der „Kaufmännischen Arithmetik“ von Feller/Odermann müssen in keinem direkten Zusammenhang mit den Exzerpten aus den beiden Wirtschaftszeitschriften stehen, denn das Buch befand sich bereits seit 1864 in Marx’ Besitz, als er es von Wilhelm Wolff erbte (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu „1869 I Heft“). Allerdings passt die Aneignung der genauen kaufmännischen Rechenoperationen durch Feller/Odermann zu Marx’ Vorhaben, die Praxis des Bank-, Börsen- und Handelswesens besser nachzuvollziehen.
  • [13] Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [14] Engels an Marx, 17. April 1868. In: MEGAdigital.
  • [15] Engels schrieb weiter: „Das Geheimmaterial der Gesch. des Credit Mobilier kann übrigens, & wird wahrscheinl. beim Sturz des Empire von selbst an den Tag kommen selbst wenn es ohne Intervention der Gerichte abgehn sollte.“ (Engels an Marx, 17. April 1868. In: MEGAdigital.)
  • [16] In seiner Bibliothek befanden sich etwa die folgenden Schriften aus den Jahren 1865 bis 1870: George Anderson: The Reign of Bullionism. Glasgow 1867 (MEGA² IV/32. Nr. 20); James J[ones] Aston: The Stock Exchange „a Sham Market“? London 1869 (ebenda. Nr. 41); [Samuel Orchart Beeton:] Beeton’s Guide Book to the Stock Exchange and Money Market. With Hints to Investors, and the Chances of Speculators. London [1870] (ebenda. Nr. 114); Seton Laing: A New Series of the Great City Frauds of Cole, Davidson, & Gordon. 5. Ed. London 1869 (ebenda. Nr. 718); Life Assurance Companies. Their Financial Condition. By an Actuary. London 1869 (ebenda. Nr. 777); Managers and Marionettes. London 1869 (ebenda. Nr. 829); [Malcolm Ronald Laing Meason:] The Bubbles of Finance. London 1865 (ebenda. Nr. 885); [id.:] The Profits of Panics; Showing How Financial Storms Arise, Who Make Money by Them, Who Are the Losers, and Other Revelations of a City Man. London 1866 (ebenda. Nr. 886); Robert Lucas Nash: Money Market Events, and the Value of Securities Dealt in on the Stock Exchange in the Year 1868. London 1869 (ebenda. Nr. 932); Adolph Samter: Die Reform des Geldwesens. Berlin 1869 (ebenda. Nr. 1166); Vollständige Handelswissenschaft. Theorie und Praxis derselben systematisch dargestellt für Kaufleute und Industrielle, besonders für Zöglinge des Handels. In Verbindung mit tüchtigen Geschäftsmännern und Gelehrten hrsg. v. Theodor Wenzelburger. Stuttgart, Leipzig 1869 (ebenda. Nr. 1380). – Im Katalog der SPD-Bibliothek von 1927 verzeichnet und damit wahrscheinlich im Besitz von Marx befanden sich außerdem Bücher und Schriften wie A[lexander] Brückner: Finanzgeschichtliche Studien. Kupfergeldkrisen. St. Petersburg 1867 (Nr. 32983); Adolph Wagner: Die russische Papierwährung. Riga 1868 (Nr. 33968); The Law of Negotiable Instruments; a Handbook of the Law on Inland and Foreign Bills of Exchange, Promissory Notes, Cheques, IOUs, and the Law of Bills of Lading. By a Barrister. London 1868 (Nr. 41442); John Mills: On Credit Cycles, and the Origin of Commercial Crises. Manchester 1868 (Nr. 41531); Overend, Gurney and Co. or the Saddle on the Right Horse. London 1866 (Nr. 41576); Ernest Seyd: Bullion and Foreign Exchanges Theoretically and Practically Considered. London 1868 (Nr. 41735; für eine Marx’sche Einschätzung siehe MEGA² II/11. S. 33); John Benjamin Smith: An Inquiry into the Causes of Money Panics and of the Frequent Fluctuations in the Rate of Discount. London 1866 (Nr. 41745).
  • [17] Marx an Nikolaj Francevič Daniel’son, 7. Oktober 1868. In: MEGAdigital.
  • [18] „No other crisis of the nineteenth century inspired as broad a range of commentary.“ (History of Financial Disasters. Vol. 2. Ed. by Benedikt Koehler. London 2006. S. 67.) Es wurden Verlaufsanalysen, satirische Pamphlete, Analysen des Krisenmanagements, juristische Abhandlungen und polemische Streitschriften verfasst.
  • [19] Die Gesamtkrise „eclatirt“ im Geldmarkt, schrieb Marx bereits 1851 in seiner längeren Notiz „Reflection“ (MEGA² IV/8. S. 231). Wahrscheinlich 1855/1856 entstand eine Exzerptsammlung, die Marx mit „Citate. Geldwesen. Creditwesen. Crisen“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 79) betitelte (erscheint in MEGA² IV/13). Im „Ökonomischen Manuskript 1861–1863“ heißt es, dass „die reale Crisis […] nur aus der realen Bewegung der capitalistischen Production, Concurrenz und Credit, dargestellt werden [kann]“ (MEGA² II/3. S. 1133).
  • [20] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 545.
  • [21] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie 〈Manuskript 1861–1863〉. In: MEGA² II/3. S. 1154.
  • [22] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft. In: MEGA² II/2. S. 240.
  • [23] Marx ging damals von einem engen Zusammenhang zwischen Krise und Revolution aus, wie er zum Beispiel zum Abschluss seiner eigenen Rekonstruktion der Krise von 1847 in der „Neuen Rheinischen Zeitung. Politisch-ökonomische Revue“ zu erkennen gab: „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Revue. Mai bis Oktober 1850. In: MEGA² I/10. S. 467.)
  • [24] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 540.
  • [25] Marx bezeichnete die Baumwollhungersnot im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ als das „größte Beispiel der Unterbrechung des Reproductionsprocesses durch want and consequent high price, of the raw material“ (MEGA² II/4.2. S. 198).
