| Paris, 18. Sept. 1867

Sehr geehrte und liebe Frau Marx

Es sind nun allerseits zwei Jahre verstrichen, da hatt ich ein nettes Brieflein an Sie komponirt, so wie ein ehrbarer und gesitteter Jüngling Eins der Hausfrau, in deren Hause er Gast- und sonstige Freundschaft genoßen hat, widmen soll. Und als das Brieflein fertig war, sah ich, daß es nicht gut war (zum Unterschiede von unserm Schöpfer, der immer sah, daß es gut war, biblisch gesprochen); vor lauter Manierlichkeit war es manièrirt ausgefallen, altmodisch, nicht werth I[hn]en gewidmet zu werden: und so widmete ich es [de]m Camin; und ich wartete auf eine beßere Inspiration, auf eine andre Gelegenheit mich Ihnen zu nahen.

Und Gott sey’s gedankt – Gott Amor nämlich, der mir die Gelegenheit verschafft, die ich hiermit mit beiden Händen ergreife, Ihnen und Ihrem schönen Ebenbilde und lieben Kinde und Allen die es angeht meine herzlichsten Glückwünsche zu der von seinem Götterknaben in Ihrem Familienkreise angezettelten Liebes- respective von seinem | Spießgesellen Hÿmen betriebnen Heiratsgeschichte darzubringen. Und da mir bei solch freudigen Ereignißen hohe Herrschaften Gnaden zu spenden pflegen, so erflehe ich mir als solche von Ihnen Amnestie für die Unmanierlichkeit, meine Digestinus-Visite respt -Epistel Ihnen nicht wie sich’s gebührte dargebracht zu haben. Als besondres Zeichen Ihrer Gnade erbitte ich mir ferner Ihre Vermittelung, den zukünftigen Schwiegersohn bei einer Reise nach oder durch Paris kennen zu lernen.

Am Liebsten wär es mir freilich, wenn Sie dabei wären, und ich hoffe in der That, daß bei den Reisen zwischen London und Bordeaux, unser Paris und Ihr Bittsteller nicht so ganz links liegen bleiben, wie es Letzterm passirte, als Ihre Jenny, wie ich von Junk höre, neulich hier war. Wenn ein solcher Besuch wieder vorkommt, so bitte ich mir’s zu melden, damit ich der Besucherin meine Aufwartung machen kann.

| Meines Bruders (in Trier) Tochter heiratete vor einem Jahr einen wohlhabenden Tuchfabrikanten in Werden (Wiese, Neffe Mittweg’s). Das war ein Herzeleid, die Mutter wollte nicht von der Tochter, die Tochter nicht von der Mutter. Nun hat die Tochter einen Jungen, und all’s well that ends well. Trösten Sie sich an diesem Beispiel.

Im dortigen Casino wurde neulich ein Paar interessanter Ohrfeigen ausgewechselt, zwischen einem Ar[tillerie]offizier und dem Obergeheim[rath] von Holleben. Der Offizier, vom Obermemmeler, wie er den Stoff nannte, stark angesäuselt, näherte sich einem Tisch, an dem Holleben mit andern Honorationen saß, ergriff in einem Anfall von Verrücktheit den sog. Rosen-Müller beim Halse, und gab Holleben, der intervenirte, eine Ohrfeige, die dieser sofort wiedergab. Jedem das Seinige.

Genehmigen Sie, werthe Frau, meine hochachtungsvolle und freundschaftliche Grüße

Schily

Verspätet bis heute 25. Sept. aus den Gründen zu entnehmen aus der Anlage.

| Madame
Madame Marx
1 Modena Villas Maitland Park
Haverstock Hill
Londres

 

Zitiervorschlag

Victor Schily an Jenny Marx, 18. September 1867.. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=mega_zcd_ltk_pgb. Abgerufen am 01.12.2021.