| Hannover. 24 April. 1867.

Lieber Fred,

Ich bin seit 8 Tagen hier als Gast des Dr. Kugelmann. Ich bin nämlich gezwungen in Hamburg oder dicht bei Hamburg zu bleiben von wegen des Drucks. Die Sache hängt so zusammen. Meißner, der die Geschichte in 4–5 Wochen fertig haben will, kann nicht in Hamburg drucken lassen, weil weder die Zahl der Drucker, noch die Gelehrsamkeit der Correctoren hinreichend. Er druckt daher bei Otto Wigand (rather dessen Sohn, da der alte renommirende Hund nur noch nominell bei dem Geschäft betheiligt.) Heut vor 8 Tagen schickte er das Manuscript nach Leipzig. Er wünscht nun, daß ich zur Hand bin, um die ersten 2 Druckbogen zu revidiren u. zugleich zu entscheiden, ob der Schnelldruck mit einmaliger Revision meinerseits „möglich“ ist. In diesem Fall wäre die ganze Geschichte fertig in 4–5 Wochen. Nun ist aber die Osterwoche dazwischen gekommen. Wigand jr. schrieb an Meißner, daß er erst Ende dieser Woche anfangen kann. Auf Kugelmann's dringende Einladung bin ich also (was auch aus ökonomischen Gründen besser) hierhin gegangen für das Interim. Ehe ich nun über „Hiesiges“ spreche, nicht zu vergessen dieses: Meißner wünscht u. fordert Dich durch mich auf, daß Du eine Warnung gegen Rußland, zugleich zu deutschem und französischem Besten schreibst. Er wünscht, wenn Du's übernimmst, die Sache rasch. Es ist ihm aber lieber, wenn Du mehr als weniger Bogen schreibst, da ganz kleine Pamphlete buchhändlerisch nicht ziehn. Ueber die Bedingungen könntest Du ihm bei Uebersendung des Mscpts schreiben, da, wie er sagt, Ihr euch über den Punkt nicht veruneinigen würdet. Du könntest Dich „ganz gehn lassen“, da Meißner durchaus keine Rücksichten zu nehmen für nöthig hält.

| Also von Hannover.

Kugelmann ist ein sehr bedeutender Arzt in seinem Specialfach, nämlich als Gynäkolog. Virchow u. die sonstigen Autoritäten (worunter ein gewisser Meyer in Berlin), früher, v. Syboldt in Göttingen und vor seinem Verrücktwerden, Semmelweis in Wien in Correspondenz mit ihm. Wenn hier ein schwieriger Fall in diesem Fach, wird er stets als Consultirender zugezogen. Zur Beschreibung des Fachneids u. der Lokaldummheit erzählt er mir, daß er hier erst ausgekugelt, d.h. nicht in die Gesellschaft der Aerzte zugelassen, weil „Gynäkologie“ eine „unmoralische Schweinerei“ sei. K. hat auch viel technisches Talent. Er hat eine Masse neuer Instrumente in diesem Fach erfunden.

K. ist zweitens ein fanatischer (und mir zu westphälisch bewundernder) Anhänger unsrer Doctrin u. unsrer beiden Personen. Er ennuyirt mich manchmal mit seinem Enthusiasmus, der seinem in der Medizin kalten Wesen widerspricht. Aber er versteht und er ist grundbrav, rücksichtslos und aufopferungsfähig, was die Hauptsache ist, überzeugt. Er hat eine nette kleine Frau u. eine Tochter v. 8 J., die allerliebst ist. Er besitzt eine viel bessere Sammlung unsrer Arbeiten als wir beide zusammengenommen. Hier fand ich auch die „Heilige Familie“ wieder, die er mir geschenkt hat u. wovon er Dir ein Exemplar schicken wird. Ich war angenehm überrascht zu finden, daß wir uns der Arbeit nicht zu schämen haben, obgleich der Feuerbachcultus jezt sehr humoristisch auf einen wirkt. Das Volk u. in der Hauptstadt Hannover selbst die Bourgeoisie sind extrem preussenfeindlich (ditto in Kurhessen) u. äussern ihre Gesinnung bei jeder Gelegenheit. Sie sprechen offen ihren Wunsch – nach den Franzosen aus. Sie sagen, wenn man ihnen bemerkt, das sei unpatriotisch: „Die Preussen thaten ganz dasselbe. Als sie hier durchrückten, renommirten sie mit der französischen Hilfe, die Officiere an der Spitze, – im Nothfall.“ Wehner's Vater ist hier sehr geachtet, gilt auch als Welfe. Bismarck schickte mir gestern einen seiner Satrapen, den Advokaten Warnebold (dieß unter uns). Er wünscht mich u. „meine grossen Talente im Interesse des deutschen Volks zu verwerthen.“ Von Benningsen wird „mür“ Morgen aufwarten. 