  • [26] Siehe Susumu Takenaga: Marx’s Exzerpthefte of the later 1860s and the Economic Crisis of 1866. In: Marx-Engels-Jahrbuch 2015/16. Berlin 2016. S. 71–102.
  • [27] „Was den Umfang der Lähmung betrifft, so standen nach den authentischen Schätzungen im Oktober 1862 60,3% der Spindeln und 58% der Webstühle still.“ (MEGA² II/5. S. 372.)
  • [28] Zur „Cotton Famine“ siehe zum Beispiel Douglas Anthony Farnie: The English Cotton Industry and the World Market, 1815–1896. Oxford 1978; W. O. Henderson: The Lancashire Cotton Famine, 1861–1865. Manchester 1934. Marx und Engels lasen das Buch von John Watts: The Facts of the Cotton Famine. London, Manchester 1866. Als sie Ende 1868 über das Ausmaß der Baumwollvorräte während der „Cotton Famine“ diskutierten, schrieb Engels: „Vieles findest Du übrigens in Watts.“ (Engels an Marx, 11. Dezember 1868. In: MEGAdigital.)
  • [29] Zur finanziellen Entwicklung in Großbritannien während der 1860er Jahre und zur Krise von 1866, siehe John Harold Clapham: The Bank of England. A History. Vol. 2. Cambridge 1944; Philip L. Cottrell: Railway Finance and the Crisis of 1866: Contractors’ Bills of Exchange, and the Finance Companies. In: The Journal of Transport History. N. S. 1975. Nr. III. S. 20–40; id.: Credits, Morals and Sunspots: the Financial Boom of the 1860s and Trade Cycle Theory. In: Money and Power. Essays in Honour of L. S. Pressnell. Ed. by P. L. Cottrell and D. E. Mogridge. Basingstoke, London. S. 41–71; David Foucaud: The Impact of the Companies Act of 1862. Extending Limited Liability to the Banking and Financial Sector in the English Crisis of 1866. In: Revue économique. Vol. 62. 2011. Nr. 5. S. 867–897; Joshua Gooch (o.D.): On „Black Friday,“ 11 May 1866. In: BRANCH: Britain, Representation and Nineteenth-Century History. Ed. Dino Franco Felluga. Extension of Romanticism and Victorianism on the Net (Zugriff: Mai 2021); Marc Flandreau, Stefano Ugolini: Where It All Began: Lending of Last Resort at the Bank of England Monitoring During the Overend-Gurney Panic of 1866. In: The Origins, History, and Future of the Federal Reserve. Ed. by Michael D. Bordo and William Roberds. Cambridge 2013. S. 113–161.
  • [30] Dazu Philip L. Cottrell: Railway Finance and the Crisis of 1866: Contractors’ Bills of Exchange, and the Finance Companies. In: The Journal of Transport History. N. S. 1975. Nr. III. S. 20–40.
  • [31] Wie bemerkt, informierte sich Marx bereits im April/Mai 1868 im „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ (MEGA² IV/18) bei Patterson und Laing näher über die grundlegenden Formen der „Railway Finance“ und die verschiedenen Aktien und Schuldverschreibungen, von denen die Eisenbahngesellschaften Gebrauch machten.
  • [32] Philip L. Cottrell: Credits, Morals and Sunspots: the Financial Boom of the 1860s and Trade Cycle Theory. In: Money and Power. Essays in Honour of L. S. Pressnell. Ed. by P. L. Cottrell and D. E. Mogridge. Basingstoke, London 1988. S. 41–71, hier: S. 43–45.
  • [33] Philip L. Cottrell: Investment Banking in England, 1856–1881. A Case Study of the International Financial Society. Vol. 1. New York 1985. S. 52/53.
  • [34] Siehe B. L. Anderson, P. L. Cottrell: Money and Banking in England. The Development of the Banking System, 1694–1914. Newton Abbot 1974. S. 304; David Foucaud: The Impact of the Companies Act of 1862. Extending Limited Liability to the Banking and Financial Sector in the English Crisis of 1866. In: Revue économique. Vol. 62. 2011. Nr. 5. S. 867–897.
  • [35] Marx an Lion Philips, 25. Juni 1864. In: MEGA² III/12. S. 575. – Kurz darauf wiederholte er, dass im Laufe des Jahres 1864 „Myriaden von swindling jointstock companies […] wie Pilze aus der Erde gewachsen sind“ und kündigte einen „grosse[n] crash“ an, zu dem es im Oktober 1864 in Gestalt einer Geldklemme mehr oder weniger wirklich kommen sollte. Siehe Marx an Lion Philips, 17. August 1864 (MEGA² III/12. S. 612).
  • [36] Marx an Engels, 13. Februar 1866. In: MEGAdigital.
  • [37] Marx an Engels, 17. Mai 1866. In: MEGAdigital. – Marx meint hier, dass die Zeit nach dem Ende der „Cotton Famine“ und der Wiederherstellung der Rohstoffzufuhr aus den Vereinigten Staaten nicht ausreichte, um eine neue Überproduktion der englischen Baumwollindustrie herbeizuführen.
  • [38] Engels an Marx, 25. Mai 1866. In: MEGAdigital.
  • [39] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 540.
  • [40] Die Ursachen der Krise fanden auch im Bekanntenkreis von Marx Aufmerksamkeit; beispielsweise schrieb ihm Wilhelm Eichhoff am 25. März 1868, er habe „3 Vorträge über ‚Die Ursachen der Handelsstockungen der Gegenwart‘ zugesagt“ (MEGAdigital). Leider ist keine Antwort von Marx überliefert, die vielleicht Auskunft über dessen Einschätzung von Eichhoffs Vorhaben gegeben haben könnte.
  • [41] In einem Brief spricht Marx von den ‚Annalen der Handelsgeschichte‘ („the annals of English commercial history“) (Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital) und Engels erfasst in seinem Inhaltsverzeichnis zu „1869 I Heft“ die Marx’schen Exzerpte aus dem Jahrgang 1868 der beiden Periodika ebenfalls mit „Handelsgeschichte“ („1869 I Heft“, Umschlag), einem Begriff, den Marx auch in der zweiten Auflage des ersten Bandes des „Kapital“ verwendete (MEGA² II/6. S. 669.10).
