| Hannover, 30. Juli 1871.

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Wenn ich geglaubt hätte, daß Dir meine Mittheilungen Freude machen, oder Dich interessiren könnten, so würde ich nicht so lange geschwiegen haben. — Die hiesigen Zustände schildern Dir die Zeitungen vollkommen naturgetreu, ich habe nichts hinzuzufügen. Die Bourgeoisie schwelgt in einem Meere von Chauvinismus u. die andern Classen laboriren genügend an der durch „unsere glorreichen Erfolge“ gesteigerten Misère, um einstweilen außer Frage zu bleiben, d. h. sich bemerklich zu machen. —

Wenn ich nun den Muth behalten soll, Dich mit meinen Zuschriften zu belästigen, muß ich in der That, bisweilen eine Antwort bekommen, nicht nur ein paar Zeilen von Deiner Hand. Ich muß wissen, was Du über die, von mir ausgesprochenen Ansichten denkst. Allerdings wünsche ich auch dadurch meine Anschauungen zu klären. —

⅛. Daraus darfst Du aber bei Leibe nicht glauben, daß ich mit Dir schmolle oder Brief von Dir beanspruche.— Ich weiß wohl was Deine Thätigkeit bedeutet, ich wollte Dir nur nicht lästig werden, oder Dich durch Expectorationen verstimmen, die Du vielleicht mißbilligst. —

Nunmehr hast Du mich aber provocirt u. so mag’s denn in Gottes Namen los gehen. —

Die Entwicklung der Dinge beweist mir zur Genüge, was Du neulich sagtest, daß die Niederlage der Commune nicht in den allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnissen in Frankreich begründet ist. Diese Versammlung in Versailles ist Beweis genug für die vollkommene Abgelebtheit der bürgerlichen Partheien. (Dasselbe gilt vom deutschen Reichstag u. dem österreichischen.)

Was ich nicht einsehe ist Deine weitere Behauptung, daß der Sieg der Versailler durch „die Gutmüthigkeit“ des Centralcomites veranlaßt ist.— Diesen suche ich vielmehr in der Unklarheit der leitenden Personen. — Ist man sich großer Ziele bewußt, werden |2 diese nicht nur instinctiv gefühlt, dann scheut man auch nicht vor der momentan übelen Nachrede zurück, wie hier zum Beispiel den Bürgerkrieg angefacht zu haben. Alle großen gesellschaftlichen Umwälzungen resultiren in letzter Instanz aus dem Bürgerkriege. Andere Kriege hemmen die Civilisation meist mehr, als sie diese fördern, bestimmt gilt dies von Kriegen unter Nationen mit bürgerlich entwickelter Production. — Ist demnach Unwissenheit des Proletariats in Bezug auf Physiologie u. Pathologie der modernen Gesellschaft Ursache seiner Knechtung, so muß theoretische Aufklärung der nothwendige Vorläufer einer exacten u. sicheren Therapie sein. — Ich weiß, daß ehe es eine exacte Medicin gab (u. eigentlich gibt es eine solche noch heute nicht) man sich mit einer empirischen Heilkunde behalf u. manches Gute leistete, das erst später seine theoretische Erklärung fand, aber einen sicheren Grund fanden wir erst durch Einsicht in Naturgesetze. —

Gäbe es nun einen Mann von hinreichendem Wissen, von genügender Verstandesschärfe, voll glühender Begeisterung für die größte Sache, die die Menschheit je bewegte, gäbe es eines solchen Mann, der im Stande wäre „das Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“ (stolzes erhabenes Wort!) hätte dieser herculische Mann Selbstüberwindung genug, sich allen Einflüssen zu entziehen, die seine Thätigkeit von diesem einen großen Ziele ablenken, mag dieselbe in begrenztem Kreise noch so segensreich sein, er allein wäre im Stande die Schmerzen u. die Leiden ganzer Generationen abzukürzen indem er ihnen eine Leuchte der Wissenschaft anzündet, die ihren dunkeln Weg erhellt u. das Geschmeiß elender Feinde geblendet zurückscheucht. — Und dieser Hercules lebt wirklich, aber anstatt, wie es seine Aufgabe ist, dem Thanatos seine edle Beute zu entreißen, führt ihn eine unselige Combination von Umständen dazu die Ställe des Augias reinigen zu wollen. — |3 Erschöpft sich diese Kraft in Detailarbeiten, wer weiß wann der andere aufstehen wird, fähig ihn zu ergänzen. — Ich beneide  Friedrich III. (Sachsen) bzw. Anspielung auf Friedrich Engels?
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Friedrich den Weisen
.—

