| Hannover, 15. Octob. 1868
Mein hochverehrter, lieber Freund!
Daß Sie meine Mittheilungen entbehren ist rührend u. erfüllt mich mit Dankbarkeit für Ihre Freundschaft, deren ich mich kaum würdig fühle. Wenn Sie mir nun gar Elogen für das Wenige machen, welches ich für die Verbreitung Ihrer großen, weltbefreienden Arbeiten gethan, so beschämt mich das völlig. Es genügt mir vollkommen zu wissen, daß ich in Ihrem Sinne gehandelt u. Ihnen eine kleine Freude bereitet habe. – Wäre ich im Stande die Sorgen wegräumen zu können, welche Sie umdüstern, so würde das mein höchstes Glück sein, aber ich bin ja leider selber mitten im Kampfe um’s Dasein. –
Seit einiger Zeit bin ich sehr „auf dem Hunde“. – Wenn ich meine Praxis besorge so ist das Alles, im Übrigen fühle ich mich unlustig zu Allem u. unter dem Einfluße dieser hämorrhoidalen Stimmung mochte ich Ihnen nicht schreiben. Wollen Sie es nun aber so genau nicht nehmen, so sei es darum. –
Siehe L.
Kugelmann an Engels, 26.7.1868 und Erl.,
Engels
an Marx, 29.7.1868 und Erl. Siehe auch
K.
M. Kertbeny an Marx, 17.1.1868, L.
Kugelmann an Marx, 17. und 18.1.1868, Engels
an Marx, 2.2.1868 und L.
Kugelmann an Marx, 4.2. 1868.
Schließen Am
23. Aug. schickte ich
auf Die Beilage
ist überliefert: Károly Maria Kertbeny an Louis
Kugelmann, 22. August 1868.
Schließen einliegenden Brief an Kertbeny
eine Copie der mir
von Engels zugesandten Biographie. – Da
dieselbe bis jetzt in der Gartenlaube nicht erschien, gewöhnliche Anpurrungen nichts zu helfen
pflegen, so habe ich einen anderen Ausweg ersonnen. – Vor kurzem besuchte mich
Gust. Meyer aus Bielefeld, dem Sie
vorlängst eine Audienz bewilligten. – Dieser Herr ist mit dem
Robert Koenig.
Schließen Redacteur des „Daheim“, ein
conservatives Concurrenzblatt der Gartenlaube, speziell bekannt, u. ich ersuchte ihn bei demselben
anzufragen, ob er geneigt sei, Siehe Marx
an L. Kugelmann, 26.10.1868.
Schließen eine Biographie von
Ihnen mit Portrait, aber sofort, zu drucken.
– Sobald ich hierauf eine bejahende Antwort habe, werde | ich Kertbeny davon in Kenntnis setzen u. ihn um
Rücksendung des Manuscripts ersuchen, falls Keil dasselbe nicht unverzüglich drucken will. – Wünscht
Engels, für den Fall des „Daheim“ dann noch vielleicht
einige Änderungen, zB. einige „Buckel-Terz“, ein Begriff aus der
Fechtkunst.
Schließen Puckelterzen für
Karl Marx: Herr Vogt. London 1860. (MEGA2 I/18. S. 51–339).
Schließen
Herrn Vogt
beizufügen, so bitte ich um Nachricht. –
Neulich sagte mir Hauptmann v.
Böltzig, den ich bisweilen mit Ihren
Ideen zu inficiren versuche, er habe hier den
Georg
Hanssen
Schließen Geh.
Rath Hansen
, Prof. der Nat. Oeconomie aus Berlin
(früher in Göttingen) gesprochen, der seinen
Schwiegersohn,
welcher hier Officier ist besuchte. – Böltzig brachte das Gespräch auf Sie u.
Hansen erklärte
Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Buch
1. Hamburg 1867. Siehe Erl. zu „1200 Seiten Manuscript“ in
Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u.
15.1.1866. (MEGA2
II/5).
Schließen Ihr Buch
für die bedeutendste Erscheinung dieses Jahr100s.
