| Engelsk. 30 Juli 1870

Lieber Friedrich

Du hast recht, aus unsern Reiseplänen wird wol nichts werden wenigstens nicht aus meinen. Das wäre nun nicht so schlimm denn man kann schon zufrieden u. froh sein auch ohne zu reisen, aber dieser schreckliche Krieg der uns so aus heiterem Himmel zu geflogen von dem schändlichen Napoleon, es ist wirklich unglaublich daß sich nicht alle Europäischen Mächte vereinigen um ihn unschädlich zu machen. Wir leben hier noch in aller Stille u. bekamen nur einen lebhaften Eindruck von der Sache am ersten Abend wie die Nachricht kam, daß Frankreich den Krieg erklärt habe u. im Dorf ein Jubel u. singen ausbrach. Die Einberufenen sind alle fort u. wir sind eifrig beschäftigt für die | Verwundeten zu sorgen, woran es wol bald nicht fehlen wird. Gott gebe daß Deutschland siegt; ich hoffe es denn wir haben eine gerechte Sache zu verfechten. Es ist eine Freude, wie die Deutschen jetzt zusammen halten u. selbst von nah u. fern Beiträge für unsre gute Sache kommen. In Barmen sind über 55 000 Thl. zusammengekommen für die Hinterbliebenen u. zur Erquickung der Truppen. Auch in England kommt ja viel zusammen, aber um so mehr muß man sich wundern über die unangebrachte Langmuth womit das Parlament duldet, daß Frankreich noch verschiedene Begünstigungen von England für ihre Flotte erhält u. daß nicht allein, es scheint sie hören es auch mit Ruhe an,  Siehe die Luxemburgkrise von 1867.
Schließen
daß Frankreich schon lange Preussen über reden wollte mit ihm gemeinschaftliche Sache zu machen um ihm Luxemburg u. | Belgien zu verschaffen
, so etwas hätte man von dem stolzen England nicht erwarten sollen, ich werde ganz aufgeregt wenn ich diese Redesarten in der Zeitung lese, ich glaube wenn der alte Welington noch lebte, der würde es anders machen. Durch Barmen sind seid 8 Tagen Tag u. Nacht die Eisenbahn Züge mit Truppen durch gekommen u. man kann wol jetzt sehr bald die Nachricht erwarten daß etwas entscheidendes vorgekommen ist, wir erwarten immer die Zeitung mit großer Spannung u. wenn auch nur ein kleines Gefecht unter den Vorposten statt gefunden hat, wobei sich die Zündnadelgewehre erprobt haben, freut man sich. Es ist eigentlich traurig, man wird ordentlich erbittert gegen die Franzosen u. die armen Leute sind doch unschuldig u. nur zu bedauern.

Von Barmen höre ich selten was | es scheint sie haben vor lauter Aufregung keine Zeit. Seid 8 Tagen sind Anna u. Elise Boelling bei mir, Hedwig wollte sie nicht gern zu Hause haben wärend ihrer Entbindung, vorgestern haben wir nun ein Thelegram bekommen daß an dem Morgen ein Söhnchen angekommen sei u. Alles gut u. wohl sei, Boellings haben jetzt also 6 Töchter u. 2 Söhne.

Mit meiner Gesundheit hat es in diesem Sommer Gott sei Dank besser gegangen wie in dem vorigen, auch sind hier Alle wohl u. baden Groß u. Klein in Weitsee a la Ostende im Badekostüm. Tante Griesheim u. ich allein ausgenommen.

Nun leb wohl für heute u. schreib mir bald wieder u. wenn Du etwas interessantes in einer englischen Zeitung findest, dann schicke es uns! Alle lassen Dich herzlich grüßen mit Deiner

treuen Mutter E.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Veröffentlichung nach einer Ersttranskription des RGASPI. Die Originalhandschrift konnte nicht eingesehen werden.

 

Zitiervorschlag

Elisabeth Engels an Friedrich Engels in Manchester. Engelskirchen, Samstag, 30. Juli 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M4662641. Abgerufen am 21.04.2024.