| 86, Mornington St. Stockport Road
Manchester, 8ten Febr. 1870.
Liebe Freunde
Ich muß sehr um Verzeihung bitten daß ich Ihren
C.
Klein und Fr. W. Moll an Engels,
3.12.1869.
Schließen
Brief vom
3 Dezbr
bis heute unbeantwortet
gelassen habe. Meine Entschuldigung ist nur, daß ich gerne etwas recht
angenehmes schreiben wollte & daher mich auch sonst im Interesse der
Genossenschaft erst umsehen mußte. Wenn
ich nun auch keine sehr erfreulichen Nachrichten habe, so ist das, wie Sie sehen
werden, nicht meine Schuld.
Ich habe Solingen noch von Anno 48 & 49 her in gutem
Gedächtniß. Nicht nur waren die Solinger Arbeiter damals die am weitesten
entwickelten & die entschiedensten der Rheinprovinz, wie sich auch bei der
Elberfelder Geschichte zeigte; ich selbst bin ihnen persönlich zu besonderm Dank
verpflichtet, denn die Solinger Kolonne, mit der ich nach Elberfeld zog,
unterstützte mich & schützte mich dort gegen den feigen &
verrätherischen Sicherheitsausschuß der „radikalen“ Bourgeois. Ohne die Solinger
hätten diese Bourgeois mich Siehe „einspunden“, bereitgestellt durch das
Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am
10.01.2023.
Schließen einspunden lassen, wo ich dann wahrscheinlich als
Sühnopfer den Herren Preußen zurückgelassen worden wäre. Auch weiß ich recht gut
daß die Solinger während der ganzen Zeit der Lassalleschen Triumphzüge sich nicht als Zöglinge der neuen
Lehre, sondern als Leute benommen haben, die schon seit Jahren der
sozialistischen Bewegung angehörten, die sich zwar dem neuen Verein
angeschlossen
anschließen
konnten, aber Nichts von ihm zu lernen brauchten. Und ebensogut weiß
ich daß Freund Klein, grade als Lassalle wie
ein Messias vergöttert wurde, den Muth hatte ihn & die Arbeiter daran zu
| erinnern daß die Leute von der Neuen
Rhein. Zeitung doch auch schon Einiges zur
Selbständigmachung der Arbeiter beigetragen hätten.
Demgegenüber war es mir doppelt schmerzlich daß meine eignen Mittel mir nicht erlauben der Genossenschaft in einer Weise unter die Arme zu greifen die ihr von besonderm Nutzen sein könnte. Mein Bischen Geld liegt so fest daß ich beim besten Willen – & sicher wenigstens für die nächsten Jahre – nicht daran kommen kann, selbst nicht für meine persönlichen Zwecke. Ich kann also nur über meine Einkünfte verfügen, und die sind auch nicht brillant für hiesige Verhältnisse. Um aber doch wenigstens meinen guten Willen zu beweisen, lege ich inliegende Thl. 50.– in einer preuß. Banknote I. Lit. C. No 108,126 bei und bitte mir den betreffenden Obligationstitel dagegen einzusenden, die Zinsen aber nicht mir, sondern dem Reservefonds der Genossenschaft gutzuschreiben.
Ich habe mich nun mit Marx, mit dem ich die Sache besprochen, umgesehen ob wir nicht sonst wie Geld für die Genossenschaft auftreiben könnten. Marx kennt auch Leute, die Mittel besitzen, und bei denen guter Wille vorausgesetzt werden darf. Aber der Mann durch den wir die Sache einfädeln müßten, ist auf mehrere Monate verreist & bis dahin Nichts zu machen. Wir haben nun Folgendes vor: Falls es uns gelingt diese Leute für diese Sache zu interessiren, sie aufzufordern Jemand nach Solingen zu schicken um den Stand der Genossenschaft selbst zu prüfen. Es wäre dann nöthig daß dem Betreffenden alle Bücher & Belege vorgelegt, alle nöthigen Aufklärungen mit der größten Offenherzigkeit gegeben | würden. Denn anders kann man nicht verlangen daß Leute Geld in ein Geschäft stecken, & wenn ich selbst in der Lage wäre eine größere Summe vorzuschießen, so würde ich vorher nach Solingen kommen und denselben Anspruch machen. In Geschäftssachen hat Jeder die Pflicht, selbst zuzusehn, denn Jeder kann sich täuschen & besonders Jemand der bei einer Sache interessirt ist. Zudem würde ein solcher Mann – der selbstredend in Solingen stockfremd sein würde – sein Ehrenwort zu geben haben daß er von den zu machenden Mittheilungen durchaus keinen Gebrauch macht. Und wenn dann der Mann von der Solidität des Geschäfts und der Vertrauenswürdigkeit der Geschäftsführung sich überzeugt hat, so hoffen wir daß eine hübsche Summe an Obligationen aufgenommen werden wird.
Ich gebe Ihnen dies natürlich nur als unsern
Operationsplan, & möchte nicht daß Sie sich schon jetzt große Hoffnungen
darauf hin machten, denn es ist ja klar, daß wir über das Geld anderer Leute
Siehe „platterdings“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der
deutschen Sprache, abgerufen am
10.01.2023.
Schließen platterdings nicht verfügen können. Ich möchte um Alles in
der Welt nicht daß die Genossenschaft auf
dergleichen Aussichten hin, die sich frühstens ja erst in Monaten, vielleicht
aber auch gar nicht verwirklichen, sich in Geschäfte
einließe, wodurch
ihre(?) Mittel festgelegt würden & sie selbst
in Verlegenheit käme. Ich kann eben nur versprechen daß wir in dieser Sache
unser Möglichstes thun werden, & bleibe, mit besten Wünschen für das
Gedeihen der Genossenschaft & das Wohlergehn aller Mitglieder
mit Gruß & Handschlag
Friedrich EngelsMeine Adresse ist jetzt wie vorstehend.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Blatt weißem Papier. Drei Seiten sind vollständig beschrieben (die dritte quer), die letzte Seite blieb vermutlich leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Zitiervorschlag
Friedrich Engels an Carl Klein und Friedrich Wilhelm Moll in Solingen. Manchester, Dienstag, 8. Februar 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M4019118. Abgerufen am 12.09.2026.