| Mainz 18 Januar 1866
Lieber Freund Marx!
Am guten Willen hat es wahrlich nicht gefehlt daß ich Dir auf Dein vorletztes Schreib en nicht promt die gewünschte Sendung machte! Betrachte mich indeßen, obgleich nunmehr Deine Verlegenheit vorüber ist, als Deinen Schuldner für die gleiche Summe die ich Dir wenn es mir besser paßt als jetzt übermitteln werde!
Ich übernehme jetzt das Geschäft meiner Eltern und dazu bedarf ich allen disponibeln fond, sonst hätte ich Dich um neuen Ausstand nicht gebeten!
Deinem Wunsche im letzten Schrb. Betreffs Mitgliedesschaft zum Internationalen kann ich nur insofern nachkommen als ich nicht offiziell dabei thätig sein muß; denn meine Kunden im Wasserleitungsfache sind: Staat, Stadt, Militair & Bourgeois auch Pfarreien und Klöster aller Art! und meine 48r-Gesinnung noch ziemlich bekannt! Dabei seit 51 eine Zeitlang reich, dann wieder ohne viel, nach und nach wieder in etwas behäbigeren Verhältnißen & ohne Hoffnungen wieder finanziell dahin zu gelangen wo ich war, wirst Du | einsehen daß man in unseren Landen ohne sich den Boden unter den Füßen wegzuziehen nicht Propaganda machen kann wie man will!
J. P. Becker will ich gerne von Zeit zu Zeit Artikel senden, auch sonst thun was der Sache nützlich ist, aber die Polizei mit der ich von 49 bis 51 zu thun hatte, hier wo ich nicht Bürger bin & jederzeit expulsirt werden kann, obgleich Bürgersohn, darf mir nicht auf den Pelz rücken können! Das bitte ich Dich zu beachten! & dieserhalb vernichte meine Schreiben jedesmal alsbald nach Empfang!
Dr Louis Büchner in Darmstadt den ich eben in Bearbeitung habe, wird das einzige communistische Manifest das ich besaß an J. P. B. abgehen lassen; sei Du so gut & sende mir gelegentlich einige andere dafür!
Möglich ist es daß ich im Mai nach Genf gehe; wenn Du hingehst & über hier kommst hoffe ich Dich als mein Gast bewirthen zu können!
Die Lassalle’schen Vereine bei uns scheinen mir in Auflösung zu sein weil ihnen tüchtige Führer abgehen und zur | ausgedehnten friedlichen Propaganda Mittel nothwendig sind die unsere deutschen Arbeiter trotz guter Organisation nicht zusammen bringen!
Wenige aber tüchtige Köpfe in allen größeren Arbeiter Plätzen in Verbindung mit gewandten Federn die klar & bis ans Ende unserer Politik sehen müssen meiner Ansicht nach unter einem internationalen Programm gewonnen werden um durchgreifend zu agitiren und das glaube ich willst Du mit Deinen intern. Congressen erzielen, denen ich mich unter Eingangs genannten Bedingungen auch gerne anschließe!
Die Volks Partei unter Eckardt hat am 26/12 in Bamberg eine abermalige Sitzung gehalten zu der ich geladen aber nicht erschienen war!
Die Koketterie dieser Partei mit der Bourgeoisie stellt ihr kein langes Bestehen (an dem sie indeß eigentlich noch laborirt diese s.g. Volks Partei) in Aussicht!
Ich bleibe dabei vor der Hand beobachtend. Schreibe bald Deinem Freunde
Paul St.Zeugenbeschreibung und Überlieferung
Zeugenbeschreibung
Der Brief besteht aus einem Bogen mittelstarkem, blauem, kariertem Papier im Format 455 × 285 mm. Aufdruck: „Paul Stumpf, Stadionerhofstrasse Mainz.“ auf der ersten Seite oben links. Die ersten drei Seiten hat Stumpf vollständig beschrieben, die vierte ist leer. Schreibmaterial: schwarze Tinte.
Von unbekannter Hand: Nummerierung des Briefes: „1“ (Bleistift) auf der ersten Seite oben in der Mitte.
Stumpf hatte den Brief versehentlich mit „1865“ datiert. Die Jahresangabe „1866“ stützt sich auf den Inhalt des Briefes, insbesondere auf die Erwähnung des 1866 bevorstehenden Kongresses der IAA in Genf („Möglich ist es ...“) sowie den der Deutschen Volkspartei von Ende Dezember 1865 („Die Volks Partei“).
Anmerkungen zum Brief
Es existiert eine Beilage, die jedoch nicht zwangsläufig diesem Brief beigelegen haben muss, sondern möglicherweise auch einem anderen Brief Stumpfs. Stumpf beantwortet zwei nicht überlieferte Briefe von Marx (Marx an P. Stumpf, zw. 21.11.1865 u. 18.1.1866 und Marx an P. Stumpf, zw. 21.11.1865 u. 18.1.1866) , geschrieben zwischen 21. November 1865 und 18. Januar 1866 („Dein vorletztes Schreiben“, „im letzten Schrb.“ und „J. P. Becker will ich gerne ...“). Siehe Erl.
Zitiervorschlag
Paul Stumpf an Karl Marx in London. Mainz, Donnerstag, 18. Januar 1866. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital, hg. v. der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: https://megadigital.bbaw.de/M0000017. Abgerufen am 15.09.2026.