Er fragte Böltzig ob Sie vielleicht geneigt wären, eine Professur anzunehmen, es
kämen öfters Anfragen an ihn, er würde Sie gern empfehlen. Sagen Sie mir, wie
Sie darüber denken, ich werde dann, ohne Sie zu compromittiren, die nöthigen
Andeutungen geben. –
Im vorigen Monat war ich in Dresden zur Naturforscherversammlung. – Auch dort versäumte ich nicht, bei jeder passenden Gelegenheitt Ihren Namen zur Geltung zu bringen, sei es bei Besprechung politischer Fragen, bei der genetischen Betrachtung namentlich der großen chronischen Krankheiten (Tuberculose, Scrofulose, Anaemie, Haemorrhoïden, Leberkrankheiten, Psychosen), die in ihrer gegenwärtigen Form, die sociale Basis nicht verkennen lassen; sei es bei der „öffentlichen Gesundheitspflege“. – Ihre Forschungen, die den Collegen wenig bekannt waren, empfahl ich als Quellenstudium für Public health pp u. Ihre Kritik als unentbehrlich für weitere Maaßregeln. –
Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie darauf aufmerksam | machen, wie sehr Ihr Buch an allgemeiner Brauchbarkeit u. dadurch auch an allgemeiner Verbreitung durch ein ganz detaillirtes Sachregister, welches das rasche Nachschlagen in jedem einzelnen Falle ermöglicht, gewinnen würde. – Das höchst mühsame der Anfertigung eines solchen Registers verkenne ich nicht, ich glaube aber bestimmt, der Erfolg wird die Mühe lohnen u. dem Werke so rasch ein weit ausgedehnterer Wirkungskreis gewonnen werden. – Bitte, sagen Sie mir doch auch hierüber Ihre Ansicht. –
Gust. Meyer theilte mir mit, daß
Ihr Vorschlag
den intellectuellen Unterricht mit materiellem zu verbinden
bereits auf dem Wege der Erfüllung begriffen sei. – In Bielefeld u. ich glaube
auch anderswo in Preußen, wird die Idee der „Gewerbeschulen“ ventilirt, in denen
eben diese Unterrichtsmethode beabsichtigt wird. – Siehe Erl. zu Marx
an Engels, 17.3.1868; Erl. zu L.
Kugelmann an Marx, 8.4.1868
und Marx
an L. Kugelmann, 17.4.1868.
Schließen Es
freut mich, daß Sie diesen Gust. Meyer freundlich aufgenommen haben,
er ist ganz voll von Ihnen u. unter Ihrer Fahne, u. unter stetem Hinweis auf
Ihre Arbeiten hat er wiederholt die Bielefelder Kaufmannschaft in starres
Schweigen versetzt. Die Bielefelder Handelskammer verballhornisirte ein, von ihm
angefertigtes Referat über die dortigen industriellen Verhältnisse, er reichte
der Regierung ein anderes direct ein, was zur Folge hatte, daß man einen
Regierungscommissar direct an Meyer zur
genaueren Information u. nicht an die Handelskammer schickte. –
Auf der Reise nach Dresden
brachte ich auch einige Stunden in Leipzig mit Schweichel u. Liebknecht zu.
– Letzterer ist noch immer in seinem incarnirten Preußenhaß verfahren u. der
Mangel des Studiums Ihrer Werke fiel mir sehr auf. Da die politischen
Bestrebungen doch, wenn vernünftig, nichts weiter sein dürfen, als die
Realisirung der äußeren Bedingungen, | in möglichst umfassender Ausdehnung,
für das jeweilige oeconomische Entwicklungsstadium, so scheint ein Politiker
ohne klare öconomische Begriffe, wie ein unwissenschaftlicher,
symptomatisirender Arzt gegenüber einem wissenschaftlichen, der, bei exacter
Diagnose, das Übel an der Wurzel faßt u. sich den Teufel um Symptome kümmert,
die, wie alarmirend auch immer in der Erscheinung, mit Beseitigung des
Grundleidens von selbst schwinden. – Liebkn.
kennt Ihre Schreibweise so wenig, daß er mich für
[Karl Marx:]
Plagiarismus. In: Die Zukunft. Berlin. Nr. 291, 12. Dezember 1867.
