| Hannover, 6. Januar 1869

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Zuvördest meine besten herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre. Möge es Ihnen ein erfreuliches und der Menschheit durch Ihre Arbeiten ein segensreiches werden. Sie glauben nicht, wie unendlich froh ich bin, Sie jetzt außer der Misère der täglichen Sorgen zu wissen, deren deprimirenden u. hemmenden Einfluß ich aus bitterer langjähriger eigener Erfahrung zu wohl kenne. Sie können bei alledem mit stolzer Selbstzufriedenheit auf Ihre Vergangenheit zurückblicken. Im Kampf mit Hindernißen, die manche tüchtige Kraft niedergeworfen haben würden haben Sie unsterbliche Werke geschaffen u. im wilden Wogengetriebe des anscheinend chaotisch gährenden gesellschaftlichen Oceans einen Leuchtthurm wissenschaftlicher Erkenntniß errichtet, der Freund u. Feind zur Richtschnur dient. – Hoffentlich darf Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch 1. Hamburg 1867. Siehe Erl. zu Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u. 15.1.1866. „1200 Seiten Manuscript“. (MEGA² II/5). Die Manuskripte für eine Fortsetzung des „Kapital“, an denen Marx bis zum Ende seines Lebens weiterarbeitete, wurden erst nach seinem Tod von Engels veröffentlicht. Ausführlicher dazu siehe hier.
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Das Kapital“ jetzt einer rascheren Fortsetzung
entgegensehen, was um so dringlicher erscheint, als der gesellschaftliche Entwicklungsproceß sich dem Stadium der Krisen wieder zu nähern scheint, die ohne die Aufklärung, die nur von Ihnen zu erwarten ist, wieder resultatlos verlaufen werden. – Die gegenwärtige Epoche dient einstweilen noch dazu, die letzten schäbigen Koryphäen des Bürgerthums sich abnutzen u. die primären Organisationsversuche des Proletariats auf internationaler Basis entstehen zu lassen. – Der Ausfall der letzten englischen  Die Britsche Unterhauswahl vom 7. November bis 7. Dezember, deren Wahlsieger die Liberal Party unter William Ewart Gladstone war.
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Wahlen
hat mich sehr überrascht. – Wenn die langjährigen practischen Erfahrungen des englischen Arbeiterstandes, bei dessen classischer | Organisation, noch nicht einmal zur Wahl eines einzigen wirklichen Arbeitercandidaten geführt haben, was soll man dann von den minder entwickelten Ländern erwarten. Was Eccarius im „Democr. Wochenbl.“ darüber sagt genügt mir nicht zur Erklärung dieser seltsamen Erscheinung. Gladstone in Greenwich ohne sein Zuthun gewählt, aber kein Jones, kein Odger, Cremer, Bradlaugh, nicht einmal „Reform Sir Edmond Beales“. – Wenn das engl. Proletariat derart von der bürgerlichen Corruption durchseucht ist, daß es ohne den gewöhnlichen Wahl-Hocus-Pocus nicht fertig werden kann mit ihrem Respect vor all den Erscheinungsformen der bürgerlichen Herrschaft (Parlamentarismus, Justiz etc), so könnte man zweifelhaft werden, ob von England aus das Signal zur Befreiung der Arbeiterclasse zu erwarten ist. – „So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet u. frei in ihr zu produciren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt u. die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.“ ( Karl Marx: Der 18te Brumaire des Louis Napoleon. New York 1852.
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Karl Marx: Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte
Pag 1)

Nun noch einige Personalia rect. „Klatsch“.

Vor etwa einem Jahre schickte mir Büchner einen von ihm verfaßten, höchst seichten Feuilleton-Artikel über Montreux, wo ich 3 Tage mit ihm zugebracht hatte. – Er ersuchte mich damals, ihm meine Ansicht über  Ludwig Büchner: Sechs Vorlesungen über die Darwin'sche Theorie von der Verwandlung der Arten und die erste Entstehung der Organismenwelt ... Leipzig 1868.
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seine Darwin-Vorlesungen
zu sagen u., wenn ich Ihnen etwas zu schicken hätte, ein Exempl. davon mitzuschicken, das er mir dann wieder ersetzen wolle. – Während unseres Zusammenseins am Genfer See schien es mir aus Verschiedenem, daß er geizig sei. – Meine „Ansicht“ sagte ich ihm nicht, weil ich mir sein Buch nicht kaufen wollte, schrieb ihm aber unter Mittheilung Ihrer Adresse, daß ich keine Gelegenheit habe, Ihnen sein Buch zu senden.

Vor einiger Zeit las ich in der „Zukunft“, daß ein Engländer Hodgson Pratt in Darmstadt eine Versammlung für „eine internationale Ausstellung von Erzeugnissen der Arbeiter“ abgehalten hatte, in der ein Comité zur Ausführung dieses Vorschlags gewählt wurde, in dem auch Büchner, | (der es zu lieben scheint überall mit vorn an zu sein) mit figurirte.

