| Wladimir-Lederfabrik d. 22t Mai 1868
/3 Juni "

Verehrter Herr und Freund!

Mit Gegenwärtigem übersende Ihnen meinen Versuch, den herrlichen Inhalt Ihres Buchs mittelst einer kurzen Besprechung wiederzugeben. Ich fürchte, Sie werden sagen, es sei schlecht gelungen. Ich weiß dann als Entschuldigung nur zu erwiedern, daß der Gegenstand zu neu, reich und inhaltvoll ist, um eine würdige Behandlung zur leichten Aufgabe zu machen. Wenn Sie werth finden dem Aufsatz Annahme in irgend einem Journale zu verschaffen, möchte ich wohl einen zweiten Theil als Fortsetzung schreiben, um speziell noch Ihre Analyse vom Werth der Arbeitskraft hervorzuheben.

Diese Partie im Zusammenhange mit dem Werthgesetz überhaupt ist überaus prächtig. – Das man das Werk in | liberalen Blättern todt schweigt, darf kaum wundern. Es ist ja nicht die Erkenntniß, nicht die Wahrheit, nicht die Wissenschaft das Ziel unserer Presse, der dominirende Zweck ihrer bombastischen Wichtigkeit ist – to make money.

Diese Zusendung kommt so spät, weil ich auf 4 Wochen von hier zu meinen Eltern nach Siegburg, bei Köln a/Rh. verreist war. Unterwegs hatte ich die Freude, einen fleißigen Mitschüler und treuen Kampfgenossen an Herrn Dr Kugelmann in Hanover kennen zu lernen. Bei ihm und seiner lieben Familie habe ich ein paar angenehme Tage verlebt. Wir haben dort unser gemeinschaftliches Bedauern darüber ausgetauscht, daß Sie, verehrter Freund, durch Krankheit und Widerwärtigkeiten soviel zurückgehalten sind, Ihren Arbeiten mit voller Kraft obzuliegen. Mit dem interessirten Hintergedanken, dadurch bald zum Anblick des | 2tn Bandes Ihrer Kritik des Kapitals zu gelangen, wünsche ich Ihnen sehnlichst Gesundheit und Wohlergehen. Nach dem Erscheinen desselben, des 2tn Bandes, werde ich meinen Wunsch erneuern, um damit die „Dialektik“ zu befördern, welche Sie, Ihrer freundlichen Mittheilung nach, demnach zu schreiben beabsichtigen.

Hegel, den ich um seiner großen Schüler willen schon hoch verehre, habe ich bisher noch nicht gelesen. Ich fürchtete mich gewißermaßen vor der schwierigen Form. Jedoch will ich jetzt mich bald daran machen, Vorher aber meine autodidaktischen Gedanken über das Denkvermögen zu Papier bringen. Erlauben Sie mir noch einige Gedankenspäne über dies Thema; Sie haben dazu animirt.

„Eine Theorie des Denkens d. h. der Art und Weise, der Methode, wie die Hirnfunktion Erkenntnisse zeugt, wissenschaftliche Wahrheiten produzirt, muß unserer Urtheilskraft im allgemeinen dieselbe Sicherheit des Erfolgs erwerben, welche in besondern Disziplinen | uns längst durch Theorien erworben ist. Das viele Verwechseln zwischen Meinen und Wissen zeugt dafür, daß man das Verstehen nicht versteht, das Begreifen nicht begreift. Wer zu verstehen weiß darf nicht mißverstehen.

Denken ist eine Funktion des Gehirns, wie Gehen eine Funktion der Beine. So wenig nun die Anatomie der Beine mit der Frage: was heißt Gehen, sowenig hat die Anatomie des Gehirns mit der Frage zu thun, was heißt Denken. Diese Frage ist das einzige Objekt der spekulativen Philosophie. Hier wird die spekulative Methode induktiv, und umgekehrt. Das Denken hat die Erfahrung seiner selbst in u. bei sich. Das Denken ist eine sinnliche materielle Thatsache. Wenn nicht greifbar ist es doch fühlbar. Blumenduft, ein sinnlich Ding, ist weder sichtbar, hörbar noch greifbar.

Die Erscheinung der Dinge besteht in Relationen. Die Dinge erscheinen so manichfaltig wie ihre Relation. Das Wesen der Dinge besteht in der Relation, welche manichfaltige Erscheinungen auf das Hirn üben. Einen begrenzten Kreis von Erscheinungen gegeben, ist die Allgemeinheit dieses Kreises, das Wesen desselben. – Ich bin zu Ende, wenn nicht mit der Philosophie, dann doch mit dem Papier. – Lassen Sie mich bald erfahren, daß Ihre Arbeit fleißig fortrückt.

Ihr ergebener: Joseph Dietzgen.
 

Zitiervorschlag

Joseph Dietzgen an Karl Marx in London. Sankt Petersburg, Freitag, 3. Juli 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=mega_syc_4py_jnb. Abgerufen am 07.12.2021.