| Hannover, 29. Septbr. 1867

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Welche Freude hatte ich, als ich heute vor 14 Tagen aus der Schweiz zurückkehrte und Ihr Kapitalwerk vorfand! Sie wissen wie wenig Zeit mir bleibt für Studien, die vollkommene Sammlung erfordern, ich bin daher erst bis Seite 60 gelangt. Es ist wahr das Studium Ihrer Waaren- u. Werthanalyse erfordert große Aufmerksamkeit und, da mir die Materie selbst nicht geläufig, Nachdenken; indeß finde ich die Darstellung so wunderbar klar-logisch, daß ich am Schlusse der Entwicklung erstaunt über die Schwierigkeiten war, die überwunden werden mußten, um zu solch einfachen u. einleuchtenden Resultaten zu gelangen. Soweit glaube ich Sie verstanden zu haben (die „Kritik der polit. Oeconomie“ war eine gute Vorschule) und hoffe Ihnen auch weiter folgen zu können. Sollten sich mir Schwierigkeiten bieten, dann werde ich so frei sein von Ihrer Erlaubniß Gebrauch zu machen u. Sie um Aufklärung bitten. – Ich bin furchtbar begierig auf den Erfolg Ihres Werkes. – Von meinem Buchhändler höre ich, daß eine lebhafte Nachfrage danach ist. Was hören Sie von Meissner? – Auf der Reise sprach ich viele, die, angeblich durch „Die Zukunft“ aufmerksam darauf gemacht, das endliche Erscheinen mit Spannung erwarteten. In Frankf. a/M. habe ich nach einigen Richtungen anregend auf die Verbreitung gewirkt. – Miquèl u. v. Bennigsen, die jetzt zum Provinziallandtag hier sind, ließ ich durch meinen Buchhändler je ein Exemplar schicken. – Sie haben es behalten. – Sie sehen ich bin nicht bösartig, sonst würde ich diesen „starken Knechten“ des Grafen v. Bismark solche Erbauung nach den Fadaisien ihrer Nationalliberalitäts-Wirksamkeit nicht gönnen. – Nun aber, bitte, lieber Freund, nicht geruht u. nicht gerastet ehe Sie | die wissenschaftliche Basis für eine neue Gesellschaftsordnung geschaffen. – Erst dies Werk vollendet, dann „Das Verhältniß der verschiedenen Geschichts- resp. Culturepochen zu den verschieden öconomischen Substraten“. Das ist Ihre Mission, die Sie erfüllen müssen. – Wie nothwendig es ist, leuchtete mir unwidersprechlich in Lausanne u. Genf ein. Welch’ allgemeine Confusion, welche Unklarheit, welch widerwärtiger Dogmatismus mit mutualité etc etc! – Der Himmel behüte uns bis 5 Jahre nach Vollendung Ihrer Werke vor Revolutionen auf dem Continent! Der dabei zu Tage tretende Blödsinn u. die daraus resultirenden Discreditirungen u. Entmuthigungen des Proletariats wären entsetzlich. –

