| Hannover, 21. März 1870.

Mein lieber Marx!

Welch’ große Freude hat uns das liebe Jennychen heute durch ihren Brief u. die gesandten Zeitungen gemacht! — Ich hatte die fraglichen Artikel schon vor einigen Tagen in der Zukunft gelesen u. da mir der Inhalt aus der jüngst von Euch erhaltenen Brochüre bekannt war, vorausgesetzt, daß der „Marseillaise“ ebenfalls ein Exempl. davon zu Gebote gestanden habe. — Wahrlich ich vermuthete nicht, daß Bye — Bye so wachsam gewesen u. so richtig auf die Empfindlichkeit John Bull’s in Bezug auf seine respectability nach Außen speculirt hat. — Unsere continentalen Regierungen kümmern sich den Teufel darum, was man über ihre Methode, ihre Rebellen zu zähmen, denkt, Forderungen der öffentlichen Meinung nachzugeben gilt ihnen als Schwäche u. unsere — mit Respect zu sagen — Nationalliberalen wissen der Regierung immer zu erläutern, daß, wenn das u. das bewilligt wird, es ja mit demüthigem Danke u. durchaus nicht als Nachgiebigkeit angenommen werden sollte. — Immerhin beweist  Jenny Marx: (Tochter): Articles sur la question irlandaise. (MEGA2 /21. S. 1027–1051 u. 2227–2235).
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Jennychens herrlicher
Erfolg, daß England dennoch ein unendlich vor dem militärisch gezähmten Europa bevorzugtes Land ist. — Eine Parallele zwischen den Neapolitanischen Gefangenen unter Bomba u. den fenischen unter Gladstone würde nicht uninteressant sein.

Hier scheint das öffentliche Leben der bürgerlichen Kreise völlig zu stagniren, während die gewerksgenossenschaftliche Organisation des Proletariats langsam aber stetig fortschreitet. Es ist oft komisch anzusehen, wenn manchem Arbeiter, der bislang die „sociale Frage“ als ein angenehmes Excitement betrachtete plötzlich erfährt, daß das doch ein verdammt practisches Ding ist. |2 So z. B. die Mitglieder der hiesigen Kranken Casse der Maler u. Lackirer, deren Arzt ich bin. — Der Cassirer derselben ist bislang ein Meister gewesen. Dieser verbummelte in sehr vielen Fällen die Eincassirung der Beiträge, die Mitglieder sind eine sehr fluctuirende Menge, oft nur einige Monate hier u. suchen sich zum Theil ihren Verpflichtungen zu entziehen. — Plötzlich tritt vor einigen Wochen der noch nicht dagewesen Umstand ein, daß auch nicht ein Pfennig in der Casse ist, die Kranken keine Unterstützung bekommen können u. der Cassirer seine leere Casse dem Magistrat übergiebt, der das Oberaufsichtsrecht hat. — Diese patriarchalischen Zustände werden Dir komisch vorkommen, ich aber benutze sie, um daran die Nothwendigkeit der internationalen Organisation nachzuweisen, wodurch allein das „Auskneifen“ verhindert werden kann. –

 Siehe Leonhard von Bonhorst und Wilhelm Bracke an Louis Kugelmann, 7. März 1870.
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Einliegender Brief von Bracke
interessirt Dich vielleicht in Bezug auf sein Verhältniß zur falliten Association der Cigarrenarbeiter. Die Entschuldigung ist veranlaßt durch einen Brief des Ausschußes, unterzeichnet: „Bonhorst“, an mich, wodurch man meinen Eifer für die Sache anzuregen für angemessen fand. Ich machte die Herren darauf aufmerksam, daß dies nicht nöthig sei. — Vor einigen Tagen besuchte mich Bonhorst, um mich wegen eines kleinen Übelbefindens zu consultiren u. da erfuhr ich denn zu meinem Bedauern, daß Bracke’s Gesundheit auch nicht ganz kapitelfest sei. —

Mit herzlicher Theilnahme höre ich, daß Lafargue’s ihr kleines Töchterchen wieder verloren haben, indeß kommt mir die Kälte als causa mortis doch etwas problematisch vor, wenn man das Kind derselben nicht unvorsichtig ausgesetzt hat. — Daß Snappy, der Euch im vorigen Herbste so viel Sorge machte, allen Schwankungen des Thermometers gegenüber seinen Individualismus wahrt, macht seiner Selbstständigkeit inmitten der |3 mutualistischen Strömung alle Ehre. —

Daß es Dir gut geht, bin ich glücklich zu hören. Nimm Dich nur in Acht, daß Du Dich nicht wieder überarbeitest. —

Was sagst Du zu den Angriffen des   Der Oesterreichische Oekonomist. Wien.
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Wiener Oeconomist
gegen Beust? Man wird dadurch wieder an die Anklage der Free Press, vor einigen Jahren, erinnert, daß Beust’s Schulden von Rußland bezahlt worden seien.

Die letzten Monate war ich in der Praxis sehr angespannt u. hatte sehr viele anstrengende u. aufregende Fälle, so daß mir kaum Zeit zu anderer Thätigkeit blieb. Ich freue mich wie ein Kind auf Karlsbad mit Euch. —

Nun noch eine Bitte, lieber Marx! Sei so gut, mir umgehend zu sagen, ob Jennychen wohl ein gutes Exemplar von Göthes sämmtl. Werken zu ihrem Geburtstage Freude machen würde? Ich möchte dem l. Kinde gern eine kleine Aufmerksamkeit erweisen. — Sage ihr aber nichts davon. —

Nun, lebe wohl, mein lieber, bester Freund, empfiehl mich Deinen Damen u. sei herzlich gegrüßt von

Deinem
treu ergebenen
L. Kugelmann
Dr

Durch die Blätter säuselt es wieder von Nord-Ostsee-Canal. Man muß wohl wieder ein Interesse haben, die Wichtigkeit der Pläne Preußens für Deutschland Größe im Allgemeinen u. die Entwicklung der Herzogthümer im Besondern nachzuweisen. — In Petersburg wird man darüber lachen. —

Folgender Abschnitt geschrieben von Gertrud Kugelmann

Lieber Herr Doctor, ich gratulire Ihnen zu Jennychens Heldenthat. Vivat sequens! Hätte ich doch in meiner Jugend für mein Latein Französisch gelernt, womit ich mich jetzt noch sehr quäle, wie Ihnen Jennychen erzählen kann.

Herzlichen Gruß von Ihrer
G. Kglm.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. L. Kugelmann hat die ersten drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte. Die Zeilen von G. Kugelmann sind in blauer Tinte auf der dritten Seite links neben L. Kugelmanns Unterschrift notiert.

Anmerkungen zum Brief

Zur überlieferten Beilage („Einliegender Brief von Bracke“):

Leonhard von Bonhorst und Wilhelm Bracke an Louis Kugelmann, 7.3.1870

(Originalhandschrift: IISG, Marx-Engels-Nachlass, Sign. D 374/D I 53–2. Fotosign. 13527a–b.)

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann und Gertrud Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Montag, 21. März 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M6945479. Abgerufen am 03.10.2026.

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