Ich schrieb ihm meine Ansicht in Form folgender Resolution:

„In Erwägung, daß das Kapital an der Production nur einen passiven Antheil nimmt, die Arbeit, (d. h. die Arbeiter) dagegen ausschließlich productiv ist, d. h. neue Werthe schafft;

in Erwägung, daß durch die Concentration der Arbeitsmittel Roh- u. Hilfsstoffe auf Seite des Kapitals die Arbeiterclasse nur über die Arbeitskraft, allerdings in intellectueller sowohl, als physischer Beziehung zu gebieten hat;

in Erwägung, daß der Arbeiter, so lange die Production die kapitalistische Form trägt, seine Zeit zur Erzielung seiner Lebensbedürfnisse fast ausschließlich zu verwenden hat;

in Erwägung, daß sämmtliche Industrie-Ausstellungen, speciell die großen internationalen in London u. Paris die Erzeugnisse der Arbeiter hinlänglich zur allgemeinen Kenntniß gebracht haben, wenn auch ihre Namen nicht dabei genannt wurden u. die Kapitalisten Ruhm u. Vortheil davon erndteten;

in endlicher Erwägung, daß die proponirte Ausstellung von Erzeugnissen der Arbeiter nur eine Selbstpersiflage der Arbeiterclasse sein würde, die nach den Aufklärungen, die wir den social-öconomischen Arbeiten von Karl Marx verdanken, nicht mehr möglich ist

geht die Versammlung über den Vorschlag des Herrn Hodgson Pratt mit Hohngelächter zur Tagesordnung über.“

Dann fügte ich noch hinzu, daß ich Sie in Kenntniß gesetzt, er (Büchner) würde Ihnen  Vermutlich: Ludwig Büchner: Die Stellung des Menschen in der Natur ... Leipzig 1869. (Vorw. unterzeichnet: Darmstadt, im Mai 1869).
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seine neueste Arbeit
senden, ich hätte aber kürzlich von Ihnen erfahren, Sie hätten das Buch nicht bekommen. –

Die seichte, suffisante Antwort darauf  Nicht überliefert.
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sende ich Ihnen einliegend
mit der Bitte um Rücksendung. – Nächstens will ich Ihnen, wenn es Sie interessirt mal Büchners Portrait zur Ansicht mitschicken.

Auf der Reise nach Dresden brachte ich im Sept. auch einen Abend mit Liebknecht zu. – Er sah angegriffen aus u. war fanatischer auf seinen alten bornirten Standpunct verbissen, wie jemals. Die politische, speciell anti-preußische Form beherrscht ihn dermaßen, daß es mich bei seiner Unkenntniß der öconomischen Substrate, nicht wundern wird, wenn wir ihn einstmal in den Reihen unserer Gegner erblicken sollten, – Daß er sich, nach seinen trüben Erfahrungen, | wieder verheirathet hat, um sich von Neuem wieder in schwere Existenzsorgen zu stützen ist eine Dummheit, für die ich ihn nicht fähig gehalten hätte. – Er sagte, als das Gespräch auf Wilh. Eichhoff kam, er (Liebkn.) sei von gut unterrichteter Quelle vor Eichhoff, als zweideutig gewarnt. – Wie denken Sie darüber? –

Noch habe ich Ihnen immer zu erzählen vergessen, daß im vorigen Sommer ein Herr bei mir eintrat um sich nach Ihnen zu erkundigen. Er hatte Ihr Bild beim Photographen Wunder gesehen, gekauft u. erfahren, daß er bei mir Näheres über Sie hören könne. – Dieser Herr war kein anderer als August Meyer, der mit wahrhafter Verehrung Ihrer u. mit Rührung der Zeit gedachte, die er in Ihrer Familie zugebracht hat. Er war, oder ist noch Lehrer des  Friedrich Franz II.
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Großherzogs von Mecklenb. Schwerin
, dem er Sprachen u. Geschichte docirt u. mit dem er sehr gut steht. Mehrfach erwähnte er, er habe nur in persönlichem Verhältniß zu Ihnen gestanden, um Ihre Bestrebungen sich nie gekümmert. Indeß verehrt er Sie sehr. – Der beschränkte Personen-Cultus der Miquèlschen Schule (?) war eclatant. – Als ich ihm andeutete Miquèl habe sich sehr wegwerfend über ihn geäußert, nahm er ihn in Schutz. Er habe ihn vielleicht für reactionär (!) gehalten, wegen seiner Stellung zum Großherzog. Miquèls politisches Auftreten erklärte er als aus veränderter realpolitischer Anschauung hervorgegangen etc etc. – So sind die Miquèlschen Schüler. Alle jene fanatischen Communisten sind sehr zahme national-liberale Bürger geworden; zum Theil gleich Ihrem Meister vor Ihrer eigenen Werthgröße in steter staunender Bewunderung, wie z. B. College Jacobi – New-York. –

Also Freund Engels will nun bald wirklich den „lausigen Commerce“ quittiren? – Wird er in England bleiben oder nach Dtschl. übersiedeln? Nun werden wir wohl wieder mehr aus seiner Feder erwarten dürfen. – Vor längerer Zeit schon schrieb er mir, daß Lupus u. sein Bild für mich fertig seien. – Da jedoch dieselben auf gütlichem Wege nicht von ihm zu erlangen sind, wende ich mich an Sie als Honr Secretary for Germany u. bitte um Intervention des Central council working men’s association. – Mit herzlichsten Grüßen an die lieben Ihrigen u. unsere Freunde stets treu

der Ihrige
L. Kugelmann
Dr
 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Dienstag, 6. Januar 1869. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0000899. Abgerufen am 09.12.2022.