Beil. S. 7/8 (MEGA2 I/21. S. 33–37 und
1272–1275). Siehe Marx
an Engels, 3.1.1868 und Erl. sowie Kugelmann
an Marx, 26.1.1868 und Marx
an Kugelmann, 30.1.1868.
Schließen den
Verfasser des „Plagiarismus“ in der „Zukunft“ hielt. Ich klärte ihn über seinen Irrthum nicht auf, weil ich
vermuthe, daß es Ihnen so lieber sei. – Schweichel erfreute ich durch das Versprechen Ihrer Photogr. –
Einlage von Liebkn. bezieht sich wohl auf
das Ihnen Zugesandte dessen Ingnorirung Sie wünschen. Ich konnte auf der Börse
hier nicht nachsehen, weil die betr. Vierteljahrschr. beim Buchbinder, wird aber
nicht vergessen.
Daß Rußland Ihnen die ersten
Lorbeeren windet ist famos.
Vivant
sequentes! In Rußland wird durch Verbreitung Ihres Buches nicht so viel
gewagt wie in England oder Frankreich. – Trotzdem Siehe Marx
an L. Kugelmann, 12.10.1868.
Schließen Ihre
Charakterisirung der gebildeten Rußen gewiß richtig,
ist es doch von Bedeutung, wenn sie Ihr Buch studiren. –
Semper
aliquid haeret!
Wie steht es denn mit dem Debit
von Bd I u. wie weit
sind Sie mit Siehe
Erl. zu Marx an J. Ph. Becker, zw. 9. u.
15.1.1866.
– Der geplante zweite Band des
„Kapital“ sollte ursprünglich Buch 2 und Buch 3 enthalten. Siehe Karl
Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. Buch
I. Vorwort (MEGA2 II/5. S. 14). Die Manuskripte zum zweiten und dritten Buch des
„Kapital“, an denen Marx bis zum Ende seines Lebens weiterarbeitete,
wurden erst nach seinem Tod von Engels als Band 2 und Band 3
veröffentlicht. Ausführlicher dazu siehe hier (Exkurs zur Fortsetzung des
„Kapital“).
Schließen Bd II? Ich habe, u. gewiß noch manche außer mir noch genug an Bd. I
zu oxen, aber mit den 2. Bde hoffe ich Sie wieder für einige Wochen in den
nördlichen Flügel einziehen zu sehen. – Es freut mich unendlich Sie jetzt wohl
zu wissen. Siehe Marx
an Engels, 29.7.1868.
Schließen Wie ist Ihren Damen der Aufenthalt an der
See bekommen? Ist
Lafargue schon nach Paris
überge|siedelt u. wie geht’s ihm u. der Frau Gemahlin, Señora Laura?
Siehe Marx an L. Kugelmann,
10.8.1868
und Erl. zu Marx
an Engels, 7.7.1868.
Schließen In
einem früheren Briefe stellten Sie mir Mittheilungen über Vorkommniße
mit der French branch in Aussicht. Die
Propaganda der Intern. assoc. in Deutschl. ist
colossal. Alle momentanen Dummheiten schaden nichts, wenn die Fragen nur stets
u. rücksichtslos discutirt werden; daß die Intern. assoc. aber augenblicklich in
England so große Fortschritte macht, überrascht mich von Ihnen zu hören. – Mir
schien das Interesse durch die gegenwärtigen polit. Fragen fast ganz absorbirt
u. die Artikel in Liebkn.’s Blatt aus England (Eccarius?) sagen nichts von der Entwicklung der
Assoc.
