| Mittwoch.  Das Datum scheint von fremder Hand mit anderer Tinte ergänzt worden zu sein.
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27 April 1870

Lieber Engels!

 Siehe W. Liebknecht an Engels, 5. April 1870, Wilhelm Liebknecht an Marx, 20. April 1870, Engels an Marx, 8. Mai 1870. Siehe weiter MEGA2 I/21. S. 167–174. Friedrich Engels: Vorbemerkung zu „Der deutsche Bauernkrieg“ (1870). Diese Vorbemerkung schrieb Engels im Februar 1870 für einen von Wilhelm Liebknecht zuerst im Feuilleton des „Volksstaats“ als Broschüre geplanten Neudruck der von ihm 1850 verfaßten Arbeit „Der deutsche Bauernkrieg“. (Siehe Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. In: MEGA2 I/10. S. 367–443).
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Von jetzt an erhältst Du bloß 1 Ex. des Volksstaat , dafür aber regelmäßig die Correkturbogen. — Apropos, die Randglosse: Randglossen verboten, hättest Du sparen können, zumal betr. Randglosse selbstverständlich nur für den „Volksstaat“, der den Aufsatz zerstückelt bringt, bestimmt sein konnte.

 Vermutlich in dem nicht überlieferten Brief von Friedrich Engels an Wilhelm Liebknecht. Zwischen Dienstag, 5. April und Donnerstag 14. April 1870.
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Auf Deine Einwürfe resp. Ausstellungen
werde ich gelegentlich ausführlich eingehen; seit 8 Tagen bin ich durch ein Familienereigniß ( Sohn Theodor Liebknecht wurde am 19. April 1870 geboren.
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Ankunft eines Jungen
) so in Anspruch genommen, daß ich die nöthige Zeit nicht ersparen kann. Nur so viel: Du verkennst, daß ich mit dem vorhandnen Material arbeiten mußte. Das „Dem. Wochenblatt“ war „Organ der Volkspartei .“ Ein Organ der Sozialdemokratie war damals noch nicht möglich, und wäre heut noch nicht möglich, wenn ich nicht, anknüpfend an die damals verfügbaren Elemente das „Dem. Wochenblatt“ gegründet hätte. Ich hatte die Wahl entweder mich in den Strom zu stürzen, der an mir vorbeistürzte, oder am Ufer stehn zu bleiben und philosophische Betrachtungen anzustellen über das Gesetz der Schwere, die Natur des Wassers u.s.w. Ich zog das Erstre vor, und wenn ich mir auch manches Mißgriffs bewußt bin, so glaube ich doch, daß ich im Ganzen durchaus richtig und im Interesse unsrer Partei ge|handelt habe. Daß ich andre Parteien nur benutzt, mich nicht von ihnen habe benützen lassen — das dächte ich, wäre durch den Erfolg deutlich genug bewiesen worden.

Daß Preußen der einzige ernsthafte Gegner in Deutschland ist — hatte sich schon 1849 gezeigt, wo Östreich gelähmt war und Preußen die ganze Standrechtsarbeit übernehmen mußte. 1866 hat es nur etwas schärfer hervortreten lassen. Doch darin sind wir einverstanden: ich weiche nur insofern von Dir ab, als ich es für einen Nachtheil halte, daß Preußen die Annexionen gelungen sind, und zwar darum für einen Nachtheil, weil ich den „einzigen ernsthaften Gegner“ lieber schwach habe als stark. Und gegen dieses Preußen selbst den Hannover’schen Partikularismus ins Feld zu führen, hielt und halte ich für keinen Fehler — im Gegentheil. Prinzipiell habe ich mir den Rücken frei gehalten; ich habe jede auch die geringste Conzession zurückgewiesen.  Am 22. Febraur 1868 hatte das „Demokratische Wochenblatt“, Nr. 34, geschrieben: „In dem ersten Land [Baden, d. H.] erwirbt sich namentlich Venedey durch sein tapferes Vorgehn gegen die Gothaer Clique ein hohes Verdienst um die Sache den deutschen Volks“. Engels schrieb daraufhin am 26. April an Marx: „Wilhelmchen feiert jetzt auch, wie Du gesehen haben wirst, den edlen Jakobus Venedey! Sie sehen sich beide auch grade so ähnlich wie ein Esel dem andern. Ich hab jezt genug davon, ich scheib ihm nicht mehr, mag er sich auf eigne Faust blamieren.“ (Erl. nach D: S. 98)
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Daß in einem Organ der „Volkspartei“ Venedey einmal gelobt ward
— ist das zum Verwundern?  Am 22. Oktober 1868 beschwerte sich Engels bei Marx über Liebknechts Konzessionen „gegenüber den Exfürsten“ (s. Engels an Marx, 22.10.1868: „Du wirst gesehn haben, daß er den Kurfürsten von Hessen als historische Autorität zitiert ... und einen treuen Hannoveraner in der letzten No. Welfengewinsel anstimmen läßt. Es wäre gut, wenn Du über diesen letzten Punkt dem Wilhelm einmal klaren Wein einschenktest ...“). (Erl. nach D: S. 98).
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Und jene Jeremiade eines alten Hannoveraners!
Sie lag ein paar Monate in meinem Pult, bis sie durch einige Bittschreiben von sehr einflußreichen Parteimitgliedern aus Meerane zu Tag gefördert ward. —