  • [42] Die Krise behandelnde Titel, die Marx durch Hinweise, Besprechungen und Teilauszüge in der Presse erfasst, sind etwa [Malcolm Ronald Laing Meason:] The Profits of Panics; Showing how Financial Storms Arise, who Make Money by them, who Are the Losers, and other Revelations of a City Man. London 1866; John Benjamin Smith: An Inquiry into the Causes of Money Panics and of the Frequent Fluctuations in the Rate of Discount. London 1866; The Financial Lessons of 1866. A Letter, Addressed, by Permission, to W. E. Gladstone. By a City Manager. London 1867; William Fowler: The Crisis of 1866. London 1867; John Peter Gassiot: Monetary Panics and Their Remedy. London 1867; John Mills: On Credit Cycles, and the Origin of Commercial Crises. In: Transactions of the Manchester Statistical Society. Session 1867–68. Manchester 1868. S. 9–40. – In einem seiner Inhaltsregister legt Marx sogar einen Unterpunkt „B.) Theory of Panic“ („London. 1868“, S. 285) an.
  • [43] Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 13. Oktober 1868. In: MEGAdigital.
  • [44] Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 30. Dezember 1868. In: MEGAdigital. – Borkheim hatte die Lieferung der Leihgaben bereits zwei Tage zuvor angekündigt: „Haben Sie nicht von mir: 1, Slade 2, Aycard 3, Evans? Morgen oder übermorgen schicke ich Ihnen Economist. M.M. Review für 1868 – Haxthausen u. N. Rheinische.“ (Sigismund Ludwig Borkheim an Marx, 28. Dezember 1868. In: MEGAdigital.)
  • [45] Die Zeitschrift wurde von einem „Mr. Dunham“ gegründet, der zuvor langjähriger Redakteur der „Daily News“ und dort für die Finanzrubrik des „City Article“ verantwortlich war. Siehe James Grant: The History of the Newspaper Press. Vol. 3. The Metropolitan Weekly and Provincial Press. London, New York [1872]. S. 120.
  • [46] The Daily News, 24. Mai 1860. S. 4. Etwas kondensierter heißt es in einer zwei Tage später abgedruckten Anzeige: „exclusively devoted to Commerce and Finance. […] Thoroughly well-informed and perfectly original.“ (The Daily News, 26. Mai 1860. S. 4.)
  • [47] Andere Blätter, die zu dieser Zeit gegründet wurden, sind etwa der „Financial Reformer“ (erscheinend ab 1858), das „Liverpool Journal of Commerce, Daily Shipping, and Mercantile Advertiser“ (1861), das „Insurance Record“ und der „Investors’ Guardian“ (beide 1863) und „The Bullionist“ (1866). Siehe David J. Moss, Chris Hosgood: The Financial and Trade Press. In: Victorian Periodicals and Victorian Society. Ed. by J. Don Vann and Rosemary T. VanArsdel. Toronto 1994. S. 199–218.
  • [48] So konnte es bereits Marx den Börsenhandbüchern seiner Zeit entnehmen. Siehe [Samuel Orchart Beeton:] Beeton’s Guide Book to the Stock Exchange and Money Market. With Hints to Investors, and the Chances of Speculators. London [1870]. S. 69/70. Das Buch befand sich in Marx’ Bibliothek (MEGA² IV/32. Nr. 114).
  • [49] „In London, the Money Market Review: A Weekly Record of Trade and Finance was determined to be the best in the field. Seeking to prove that assertion, it ferociously attacked all competitors, including the ‘politically motivated’ Economist. The editor believed that conspiracies abounded and hinted at hidden deals between publishers and promoters to enhance certain companies. The Review’s accusations were not without merit, because some papers did act more in the manner of race-track touts than impartial analysts.“ (David J. Moss, Chris Hosgood: The Financial and Trade Press. In: Victorian Periodicals and Victorian Society. Ed. by J. Don Vann and Rosemary T. VanArsdel. Toronto 1994. S. 199–218, hier: S. 215.)
  • [50] Siehe MEGA² IV/14. S. 561.
  • [51] Siehe zum Beispiel die kritischen Diskussionen in den Auszügen aus dem „Economist“ in den „Londoner Heften“ (MEGA² IV/7. S. 449.25, 458 u. 484.28–29; MEGA² IV/8. S. 11/12 u. 71).
  • [52] Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEGA² I/11. S. 164 u. 166. Siehe: The Economist, 29. November 1851. S. 1317.
  • [53] Karl Marx: Corruption at Elections. In: New-York Daily Tribune, 4. September 1852. In: MEGA² I/11. S. 334.
  • [54] Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEGA² I/11. S. 164.
  • [55] Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 17.
  • [56] Ebenda. S. 33.33–34.
  • [57] „Im Geldmarkt ist das Capital in seiner Totalität gesezt“, schrieb Marx in den „Grundrissen“ (MEGA² II/1. S. 199).
  • [58] Marx an Collet Dobson Collet, 19. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [59] Marx an Engels, 11. April 1868. In: MEGAdigital.
  • [60] Karl Marx: Exzerpte aus „The Economist“. In: MEGA² IV/7. S. 449.
  • [61] „Das allgemeinste und sinnfälligste Phänomen der Handelskrisen ist plötzlicher, allgemeiner Fall der Waarenpreise, folgend auf ein längeres, allgemeines Steigen derselben. […] Ricardo’s Geldtheorie kam daher ungemein gelegen, da sie einer Tautologie den Schein eines Kausalverhältnisses giebt. Woher das periodische allgemeine Fallen der Waarenpreise? Vom periodischen Steigen des relativen Werths des Geldes. […] Es könnte eben so richtig gesagt werden, daß das periodische Steigen und Fallen der Preise von ihrem periodischen Steigen und Fallen herrührt.“ (Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft. In: MEGA² II/2. S. 241.)
  • [62] Siehe Fred E. Schrader: Restauration und Revolution. Die Vorarbeiten zum „Kapital“ von Karl Marx in seinen Studienheften 1850–1858. Hildesheim 1980.
  • [63] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 625.
