| 86 Mornington St. Stockport Road
Manchester, 1 Juli 1869.

Liebe Mutter

 Zum Ausscheiden von Friedrich Engels aus der Firma Ermen und Engels, Manchester siehe die Anzeige in: The London Gazette. Nr. 21588, 29. August 1869. S. 2679.
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Heute ist der erste Tag meiner Freiheit
, & ich kann ihn nicht besser benutzen, als indem ich gleich an Dich schreibe. Gestern endlich bin ich in allen Hauptsachen mit G. Ermen ins Reine gekommen. Der Contractsentwurf wie sein Advocat ihn entworfen hatte, war der Art, daß ich ihn so nie unterschrieben hätte. Ich verpflichtete mich ihm während 5 Jahren keine Concurrenz zu machen, d. h. kein gebleichtes, gefärbtes oder appretirtes Baumwollengarn zu machen oder zu verkaufen. Das war in der Ordnung. Nun aber hatte sein Advocat dies so gesetzt, daß wenn ich diese oder jene Stipulation bräche, ich von vorn herein eine Strafe zahlen sollte, die von £ 100.– bis £ 1000.– für die einzelnen Fälle xxr(?) sich steigerte. So daß ich hätte dem G. E. in diesen Geldstrafen mehr als die mir gezahlten £ 1750.– hätte zurückzahlen müssen, von den Prozesskosten gar nicht zu sprechen. Mein Advokat rieth mir entschieden, hierauf gar nicht einzugehn, & so strichen wir denn diese ganze Geschichte, beinahe die Hälfte des ganzen Entwurfs, durch. Dann war noch ein Punkt, nämlich wegen Fortführung der Firma E. & E. durch Gottfried. Mein Advocat sagte mir, daß falls ich ihm dies ausdrücklich erlaube, ich im Fall einer Fallite noch als Associé angesehen & haftbar gemacht werden könne. Ich verlangte also, daß meine ausdrückliche Einwilligung hierzu ebenfalls auf 5 Jahre beschränkt werde & auch das nur, solange er selbst während dieser Zeit activer Associé im Geschäft sei.

Mein Gottfr., der im Anfang sehr eilig mit den | Verhandlungen war, zog die Sache bald sehr in die Länge, & ließ sogar den Entwurf einmal 3 Wochen zu Hause liegen, ohne etwas davon zu sagen, sodaß ich den 2ten Contractsentwurf (der zwischen G. E., Anton E. & mir ist & die Auseinandersetzung bei meinem Austritt regelt) erst vor ca 3 Wochen bekam, & mit den wegen der üblichen Advocatenformalitäten erst for 8 Tagen anfangen konnte zu verhandeln. Dazu schien mir G. E. in den letzten Tagen mir viel aus dem Wege zu gehen, als wollte er die Sache verschleppen bis ich aus dem Geschäft heraus [sei], wo er dann leichter mit mir fertig zu werden hoffen durfte. Erst gestern Morgen kamen wir zur Verhandlung, & da gab G. in allen Punkten nach, wogegen ich ihm nachgab, während der 5 Jahre auch kein Baumwollen Garn unter No 40r spinnen & doubliren zu wollen; der Handel mit solchem Garn blieb mir aber freigestellt, solange es im rohen Zustand ist. Diese Conzession hat für mich keinerlei praktische Bedeutung & ich that ihm daher den Gefallen.

Hiermit ist nun die Sache bis auf wenige juristische Formfragen erledigt & ich denke in 3 Wochen kann Alles abgemacht sein, bin aber darauf gefaßt, daß es bis in den August dauert, da die Bilanz erst fertig sein muss & die Advokaten immer Alles so schrecklich verschleppen.

