| Genf den 11 October 1867.

Lieber Lessner!

Du & unser Eccarius werdet wohl wohl glücklich nach Hause gekommen sein & wieder dort wühlen(?) & wirken? Nun, das Letztere hab’ ich inzwischen hier & weitwärts gethan. Es ist schade, daß Ihr nicht bis zum Ende des Friedenskongresses hier bleiben konntet, um den Burum(?) ganz zu erleben. Doch hatte dies europäische Bourgeoisparlament das Gute gehabt unsern Arbeiterkongreß, der doch auch seine Flecken hatte, in vollem Glanze zu zeigen.

Vor einigen Tagen habe ich das Buch von Marx erhalten & gestern ein Wenig hineingeschaut; das ist ein Schwert & Harnisch für uns, eine Angriffs- & Vertheidigungswaffe. Jetzt fordern wir die ganze alte Welt auf die Mensur! Ich habe schon in die Fäuste gespeit [eigentl. gespien] um gehörige Kreuzhiebe auszutheilen.

Eben schreibe ich an der Nummer 10 des Vorboten, muß aber erst unsern Kongreßbericht machen & den Friedenskongreß abfertigen ehe ich mit Marx komme. Es ist zu bedauern, daß wir in Deutschland noch so viele Leute in unserer Association haben, die | auf den Ulk des Friedensbundes etwas halten & daher schade, daß ich nicht so auf den Blödsinn, um „praktisch zu sein“ nach Herzenslust losdonnern kann. Nun ich will sie homöopathisch behandeln & tropfenweise kuriren.

Nun muß ich aber Dir und Eccarius etwas Neues & zwar mit betrübtem Herzen sagen, daß ich nämlich nach jahrlangem inneren Kampfe den Entschluß gefasst habe von der Leitung der Sektionsgruppe deutscher Sprache & der Redaktion des „Vorboten“ zurückzu[tre]ten. Erstens ist es unmöglich, daß ein Mensch die immer wachsende Arbeit & wenn er Tag & Nacht daran ist allein leisten kann, denn ich stehe hier allein, da die sonst schon sehr mittelmäsigen Kräfte hier kaum ausreichen die verschiedenen Verwaltungen der Sektionsanstalten zu versehen. Zweitens kann ich aus ökonomischen Gründen die Stellungen nicht beibehalten, da ich seit 3 Jahren ausschlißlich für die Association unentgeltlich gearbeitet & dadurch meine häuslichen Verhältnisse zur Betrübniß & Entbehrung meiner ganzen Familie auf Null herabgesunken sind. Drittens ich bei dieser unendlichen Arbeit, ohne Erholungsstunde, ohne daß ich auch seit Jahr & Tag meiner Familie einen Sonntag zu einem Spaziergang widmen konnte, körperlich | ganz herunterkomme, geistig abgespannt & schwermüthig werde. Ich will gerne noch mithelfen & soviel thun wie die, welche am Meisten thun, aber allein länger Alles machen ist menschenunmöglich. In Deutschland habe ich die Sache in guten Gang gebracht jemehr ich aber leiste, jemehr Sektionen ich errichte & Gesellschaften zum Beitritt bringe, desto mehr Arbeit erarbeite ich mir und desto unmöglicher wird es sie allein fertig zu bringen. Einen bezahlten Sekretär mir beizuordnen erlaubt der Zustand der Zentralkasse nicht & mich selbst, wenn die Mittel da wären bezahlen zu lassen von den Arbeitern geht nicht, weil ich bei dem Standpunkt, auf dem die große Mehrheit derselben in Deutschland steht, meine Unabhängigkeit & selbst den zu einer fruchtbaren Wirksamkeit nöthigen Einfluß verlieren würde. Die Lage ist schwierig & ich habe schon Hundert vergebliche Pläne gemacht wie aus der Sache herauskommen, ohne auf längere Zeit die Ergebnisse meiner mehrjährigen Wirksamkeit zu Grunde gehen zu sehen. Ich versuche eben mit Liebknecht ob er und seine Freunde in Leipzig die Geschäfte des Zentralkomitees & der Redaktion des „Vorboten“, die doch wohl am Sitze des Zentralkomitees sein muß, übernehmen konnten. Freilich sind dort wieder die lumpigen Preßgesetze & ist | die ganze Polizeistaaterei im Wege. Gebt mir doch einen Rat, wie ohne Beschädigung unserer Organisation da zu einem Abschluß zu kommen? In Zürich ist auch nicht genug & festes Holz; was machen?

Das Buch von Marx muß nothwendig bald ins Französische übersetzt werden, denn bei den Welschen, denen fast aller kritischer Geist abhanden gekommen, thut es am meisten Noth. Selbst die Blätter unserer Association, so die „Voix de l’Avenir“ in Chaux de fonds von unserm sonst braven Coullerie, sind jämmerlich. Es wäre besser die Arbeiter hatten gar keine Organe, als solche.

Nun denkt einmal über Alles nach & grüsse mir Marx, Eccarius, Jung, Dupont, Carter u.s.w.

herzlich

Dein

Joh Ph Becker

Ich habe noch fs. 21 von den Schneidern von Neuenburg für Euch. Vielleicht kommt noch etwas hinzu & werde ich es Euch gelegenheitlich senden.

 

Zitiervorschlag

Johann Philipp Becker an Friedrich Leßner. 11. Oktober 1867 [Brief]. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=mega_u4h_2tb_1gb. Abgerufen am 05.12.2021.