  • [64] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie 〈Manuskript 1861–1863〉. In: MEGA² II/3. S. 1121.
  • [65] Marx an Engels, 5. März 1858. In: MEGA² III/9. S. 94.
  • [66] Die Bagehot-Werkausgabe „Collected Works“ enthält unter anderem eine Auswahl von Bagehots „Economist“-Artikeln und weist für die folgenden Artikel, die auch Marx in den vorliegenden Heften exzerpiert, Bagehot als Verfasser aus: „Should the Bank of England Allow Interest on Deposits?“ (The Economist, 24. März 1866. S. 346/347), „The State of the City“ (The Economist, 12. Mai 1866. S. 553/554), „What a Panic is and How it Might be Mitigated“ (The Economist, 12. Mai 1877. S. 554/555), „The Panic“ (The Economist, 19. Mai 1866. S. 581–583), „The Practical Effect of the Act of 1844“ (The Economist, 26. Mai 1866. S. 614/615), „Overend, Gurney, and Co., Limited and Unlimited“ (The Economist, 16. Juni 1866. S. 697/698), „Is it Better that the Banking Reserve of a Country Should be Kept in a Single Bank or be Distributed between Several Banks?“ (The Economist, 25. August 1866. S. 995/996), „The Causes of the Existing Depression of Trade and the Probabilities of its Removal“ (The Economist, 18. Mai 1867. S. 554/555; 25. Mai 1867. S. 582/583), „The ‘National Bank’ System of the United States: its Progress and Effects“ (The Economist, 8. Juni 1867. S. 638–640; 15. Juni 1867. S. 667/668; 22. Juni 1867. S. 695–697; 6. Juli 1867. S. 750–752). Siehe Walter Bagehot: The Collected Works. Ed. by Norman St John-Stevas. Vol. 9–11. The Economic Essays (in three volumes) with an Introduction by R. S. Sayers. London 1978. – Als Chefredakteur war Bagehot Hauptverfasser der Beiträge des „Economist“ und steuerte pro Ausgabe circa zwei Artikel bei, weshalb noch viele weitere der von Marx exzerpierten Artikel aus seiner Feder stammen dürften.
  • [67] Siehe The Economist, 12. Mai 1866. S. 555.
  • [68] Die Bemerkung „under J. Wilson“ steht nicht in der „Money Market Review“, sondern ist ein Zusatz von Marx.
  • [69] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 502. – Die „Money Market Review“ bezeichnete die Konflikte zwischen den Aktionären und der Direktion von Eisenbahngesellschaften als einen ‚Krieg‘ („The War between Railway Shareholders and the Board Rooms“) (Heft „1868“, S. 37). Als ein Beispiel für diesen Kampf kann der Streit im Jahr 1867 um die „pre-preference shares“ gelten. Eine in finanzielle Notlage geratene Eisenbahngesellschaft wollte zur Linderung ihrer Sorgen mit den „pre-preference shares“ eine neue Aktienform ausgeben, deren Emission die bestehenden Prioritäten schon emittierter Vorzugsaktien („preference shares“) einfach überschrieben und damit diese Vorzugsaktien entwertet hätte (ebenda, S. 35/36). Wie Marx zu diesen Plänen in eigenen Worten anmerkt, wären auf diese Weise „die existirnden Proprietors expropriir[t]“ worden (ebenda, S. 54).
  • [70] Bei den Exzerpten aus den Jahrgängen 1866/1867 aus den beiden Periodika greift Marx zuerst auf den „Economist“, dann auf die „Money Market Review“ zurück, aber für den Jahrgang 1868 kehrt er die Reihenfolge um und nimmt sich zuerst die „Money Market Review“ vor.
  • [71] Ein anderes Mal amüsiert er sich, als in einem Artikel der „Money Market Review“ die Schulden zur Quelle des Reichtums erklärt und die europäischen Staaten zu ihrer wachsenden Verschuldung beglückwünscht werden: „Wenn das kein ‚Progress‘ ist, meint dieß Orakel des Money Market, wo the devil soll Progress herkommen?“ („1868“, S. 35.) In der französischen Ausgabe des „Kapital“ erklärte Marx solche Vorstellungen durch die Bedeutung der Staatsschulden für die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus: „Il n’y a donc pas à étonner de la doctrine moderne que plus un peuple s’endette, plus il s’enrichit.“ (MEGA² II/7. S. 671.)
  • [72] Gelegentlich führt Marx auch Exzerpte aus mehreren Artikeln unter einer Überschrift zusammen, exzerpiert einen Artikel unter separaten Überschriften oder springt zwischen den Ausgaben hin und her. Zudem wandelt er die Titel der Artikel oft ab, ergänzt sie durch Zusätze in Klammern und ersetzt sie nicht selten durch eigene Überschriften. Sowohl die Modifikationen als auch die Zusätze geben häufig Aufschluss über sein genaueres Interesse an dem Exzerpierten (siehe dazu die Entstehungs- und Überlieferungsgeschichten zu den einzelnen Heften).
  • [73] In „The Money Market“ wurde zumeist am Beginn der Ausgabe ein kurzer Überblick über wichtige Ereignisse der Woche auf dem Geldmarkt geboten; „The Stock Markets“ hieß eine Rubrik in der Mitte der Ausgabe über die Bewegungen an der Börse; der „City Article“ schließlich war eine in der Regel ungefähr vierseitige Rubrik mit ausführlichen Angaben und Einschätzungen über die wöchentlichen Vorgänge bei der Bank of England, der Banque de France, dem Clearing House, auf dem Geld- und Edelmetallmarkt („Money Market“, „Bullion Market“) und bei den Wechselkursen („Exchanges“), mit verschiedenen Wirtschaftsnachrichten über zum Beispiel Bankrotte („Mercantile Embarassments“), Eisenbahnen („Railways“), Banken („Banks“), Anleihen („Bonds“) wie ausländische Staatsanleihen, den Aktienmarkt („Stock and Share Market“), Wertpapieren („Securities“), die Versicherungs- und öffentlichen Gesellschaften („Assurance Companies“, „Public Companies“) sowie zu einzelnen Unternehmen und Gesellschaften.