Gestern Nachmittag ging ich mit Gottfried in die Fabrik & sah mir das Lager & die Aufnahme an, nachher gingen wir nach seinem Hause, wo er mir eine Flasche sehr schönen  Der Scharzhofberg ist eine Weinbaulage an der Saar.
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Scharzhofberger
vorsetzte. Er ist so froh wie ich daß er mit der Sache fertig & jetzt ganz alleiniger Herr im Geschäft ist, & daß er keinen Krakehl mit mir | bekommt, denn 1) hätte ich mich mit meinen Brüdern associirt so hätten wir, wie mein Advocat sagt, auch hier die Firma E. & E. führen können während wir es ihm verbieten konnten, 2) hat er überhaupt vor Concurrenz grosse Angst, & 3) stellt sich jetzt heraus daß er mich noch auf einige Zeit sehr nöthig hat, wenn nicht arge Böcke im Geschäft vorkommen sollen, weswegen er mich auch eingeladen hat, so oft aufs Comptoir zu kommen wie ich wolle & mich gebeten, den Leuten hie & da Auskunft zu geben was ich natürlich zusagte. Er hat einen jungen Stuttgarter als Correspondenten engagirt, der aber erst 3 Wochen dort & natürlich noch sehr grün ist. Er wird Last genug haben.

Mit Charles ist G. auch noch nicht fertig, seine Kündigungsfrist läuft in 8 Tagen ab, ich bin begierig, ob sie sich einigen. Charles hatte von ihm vor 5 Jahren die Procura versprochen erhalten, sie aber nie bekommen, & verlangt nun £ 1000.– Entschädigung dafür, die ihm G. aber nie geben wird.

Den Anton scheint er auch nicht als Associé behalten zu wollen. Wenigstens löst der 2te Contractsentwurf die Association mit ihm ganz in derselben Weise auf, wie mit mir & G. würde sich diese Mühe nicht geben, wenn er es nicht wirklich so vorhätte. G. hat einerseits eingesehn, daß A. im praktischen Geschäft, dh. zum Geldverdienen, absolut nichts werth ist, & andrerseits zieht Anton fortwährend so viel Geld hinter G.’s Rücken & schickt es an seine Julie, daß dem G. doch bange ist, er möge einmal anfangen Geld direct aus der Bank zu ziehn, solange er – Anton – das Recht der Unterschrift hat. Als Anton eintrat, schoss ihm G. £ 500.– vor die Antons Kapital repräsentirten, aber | Monsieur Anton, der jährlich £ 250.– aus seinem Nutzen stehn lassen sollte, hat dies nicht nur nicht gethan sondern auch die £ 500.– längst vermöbelt.

Meine neue Freiheit sagt mir ungeheuer zu. Ich bin seit gestern ein ganz andrer Kerl, & zehn Jahre Jünger. Statt in die düstre Stadt, ging ich heute Morgen bei dem wunderschönen Wetter ein paar Stunden in die Felder, & an meinen Schreibtisch, in einem comfort[abel] eingerichteten Zimmer, wo man die Fenster öffnen kann ohne daß der Rauch überall schwarze Flecken macht, mit Blumen im Fenster & ein paar Bäumen vor dem Hause, arbeitet sich ganz anders als in meinem düstern Zimmer im Warenhouse mit der Aussicht auf einen Wirthshaushof. Ich wohne zehn Minuten weit vom  Albert Club?
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Club
, grade weit genug, aus dem deutschen & gewöhnlichen Chambregarnisten xxt(?) viertel, um sicher zu sein daß ich nicht überlaufen werde. Abends 5 oder 6 Uhr esse ich zu Hause, die Küche ist recht gut, & gehe dann meistens ein paar Stunden in den Club Zeitungen lesen usw. Dies Alles kann ich aber erst ordentlich einrichten wenn ich nicht mehr wegen der Bilanz pp nach der Stadt zu lau[fen] habe.

Nun aber Adieu, liebe Mutter, grüße Alle recht herzlich, & wenn Ihr Reisepläne habt, so theilt sie mir mit, damit ich mich wo möglich danach richten kann; wie ich jetzt noch stehe, dürft Ihr auf mich keine Rücksicht nehmen.

Von Herzen Dein Sohn
Friedrich
 

Zitiervorschlag

Friedrich Engels an Elisabeth Engels in Engelskirchen. Manchester, Donnerstag, 1. Juli 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0001077. Abgerufen am 28.01.2023.