| Wir zwei haben doch eine ganz andere Stellung in Deutschland, namentlich unter dem „gebildeten“ Beamtenthum als wir wissen. So z.B. der Vorsteher des hiesigen statistischen Büreaus, Merckel, besuchte mich, u. sagte mir, er habe Jahrelang über die Geldgeschichten vergebens studiert u. ich habe sofort die Sache ein für allemal ins Klare gebracht.„Ihr Dioskur Engels“ sagte er mir, „ist kürzlich von meinem Fachgenossen Engel in Berlin vor der Kgl. Familie anerkannt worden.“ Dieß sind Lappalien, aber sie sind wichtig für uns. Unser Einfluß auf dieß Beamtenthum ist grösser als auf die Knoten.

Ich war auch eingeladen bei der Gesellschaft der „Europäer“. So nennt man hier die preussenfreundlichen, norddeutschlichen Nationalvereinler. Esel!

Auch der Chef (Hauptchef, sagt Stieber) des hiesigen Eisenbahnwesens hat mich eingeladen. Ich ging hin, er hatte guten Maiwein, eine „bejeisterte Frau“, u. dankte mir beim Fortgehn „für die grosse Ehre“.

Ich habe eine Ehrenschuld an Mr. Wheeler10 £ – Mitglied unsres Council und Manager der „Empire Insurance Corporation“ abzutragen. Du verpflichtest mich sehr, wenn Du ihm das Geld: „G. Wheeler, Esq., 27, Gresham Street, E.C. Private“ (London) in meinem Auftrag schickst. Auch fürchte ich sehr, daß meine Familie in London „in profundis“. Es ist mir um so schmerzlicher, da der Geburtstag des armen, guten Jennychens 1 Mai. Um einen Geldcoup zu machen, habe ich Netze ausgeworfen. Ich muß den Erfolg abwarten.

Ich habe mich ausserordentlich erholt. Keine Spur des alten Uebels. Dazu, trotz schwerer Verhältnisse, guter Humor, ohne Leberanschläge.

Schreib mir umgehend (Adresse: Dr. Kugelmann, Hannover) ein paar Zeilen. Salut an Mrs. Burns.

Dein
Mohr.

| Freiligrath blamirt sich durch seine öffentliche Bettelei in Deutschld. Meißner sagt mir, er sei in Norddeutschld verschollen.

Zeugenbeschreibung und Überlieferung

Absender

Briefkontext

Zeugenbeschreibung

Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem, weißem Papier im Format 284 × 217 mm. Prägung: „Dr. L. Kglm.“ Die ersten drei Seiten hat Marx vollständig beschrieben, auf der vierten befinden sich drei Zeilen. Schreibmaterial: schwarze Tinte.

Von Eduard Bernsteins Hand: Nummerierung des Briefes bzw. der beschriebenen Seiten: „9,1“ bis. „9,4“.

Von unbekannter Hand: der Vermerk „ד mit Bleistift auf allen beschriebenen Seiten oben rechts bzw. links.

Anmerkungen zum Brief

Engels beantwortet den Brief am 27. April 1867 (Engels an Marx, 27.4.1867).

 

Zitiervorschlag

Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester. Hannover, Mittwoch, 24. April 1867. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=M0000253. Abgerufen am 21.04.2024.