| Geehrter Herr!

Ich beehre mich, Ihnen mitzutheilen, daß ich seit 12. Jänner d. J. hier in Wr. Neustadt eine radical-socialistische Zeitschrift unter dem Titel „Gleichheit“ herausgebe. Nummer 2 dieser Zeitschrift wurde confiscirt, weil ich das von Joh. Ph. Becker in Genf mir zugesendete „Manifest an die landwirthschaftliche Bevölkerung“, das Ihnen jedenfalls auch bekannt ist, in derselben zum Abdruck brachte, und gegen mich wegen des Vergehens nach §. 302 und §. 305 a.St.G. die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet.

§. 302 lautet: „Wer Andere zu Feindseligkeiten wider die verschiedenen Nationalitäten (Volksstämme), Religions- oder andere Gesellschaften, einzelne Classen oder Stände der bürgerlichen Gesellschaft oder wider gesetzlich anerkannte Körperschaften, oder überhaupt die Einwohner des Staates zu feindseligen Parteiungen gegen einander auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, ist, in soferne sich diese Thätigkeit nicht als eine schwerer verpönte strafbare Handlung darstellt, eines Vergehens schuldig, und soll zu strengem Arreste von drei bis sechs Monaten verurtheilt werden.“

§. 305 lautet: „Wer auf die im § 303 (Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Religionsgenossenschaft) bezeichnete Weise die Einrichtungen der Ehe, der Familie, oder die Rechtsbegriffe über das Eigenthum herabwürdiget, oder zu erschüttern versucht, oder zu unsittlichen oder durch die Gesetze verbotenen Handlungen auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht, oder dieselben anpreiset oder zu rechtfertigen versucht, ist, insoferne sich darin nicht eine schwerer verpönte strafbare Handlung dar | stellt, eines Vergehens schuldig und mit Arrest von einem bis zu sechs Monaten zu bestrafen. Wenn jedoch eines der in den §.§. 300 und 302–305 bezeichneten Vergehen durch Druckschriften begangen wird, so kann nach Maß ihrer Gefährlichkeit und beabsichtigten größeren Verbreitung, die Strafe auf strengen Arrest bis zu einem Jahre ausgedehnt werden, und es können in diesem Falle die Schuldigen auch aus dem Orte oder dem Kronlande, und wenn sie Ausländer sind, aus sämmtlichen Kronländern des Kaiserthums abgeschafft werden.“

Es scheint, daß man diesen Proceß zu einer cause célèbre hinaufschrauben will, um gegen die internationale Arbeiterassociation einen wuchtigen Schlag dann zu führen. Ich entnehme dies aus dem, wie man schon in der Voruntersuchung vorgeht. – Leider stehen mir nicht genügend socialistische Werke zu Gebote, um mich hinreichend für die Vertheidigung vorbereiten zu können. Da mit meinem Processe der Kollektivismus zum ersten Male vor den österreichischen Gerichten erscheint, und man jedenfalls die internationale Arbeiterassociation hart mitnehmen wird, so glaube ich daß es nicht so ganz gleichgiltig ist, wie ich mich und unsere Sache vertheidige.  Siehe Meeting of the General Council February 22, 1870. (MEGA2 I/21. S. 752 u. 2059/2060).
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Ich stelle daher an Sie die Bitte, meinen Proceß bei einer Generalrathssitzung zur Sprache zu bringen
und in meinem Namen beim Generalrath die Anfrage zu stellen, ob es nicht möglich wäre mich durch Zusendung von besonders an die „Landfrage“ und den „Eigenthumsbegriff“ bezügliche Schriften und Werke in der Vorbereitung zu meiner Vertheidigung zu unterstützen.

Ich habe früher zu erwähnen vergessen, daß ich die „Gleichheit“ deshalb ins Leben gerufen, weil ich mit der Haltung Oberwinders in Betreff der socialen Frage durchaus nicht einverstanden bin. Es ist natürlich auch selbstverständlich, daß dieses Journal nur der Inter | nationalen zur Verfügung steht. Ich bitte daher über dasselbe nach Belieben zu disponiren; mir die zu veröffentlichenden Kundmachungen, Aufrufe etc. zu senden zu wollen u.s.w.

