| Barmen 9 Decbr. 1870

Lieber Friedrich

 Nicht überlieferter Brief von E. Engels an Engels, vor 9.12.1870.
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Deinen Brief
habe ich erhalten u. mich gefreut daß ich gute Nachrichten damit bekam, ich hoffe es so geblieben u. Du hast bei dem jetzt eingetretenen Winter Dich in die kleinere Stube zurück gezogen, es ist nichts wodurch man sich so leicht erkältet als ein längerer Aufenthalt in einem kaltem Raum. Wir sind hier Gott sei Dank gesund nur Hedwig hat ihre drei jüngsten Kinder am Stickhusten krank, die armen Kinder leiden sehr dabei, es eine traurige Krankheit u. um so schlimmer weil sie so lange anhält.

Du wirst nun mit E. Blank jr. wohl schon Schritte für die Teppiche gethan haben u. er wird Dir gesagt haben daß er Christtag hierher kommt. Willst Du Dich ihm nun nicht anschließen? | Es wäre doch sehr nett wenn Du mal wieder einige Zeit bei uns zubrächtest, die vorigen Weinhachten sind mir immer noch in angenehmer Erinnerung, überlege Dir die Sache ein[m]al.

Wie ich über die Eroberungen Preußens Frankreich gegenüber denke weißt Du, es war doch zu übermüthig von Frankreich u. verdient Strafe, den Krieg aus so herbeigezogenen Gründen zu erklären ohne noch hinlänglich dazu gerüßt zu sein u. ganz Deutschland dachte nach der Kriegserklärung würden sie in wenigen Tagen über den Rhein sein, statt dessen war es, wie Lulu seine Feuertaufe bestanden hatte mit dem Glou zu ende. Du hast recht, der König von Preussen hat 1813 u. 14 auch sein ganzes Volk auf gerufen u. ich erinnere es mich noch sehr gut, wie Dein damals schon ziemlich alter Großvater auf dem Exerzierplatz bei Hamm(?) seine Compagnie marschieren ließ u. wir, seine Kinder daneben spazieren gingen u. darüber lachten, er nahm es sehr ernst, ich hörte aber nicht, daß jemals so etwas vorgekommen wäre, daß den Franzosen die Speisen vergiftet wurden, oder daß in den Stadten u. Dörfern wo sie durch marschierten aus den Häusern auf sie geschossen wurde oder die Leute in deren Häusern sie schliefen sie im Bette ermordet hätten, solche Gräuel erbittern die Soldaten u. ist es da nicht zu verwundern daß Dörfer u. Stadte dafür leiden. Gott gebe uns bald den Frieden damit alle die Schrecken aufhören, wie viele Menschen sind durch diesen so schnöde angefangenen Krieg in Trauer versetzt u. wie viel Schmerzen u. Noth haben die armen tapfern Deutschen ausgestanden, u. wie viele unschuldige Familien in Frankreich leiden dadurch.

| Ernst Snethlage ist steht auch vor Paris, sein Bruder Moritz war erst unter Vogel von Falkenstein an der Küste muß aber jetzt die Rekruten einüben, ein Sohn von W. von Einern(?) ist Ulan u. steht an der Loire, [au]ch 1 Sohn von Fr. Molineus(?) u. junger Calomann(?), ein junger Wittenstein, Sohn von Garter(?) bei den Dragonern, die sehr viel gelitten haben. Unser Kutscher Carl war vor Strasburg, Slettstadt, Verdun u. auch einge Zeit vor Belfort, da sie aber so viel gelitten hatten sind sie nach Flensburg zurückgeschickt. Doch nun genug vom Krieg, wir wollen Frieden miteinander halten u. nicht deshalb zanken, die Geschäfte leiden hier sehr u. die 60,000 Thl. die durch freiwillige Gaben hier für die Zurückgebliebenen u. Verwundeten zusammen gekommen waren sind ausgegeben, in der nächsten Woche wird eine neue Sammlung gehalten.

| Für heute leb wohl u. schreibe mir bald daß ich Dich erwarten darf.

Mit treuer Liebe
Deine Mutter
E.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu erkennen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Elisabeth Engels hat alle vier Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Der Schluss des Briefes („Für heute leb ...“) steht am linken Rand der letzten Seite quer geschrieben.

Die Textverluste durch Lochung des Papiers konnten rekonstruiert werden.

 

Zitiervorschlag

Elisabeth Engels an Friedrich Engels in London. Barmen, Freitag, 9. Dezember 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M7392614. Abgerufen am 14.04.2024.