Über Berlin schreibe ich Dir aus Berlin, d. h. wenn ich hinkomme. Du wirfst uns unser Wegbleiben als Prinzipienreiterei vor: das ist es nicht. Wir halten es unter unsrer Würde, und gegen unsren Vortheil, | in einer so gemeinen, plumpen Komödie mitzuspielen.  Wilhelm Liebknecht hatte am 31. Mai in seiner Rede „Ueber die politische Stellung der Sozialdemokratie“ vor den Gefahren des Parlamentarismus gewarnt. Auf dem Stuttgarter Parteitag vom 4. bis 7. Juni 1870 äußerte sich Liebknecht zunächst im gleichen Sinne, stellte sich dann aber auf den Boden einer Kompromißresolution. (Erl. nach D: S. 99).
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Du überschätzest den Norddeutschen Parlamentarismus.
Protestiren, ich meine die Komödie denunziren kann ich aber außerhalb des Reichstags besser als drin, wo die Geschäftsordnung jede freie Bewegung hindert. — Daß wir dann und wann bei bedeutenden Fragen auftreten, ist ganz nützlich; das Schlimme ist bloß, um die Gelegenheit zu einer Rede resp. einem Skandal zu erhaschen, muß man 14 Tage, 3 Wochen in Berlin auf der Lauer liegen, und woher das Geld nehmen und nicht stehlen? Ich weiß nicht, wie ich zur 3 Lesung des Strafgesetzbuchs hinkommen soll. Nimm die Kosten für’s Blatt, die Agitation, die Geldstrafen (jeder Prozeß durchschnittlich 25 reichstaler und 7 habe ich auf dem Hals — das Sitzen kommt gar nicht in Betracht!) wo soll das Geld her? Mit den 40 reichstaler monatl. die ich vom Blatt habe, kann ich nicht leben, geschweige Reisen machen. —

Otto-Walster ist dasselbige Individuum, aber was die Nationalliberalen sagen, ist natürlich gelogen. Ein ganz harmloser Bursche, redigirte er 1866 eine antipreußische Zeitung in Wiesbaden, wurde damals von den Preußen eingesteckt, war 1867 Reichstags Candidat der Braunschweiger Sozialdemokraten, und besorgte eine Zeitlang den Lokaltheil des Bulletin International. Eine welfische Correspondenz hat er nie heraugegeben. Ich protestirte gegen  A. Otto-Walster war im Januar 1867 von der Braunschweiger Gemeinde des ADAV zum Kandidaten für den Norddeutschen Reichstag aufgestellt worden. (Erl. nach D: S. 99)
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Aufnahme des Namens
, weil er nichts taugt und wegen Walster’s Anrüchigkeit, doch die Sache war schon so weit vorgeschritten, daß sie sich nicht rückgängig machen ließ.

 Die Wahlen am 3. März wurden durch den Kriegsverlauf und den Abschluß des Präliminarfriedes beeinflußt. Die Partei konnte nur zwei Wahlkreise gewinnen (Glauchau-Meerane und Zwickau-Crimmitschau), wogegen Liebknecht im 19. sächsischen Wahlkreis mit 3981 gegen 5204 Stimmemn unterlag. (Erl. nach D: S. 99)
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Bei den nächsten Wahlen
, hoffe ich, bringen wir in Sachsen 6–8 Mann durch, ferner haben wir in Breslau die besten Aussichten. Auch vielleicht in Köln. Wir werden u. a. Dietzgen aufstellen. Hättest Du irgendwo Lust?

In Berlin handelt sich’s um ein auch für das Kleinbürgerthum berechnetes billiges Blatt, das der Volkszeitung Duncker’s und der Staatsbürgerzeitung Held’s Conkurrenz macht. Geld erwarte ich von van der Leeden und durch Jacoby . Mehr im nächsten Brief.  Vermutlich handelt es sich um Liebknechts Brief an Marx gleichen Datums.
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Besorge Einliegendes sofort an Marx
.

Dein W. L.

/ Apropos: Könntest Du mir eine Geschichte des Chartismus und der Trades Unions verschaffen? Es wäre mir von großem Werth. Hat nicht Gammage die Geschichte der chart. Beweg. geschrieben? /

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus einem Bogen gelblichem Papier. Liebknecht hat die ersten drei Seiten vollständig beschrieben, die vierte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Die letzte Passage „Apropos ... geschrieben?“ ist kopfüber am oberen Rand der ersten Seite notiert.

Archivsignaturen auf der ersten Seite mit Bleistift: „L Pg B11.“ und „LⅤ 423–12“.

 

Zitiervorschlag

Wilhelm Liebknecht an Friedrich Engels in Manchester. Leipzig, Mittwoch, 27. April 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M3819583. Abgerufen am 17.10.2026.

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