  • [74] Im Manuskript zum dritten Buch des „Kapital“ bestimmte Marx das Clearing House als eine Technik des bargeldlosen Zahlungsverkehrs: „Das blose Oekonomisiren erscheint in der highest Form im clearing House, dem blossen Austausch von Wechseln, oder der vorwiegenden Function des Geldes als Zahlungsmittel.“ (MEGA² II/4.2. S. 534.)
  • [75]Siehe The Money Market Review, 11. Mai 1867. S. 563.
  • [76] Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft. In: MEGA² II/2. S. 243.
  • [77] „Wie die falsche Auffassung der Gesetze, welche die Masse der Circulationsmittel regeln, sich in der falschen Auffassung der internationalen Bewegung der edlen Metalle nur widerspiegelt, habe ich ausführlich an Ricardo nachgewiesen.“ (Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 98.) Marx bezieht sich hier auf seine 1859 veröffentlichte Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (siehe MEGA² II/2).
  • [78] Neben der Kritik am „Bank Act“ und der „Krisenklausel“ betrifft dies insbesondere auch seine Exzerpte aus den Büchern von Goschen und Foster sowie ferner seine Kommentare zu den Krisenerwartungen des „Economist“ und dessen Analyse der „Greenback“-Währung in den Vereinigten Staaten, welche eine Inflation der Warenpreise verursacht habe („London. 1868“, S. 5, 38 u. 144).
  • [79] Marx an Engels, 1. März 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4594).
  • [80] Während des Bürgerkriegs emittierten die Nordstaaten seit der Verabschiedung des „Legal Tender Act“ von 1862 sogenannte „Greenbacks“, das heißt inkonvertibles, nicht durch Gold oder Silber gedecktes Papiergeld, das von der Zentralregierung zum gesetzlichen Zahlungsmittel („legal tender“) für wirtschaftliche Transaktionen und die Schuldentilgung erklärt wurde.
  • [81] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 542.
  • [82] „[O]bgleich a full Bullion Reserve meist in der Prosperity Zeit da, bildet sich dieser Schatz immer in der quiescent und stagnant Zeit, die auf den Sturm folgt.“ (Ebenda. S. 514.)
  • [83] Marx an Engels, 31. Mai 1873 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4685).
  • [84] In dem einzigen Register, wo dies nicht der Fall ist, behandelt Marx die Krisenbranchen. Siehe Fn. 86.
  • [85] Diesen Fakt teilte Marx auch Collet Dobson Collet in seinem Brief vom 13. November 1868 mit: „The 1866 Crisis exceptionally took place in the spring; commercial panics usually occur in autumn“ (MEGAdigital).
  • [86] In seinem Inhaltsregister zu den Exzerpten aus der „Money Market Review“ im Heft „London. 1868“ unterteilt Marx den Gliederungspunkt „2) Crisis of 1866“ in sieben weitere Unterpunkte und vermerkt dabei auch die Krisenbranchen Aktien-, Finanz- und Eisenbahngesellschaften: „A) Bank o. England und Act of 44“, „B.) Theory of Panic“, „C) Securities (Investments) und Panic“, „D) Joint Stock Banking und other Cos. Schwindel seit 1865 etc. (respective seit 62)“, „E.) Railways“, „F) Plethora of Money“, und „G.) Limited Liability Act of 1862“. Das Register zu seinem Exzerptheft „1868“ strukturiert er ähnlich, allerdings ohne die Punkte explizit mit der Krise von 1866 in Verbindung zu bringen. Die fünf Gliederungspunkte dort lauten: „1) Bank of England. (resp. France) und Moneymarket“, „2) Stock und Share Market. Investments etc“, „3) Cos.“, „4) Trade“ sowie „5) Railways“ (Heft „1868“, S. 84–86).
  • [87] Siehe History of Financial Disasters. Vol. 2. Ed. by Benedikt Koehler. London 2006. S. 67.
  • [88] Karl Marx: Index zu: Commercial Reports of H. M.’s Consuls … 1865–1867. In: MEGA² IV/18. S. 654.9–10 u. 658.15.
  • [89] Siehe ebenda.
  • [90] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 664.
  • [91] Karl Marx: Exzerpte aus „The Daily News“, 23. Oktober 1865. In: MEGA² IV/18. S. 123–125.
  • [92] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 664.
  • [93] Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 17.
  • [94] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 95.
  • [95] Wie Marx bei John Laing lesen konnte, aus dessen Buch er im „Heft zum fixen Kapital und Kredit 1868“ (MEGA² IV/18) exzerpierte, gewährte die Bank of England auf dem Höhepunkt der Krise Vorschüsse in nie dagewesenem Umfang von mehr als 12 Millionen Pfund Sterling in nur fünf Tagen. Siehe John Laing: The Theory of Business for Busy Men. 2. Ed. London 1868. S. 276/277.
  • [96] Womöglich mit Blick auf die Krise von 1866 bestimmte Marx bereits im ersten Band des „Kapital“ die selbständige Geldkrise als eine besondere Krisenart: „Die Geldkrise […] als Phase jeder Krise, ist wohl zu unterscheiden von der besondern Krisenart, die man auch Geldkrise nennt, die aber ein ganz selbstständiges Phänomen bilden kam, so daß sie auf Industrie und Handel nur rückschlagend wirkt. Es sind dieß Krisen, deren Bewegungscentrum das Geldkapital ist, und deren unmittelbare Sphäre daher auch die Sphäre der Haupt- und Staatsaktionen des Geldkapitals, Bank, Börse, Finanz.“ (MEGA² II/5. S. 94.)
  • [97] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 543.
  • [98] Ebenda. S. 595. – In der Marx’schen Handschrift heißt es an dieser Stelle „d. Panic“, was in MEGA² II/4.2 irrtümlicherweise zu „die Panic“ stillschweigend aufgelöst ist.
  • [99] Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [100] Marx an Engels, 3. Februar 1851. In: MEGA² III/4. S. 27.
  • [101] Siehe Karl Marx: The Bank Act of 1844 and the Monetary Crisis in England. In: New-York Daily Tribune, 21. November 1857. In: MEGA² I/16. S. 64–68. Dieser Artikel verschaffte ihm eine „Satisfaction“, weil der „Bank Act“ kurz darauf tatsächlich suspendiert werden musste (MEGA² III/8. S. 210).