Gerade heute vor acht Tagen wurde bei mir über Requisition des Wiener Landesgerichtes Haussuchung gehalten, „da ich des Verbrechens nach §. 65 cSt.G. (Störung der öffentlichen Ruhe durch Theilnahme an Verbindungen, die sich einen strafbaren Zweck zur Aufgabe setzen) verdächtig erscheine, um meine Verbindungen mit einzelnen Personen und moralischen Körperschaften zu eruiren“. Diese Untersuchung erstreckte sich sogar bis auf den Inhalt meiner Säcke und meiner Brieftasche. Nachdem die genaue Durchsuchung, (kein beschriebenes Fleckchen Papier blieb ungelesen) geendet, sagte der fungirende Kreisgerichtadjunkt Danninger zu mir, was man gesucht habe, habe man nicht gefunden.

Aber nicht blos gegen die Regierungsgewalt hat man zu kämpfen, sondern die von allen Seiten in Scene gesetzten Intriguen hat man zu durchkreuzen. Die Redaktion des Wiener Neustädter Wochenblattes wurde mir aus dem wichtigen Grunde entzogen, weil ich nur Arbeiter-Angelegenheiten bespreche. Ich gründete deshalb die Gleichheit, um doch ein Kampfmittel in Händen zu haben, da hieß es auf einmal ein Ungenannter hat für das Wochenblatt die Kaution erlegt, um auch politische Artikel bringen zu können. Ich vermuthete gleich, daß dies von der Sigl’schen Fabrik ausgegangen sei und dieser Verdacht wurde durch die Nummer desselben bestärkt, in welcher gegen die „Communisten“ losgedonnert wurde, jetzt zu einer Zeit, wo mir ein Communistenproceß droht. Vorgestern wurde mein Verdacht zur Gewißheit. Mein Chef ließ unvorsichtiger Weise sein Cassajournal auf dem Pulte offen liegen, | und bei dieser Gelegenheit bemerkte ich zufällig einen Posten, Schau, Direktor der Sigl’schen Lokomotivfabrik, für den „Verein zur Wahrung der Volksrechte“ 1500 fl. Das Räthsel ist gelöst. Ich muß natürlich mit dem Wochenblatte in eine Polemik mich einlassen, die deshalb schwierig für mich zu führen sein wird, weil sich als Gegner Schau, Pastor Kolatschek und der  Gemeint ist der Nationalökonom Emanuel Herrmann, der von 1868 bis 1871 an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt lehrte.
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Professor der Nationalökonomie an der hiesigen Akademie
, lauter geriebene Leute, coaliiren werden.

Die bewußten Karten konnte ich noch nicht ausgeben, weil seit meiner Rückkunft von Basel ich fortwährend von Wiener Polizeispitzeln beobachtet werde. Auf den Ausgang meines Processes bin ich sehr begierig, ich glaube daß man mich ordentlich mitnehmen wird.

Wenn sie mir vielleicht Abhandlungen über die Schädlichkeit der Nachtarbeit etc. schicken könnten, wäre ich sehr dankbar. Binnen Kurzem wird unser miserables Koalitionsrecht sanktionirt werden. Es wäre gut, wenn der Generalrath eine Belehrung über den Gebrauch desselben in einem Aufruf an die östreichischen Arbeiter kundgeben würde. Ich wäre gerne bereit ihn abzudrucken. Überhaupt bitte ich die Gleichheit als Organ der internationalen Arbeiterassociation zu betrachten. Ich habe jetzt einen geheimen Agitationssklub gegründet. Nächstens werden wir einen slavischen Leseverein ins Leben rufen, um mit den Czechen Böhmens einen Anknüpfungspunkt zu finden.

Mit socialrepublikanischem Brudergruß und Handschlag

Ihr
Ludwig Neumayr

W. Neustadt 12. Febr 1870

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.

Absender

Zeugenbeschreibung

Veröffentlichung nach einer Ersttranskription des RGASPI. Die Originalhandschrift konnte nicht eingesehen werden.

 

Zitiervorschlag

Ludwig Neumayr an Karl Marx in London. Wiener Neustadt, Samstag, 12. Februar 1870. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M3073287. Abgerufen am 17.04.2024.