| Hoboken N. J.
Letterbox 184

10 januar 1871

Lieber freund,

ich kann ihnen nun, nach mehrmaligem zusammensein mit August Vogt und anderen, über die hiesige arbeiterbewegung unter den Deutschen ausführlicher berichten.

In der Deutschen Arbeiter-Union, dem centralkörper von 21 Deutschen vereinen, war der massen-anschluß an die I.A.A. angeregt und beschlossen worden. Vogt hatte vor übereilung gewarnt und man war überein gekommen, die sache noch einmal in den einzelnen vereinen zu besprechen. Ueberall stellte sich die stimmung günstig für den anschluß heraus, man hatte nur solche bedenken, denen leicht entgegen zu treten war. In einem einzigen verein, dem der kunden-schneider wurde der anschluß abgelehnt und zwar nur durch das vorwiegen der Amerikaner (der verein ist sprachlich gemischt); die Deutschen waren sämtlich dafür. Eine erneuerte abstimmung in den shopmeetings sollte vorgenommen werden. Der Deutsche krieg kam dazwischen und verdrängte alle andern fragen. Im ganzen sind die Deutschen viel mehr für die I.A.A. eingenommen als die Amerikanischen arbeiter; als neulich ein arbeiter die I.A.A. für einen humbug erklärte, war die entrüstung allgemein und aufrichtig.

Während des Fenierzuges nach Canada hatte Vogt in der Deutschen Arb. Union einen aufruf an die Irländer durchgesezt, in welchem vor falschen führern gewarnt und der anschluß an die I.A.A. empfohlen wurde. Troz der veröffentlichung in englischer sprache verlautete nichts von beistimmung irgend welcher art.

In der kriegsfrage trat die Deutsche Arb. Union viel entschiedener auf als der redakteur der arbeiter-zeitung. Nachdem einmal front gemacht war, vertheidigten die meisten ihren standpunkt heftig gegen die unter den arbeitern noch sehr zahlreich vertretenen spießbürger. Doch schlägt seit einigen wochen selbst unter den lezteren die stimmung über den Krieg allmälich um.

In dem allgemeinen deutschen-arbeiter-verein hatte Vogt Sorges eitelkeits-manöver so lange bekämpft, bis dieser ihn eines tages zu einer prügelei heraus forderte. Seitdem hat sich Vogt zurük gezogen und läßt Sorge ungestört wirtschaften, in der überzeugung, das lezterer bald genug dummheiten machen wird, um allen einfluß | verloren zu haben. Sorge knüpfte überall, bei religiösen freidenkern, menschheitsbeglückern und andern gesinnungs-genossen an, machte sich bei diesen kleinen geselschaften durch schmeichelnde worte und geldopfer beliebt und brachte so eine massenversamlung zusammen, in welcher er natürlich den vorsiz führte, weil er 3 sprachen reden kann. Darin liegt das hauptgeheimniß seiner führerschaft; er wird deshalb für unentbehrlich gehalten. In dem lezten jahre hat er unglaublich viel briefe überall hin geschrieben. Die wochenzeitung, deren gründung er jetzt betreibt, soll ganz in den händen des Allgemeinen D. A. V. sein, den er eben ganz beherscht und in dem nur sehr wenige bildungsfähige mitglieder sich noch befinden; die meisten sind durch sein wortgeklingel verwirrt und fast keiner hat den mut, seinem bildungs-geklingel zu widersprechen. Die zahl der in den 3 sektionen New Yorks vertretenen mitglieder ist überhaupt sehr klein und in den Trades-Unions findet sich mehr wahres verständniß für die grundsätze der I.A.A. als innerhalb dieser theoretischen, eingebildeten schwärmer. Bei den Franzosen spielt Drury eine große rolle, der als schönredner überall gebraucht wird, aber sehr unklar und von Sorge eingenommen ist.

Der neueste streich von Sorge, um alle fäden in die hand zu kriegen, besteht in der gründung eines centralkomites für alle sektionen der I.A.A. in den Ver. St. Natürlich werden die delegaten der vereine außerhalb New-Yorks von ihm vorgeschlagen und er erhält so stets gefügige werkzeuge. Die einzelnen sektionen verlieren alle selbstständigkeit, wie der korrespondirende sekretär des Allgem. Deutsch. A. V. mir bestätigt.

Sorges treiben kann natürlich wenig schaden; doch werden Vogt und ich den Allgemeinen deutsch. A. V. nicht mehr besuchen und die von ihm ausgehenden thorheiten außerhalb desselben bekämpfen.

Die hiesigen arbeiter sind durch das eingehen der arbeiterzeitung – auch die deutschen arbeiter-wochenblätter in Chicago und Philadelphia, die wo möglich noch erbärmlicher waren, haben aufgehört – sehr mißtrauisch geworden und werden auf die von Sorge und genossen gebotene lockspeise kaum anbeißen; es fehlt ihm auch jeder einfluß auf die masse; er ist zufrieden, wenn er im Vorboten und Volksstaat verherlicht wird. Liebknecht der alles lobt, auch die Douaische zeitung, hat auch durch seine lobhudelei der französischen regierung bei den hiesigen arbeitern anstoß erregt; er ist überhaupt als redakteur sehr schwankend gewesen und sieht in einem freundlich helfenden zu schnell einen parteigenossen. Seine ewige geldbedürftigkeit spielt ihm oft schlimme streiche. Ich und Vogt stehen außer allem verkehr mit ihm.

Ueber einen neuen agitations-verein, den social-demokrat. Arbeit. Verein, berichte ich das nächste mal.

Wir sind sehr begierig, von ihnen bald zu hören, um ihre meinung über unsere agitation zu haben.

Ihr
Sigfrid Meyer.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Blatt weißem, liniertem Papier. Meyer hat beide Seiten vollständig beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung oben auf der ersten Seite mit Bleistift: „105“.

 

Zitiervorschlag

Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. Hoboken, Dienstag, 10. Januar 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5746629. Abgerufen am 05.09.2026.

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