Dir u. Staff meinen Dank für die Drucksachen, namentlich für  Gemeint ist „Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation an alle Mitglieder in Europa und den Vereinigten Staaten“ – erschienen zunächst in englischer Sprache („The Civil War in France“, London 1871); der Erstdruck der deutschen Übersetzung durch Engels erschien als Artikelserie im „Volksstaat“ vom 28. Juni bis 29. Juli 1871.
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die Adressen über den „Bürgerkrieg“
. — Wie stehts eigentlich im Generalrath? Über die Affaire mit Odger u. Lucraft, weiß ich nicht mehr, als in der Frankfurter Zeitung stand.  In der zweiten Auflage waren in den Unterschriften der Generalratsmitglieder Benjamin Lucraft und George Odger gestrichen worden, die aus dem Generalrat ausgetreten waren (s. hierzu MEGA I/22. S. 565–566 und 568–569; S. 972–975).
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Daß diese Herren nicht mehr im Generalrath, erseh ich aus der zweiten Auflage der Adresse
. —

 Die Prostitution. In: Der Volkswille. Wien. Nr. 27–30, 32, 8. Juli 1871–12. August,1871. Die Beilage ist nicht überliefert.
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Ich sende Dir 3 NNo. des „Volkswille“ wegen des Artikels über die „Prostitution“
. Ich denke es freut Dich, wenn Du siehst, daß Deine Arbeiten nützen. Bekommst Du dies Blatt? Sonst kann ich es Dir, wenn interessant, schicken. —

Willst Du auch noch deutsche Ztgn haben?  Die Beilage ist nicht überliefert.
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Ich sende Dir die Fftr Ztg fast vollständig
, weil Du mich darum ersuchtest. — Haben wir bald etwas aus Deiner Feder „über Deutschland“ zu erwarten?

Vor einigen Tagen hatten wir Brief von Jennychen u. ich freue mich von ihr zu hören, daß es ihr immer besser geht. Ich war hoch erfreut über sie, Paul u. Laura, derentwegen ich nicht ohne Besorgniß war, beruhigt zu werden. —

 Siehe Marx an Kugelmann, 27.7.1871 und Erl.
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Das Zettelchen an Liebkn. sandte ich sofort
recommandirt gegen Empfangschein“. Letzteren noch nicht erhalten.—

 Siehe Marx an Kugelmann, 27.7.1871 und Erl.
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Dank für Deine Notiz über die „Tiftelei“ u. „Aufbrummung“ mit der Pall-Mall Gazette.
Die Sache befremdete mich allerdings.— Bitte, gieb mir solche Aufklärungen doch immer so früh wie möglich. Wenn man Dich darüber anzapft, kann ich antworten. —

Gertrud u. Fränzchen waren 3 Wochen in Königswinter, sind |4 jetzt in Bielefeld u. werden übermorgen zurückkehren.

Am 12. d. M. denke ich auf 4 Wochen in’s Salzkammergut u. nach Tirol zu gehen. — Während der Zeit wirst Du dann keine Zeitungen von mir bekommen, wenn ich nicht vielleicht unterwegs etwas für Dich finde. —

Sage Deiner lieben Frau herzlichen Dank für ihren liebenswürdigen Brief an mich u. entschuldige mich, daß ich ihr erst jetzt sage, wie sehr wir uns immer über ihre frischen, lebendigen Schilderungen freuen. —

Adieu, mein lieber Freund! Behalte lieb

Deinen
LKugelmann,
Dr

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen grauweißem Papier. Kugelmann hat drei Seiten vollständig und die letzte Seite zu einem Drittel beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von unbekannter Hand: Nummerierung aller Seiten mit Bleistift: „96a–d“.

Von Kugelmanns Hand: Anstreichungen am Rand.

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Sonntag, 30. Juli, und Dienstag, 1. August 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M5149537. Abgerufen am 06.09.2026.

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