| Geehrter Herr Marx!

Kurz nach Empfang Ihrer Zuschrift wurde mir die Mittheilung, daß Sie baldigst hierher kommen würden und später erwartete man Sie zum  „Erster Allgemeiner deutscher sozialdemokratischer Arbeiterkongress“ vom 7. bis 9. August 1869 in Eisenach (Eisenacher Kongress).
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Eisenacher Congreß
. Ich hoffte daher mit Ihnen über die Verhältnisse der dortigen Buchbinder zum intern. Buchb. Verein nähere Rücksprache nehmen zu können. Da mir diese Gelegenheit nicht geworden ist, so gestatte ich mir, meine Anschauungen hierin auszusprechen.

Wenn die Londoner Buchbinder auch eine  The London Consolidated Lodge of Journeymen Bookbinders.
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alte Organisation
haben, so kann dies noch immer kein Grund sein, dem genannten Verein nicht beizutreten. Auch die Leipziger und andere hatten schon ihre Vereinigung, sind aber doch beigetreten. Nun werden aber unsere Londoner Collegen andere, wohl auch, als Product langjähriger Erfahrungen, bessere Einrichtungen haben, als wir, umsobesser wäre es daher für Alle, wenn dieselben die nöthigen Reformen anbahnten, damit die gemachten Erfahrungen allen Mitgliedern zu Gute kommen. Zudem dürfte es wohl möglich sein, daß zwar die Londoner, nicht aber die ganzen brittischen Buchb. organisirt sein, daß somit eine große Mehrzahl noch heranzuziehen ist. Unter allen Umständen dürfte es wohl das Beste sein, wenn die dortigen Berufsgenossen dem intern. Verein beitreten und | bessern, was zu bessern ist. Es läßt sich keineswegs verkennen, daß unsere Einrichtungen noch so mancherlei Mängel haben, aber sie konnten kaum besser sein, da uns für die Regelung einer solchen Thätigkeit, wie sie die Gewerkschaft zu entwickeln hat, die Erfahrungen fehlten.

Es läßt sich nun auch schon für unsere Sache sehr viel thun, wenn die Arbeiter verschiedener Länder sich durch gegenseitige Verträge verbinden, aber solche Verträge können weder die Pflichten vermindern, noch die Rechte vermehren und es ist kaum zu ermessen, inwiefern dieselben vor der directen Vereinigung Vorzüge haben sollen. Nach meiner Anschauung ist es ja eben die hohe Bedeutung der internationalen Verbindung der Arbeiter, daß dieselben in die engsten Verbindungen zu einander treten und so mit der Zeit alle unnatürlichen Abgrenzungen der Völker von einander vergessen machen, und Cartells haben wohl nur den Werth, daß sie die Vorläufer zur directen Vereinigung sind, wo sich solche nicht sofort herstellen läßt. Zwischen uns und unsern brittischen Berufsgenossen giebt es wohl kaum ein Hinderniß zur Vereinigung. Wir bitten Sie daher, in dem Sinne zu wirken, daß eine solche baldigst zu Stande komme.

Ueber die Einrichtung der intern. Verbindungen sind wir der Ansicht, daß für jedes Land ein Landes- | bevollmächtigter zu bestimmen ist, welcher den Verkehr zwischen den Mitgliedern des betreffenden Landes und dem Directorium führt. Ob man lokale Vereine gründet, wo dies das Gesetz zuläßt, oder die Mitglieder sich als Centralmitglieder betrachten und als Mitgliedschaften sich versammeln, ist vollständig dem Ermessen der Betreffenden überlassen. Unsere Organisation ist centralistisch, weil dies die Norddeutschen Vereinsgesetze nicht anders gestatten, im Uebrigen lassen wir den Lokalvereinen ihre Selbstständigkeit, soweit dies das Gesammtinteresse nicht beeinträchtigt. Ich füge  Nicht überliefert.
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eine Zuschrift an meine dortigen Berufsgenossen
bei, um deren Abgabe höflichst bitte. Da sich nun wohl eine Uebersetzung unserer Statuten in das Englische nöthig macht, ich aber die Kosten einer englischen Ausgabe nicht gut eher riskiren kann, als bis sich mit einiger Sicherheit auf Resultate rechnen läßt, so bitte ich Sie um Ihren freundlichen Rath, ob wohl diese Uebersetzung und Ausgabe mit mehr Vortheil dort oder hier veranstalten läßt. Jedenfalls ist darüber zunächst die Erklärung der dortigen Gewerkschaft der Buchbinder zu hören und falls dieselben sich für den Verein erklären, von derselben das Nöthige, zunächst auf unsere Kosten, zu besorgen.

