| London 23. August 1866.
Mein lieber Freund,
Sie müssen mit Recht ungehalten sein über mein verlängertes Schweigen, trotz ihrer verschiednen freundschaftlichen Zuschriften.
Aber Sie müssen mich entschuldigen mit den ausserordentlichen Zuständen, worin ich mich befinde.
In Folge meiner langen Krankheit haben meine ökonomischen Zustände einen Krisenpunkt erreicht. Ich habe Schulden aufgehäuft, die mir das Gehirn zusammendrücken u. mich zu allem ausser der Arbeit, die mich absorbirt, unfähig machen. Wenn es mir nicht gelingt, wenigstens 1000 Thaler, sage zu einem Zins von 5%, aufzunehmen, so sehe ich wirklich keinen Ausweg. Und trotz der zahlreichen, anerkennenden Zuschriften, die ich von Deutschland erhalte, weiß ich nicht, wohin mich wenden. Ich kann nur Hilfe von Privatfreunden brauchen, nichts Oeffentliches. Sie begreifen, daß unter derartigen Verhältnissen, Briefschreiben schwer wird.
Es ist mir noch nicht gelungen, meine alten, ergiebigen Verbindungen mit Amerika wieder herzustellen. Man hat dort so viel mit der eignen Bewegung zu thun, daß man jede Ausgabe für europäische Correspondenz als faux frais de production betrachtet. Ich könnte dem abhelfen, wenn ich selbst übersiedelte. Aber ich halte es für meinen Beruf in Europa zu bleiben u. meine vieljährige Arbeit zu | vollenden.
Was diese Arbeit selbst betrifft, so glaube ich nicht, daß ich vor October das Manuscript des ersten Bands (es werden jezt 3 Bände) nach Hamburg bringen kann. Ich kann nur sehr wenige Stunden per Tag produktiv arbeiten, ohne es gleich körperlich zu spüren, u. aus Rücksicht auf meine Familie muß ich mich wohl widerwillig entschliessen zur Beobachtung der hygienischen Grenzen, bis ich völlig hergestellt bin. Ausserdem wird die Arbeit oft unterbrochen durch den Einfluß widriger Umstände von aussen.
Obgleich ich den Vorarbeiten für den Congreß zu Genf viel Zeit widme, kann ich nicht hingehn u. will es nicht, weil keine längere Unterbrechung meiner Arbeit möglich. Ich halte das, was ich durch dieselbe thue, für viel wichtiger für die Arbeiterklasse als alles was ich persönlich auf einem Congrès quelconque thun könnte.
Die internationalen Zustände in Europa betrachte ich als ganz provisorisch. Was Deutschland speziell angeht, so muß man die Dinge nehmen wie sie sind, d.h. das revolutionäre Interesse in einer den veränderten Umständen entsprechenden Weise geltend machen. As to Prussia, so ist es jezt wichtiger als je seine relations to Russia to watch and to denounce.
Ihr ganz ergebnerK Marx
Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus einem Bogen dünnem, weißem Papier im Format 271 × 215 mm. Die erste und dritte Seite hat Marx vollständig beschrieben, die zweite und vierte sind leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von Kugelmanns Hand: Vermerk „empfangen 27/ii 66 nach Freiburg i/12 nachgeschickt u. erst heute erhalten. –“, mit Tinte auf der vierten Seite. Siehe dazu auch Kugelmann an Marx, 15. Februar 1867.
Von unbekannter Hand: waagerechte Anstreichung mit Rotstift auf der dritten Seite oben, nach dem Wort „vollenden“.
Anmerkungen zum Brief
Marx beantwortet Kugelmanns Brief vom 15. und 25. April sowie den vom 6. Juli 1866 (L. Kugelmann an Marx, 15. u. 25. April 1866 und L. Kugelmann an Marx, 6.7.1866). Kugelmann erhielt den Brief erst kurz vor dem 15. Februar 1867 (siehe Erl. zu Marx an L. Kugelmann, 9.10.1866).
Zitiervorschlag
Karl Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Donnerstag, 23. August 1866. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000163. Abgerufen am 17.10.2026.