| 33, Rue du 3 Couronnes, du Temple
Paris Novbre 23/68

My dear Marx,

Kannst Du mir sagen von was das Gewissen gemacht ist? – Am Rhein wachsen nicht allein die Reben, sondern es werden, wie Du Dich erinnern wirst, daselbst auch sogenannte Fasten-Prätzeln verkauft, die sehr hart sind, wenn sie frischgebacken sind, u. zum Bier gegessen werden. Diese Fastenprätzeln haben eine große Analogie mit dem Gewissen: je älter sie werden desto weicher werden sie.

Mein Gewissen ist in letzter Zeit, u. besonders bei Herannahung des Schlusses des alten Jahres, auch weich geworden, es quält mich, es juckt mich u. sagt mir, daß ich ein großer Sünder bin, so lange nicht an Euch, meine alten Freunde, geschrieben zu haben.

Hätte ich ein neues Jahr vorüber gehen, ich wollte sagen: anfangen lassen, ohne mich dieser Schuld zu aquittiren, so würde ich an ein bad omen glauben – alle großen Männer haben ja so ein Bischen Superstition, warum sollte ich mir diese Laune versagen? Es ist z. B. geschichtlich, daß der große Napoleon, nie anbeißen wollte, eine Schlacht zu liefern, wenn er kurz vorher einem alten buckelichten Weibe begegnet ist, u. wenn sie zudem noch einen Besen in der Hand hatte, – schloß er Waffenstillstand; da aber die Weiber im Allgemeinen weder ihren Taufschein noch ihre Gebrechen zur Schau zu tragen pflegen, so ist es ihm am Ende doch einmal passirt, ein solches Weib für ein Anderes zu halten, u. der große Mann ist gefallen – wenn er aufgepaßt hätte, lebte er heute noch … geschieht ihm recht! –

Wir Menschen möchten immer gerne wissen, was wir nie zu wissen griegen kriegen . – Wie mag es wol Dir u. Deiner lieben Familie gehen? Seid Ihr wohl, seid Ihr zufrieden – lustig u. vergnügt? –

Du mußt doch wissen: gibt’s nicht ein Berg im Mond', der Tycho heißt – der größte höchste Berg? – Mir ist’s als stünd’ ich da droben, und kuckte in die weite Ferne, als kuckt ich in die Fremde! „und in der Fremde ist’s so schön!“ – Doch wenn | man nichts, gar nichts von seinen alten guten Freunden hört, so ist es in der Fremde auch gar nicht so sehr schön, sondern recht „wiascht“ –

Von meinem verloschenen Mondvulkan herab, donnere ich Euch aber notwithstanding mein feierliches „merry Christmass and a happy new year“ zu, u. wenn am Christmass-eve ein sternenheller Himmel ist, so daß ich Modena Villas, can through this mighty distance spy – so thut mir den Gefallen, doch wenigstens ein Glas gingerbeer auf mein Wohl zu trinken – it will do me good, u. ich werde ein Gleiches thun, auf Euer Wohl. allright?

Damit ich Dich, mein lieber Marx, nicht länger in der peinlichen Ungewissheit lasse, ob ich nicht überhaupt schon längst zu todt gestorben bin, erlaube ich mir hier einzuschalten, daß ich noch sehr lebendig bin u. zappele. Zuweilen habe ich, wie alle Philosophen, auch so meine todtschießerlichen Momente, aber wenn ich, nach meiner Gewohnheit, mir die Sache erst so recht überlegt habe, wie weh’ das schon thut, wenn man sich nur seinen Kopf an dem Fensterrahmen anschlägt, u. dann abstrahire, wie unendlich viel weher es erst thun muß, wenn man sich so ganz durch u. durch schießen soll, von vorn hinein u. hinten heraus – u. die Kleider die man dabei verdirbt – so schiebe ich mir diese corvée gewöhnlich noch um ein oder zwei Jahre auf; es ist, Dank dieser reiflichen Überlegung, daß Du heute das dicke Vergnügen hast, einen so schönen Brief von mir zu bekommen; denn wenn ich mich etc. etc. …

Dein liebes Buch, das Kapital, hat bei mir nun schon drei ganze u. mehrere halben Auflagen erlebt; d. h. dreimal habe ich es gewissenhaft von A. bis Z. durchgelesen, u. die andern male nur die schönen Stellen herausgefischt, u. das ist schon gar nicht so übel für mein Alter, sollte ich denken –. Ich habe drei Blitzableiter, wenn ich sehr misantropisch gestimmt bin, d. h. wenn ich in a bloody bad humour bin. Entweder lese ich im Shakespeare, oder ich gehe in den Louvre u. betrachte mir Michel Angelo, oder ich spicke die schönen Stellen Deines Buches heraus, die ich alle sehr schnell zu finden verstehe. Es sind dieses meine drei Lieblingsmeister; denn wenn man glaubt, alles gesehen zu haben, findet man erst die neuen Gedanken, u. nachdem man lange schon keine mehr gefunden hat, findet man erst recht welche. Ich sage dieß ohne Commentar –.