Dies sind unsere Anschauungen über die Vereinigung mit den brittischen Berufsgenossen, hoffentlich gelingt es Ihnen, deren Anschluß an unsern Verein herbeizuführen.

| Eine anderweite Veranlassung zu vorliegendem Briefe ist ein Auftrag der hieseigen Mitglieder des intern. Arb.-Bundes, die Sie um freundliche Aufklärung ersuchen lassen.

Dieselben hatten sich dem Centralcomité deutscher Sprachgruppe in Genf angeschlossen und glaubten, der Sache der Intern. dienstbar zu sein, indem sie zum Eisenacher Congreß den Antrag auf Annahme des intern. Programms stellten. Wenn man auch von Seiten der deutschen Arbeiterführer stets, wo man will Mitglieder angeln, die Intern. als Aushängeschild benutzt, so können wir doch keineswegs etwas Anderes als eine Speculation darin erblicken. Wollte man den Anschluß an die I. ernstlich, warum denn ein anderes Programm und zwar ein solches, das mit vielen Worten nicht mehr ausspricht? dessen Specialisirung aber, im Nachsatz III, die sociale Frage so nebensächlich behandelt, daß jeder Capitalist damit zufrieden sein kann.

Nun könnten wir nichts sagen, wenn ein reeller Majoritätsbeschluß unsern Antrag abgeworfen hätte, aber die Einberufer haben von den Dictatur des Herrn v. Schweitzer gelernt. Nachdem Bracke unsern Antrag 8 Tage in Händen hatte, kam derselbe nicht zum Abdruck im Flugblatte, ebensowenig wurde er dem Congresse vor dem Beginn der Debatte darüber bekannt gemacht. Daß man das Programm wenigstens mit verlesen mußte, scheint | man gar nicht gewußt zu haben, und so kam man zur Unterstützungsfrage, ohne daß die meisten Delegirten wußten, um was es sich handelt. Bei der Generaldiscussion wurde unser Delegirter Taute, der dafür eintrat, zur Ordnung gerufen, weil er einen Paragraphen der Vorlage kritisirte und nachdem wohl 10–12 Redner im Sinne der Einberufer gesprochen hatten, schnitt mir Herr Liebknecht durch Schlußantrag das Wort ab. So wußte man die, die für die Intern. eintraten, im social-democratischen Congreß zu behandeln. Doch noch mehr, Becker stellte am Sonntag Mittag einen Antrag, welcher beim Bureau verloren ging, so daß ihn B. am Montag nochmals eingegeben hat und als Mühlwasser am Montag Abend Liebknecht über das Verfahren Vorwürfe machte, bezeichnete ihn der Letzte als einen eitlen eingebildeten Menschen, mir sagte er, wir wären mit unserer Intern. die Störenfriede und drohte, falls Becker seinen Antrag nochmals einbringen würde, über denselben Sachen zu erzählen, die ihn sehr betrüben würden. Taute verließ am Montag Mittag den Congreß um eine große Täuschung reicher, ein Protest, den er Sonntag Nachmittag eingereicht, kam erst Montag früh zum Vortrag. Aus der ganzen Haltung der Wortführer ging hervor, daß man jede Opposition gegen die getroffenen Abmachungen beseitigen wollte.

Hätten wir nicht darauf Rücksicht genommen, daß | wir H. v. Schweitzer ein Gaudium bereiten würden, so hätten wir die ganze Angelegenheit veröffentlicht und wir würden sicher dies nicht resultatlos thun.Denn mit uns waren die oestreichischen Delegirten gleicher Gesinnung, d. h. entrüstet. Es ist uns klar, daß man den Fehler, den Becker mit seiner Denkschrift gemacht, benützt und die Leute confus gemacht hat. Jetzt geht man sogar so weit, das Festhalten Becker’s als Angst vor Brodlosigkeit zu bezeichnen und will ihm gnädigst einen Invalidengehalt besorgen.

