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Lieber Herr Dr!

Endlich, damit Sie überhaupt einmal Nachricht von mir bekommen, schreibe ich Ihnen.  Leonhard von Bonhorst wurde am 27. Oktober 1869 in Magdeburg verhaftet und am 23. November zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Siehe Karl Marx, Friedrich Engels. Briefwechsel mit Wilhelm Bracke (1869–1880). Berlin 1963. S. 237.
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Die Verhaftung von Bonhorst
hat uns einen bösen Strich durch die Rechnung gemacht und mir besonders zu meiner vielen Arbeit noch ein schön Stückchen hinzugebracht. Sie mögen denken über Bonhorst, wie Sie wollen, er ist für das Amt sehr tüchtig und hat doch auch bei verschiedenen Fällen einen im höchsten Grade edlen Character gezeigt. Doch das nur nebenbei, zur Steuer der Wahrheit!

Was die Deutsche Cigarren Arbeiter Comp. betrifft, so wird dieselbe allmählig aufgelöst, oder ganz klein fortgesetzt werden. Das Dilemma ist dadurch entstanden, daß Fritzsche das Geschäft viel zu großartig betrieben und sich wenig darum bekümmert hat. Als ich in Berlin war, hatten die Leute für ca 3000 reichstaler  fertige Waare und noch für über 2000 reichstaler Taback auf Lager. An Aktivis waren ca 2000 reichstaler mehr vorhanden als an Passivis. Von den Wechseln, welche ich girirte, ist jetzt ca die Hälfte abgelaufen. Theilweise mußte ich dieselben einlösen, habe aber meine Auslagen bis auf ca 140 reichstaler  | wofür Cigarren hier liegen, durch gute Wechsel gedeckt erhalten, zum Theil auch durch baar. Wenn es gelänge, die Waarenbestände ohne zu große Verluste schnell zu Gelde zu machen, würde die Abwicklung des Geschäfts in 6 Wochen beendigt sein. So werde ich nochmal für einen Theil der noch laufenden Wechsel eintreten oder, da mir dies ebenfalls jetzt nicht möglich ist, aufs Neue gemachte Wechsel discontiren müssen. Das wird aber nur für einen Betrag von 1000 bis höchstens 2000 reichstaler nöthig sein. Allnachgrade wird dann auch das abgestoßen. So werde ich den Fuss allgemach aus der Schlinge herausbekommen.

Durch anderes Auftreten würde ich auch mir bedeutend schaden, da bei einem Concurse wie bekannt eine Masse verloren geht. Dann würde ich auch erst recht baare Auslagen machen müssen. Diese langsame Abwicklung ist das beste, auch für mich.

Was Fritzsche betrifft, so halte ich oft meinen Ausspruch, er sei ein kleiner Schweitzer, für zu hart, er hat auch bedeutende edle Characterzüge. Doch dann halte ich ihn auch wiederum für | einen zu großen Schlechtigkeiten fähigen Menschen und ohne Zweifel besitzt er einen Character, der seine unedlen Eigenschaften ebenfalls im starken Maße hat. Er ist ein seltsamer Mensch. Licht und Schatten in reicher Fülle; ich will nicht über ihn richten.

Die Partei entwickelt sich ausgezeichnet; die Finanznoth war aber auch furchtbar. Auf dem Blatthaften(?) 1200 reichstaler Schulden, die sehr drängen, wenigstens zu Theil; außedahlt wurde. Da aber Sonnemann in Frankfurt a/M mit Kroeber in Kaiserslautern letzteren Wechsel gegen einen auf 6 Monate von mir ausgestellten neuen Wechsel (es war das nicht zu ändern!) einlösen, und da wir fernere 1000 fcs von Ladendorf bekommen, so ist einigermaßen Luft geschafft. Beides ist erst seit heute sicher. Anders würde der Ausschuß den  An die Parteigenossen! Die Partei ist in Noth! [gez.] Braunschweig-Wolfenbüttel, 9. November 1869. Der Ausschuß. In: Der Volksstaat. Nr. 13, 13. November 1869. S. [1], Sp. 2/3.
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Aufruf, der Sonnabend im Blatt steht
, wohl nicht erlassen haben. Aber auch trotzdem schadet es nicht, da die Partei selber sich anstrengen muß, um sich zu erhalten und der Erfolg des Aufrufes uns umso schneller aus den furchtbaren, drückenden Schulden bringen wird.

Herzlichen Gruß! Ihr WBracke jr
 

Zitiervorschlag

Wilhelm Bracke an Karl Marx in London. Braunschweig, Donnerstag, 11. November 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0001215. Abgerufen am 28.01.2023.