  • [102] Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [103] Ebenda.
  • [104] Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [105] Dies erinnert an seine spätere Äußerung im Brief an Louis Kugelmann vom 27. Juli 1871: „Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen im Nu über den ganzen Erdboden ausstreut, fabriciren mehr Mythen (und d. bourgeois mind glaubt und verbreitet sie) in einem Tag, als früher in einem Jahrhundert fertig gebracht werden konnten“ (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. C 133).
  • [106] An einer Stelle schreibt Marx: „The B.o.E. asked for Government intervention on Friday (11 May) evening only, instead of on Thursday evening, because, to some extent, it was able to calculate the limits of the pressure to be met during the interval of one day. All such calculation becomes impossible from the moment political intrigue enters the field.“ (Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital.)
  • [107] Karl Marx: How Mr. Gladstone’s Bank Letter of 1866 Procured a Loan of Six Millions for Russia. In: MEGA² I/21. S. 101–103.
  • [108] Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital. – Siehe auch Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868: „I did never assert that the Russian Gvt. could prevent the Brit. Gvt. from suspending Peel’s Act. What I affirm is that, under certain conjunctures of the Money Market, the Russ. Gvt. might take the Bank unawares notwithstanding the will and the power of the Brit. Gvt. to come to her rescue.“ (MEGAdigital.)
  • [109] Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [110] Karl Marx: How Mr. Gladstone’s Bank Letter of 1866 Procured a Loan of Six Millions for Russia. In: MEGA² I/21. S. 102.
  • [111] Marx an Collet Dobson Collet, 2. November 1868. In: MEGAdigital. – Ferner heißt es: „This, however, is the least thing Peel’s Act does for Russia – to keep the English money market open for her. That act puts England, the richest country in the world, literally at the mercy of the Moscovite government, the most bankrupt government in Europe.“ (Ebenda.)
  • [112] Dass der „Bank Act“ die russische Regierung befähige, die Bank of England in der Anspannung einer Geldkrise zu Fall zu bringen, bezeichnete er gegenüber Engels als „einen neuen Floh“, den er „den Urquhartiten […] ins Ohr gesetzt“ habe und der nun „ernsthaft zwischen Collet u. Urquhart debattirt wird“. (Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital.) Als er Collet Dobson Collet die Publikation seines Briefs in der „Diplomatic Review“ zugesagt hatte, gab er am 23. November gegenüber Engels erneut an: „Was den Collet betrifft, so habe ich mir die Finger mit diesen verfluchten Urquartiten verbrannt. Du weißt – wenigstens glaube ich Dir das geschrieben zu haben – daß ich, aus blossem Spaß am mischiefmongering, Ihnen neue Flöhe über den Peel Act v. 1844 u. dessen nützliche Wirkung für Rußland ins Ohr gesezt. (Uebrigens ist die Sache richtig within certain limits.)“ (Marx an Engels, 23. November 1868. In: MEGAdigital.)
  • [113] Marx exzerpiert aus der „Money Market Review“ vom 4. April 1868 unter der selbstgewählten Überschrift „Crisis of 1866 und Nachwehn“: „Never a period of dull suffering and depression so long and continuously felt.“ („1869 I Heft“, S. 31.)
  • [114] Die Krise habe so viel Kapital vernichtet wie ein Krieg: „Dissipation of Capital, während der Extension Mania, almost as complete as a war expenditure.“ („London. 1868“, S. 132.)
  • [115] Eine Passage aus einem Engels-Brief integrierend, schrieb auch Marx über diese Überproduktion nach der Krise im ersten Band des „Kapital“: „In diesem Augenblick, März 1867, ist der indisch-chinesische Markt durch die Konsignationen der britischen Baumwollfabrikanten schon wieder völlig überführt.“ (Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 525. – Siehe auch ebenda. S. 356.)
  • [116] „The cotton market, which had previously declined to a comparatively low point, has not been so much affected by the monetary crisis as might have been expected.“ („London. 1868“, S. 61.)
  • [117] So exzerpiert Marx aus dem „Economist“ vom 6. Oktober 1866: „Four years ago our cottonsupply in jeopardy. This year larger than ever before. Already the aggregate importations during the first 9 months of the year exceed the average of the 2 years before the war, and we have still large quantities to receive“ („London. 1868“, S. 101).
  • [118] Marx an Engels, 14. November 1868. In: MEGAdigital. – Wahrscheinlich zu dieser Zeit erweiterte auch Jenny Marx den Schwerpunkt ihrer Auswahl von der ökonomischen Stagnation auf die Finanz- und Aktiengesellschaften (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu den drei Heften).
  • [119] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 212.
  • [120] Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 31/32. – Ähnlich exzerpiert Marx aus der „Money Market Review: „Under limited liability the nation has, during the last few years, been intoxicated with visions of rapidly acquired wealth.“ („London. 1868“, S. 284.)
  • [121] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 325.
  • [122] Ebenda. S. 505.
  • [123] Ebenda. S. 503.
  • [124] Nachdem Marx das Verb bereits im Parlamentsbericht von 1857 zur Wirkungsweise des „Bank Act“ nachweisen konnte, bestritt er die Behauptung des „Economist“ in Manuskript II zum zweiten Buch des „Kapital“: „Also dieß Wort schon völliges Bürgerrecht 1857!“ (MEGA² II/11. S. 185.20 u. Erl.)
  • [125] Dieser von Marx ausgiebig untersuchte Fall – er exzerpiert sogar die im „Economist“ abgedruckten Akzeptscheine („London. 1868“, S. 102/103) – ist später auch diskutiert worden bei Philip L. Cottrell: Railway Finance and the Crisis of 1866: Contractors’ Bills of Exchange, and the Finance Companies. In: The Journal of Transport History. N. S. 1975. Nr. III. S. 20–40, hier: S. 30/31.
  • [126] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. 2. Aufl. In: MEGA² II/6. S. 241.38. – In einem wahrscheinlich 1879 entstandenen Heft exzerpierte Marx Strousbergs Schrift „Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert“ (Berlin 1876) (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. B 154/B 138).