| Als ich das letzte mal an Dich schrieb, hatte ich Dich blos bis zur Hälfte gelesen u. der Glanztheil Deines Buches war mir somit noch unbekannt. Ich würde wetten, daß Du wieder rauchtest, als Du über die erste Hälfte hinaus warst – der Tabaksqualm überdeckt jedoch den Pulvergeruch nicht, zum Schutz u. Trutz der Menschheit. – Hätte der liebe Gott nicht das liebe Vieh erschaffen, so wäre es keine große Ehre, Mensch zu sein. Ich der ich blos eine Art von Hermaphrodite zwischen beiden bin, habe dennoch Urtheilskraft genug, um das ganz grauenhaft dumme vom Guten u. Besten unterscheiden zu können; das will nicht viel heißen; aber Du weißt, ich bin so bescheiden! – Es ist mir vor einigen Wochen ein Buch geschenkt worden – wenn ich es gekauft hätte, würde ich mir die Fingernägel vor Ärger abnagen – ein Buch das folgenden Titel hat: Entretiens familiers sur l’Economie politique, et la Statistique, suivis d’un vocabulaire de l’economie politique, par «Pascal Bonnin, 1868, chez Cotillon, Rue Soufflot, 24.» Der Titel ist seduisant – der Inhalt ist, passez moi l’expression: emmerdant! – Ich habe immer schon geträumt, daß mein Name à la posterité übergehen sollte – nur spürte ich zu ….. hilf’ mir ’mal auf’s Wort – zu sein, um die Welt epatiren (das Wort ist neu – Französisch u. kömmt von „epater“) zu können, aber jetzt zögere ich nicht mehr – nach Pascal Bonnin, wäre Zögern Feigheit – u. nächstes Frühjahr, wenn die ersten Schwaben oder Schwalben schwirren, wirst Du bei Cotta im Verlage finden: „Westentaschen-Buch, der politischen Ekonomie, zum Gebrauche von Handwerksburschen und Kindermädgen, nett gebunden, 4 Slb. etc, von K. Kaub 1869.

Die Konfusion des schönen Bonnin kuckt aus allen Zeilen heraus. Je cite à tout hazard: Seite 93. «La proprieté, le capital et le travail concourant à la production de la richesse, la répartition donne à chacun des trois facteurs une part, plus ou moins grande, dans les produits (!) Le propriétaire touche la rente foncière; le capitaliste retrouve (?) dans le bénéfice l’intérêt de son capital et la rénumération de son industrie; le travailleur reçoit un salaire. Rente foncière, benefice, salaire, ces trois mots résument tout le méchanisme de la répartition des richesses.» … Findest Du nicht auch das Wort „un“ vor salaire, sehr naif und karakteristisch?

| Doch ich kann meinen Kitzel nicht überwinden Dir noch ein anderes Citat zu geben; doch Du mußt mir versprechen, keinen plum-pudding heute zu essen; denn diese Stelle u. jenes unverdauliche Gebäck könnten „catastrophal“ für Dich werden. Nimm deine ganze Kaltblütigkeit zur hand – ich bitte Dich! – Seite 9:

«Remarquez que la science n’est autre chose que le résultat des réflexions des hommes les plus distingués. Il faudrait donc être bien présomptueux pour croire que le bon sens d’une individu (wie heißt?) vaut mieux que cette réunion d’esprits éminents. – N’attachez aucune confience aux propos de ces hommes grossiers qui se donnent pour mission (!) d’exalter l’ignorance. Quesnay et Adam Smith méritent mieux votre confiance; ils ont des noms glorieux, et à mesure que le temps marche, leur réputation ne fait que grandir.» – etc. etc.

Charles Marx, I am sorry for it, but after this, you may burn all you have written—there is no posterity for thee now—M. Bonnin has said so! Go dig your grave, and think yourself happy that you got out of it so cheap …

Wenn ich wüßte daß es Dich nicht beleidigen würde Dir den sanften Pascal – not rascal – Bonnin ins Haus zu schaffen, würde ich Dir diesen Bourgeois-Katechismus überschicken; ich bin schon hinlänglich erbaut, u. hintenan stehen einige statistische Angaben, die doch vielleicht nicht ganz zu verachten wären, vorausgesetzt – was ich nicht zu beurtheilen verstehe – daß sie nicht auch verfälscht sind; cela pourrait arriver au plus adroit –

Vorigen Sommer, habe ich in den hießigen Parlament Reports gelesen, daß auch ein Senator heuer Entdeckungen im Felde der politischen Ekonomie machen kann … moi – né malin – hat er sich gesagt – Er fand heraus, daß die jetzige Theuerung u. Mangel an Nahrungsmitteln, daher kommt, daß die Arbeiter in Folge der Lohnerhöhungen die sie erreicht haben „mehr essen“ als früher u. daß somit natürlich der Haufen Futter schneller klein werden mußte. Ich bedauere daß ich den Namen dieses erfinderischen Geistes nicht zurückbehalten habe – Neues wird so selten gefunden …

Lebe recht wohl, mein guter Marx, denke zuweilen an mich, wenn Du sonst nichts zu thun hast, küsse mir alle Deine liebe Familie, und glaube mir, daß Dein Andenken nie verlieren wird.

Dein
K. Kaub.
 

Zitiervorschlag

Karl Kaub an Karl Marx in London. Paris, Montag, 23. November 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=mega_aqj_rxs_hpb. Abgerufen am 05.12.2021.