| Bern den 27sten Aug. 1867.
Bernerhof.

Lieber Alter,

Der Brief vom 7ten Aug. ist mir von London, aber erst sehr spät, nachgeschickt worden, und von Zürich gab ich Dir vor einigen Tagen – am 20sten Abends – ein elektrisches Lebenszeichen.

Bis jetzt war ich nicht sehr glücklich auf meiner Reise. Beide, meine Frau und ich, wir haben bis vor wenigen Tagen an Neigung zu Diarrhöe gelitten. Die Höhle des Weißensteins sollte uns die Gedärme wieder feststellen. Dort eben aber regnete es und nebelte, das ganze Haus stank nach Abtritt und das Essen auch. So trollten wir uns vorgestern den Berg hinab und dampften hierher. Hier endlich wird uns nach 3 Wochen wohler. Krafft, der Wirth, hat uns ein schönes großes, luftiges Zimmer gegeben mit Aussicht auf die Berge, und daß ich anfange mich wohl zu fühlen, beweist die Wiederaufnahme lustigen Briefwechsels mit Freunden, wozu mir seit Wochen die Lust fehlte, weil es an Kraft gebrach. – Alter, große Freude hättest Du, wenn Du das Mittelklassgesindel so wie ich, sehen könntest, wie es in den großen Reisekaravansareien herumzieht. Ein trauriger Salat von Hirnschädeln; die Weibsleute haben den chignon auswendig, das Mannsgeziefer inwendig. Aus Stolz, aus Dummheit, aus Neid, aus Frechheit spricht ein | Lump mit dem andern nicht; sie fürchten sich einer vor dem andern wie fremdartige Thiere, die zum ersten Male in einen Käfig zusammengsperrt werden. Das wird, wie ich während 10 Jahre zu beobachten Gelegenheit gehabt, von Jahr zu Jahr schlimmer und wird am Ende zu Reiseklubs führen, die sich ihre eigenen Hotels an den Hauptplätzen bauen. Wie soll man sonst der Mehrzahl von Kretins entgehen aus allen Ländern der Welt?! – Halt – was wird man nun schrein?! Zetermordio wird man nun schrein über meine „aristokratischen“ Gelüste. Man soll sich aber nicht wundern, denn als Jude bin ich vom alten Stamme. – Über Archiv, Vorbote, Hauskreuz, will ich weiter nichts sagen, da wir uns bald von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Aber zum „Friedenskongreß“. Wird die Sache praktisch angegriffen, so werden die Regierungen gegen die Mitglieder in ganz Europa einschreiten. Läßt man sie gewähren, so ist das ein Beweis verdienter Verachtung. Eine solche Bewegung kann im Ernste nicht eilig und nicht ohne Märtyrer durchgeführt werden denn es muß der klare Beweis geliefert werden, wer die Leute sind, die den Frieden um keinen Preis wollen. – Ich habe in Zürich meinen Namen unterschrieben, nachdem ich in London eine Karte als Mitglied der internationalen Arbeiterassociation | von Marx erhalten, wodurch mir der Zutritt zum Friedenskongreß erleichtert werden sollte. Es wäre mir sehr erwünscht, wenn ich den Vorberathungen im engern Kreise beiwohnen könnte. Meine Absicht ist vorzuschlagen,:

in Erwägung zu ziehen, ob es nicht rathsam, behufs Annäherung an dauernde Friedenszustände:

1, daß alle Staaten (Völker) West- und Mittel-Europas sich vereinigt jedem weitern Vordringen Rußlands, zuvörderst in Europa, und wenn nöthig, mit den Waffen, widersetzen

2, daß in allen Staaten West- und Mittel-Europas das Erlernen der russischen Sprache, wenn nicht obligatorisch, so doch wenigstens fakultativ gemacht werde.

Auf Französisch:

1, Que tous les Etats (peuples) de l’Europe occidentale et centrale s’opposeront dorénavant unis, et au besoin par les armes, à toute conquête de la part des Russes dans cette partie du globe.

2, Que dans tous les Etats de l’Europe occidentale et centrale l’acquisition de la connaissance de la langue russe devienne, si non obligatoire, du moins facultative.

auf englisch:

1, That all the peuples of Western and central Europe henceforth oppose in unison and if necessary by force of arms any further conquests of the Russians in this part of the globe.

2, That all the States of Western and Southern Europe the acquisition of the knowledge of the Russian language, shall become, if not obligatory, at least facultative.

auf russisch:

1, Что всѣ народы западной и средной Европы соединены и ежели нужно, силой оружiя сопротивляются всякому завоеванiю Россiею въ Европѣ.

2, Что во всѣхъ государствахъ западной и средной Европы прiобретенiе знанiя русскаго языка сдѣлается, по крайней мѣрѣ легче чѣмъ до тѣхъ поръ, достижимымъ, ежели не обязательнымъ.

Zur leichteren Mittheilung an anders Redende habe ich die Übersetzung hinzugefügt, jedoch wünsche ich, daß Du meine Absicht, außer in ganz besonderen Vorkommnissen, für Dich | behältst, bis ich im Stande gewesen, den Genfer Boden an Ort und Stelle zu untersuchen. Wie ich in den Zeitungen gesehen, soll kein Sprecher länger als eine Viertelstunde pauken. Eingehende Beleuchtung ist demnach unmöglich; man kann nur Schlagphrasen loslassen. Kaum an öffentliches Sprechen gewöhnt, und dazu noch, um allgemein verständlich zu sein, gezwungen, französisch zu reden, werde ich mir die Pauke schon jetzt in dieser Sprache zusammenlegen. Sollte es zur Bildung eines ständigen Ausschusses kommen, so gebe ich Dir anheim zu überlegen, ob es nicht vortheilhaft würde, meine Wahl dafür zu betreiben. Ich darf mit Sicherheit annehmen, daß Marx bei der internationalen Arb. Assoc. dafür arbeiten wird, daß ihre Mitglieder für mich stimmen, ein Gleiches würde am Ende die Mehrzahl der anwesenden Deutschen thun und wohl alle Polen, jedenfalls auch ein Theil wenigstens der Franzosen, in so weit sie den Bearbeitungen Herzens, Ogareffs, Dolgorukoffs und anderer Russen nicht verfallen sind. Mein Hauptaugenmerk soll nur auf die russischen Umtriebe ge | richtet sein. – Erwirke mir nun vor allen Dingen Zutritt zu den vorberathenden Versammlungen. Sage mir genau, wann sie beginnen. Schreibe hierher, wo ich ewa bis Montag mein Standquartier zu halten gedenke. Alsdann werde ich über Freiburg an die Genfer See gehen, Dich stets wissen lassen, wo ich bin, brieflich, oder wenn nöthig telegraphisch. – Nun lebe wohl und sei lustig! Es naht Dein unveränderlicher und treu zugethaner

Rummelti Puff,

genannt Borkheim.

Lasse mir von diesem Briefe eine Abschrift machen, und sende sie mir umgehends mit Weglassung der fremden Sprachen. Ich werde beim Eintreffen den Abschreiber dafür bezahlen.

 

Zitiervorschlag

Sigismund Ludwig Borkheim an Johann Philipp Becker, 27. August 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=mega_dth_zsl_pgb. Abgerufen am 06.12.2021.