  • [127] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 624/625.
  • [128] Ebenda. S. 505.
  • [129] Den Organen des Geldmarkts war zu entnehmen, dass Leerverkäufe an den Bankrotten der Agra and Masterman’s Bank („London. 1868“, S. 215 u. 254) und von Overend, Gurney and Company (ebenda, S. 76) beteiligt waren.
  • [130] Etwa in seinen Exzerpten aus [Thomas] Mortimer: Every Man His Own Broker (MEGA² IV/7. S. 532/533) und [David Morier Evans:] The City or the Physiology of London Business (MEGA² IV/7. S. 589). Über die Spekulationstechnik des „bearing“ las Marx wahrscheinlich 1868/1869 auch in den beiden Büchern von Malcolm Ronald Laing Meason „The Bubbles of Finance“ (London 1865) und „The Profits of Panics“ (London 1866), die sich in seiner Handbibliothek befinden und viele Randanstreichungen von ihm aufweisen (MEGA² IV/32. Nr. 885 u. 886).
  • [131] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 504.
  • [132] Marx an Collet Dobson Collet, 13. November 1868. In: MEGAdigital.
  • [133] Marx’ Kritik an der Berichterstattung des „Economist“ und der „Times“ bezieht sich zum Beispiel auf die Angaben der „Money Market Review“, dass die „Times“ die Insolvenz der alten Firma bestritt („London. 1868“, S. 245). Wie Marx registriert, räumte zwar auch der „Economist“ ein, dass die Aktionäre durch den Prospekt getäuscht worden waren, schlug allerdings vor, dass die Aktionäre zunächst die Gläubiger bezahlen und anschließend die Direktoren der Firma auf Schadensersatz verklagen sollten (ebenda, S. 100).
  • [134] Jenny Marx (Tochter) an Louis Kugelmann, 27. Dezember 1869. In: MECW. Bd. 43. S. 548.
  • [135] Marx an Engels, 11. April 1868. In: MEGAdigital.
  • [136] Marx an Engels, 28. Januar 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4589). – Am 1. Januar 1869 begannen im Mansion House, dem Amtssitz des Lord Mayor von London, öffentliche Anhörungen über das Geschäftsgebaren von Overend, Gurney and Company. Marx interessierte sich für die Rolle von Edward Watkin Edwards („great Edwards“), der Bevollmächtigter („assignee“) des Londoner Konkursgerichts („Bankruptcy Court“) war und bei den Anhörungen im Mansion House zugab, seit mehreren Jahren als Nebentätigkeit für ein Jahressalär von 5000 Pfund Sterling für Overend, Gurney and Company als Anwalt und Bevollmächtigter in diversen Großtransaktionen tätig gewesen zu sein. Edwards’ Aussage im Mansion House, welche die „Daily News“ am 23. Januar 1868 abdruckte („Trade and Finance 1868“, S. [51]), erheischte große öffentliche Aufmerksamkeit (siehe „Entstehung und Überlieferung“ zu den drei Heften mit Zeitungsausschnitten). Später musste Edwards zugeben, von Stefanos Xenos, dem griechischen Schriftsteller und Gründer des von Overend, Gurney and Company finanzierten Unternehmens Greek and Oriental Steam Navigation Company, eine Yacht erhalten zu haben (ebenda, S. [60]).
  • [137] Jenny Marx (Tochter) an Louis Kugelmann, 27. Dezember 1869. In: MECW. Bd. 43. S. 548.
  • [138] „The money dealers of the country only, in point of fact, represent the public. ⦗Wie Herr Chapman später vor den Assisen in dem case Davidson etc⦘ (The great city frauds.)“ (Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 603.)
  • [139] Ebenda. S. 663.
  • [140] Ebenda. S. 663/664.
  • [141] Auch in einem Inhaltsregister notiert Marx unter dem Gliederungspunkt „3) Commercial Morality“ unter anderem das Stichwort „Bescheissen von workmen“ („1869 I Heft“, S. 87).
  • [142] „Die unglaubliche Brodverfälschung, namentlich in London, wurde zuerst enthüllt durch das Comité des Unterhauses ‚über die Verfälschung von Nahrungsmitteln‘ (1855–56) und Dr. Hassall’s Schrift ‚Adulterations detected.‘ […] Der bibelfeste Engländer wußte zwar, daß der Mensch, wenn nicht durch Gnadenwahl Kapitalist oder Landlord oder Sinekurist, dazu berufen ist, sein Brod im Schweiße seines Angesichts zu essen, aber er wußte nicht, daß er in seinem Brode täglich ein gewisses Quantum Menschenschweiß essen muß, getränkt mit Eiterbeulenausleerung, Spinnweb, schwarzen Käfer-Leichnamen und fauler deutscher Hefe, abgesehn von Alaun, Sandstein und sonstigen angenehmen mineralischen Ingredienzen.“ (MEGA² II/5. S. 193/194.)
  • [143] Karl Marx: The Commercial Crisis in England. In: New-York Daily Tribune, 15. Dezember 1857. In: MEGA² I/16. S. 104.
  • [144] Im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ führte Marx in diesem Sinne aus: „Weniger als jeder andre kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den Einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er social bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (MEGA² II/5. S. 14.)
  • [145] Gemeint ist die Niederschlagung eines Aufstands in der Stadt Mold durch das Militär. Siehe dazu „Entstehung und Überlieferung“ zu den drei Heften mit Zeitungsausschnitten.
  • [146] Marx an Engels, 3. Juli 1869 (IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. L 4614).
  • [147] Siehe auch Geoffrey Elliott: The Mystery of Overend and Gurney. A Financial Scandal in Victorian London. London 2006. S. 213.
