| Manchester, 27 October 1871.
Lieber Engels,
Es hat mich gefreut, mal wieder von Ihnen zu hören und da Sie Ihrer Gesundheit nicht erwähnen, nehme ich an, daß es Ihnen gut geht. –
Ob die Prosperität in Manchester so sehr groß ist, weiß ich nicht und glaube ich kaum. Außer dem Actienschwindel, welcher jetzt nicht nur in England, sondern auch auf dem Continent in schwunghafter Weise betrieben wird, glaube ich wird Manchester nächstens mal an den überführten Märkten im Osten sich ein böses Magenübel zuziehen. Nach 2–3 recht schlechten Jahren hat der Export nach dem Osten nicht allein nicht abgenommen, sondern riesig zugenommen. In letzter Zeit scheint allerdings die Mühle nicht mehr | so brilliant zu gehen. Der letzten bedeutenden Baumwollensteigerung in Liverpool im Sommer und Herbst dieses Jahres haben jene Märkte eigentlich gar nicht geantwortet. – Man sagt mir, daß momentan nur Spinner, besonders Producenten feinerer Nummern verdienen, daß die Fabrikanten hingegen wieder zwischen Thür u. Angel sitzen. – Ich weiß, daß wohlunterrichtete Leute in London meine Ansicht theilen, der „smash“ könne viel eher kommen als man glaube.
Die Schiller[-]Anstalt hat nach der Hochdruck Periode
des Krieges einen zahmen Sommer gehabt, soll aber seit 2 Monaten wieder gut
besucht sein u. ihre Mitglieder vermehren. Ich gehe selten mehr hin. Jetzt haben
die Leute sich neue Statuten ausgearbeitet, in denen manche gute Änderung aber
auch manche ist, welche nur unnöthige Fehde heraufbeschwört. Die Beilage ist nicht überliefert.
Schließen Ich lege Ihnen Copie des Entwurfs ein,
da er Sie vielleicht interessirt.
| Gumpert habe ich in den letzten 8 Tagen nicht gesehen. Mein Procurist ist abwesend, so daß ich sehr gebunden bin. –
Die neue Börse verspricht nach dem jetzt fertigen Theile eine ganz nette failure zu werden. Mir wenigstens gefällt sie gar nicht. –
Daß Gumpert’s Bruder in Bombay faillirt hat, werden sie wohl gehört haben.
Der Albert Club ist, wenn ich mal hineinsehe, so friedlich und still, daß er mit der lease Hauses wohl ablaufen könnte.
Man scheint in Preußen sich noch nicht definitiv über ein neues Militair-Gewehr entschlossen zu haben, doch wird das Bairische vielfach genannt, als eines derjenigen Systeme, welche am meisten Chance haben. –
Meiner Frau jüngste Schwester hat im Mai einen Preußischen Artillerie Officier geheirathet u. bin ich mit ihm im Sommer öfter in den Befestigungen vor Kiel gewesen. Diejenigen des Nord-Ufers sind jetzt ganz fertig, die am Südufer sollen bis Ende nächsten Jahres auch ganz | hergestellt sein. Die 11 zölligen walrusses, welche daselbst nach u. nach die 9 zöller ersetzen sind heillose Burschen, aber sehr schöne Arbeit. Die Befestigungen wenn fertig sind so bedeutend, daß mit Hülfe von etwas Sperre und Torpedos ziemlich jede Flotte sich die Zähne ausbeißen wurde.
Wer schreibt denn in der Pall Mall die heftigen Artikel gegen Deutschland?
Ich war im Sommer zweimal in London, aber stets nur einen Tag auf der Durchreise, sonst hätte ich Ihnen mal guten Tag gesagt. Es macht sich im Laufe der nächsten Monate wohl mal.
Ich schließe mit einem herzlichen Gruße.
IhrJG Wehner.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen weißem Papier. Wehner hat drei Seiten vollständig und die vierte zu zwei Dritteln beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes oben auf der ersten Seite mit Bleistift: „210“.
Zitiervorschlag
J. G. Wehner an Friedrich Engels in London. Manchester, Freitag, 27. Oktober 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M6792581. Abgerufen am 10.09.2026.