| 28. Mai 71.
Lieber Freund
Mit Ihnen in vollster Sympathie, eile ich, mich zu jeder Zusammenwirkung, im schwachen Maaße meiner Kräfte, zu melden, welche das entsetzliche Unheil mildern kann.
Der Schlag ist ungeheuer. Seine Richtung geht über die Commune hinaus. Bismarck und Versailles wollen hinter 1789 zurück.
Ich fürchte, unsre Laufbahn ist am Ende. Zu retten, was noch zu retten sein mag, – überdies durch Erziehung auf die Zukunft zu wirken, das kann noch unsre Aufgabe sein.
Ich habe den Ausbruch vom 18 März getadelt, – ob ich wohl seither zur Ueberzeugung gekommen, daß er schwer zu vermeiden war, – nur durch Staatskunst und berechnetes Verfahren zu vermeiden war, welches die | Massen und Volksführer in Paris nicht besaßen, nicht besitzen konnten. Ich habe die Niederlage als unvermeidlich vorausgesehen, vorausgesagt, und habe bei Zeiten vor der kommenden Reaction gewarnt. Ich habe mich vergeblich bemüht, hier und in Frankreich auf Vergleich hinzuwirken. Indem ich in der Bewegung der Commune die Richtung auf Municipalfreiheit, und gegen die Tyrannei der Majoritätsherrschaft eines allgemeinen und gleichen, nach meiner Ansicht nothwendig stupiden, Stimmrechts als hoffnungsreich für die Zukunft begrüßte, auch mich der Richtung gegen absurden Patriotismus und Hartherzigkeit der Geldsäcke freute, | mußte ich doch das Verfahren der Führer in vielen Fällen als ungerecht oder abgeschmackt bezeichnen; – ohne doch zu vergessen, daß dergleichen in jeder großen Bewegung vorkommen muß. Ich kann weder den anfänglichen Mord der beiden Generale, noch die Verbrennung von Paris rechtfertigen; – wenn die Commune sie angeordnet, – was mir aber ebensowenig bewiesen ist, als die Verbrennung Rom’s durch die Christen oder durch Nero.
Dies, denn, mein Standpunkt.– Was nun zu thun?
Zunächst dem Auslieferungsbegehren entgegenzuwirken.
Zu diesem Zweck habe ich gestern Abend einen Brief eines englischen Rechtsgelehrten an die Pall Mall G. | veranlaßt; und heute früh ähnlichen Brief eines andern englischen Freundes an den Standard. In beiden Fällen hab’ ich das zu Schreibende, mit den Herrn durchgesprochen. –
Lesen Sie nun Nicht
überliefert.
Schließen die Inlage. Zu deren Verständniß lassen Sie mich sagen,
daß der Brief durch eine Discussion veranlaßt wurde, in der ich neulich den
Preußen ihre Schergendienste zu Gunsten der Rußen vorwarf; – welche Dienste der
Schreiber
der Inlage zuerst gerechtfertigt glaubte. Sie sehen, der Mann ist keinesweges
ein
politischRadicaler.
Aber es ist gibt Dinge, welche auch diese ruhigen, & scheinbar herzlosen
Gesetzesmenschen empören; und die Versailler haben das Maaß übervoll gefüllt.
Nichts, das man der Commune vorwerfen mag, kann die Versailler Gräuel
entschuldigen; – selbst nicht – wäre sie erwiesen – die Brandstiftung; denn
diese sind Aufständische, jene Regierung, – über den Parteien stehend, zu
richterlicher Kühle verpflichtet. Ebenso möchte, im Tribunal, der Richter von
seinem | Sitze herabsteigen, um den Angeklagten am Halse zu fassen, und mit
ihm zu ringen.
Das Original des Briefes hab’ ich gestern Abd. an Bertin gesandt den londoner Correspondenten der Indépendance belge; seine beiden Söhne haben es von mir in Empfang genommen; sie stimmen und fühlen mit mir.
Das Echo ist seit drei Tagen mit uns. Mit Recht sagt es, daß man die Leute nicht zur Verzweiflung treiben mußte. Im selben Sinn arbeite ich am Working Men’s College.
Auf heute Nachmittag erwarte ich einen französ. Freund, kürzlich von St. Denis zurückgekommen, der mit dem Herzog von Wellington bekannt ist; und, mit uns übereinstimmend, auf die Kreise der Aristokratie wirken mag, in denen man für die französ. Nothleidenden thätig war.
| Ich will Alles thun, was gethan werden kann. Sagen Sie nicht, das sei unnöthig, weil doch nur Wenige hierherkommen können, da die Ueberfahrt ihnen allzu schwierig. Erstens werden Einige kommen, und dann wird das Beispiel Englands mächtig auf die Schweiz wirken.
Wer hierherkommt, soll gleich seinen Namen wechseln, – bis das Gewitter sich verzogen. Man muß es selbst der engl. Regierung nicht allzu schwer machen, ein Auge zuzudrücken.
Wo ich einem von Ihnen Empfohlenen nützlich sein kann, bin ich’s natürlich gern.
| Einstweilen wünschte ich daß jemand dem Chauvinisten Kercher(?) auf die Finger klopfte, der sich wie ein Einfaltspinsel & französischer Blind benimmt. –
Ich muß eilig schreiben. Kern drängt. Also geben Sie Allem hier Gesagten, wohl Gemeinten, vielleicht ungeschickt Ausgedrückten die günstigste Auslegung. Mein Herz ist ganz mit Ihnen, & auch ein gut Stück von meinem Kopfe.
IhrEO.
Darf ich die Fortnightly noch ein paar Tage behalten? Collet mag in unserm Sinne schreiben.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Soweit aus der Fotokopie zu ersehen ist, besteht der Brief aus zwei Bogen weißem Papier. Oswald hat sieben Seiten vollständig beschrieben, die achte Seite ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes mit Bleistift oben auf der ersten Seite: „199“.
Zitiervorschlag
Eugen Oswald an Karl Marx in London. London, Sonntag, 28. Mai 1871. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M1864190. Abgerufen am 06.10.2026.