Sollten Sie an der Wahrheit des Gesagten zweifeln, so sind wir gern bereit, Zeugen in hoher Anzahl zu benennen. Nach solchen Erfahrungen können wir nicht gut daran glauben, daß man es mit der Int. wirklich so ernst gemeint hat. Es tritt nun an uns die Frage heran, wie wir uns nunmehr verhalten. Da man die neugegründete soc. dem. Partei als die deutsche Section der Int. bezeichnet, so müßte das Fortbestehen unserer Section nutzlos, wohl gar schädlich sein, weil es die Sonderspielerei hinein trüge, andererseits verlieren wir, sobald wir uns der Partei anschließen unsere Mittelstellung zwischen den Fractionen und wir können bei den Lassalleanern, die uns dann sofort als Gegner betrachten würden, keine Wirkung weiter ausüben. Dagegen können wir in der soc. dem. Partei dahin wirken, daß | im nächsten Congreß das intern. Programm angenommen wird.

Wir würden uns nun vollständig über unsere künftige Haltung klar sein, d. h. wir würden als Section fortbestehen und weiter wirken wie bisher, wenn nicht  Siehe die nicht überlieferten Briefe von Marx an A. Bebel, vor 27.7.1869 und Marx an A. Bebel, 27.7.1869.
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zwei Briefe
von Ihnen an H. Bebel uns unsicher machten. Es geht daraus hervor, daß man in London ganz anderer Meinung ist, als in Genf, ja Sie brechen über Becker den Stab, in einer Weise, die nichts weniger als angenehm berührt. Uns ist jeder Personencultus fern, aber die Art und Weise, wie z. B. Liebknecht über ihn urtheilt und wie auch Sie von ihm sprechen, muß Jedem wehe thun und wir sind überzeugt, daß Sie Liebknechts Anschauungen gefolgt sind. Praktisch wäre es wohl, wenn die Leitung der deutschen Abtheilung in Deutschland sein könnte, aber was man von einer solchen Leitung zu fordern berechtigt ist, kann sie in Deutschland nicht, sie muß daher in der Schweiz sein, so lange wir nicht andere politische Verhältnisse haben. Ob sie dann in Basel oder in Genf ist, bleibt sich vollständig gleich. Und daß selbst die tüchtigsten deutschen Socialisten noch nicht soweit sind, im wahren Sinne der intern. Bewegung zu wirken, hat der Congreß ganz deutlich gezeigt, dazu hat sie der mehrjährige Streit um Personen zu weit herabgezogen, ebenso können solche Personen nicht die rechte Befähigung haben, die Congresse einberufen und dort der geringsten Opposition sagen: „Es muß so werden, wie wir es unter uns abgemacht | haben“, die also nur die Anderen haben wollen, um „Ja“ zu sagen. Es sind das die traurigen Resultate des deutschen Personencultus, und so lange diese nicht beseitigt sind, ist ein ernstes Aufgehen in die Intern. nicht zu erwarten.

Wir erwarten nun, bevor wir weiter über unsere zukünftige Haltung beschließen, Ihren Rath. Sollen wir unsere Sonderexistens beibehalten oder uns der neuen Partei anschließen? Soweit in Vorstehendem von Personen die Rede ist, soll damit nicht etwa ein Haß gegen dieselben ausgesprochen sein, wir verkennen keineswegs, was dieselben für die Sache der Arbeiter gethan haben, allein wir können uns dem blinden Vertrauensdusel und dem Personencultus nicht hingeben, der in Deutschland jetzt Mode ist, sondern berücksichtigen die gegebenen Verhältnisse und die betreffenden Personen und betrachten es als unsere Pflicht, den Rath des Generalraths zu hören.

Noch theile Ihnen mit, daß gestern Abend hier eine von Bebel etc. einberufene Volksversammlung stattfand, in welcher die Lassalleaner, nachdem sie in der Wahl des Vors. durchgefallen, einen Höllenlärm machten, schließlich aber alle hinausbefördert wurden und dann mit Steinen, Bierfäßchen etc. herein und die Fenster einwarfen. Zwei zerlöcherte Köpfe waren das Resultat. Die Scandalmacher haben einmal eine Lection erhalten, die sie schon längst brauchten und werden noch mehr gezüchtigt werden, wenn sie nicht ruhig sind.

Ich bitte Sie nun um Ihre baldigste Antwort und begrüße Sie

mit social-republikanischem Gruß

Ernst Werner.
 

Zitiervorschlag

Ernst Werner an Karl Marx in London. Leipzig, Mittwoch, 25. August 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0001168. Abgerufen am 28.01.2023.