| Mittwoch.
13 11 Mai 1870

Lieber Mohr!

Gestern erhielt ich  Nicht überlieferter Brief von Engels an W. Liebknecht, vor 11.5.1870. Vgl. Engels an Marx, 8.5.1870.
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von Engels einen saugroben Brief,
auf den ich in gleichem Stil antworten werde, mit einer, mich als Schulbuben behandelnden Erklärung, die ich natürlich nicht aufnehme. Es ist wahrhaft abgeschmackt, wegen einer flüchtigen Note, wie die über Hegel, solchen Lärm zu schlagen. Daß Engels sie nicht geschrieben, weiß Jeder, der Engels kennt, & Niemand, der Engels kennt, traut ihm ein sacrilège am Heiligen Hegel zu. Sehr Wenige werden dies überhaupt für ein sacrilège halten.

Ich habe nicht den Bildungsgang durchgemacht wie Engels: ehe ich fertig war mit der Theorie wurde ich in die Praxis hineingeschleudert und führe seit 22 Jahren ununterbrochen ein ruheloses, jede Muße ausschließendes Leben. Daß ich unter solchen Verhältnissen Hegel nicht so gründlich studirt habe, wie Engels versteht sich von selbst, ist aber auch keine Schande für mich. Und wenn ich diese Studien sogar ein Bischen verachte, so wird mir Engels meine Privatansicht lassen müssen. Jedenfalls ist es unverantwortlich von ihm, wegen einer solchen Lauserei mich zu beleidigen, denn das hat er gethan. Sobald ich den Brief beantwortet, werde ich ihn Dir schicken.

 Siehe Engels an Marx, 8.5.1870.
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Seine Erklärung
betreffend, werde | ich sagen, daß die Anmerkungen nicht von Engels sind. Das muß ihm genügen, wenn anders er nicht mit Gewalt einen Skandal provoziren will.

Endlich dachte ich mit Euch im Reinen zu sein, und da kommt nun dieser Engels’sche Brief!

Apropos, in welcher Gemüthsverfassung Engels war, als er seinen Brief losließ, erhellt aus Folgendem: Ich hatte ihm früher geschrieben, die Noten seien bloß für den  Friedrich Engels: Vorbemerkung zu „Der deutsche Bauernkrieg“ (1870). Siehe MEGA2 I/21. S. 167–174. Diese Vorbemerkung schrieb Engels im Februar 1870 für einen von Wilhelm Liebknecht zuerst im Feuilleton des „Volksstaats“ als Broschüre geplanten Neudruck der von ihm 1850 verfaßten Arbeit „Der deutsche Bauernkrieg“. (Siehe Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. In: MEGA2 I/10. S. 367–443.)
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„Volksstaat“
, nicht für die Broschürenausgabe. Aus dem Umstand nun, daß der ihm überschickte Correkturabzug, der natürlich den ganzen Satz enthält, auch die Noten bringt, schließt er, ich hätte ihn damals belogen. Die Noten sind beiläufig für unsre Leser absolut nothwendig. Auf dem Feld der Theorie lasse ich mich gern von Engels bescheiden, auf dem Feld der Praxis glaube ich aber etwas besser bewandert zu sein, als er.

Ich bitte Dich Engels meinen  Eventuell W. Liebknecht an Marx, 7.5.1870 oder ein nicht überlieferter Brief danach?
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letzten Brief
mitzutheilen. Vielleicht sieht er dann ein, wie Unrecht | er gegen mich hatte.

Wegen Verschiebung der Todesstrafendebatte gehe ich erst nächste Woche nach Berlin. Den Tag schreibe ich noch. Meine Adr. ist dann einfach im Reichstag.

Herzliche Grüße an Dich und die Deinen

Dein treuer
Library

Meine Frau bedankt sich schön für die freundlichen Glückwünsche. Wenn ich den Kleinen taufen lasse, bekommt er auch Deinen Namen. Du verweigerst doch die Pathenschaft nicht? Das wurde gleich nach der Geburt festgesetzt.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen grauweißem Papier. Liebknecht hat die ersten zwei Seiten vollständig, die dritte etwa zur Hälfte beschrieben, die vierte Seite ist leer. Auf allen Seiten scheint der Text der Rückseite durch, was die Lesbarkeit erschwert. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „192–1“.

Anmerkungen zum Brief

Die korrigierte Datierung ergibt sich aus der Notation „Mittwoch.“ zu Beginn des Briefes. Liebknecht notierte darunter irrtümlich den 13. Mai 1870, dies war jedoch ein Freitag.

 

Zitiervorschlag

Wilhelm Liebknecht an Karl Marx in London. Leipzig, Mittwoch, 11. Mai 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M8541644. Abgerufen am 21.04.2024.