Eine Genugthuung habe ich von meinem Genfer Aufenthalte u. das ist, daß ich Sie dort, in der Höhle des Löwen, an „Herren Vogt“ gerächt habe. – Bei der Wahl der 5 deutschen Vicepräsidenten zum Friedenscongreß wurde auch Vogt vorgeschlagen. – Ich entgegnete, daß ich erwartete der Name werde hier nicht wieder genannt, bevor sich dessen Träger nicht von Ihrer Anklage, bezahltes Werkzeug Napoleon’s zu sein, gerechtfertigt habe.– Trotz eifriger Vertheidigung von verschiedenen Seiten, u. A. Ludw. Simon, glänzender Sieg. 4 reine Marxianer u. Ludw. Büchner, Ihr einstweilen nur noch instinctiver Anhänger. – Am folgenden Morgen Erscheinen von Buben, die des Vogt’s waren, Versuch die gestrigen Beschlüsse umzustoßen, vergebliches Beginnen, wiederum Sieg der unsern. – Ferner vollständig verändertes, stark socialistisch gefärbtes Programm der Democraten, die Tags zuvor nur bürgerlich verwässert aufgetreten waren. – Leider hatte ich das Unglück „das Gemüth“ von Jacobus Venedey zu verletzen, der erklärte, es schmerze ihn immer tief, wenn er die Behauptung des Gegensatzes zwischen Bürgerthum u. Proletariat höre. – Ich bot ihm die biedere Rechte zur Versöhnung, mit, vor edler Entrüstung glühenden Nase, schnöde abgewiesen. – Mit Heinrich Bürgers kann ich sagen: „Das alles habe ich für Sie gelitten.“ – | Unter den Congreßleuten, waren es nur Ihre Schüler, die in dem Wirrwarr der Tagesereignisse, die wirkliche Entwicklung zu verfolgen im Stande waren. – So hielt Eccarius eine glänzende Pauke gegen Büchner. – Lassen Sie sich dieses u. Anderes von ihm selbst erzählen. – Grüßen Sie ihn bitte herzlich von mir u. sagen Sie ihm meinen Dank für gesandte Times . – Ich war erstaunt in diesem Blatte, in einem Leader, die Kritik einer Rede von Ernest Jones zu lesen, wonach dieser sich gegen die Concentration des Grundbesitzes in Irland ausgesprochen. Wie verhält es sich damit? – Grüßen Sie auch Borkheim u. Frau , wenn Sie sie sehen, von ersterem erwarte ich einige Exemplare seiner Genfer Rede. –

Wie weit sind Sie mit dem 2. Thle Ihres Buches? Ist Aussicht, daß es zum nächsten Frühjahr druckfertig ist? und – daß wir die Freude haben Sie wieder auf einige Wochen bei uns zu sehen? –

Bitte lassen Sie bald von sich hören u. nun für heute herzlich Lebewohl von

Ihrem
treu ergebenen
LKugelmann
Dr

Herzlichsten Dank, lieber Herr Doctor, für Ihre große Freundlichkeit mir Ihr Werk zu senden, auch meine Freundin, Frau Tenge, hat mich gebeten Ihnen ihren Dank auszusprechen; sie meint der beste Dank würde wohl sein, wenn sie im Stande wäre solches Werk ganz zu fassen und ich meine das auch. Doch will ich dies erst versuchen, nachdem Sie so gütig gewesen sind mir das darin für mich Passende | zu bezeichnen, da Sie ja selbst das Ganze für mich nicht geeignet finden.

Wenn ich meinen Mann über Ihr Buch sprechen höre, so befürchte ich zuweilen ob es auch wohl möglich sein wird, daß Sie den zweiten Band eines solchen Werkes schon in diesem Frühjahre hierher bringen werden, wo wir Sie doch so sehr gern wieder bei uns sähen. Hoffentlich aber sehen wir unsern Wunsch erfüllt und Sie alsdann sogar in Begleitung einer der Ihrigen. Mit herzlichstem Gruß und nochmals bestem Dank, geehrter Herr Marx,

Ihre
Gertrud Kugelmann

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Zeugenbeschreibung

Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 286 × 215 mm. Prägung: „Dr. L. Kglm.“ Louis Kugelmann hat die ersten zwei Seiten vollständig, die dritte Seite zu zwei Dritteln beschrieben. Gertrud Kugelmann hat den Rest der dritten und die Hälfte der vierten Seite beschrieben. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von Kugelmanns Hand: Randanstreichungen.

Anmerkungen zum Brief

Marx antwortete Kugelmanns am 11. Oktober 1867 (siehe Marx an L. Kugelmann, 11.10.1867).

 

Zitiervorschlag

Louis und Gertrud Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Sonntag, 29. September 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0000362. Abgerufen am 14.04.2024.