Ihnen, verehrter Freund, möchte ich aber dringend rathen Ihren großen Namen nicht in die kleinen Affairen, mögen sie von Liebkn. oder Schweizer ausgehen, zu compromittiren. Die Arbeiter mögen aus Ihren Lehren profitiren u. dazu müssen sie dieselben erst begreifen, was nicht so einfach ist als auf Ihren Namen zu schwören u. mit der Errichtung dieses neuen Cultus Ihnen auch die Verpflichtung aufzubürden, für alle etwaigen Dummheiten einzustehen. – Geben Sie Rath wo Sie nur können, aber halten Sie sich persönlich diesen embryonalen Bestrebungen fern. – Gut, daß Sie weder in Hamburg noch Nürnberg waren. – Welch’ eine Vorstellung mag sich nur Liebkn. von Ihnen machen, wenn er glaubt solche Ovationen, die doch nicht von klar bewußten Männern dargebracht werden, könnten Sie glücklich machen! Bis zur Vollendung Ihres großen Werkes möchte ich Sie persönlich außer den Parteikämpfen wissen, die neue persönliche | Feindschaften heraufbeschwören u. in jeder Beziehung Ihrem Einfluße nur hinderlich sein können. Den Herren „Führern“ ist es aber gewiß sehr angenehm, wenn Sie auch die Hausknechtsarbeit übernehmen. –
Siehe Erl. zu
Engels
an Marx, 21.9.1868.
Schließen Die
spanische Revolution ist sehr à
propos u. Mr. Bonaparte ein gewaltiger
Querstrich u. eine neue Mahnung an die Realisirung seines Namens. – Die
Nationalwerkstätten in Madrid scheinen mir ein verdächtiges Manöver. – Wäre es nicht geeignet, daß der Generalrath der Intern. Assoc. eine Kundgebung an die
spanischen Arbeiter erließe?
Ludwig Büchner: Sechs Vorlesungen über die
Darwin‘sche Theorie von der Verwandlung der Arten und die erste
Entstehung der Organismenwelt … Leipzig 1868.
Schließen
Büchner hat im vorigen
Winter Vorlesungen gehalten die er drucken ließ.
Siehe Marx
an Kugelmann, 12.10.1868 („Pst. II. Sie
schrieben mir einmal …“) und Erl. sowie Marx
an Engels, 14.11.1868 und
Marx an L. Kugelmann, 5.12.1868
.
Schließen Er fragte mich, ob ich Ihnen etwas schicke, dann
möchte ich dieselben beilegen, er wolle mir 1 Exempl. wieder schicken.
Ich schrieb ihm, daß ich Ihnen kein Papp zu senden hätte u. ersuchte ihn
um directe Zusendung. – Soll ich ihn daran erinnern? –
Mit tausend herzlichen Grüßen an Sie, lieber Freund u. die lieben Ihrigen von meiner Frau u. Fränzchen bitte ich dringend mich durch recht baldige Antwort zu beschämen. – Wie immer (mit Grüßen an Engels, den ich leider diesen Sommer nicht gesehen)
Ihrtreu ergebener
L. Kugelmann
Dr.
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Dieser Brief wird hier erstmals veröffentlicht.
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus zwei Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 282 × 220 mm. Prägung: „Dr. L. Kgm.“. Die ersten sechs Seiten hat Kugelmann vollständig beschrieben, die übrigen zwei Seiten sind leer.
Von Kugelmanns Hand: Anstreichungen am linken Rand der beschriebenen Seiten.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes bzw. der beschriebenen Seiten: „53a“ bis „52f“.
Anmerkungen zum Brief
Kugelmann beantwortet den Brief von Marx vom 12. Oktober 1868 (Marx an L. Kugelmann, 12.10.1868).
Zur überlieferten Beilage („einliegenden Brief an Kertbeny“):
Károly Maria Kertbeny an Louis Kugelmann, 22. August 1868
H.: RGASPI, Sign. f.184, op. 1, d. 26.
Die zweite Beilage („Einlage von Liebkn.“) ist nicht überliefert.
Zitiervorschlag
Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Donnerstag, 15. Oktober 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000790. Abgerufen am 18.08.2026.