| 39 Gloucester Crescent
Regent’s Park
N.W.
18 Juli 1870.

An Hrn. Dr. Karl Marx.

Geehrter Herr

 Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871. Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg.
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Im Hinblick auf den Krieg
, welcher, wie sehr auch immer vorhergesehen, sich uns als ein erschreckliches und ungeheueres Unheil darstellt, und aus welchem, wer auch scheinbar siege — denn ein wirklicher Sieg ist nicht möglich — nur Stärkung einer Tyrannei, Anfachung des sonst schwindenden Nationalhasses auf Generationen hinaus, der Keim eines künftigen Krieges und der endliche Vortheil Rußlands, dem ohnehin Europa kaum gewachsen ist, hervorzugehen droht, scheint es mir und zweien französischen | Freunden, von denen der Eine ein Elsäßer, daß man sich dahin verständigen müsse, inmitten der begonnenen Feindseligkeiten, einen Kern freundlichen Gefühles aufrechtzuerhalten, — im Gespräch, in Briefen, in der Presse dahin zu wirken, daß der Krieg nicht nur als das Werk der Fürsten und Minister erscheine, sondern daß er dieses auch bleibe, soweit die Nothwehr es erlauben mag, — daß jeder Gedanke an Eroberung beseitigt werde, — daß man den Franzosen deutlich mache, ein Verlangen ihrerseits nach dem deutschen Rheinland müsse ein Verlangen unsrerseits nach dem Elsaß und Theilen von Lothringen hervor | rufen, — daß man einsehe, es werde keine der beiden Nationen, wenn sie ihr Gemüth von der Kriegsflamme ergreifen lassen, sich, wenn auch für den Augenblick besiegt, zu Frieden geben, — daß eine Lösung erstrebt werden müsse, in welcher, statt der Vergrößerung Preußens auf Kosten Deutschlands, die freundschaftliche Verbindung eines freien Frankreichs mit einem reconstituirten Deutschland stattfinde, — daß hierfür Garantien gesucht werden müssen, — daß der Krieg ganz Europa in seinen besten Interessen bedrohe, — daß man vor Rußland auf der Hut sein müsse, dessen relative Stärke durch die | Abschwächung der beiden streitenden Theile nothwendig, selbst bei einfachem Zuwarten, vermehrt werde; und schlieslich — ich füge das meinerseits bei — daß das Bestehen der kleinen Staaten, der alten Heimstätten der Freiheit, Belgiens, Hollands, der Schweiz, jetzt so gefährdet, zu sichern, und der Entfremdung Oestreichs von Deutschland und der Stärkung der slavischen Elemente auf Kosten der Deutschen ein Ende zu machen sei.

In diesem Sinne hat eine erste Besprechung stattgefunden. Es ist unter anderm beabsichtigt, eine |  Cassal/Oswald: To the People of France and of Germany. Abdruck in: MEGA² I/21. S. 1052–1055 und Erl. S. 2251–2260.
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öffentliche Erklärung
zu erlassen, zu welcher auch Victor Hugo’s Unterschrift eingeholt werden soll, da man nicht glaubt, daß er noch an dem festhalte, was er vor dreißig Jahren in Bezug auf den Rhein gesagt.

Wenn Sie, wie ich annehme, im Allgemeinen mit dieser Auffassung übereinstimmen, — wir können gegenseitig nicht verlangen, daß jeder Unterzeichner oder Beitretende durchaus dasselbe wolle, da die vorliegende Frage die Gesammtheit der politischen Ansichten eines Jeden auf so vielen Punkten berühren, so wird es uns sehr freuen, Sie am Donnerstag um fünf Uhr hier zu sehen, | nebst allen Freunden, die Sie etwa in diesem Sinne bringen wollen, oder doch bis dahin von Ihnen brieflich zu hören. Auch Louis Blanc ist eingeladen. Ich selbst bin, wie sie vielleicht wissen mögen, im Allgemeinen und für meine Person der Theilnahme an öffentlichen gemeinsamen Erklärungen und Vereinsdemonstrationen abgeneigt; in dieser Sache aber, die uns so aufs Allertiefste berührt, möchte ich eine Ausnahme machen; und Viel scheint mir schon für eine bessere Gestaltung der Zukunft gewonnen, wenn, in mitten dieser trostlosen | Gegenwart, durch die freundliche Berührung oder Verbindung selbst weniger Männer der beiden Nationen der Keim geweckt werde, der nicht das tödliche Giftpflanze des wiederaufschießenden Nationalhasses überwuchere.

Hochachtungsvoll und ergebenst
EugOswald.


Entschuldigen Sie, daß Ihnen dies so spät zukommt: erst heute Morgen habe ich Ihre Adresse durch unsern gemeinschaftlichen Freund Collet erhalten. Erlauben Sie mir, auf Sie zu zählen: kommen Sie selbst wenn es erst etwas nach fünf sein kann.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Bogen weißem Papier. Oswald hat sieben Seiten vollständig beschrieben, eine Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift: „183“.

 

Zitiervorschlag

Eugen Oswald an Karl Marx in London. London, Montag, 18. Juli 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M8205488. Abgerufen am 24.04.2024.