  • [148] Vor der Verabschiedung verfügte rund eine Million erwachsener Männer (von rund sieben Millionen) in England und Wales über das Wahlrecht; der „Reform Act“ verdoppelte die Zahl der Wahlberechtigten und hatte große Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Unterhauses. Die erste allgemeine Wahl zum britischen Unterhaus nach Verabschiedung des „Reform Act“ führte zu einer Mehrheit der Liberalen Partei von 112 Sitzen im Unterhaus: Gladstone setzte sich gegen seinen konservativen Herausforderer Benjamin Disraeli durch und wurde Schatzkanzler. Engels bemerkte dazu: „Was sagst Du zu den Wahlen der Fabrikdistricte? Das Proletariat hat sich wieder einmal gräulich blamirt.“ (Engels an Marx, 18. November 1868. In: MEGAdigital.)
  • [149] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 502.
  • [150] Ebenda.
  • [151] Ebenda. S. 503.
  • [152] Karl Marx: Das Kapital (Ökonomisches Manuskript 1863–1865). Drittes Buch. In: MEGA² II/4.2. S. 504. Siehe João Antonio de Paula, Hugo Eduardo da Gama Cerqueira, Leonardo Gomes de Deus, Carlos Eduardo Suprinyak, Eduardo da Motta e Albuquerque: Investigating Financial Innovation and Stock Exchanges. Marx’s Notebooks on the Crisis of 1866 and Structural Changes in Capitalism. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. N. F. 2014/2015. Hamburg 2016. S. 194–217.
  • [153] Der „Economist“ bezeichnete die indischen Eisenbahnen als „in fact state railways“ („London. 1868“, S. 50) und gestand: „As to the outline of arterial lines of railways, the plan more coherent and useful in proportion to the outlay than in England.“ (Ebenda, S. 87.)
  • [154] Marx erwähnte diese Hungersnot an drei Stellen des ersten Bandes des „Kapital“ (MEGA² II/5. S. 287, 419 u. 603) und untersuchte sie ungefähr im Sommer 1868 in „Heft 3. 1868“ der „Hefte zur Agrikultur“ durch Exzerpte aus britischen Parlamentsberichten näher (MEGA² IV/18. S. 670–676). Ausführlicher zur Hungersnot in: MEGA² IV/18. S. 1132–1136.
  • [155] Marx notiert sich im Kontext des Ausbaus der indischen Bewässerungsanlagen ein zweites Beispiel für den nötig gewordenen staatlichen Eingriff in die Aktiengesellschaften: Zur Kapitalisierung des Bewässerungsvorhabens der East India Irrigation and Canal Company für die Region Behar (heute Bihar) gab die indische Regierung eine Garantie ab, der Gesellschaft das gesamte gelieferte Wasser abzunehmen, was einer Garantie für hohe Dividenden gleichkam („1869 I Heft“, S. 37). – Die „Money Market Review“ indes sah in der katastrophalen Wasserversorgung eine Gemeinsamkeit zwischen der indischen Provinz und den englischen Metropolen und führte diesen Mangel auf einen gemeinsamen Nenner zurück: die Regierungsunfähigkeit und das Missmanagement des britischen Staats. Marx exzerpiert: „If we look to our legislation and administration, as affecting national defense, national finance, army and navy, Bk.o.E., railways etc, in all we shall see the same lamentable indications of utter incapacity. The ‚ruling families‘ have lost the art of ruling, and the leading political parties the art of legislating and governing.“ („London. 1868“, S. 214.)
  • [156] Ähnlich stellte auch der „Economist“ angesichts der Skandale in der Arbeitshäusern fest: „The main source and reason of all the barbarities now exciting so much just indignation has been the desire to save expense, to keep the rates as far as possible ‚down‘. Das management der workhouses is mean, aber zugleich viel waste, peculation etc. Local boards are not good managers of money […] and local boards working through contracts are peculiarly liable to imposition and jobbery.“ („London. 1868“, S. 176.)
  • [157] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 527.
  • [158] Ebenda. S. 540/541.
  • [159] Auch diese empörende Schreibweise der Presse konstatierte Marx bereits 1867 im ersten Band des „Kapital“, wo es heißt: „die Barbarei in der Behandlung der Paupers, worüber die englische Presse (Times, Pall Mall Gazette u.s.w.) während der letzten zwei Jahre so laut schrie, ist alten Datums. F. Engels konstatirt 1844 ganz dieselben Greuel und ganz dasselbe vorübergehende, zur ‚Sensationsliteratur‘ gehörige Geschrei.“ (Ebenda. S. 527.)
  • [160]MEGA² I/25. App. S. 851.
  • [161] Karl Marx: The Civil War in France (First Draft). In: MEGA² I/22. S. 58.
  • [162] Ebenda. S. 55.
  • [163] Karl Marx: Das Kapital 〈Ökonomisches Manuskript 1868–1870〉. Zweites Buch: Der Zirkulationsprozeß des Kapitals (Manuskript II). In: MEGA² II/11. S. 39.
  • [164] Ebenda. S. 304–307.
  • [165] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1. In: MEGA² II/5. S. 12.
  • [166] Marx sammelt die Mehrzahl dieser Auszüge unter dem Gliederungspunkt „13) United States“ seiner Exzerpte aus den Jahrgängen 1866/1867 des „Economist“ (für eine Beschreibung siehe „Entstehung und Überlieferung“ zum Heft „London. 1868“). Auch in den Indices zu den Auszügen aus den Jahrgängen 1866/1867 der „Money Market Review“ in „London. 1868“ und zu den Auszügen der Jahrgänge 1868 der beiden Periodika in „1869 I Heft“ gibt es jeweils einen Gliederungspunkt „United States“. – Wahrscheinlich auch durch diese Exzerpte veranlasst, ergänzte Marx seine Bemerkungen über die Vereinigten Staaten in der französischen Ausgabe des „Kapital“: „la guerre civile américaine a entraîné à sa suite une énorme dette nationale, l’exaction fiscale, la naissance de la plus vile aristocratie financière, l’inféodation d’une grande partie des terres publiques à des sociétés de spéculateurs, exploitant les chemins de fer, les mines, etc., en un mot, la centralisation la plus rapide du capital. […] La production capitaliste y marche à pas de géant“ (Karl Marx: Le capital. In: MEGA² II/7. S. 688).
  • [167]Ebenda. S. 549 u. 672.

Zitiervorschlag

Graßmann, Timm: Einführung. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/Einfuehrung. Abgerufen am 24.10.2021.