| Hannover, 7. Dcbr. 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Wenn Sie sich unter Dietzgen einen „Arbeiter“ à la Eccarius, Leßner etc vorstellen, so sind Sie im Irrthume; D. ist in behaglichen kleinbürgerlichen Verhältnißen geboren u. erzogen. – So weit ich mich seiner autobiographischen Mittheilungen, während seines Besuches um Pfingsten d. J. erinnere ist sein Lebenslauf etwa folgender: Der Vater hat eine Gerberei zu Siegburg u. lebt in behaglichen Verhältnissen. Unser D. besuchte das Gymnasium bis Quarta incl. u. erlernte sodann auch, wie ich glaube beim Vater die Gerberei. Er verheirathete sich ziemlich früh, indeß sagten ihm die beschränkten Zustände der Kleinstadt nicht zu u. er versuchte in den Verein. Staaten Amerikas sein Heil u. zwar zur Zeit des Secessionskrieges. Der Versuch mißglückte u. kostete einige Tausend Thaler. Da dies ein erheblicher Theil seines Vermögens war, so mochte er nicht noch mehr riskiren u. kehrte zu Weib u. Kind nach Siegburg zurück. – Bald darauf las er in einer Zeitung das Anerbieten eines Elsasser Gerbers eine neue, sehr vortheilhafte, Zubereitungsmethode irgend einer Lederart, gegen Vergütung zu lehren. – D. ging hin, ließ sich darin unterweisen u. erwarb sich derart die Zuneigung seines Lehrmeisters, daß dieser auf Vergütung verzichtete. – Nicht viel später suchte eine Petersburger Aktiengerberei einen technischen Dirigenten, der diese neue Methode genau kenne. (Ich glaube sie heißt: „mit gedrehten Fässern“) D. meldete sich, man ging auf seine Offerte ein, gegen eine vorausbedungene ansehnliche Vergütung reiste er nach Petersburg, schloß mit der Gesellschaft ab und holte seine Familie (jetzt Frau u. 5 Kinder) hinüber. – Seine Stellung dort war eine sehr behagliche. Er wohnte der Fabrik gegenüber u. brauchte nur Morgens u. Nachmittags etwa ½ Stunde nachzusehen; übrigens konnte er | sich nach Belieben beschäftigen. Indeß schien es unserem Freunde als wolle man ihn übervortheilen. Es war ihm nämlich ein Gewinnantheil zugesichert, aber er konnte nie Rechnungsablage erzielen. Der vornehme, adlige Chef-Dirigent, mit welchem D. u. Frau auch in angenehmstem geselligem Verkehr standen hielt ihn stets hin u. that, wenn auf Abrechnung gedrängt wurde piquirt. – D. sagte mir damals, er werde sich das um so weniger auf die Dauer gefallen lassen, als er jeden Augenblick das Geschäft seines Vaters in Siegburg übernehmen könne u. dies sei durchaus nicht unvortheilhaft, weil die Eigenthümlichkeit seines Gewerbes die Gefahr der Concurrenz des Großkapitals ausschließe. –

Seine philosophische u. social-polit. Richtung verdankt er einem Juristen, Jos. Schmitz aus Rheydt (zwischen Bonn u. Cöln, am Rhein gelegen), dem er sehr früh befreundet wurde. – Hinreichende Muße, die er in Siegburg u. Petersburg hatte, benutzte er, wie Ihnen bekannt. – Ein merkwürdiger Zufall ist es, daß dieser Schmitz ein Mitglied unserer Verbindung (Normannia) in Bonn u. zwar zu meiner Zeit war u. daß ich diesem die Anregung in Ihre Richtung gab. – Ich glaube wenigstens. – Schmitz ist jetzt Director der Kölner Hagel-Versicherungsgesellschaft in Köln u. der alten Fahne treu. – Durch Dietzgen knüpfte ich wieder mit ihm an u. wir wechseln jetzt von Zeit zu Zeit Briefe. – Unterm 9. v. Mts. schreibt er mir: „Freund Dietzgen ist mit Familie aus Rußland zurückgekehrt. Er besaß schon früher einige Tausend Thlr. Vermögen, hat jetzt noch 10,000 von einem Onkel dazu geerbt u. erwartet noch einige Tausend als Tantième aus dem russischen Geschäfte. Mit diesem Gelde wird er sich ein neues Haus in Siegburg bauen u. Leder bereiten. Er kann der Zukunft sorgenfrei entgegen sehen, zumal er noch bedeutend zu erben hat.“

D. wird etwa 40 Jahr alt sein, ist in der Größe von Engels, von reflectirendem, ruhigem, fast phlegmatischem Temperament. | Er hat die Manieren eines wohlerzogenen, gebildeten Mannes, der die Welt gesehen hat. Von revolutionärer Leidenschaft keine Spur. – Ein gutes Bild von ihm einliegend zur Ansicht, das ich mir in ihrem nächsten Briefe wohl zurückerbitten darf. – Das ist der „Arbeiter“ Dietzgen, ein interessanter, prächtiger Mensch. Soweit ich die Mitglieder unserer Parthei kenne, hat keiner ein so behagliches, sorgenfreies Leben gehabt wie er. – Ich glaube, Sie können ihm getrost nach Siegburg schreiben. Wollen Sie ganz sicher gehen, so schicken Sie den Brief an

Herrn Jos. Schmitz

Kölner Hagel-Versicherungsgesellschaft

Unter Sachsenhausen

Köln

zur Besorgung. –

In einem sehr intelligenten Collegen, Privat-Docent in Breslau habe ich Ihnen, wie ich hoffe einen hoffnungsvollen Schüler geworben (jüngst in Dresden). Er erzählte mir er habe über die Arbeiterfrage eine kleine Arbeit geschrieben, ich empfahl das Studium Ihres Buches, bevor er seine Schrift veröffentliche. Er war durch eigenes Nachdenken zu Malthusschen Ideen gekommen. – Aus einliegendem Briefe, den ich mir ebenfalls recht bald zurückerbitte, da ich denselben noch beantworten muß. – Freund ist jetzt mit einer epochemachenden Arbeit beschäftigt, die die Entwicklung des normalen u. pathologischen Beckens im Speciellen u. die des Skeletts im Аllgemeinen betrifft. Er hielt in Dresden Vortrag darüber, der Sensation | erregte, die Herren Professoren u. Geheimräthe nahmen seine genialen Entdeckungen mit würdevoller Vornehmthuerei entgegen, das verdroß mich. Am Schluße unserer Sectionssitzungen nahm ich das Wort um Freunds Leistungen rühmend hervorzuheben u. forderte die mit mir übereinstimmenden auf sich zu erheben. Die ganze Section erhob sich – aber – man war perfide genug diese Ovation aus dem Sitzungsprotocolle fortzulassen. Als ich die Aufnahme darin reclamiren wollte, legte sich Freund selbst in’s Mittel u. wünschte es nicht. Ich glaube er bereut es jetzt. Dies zum Verständniß seines Briefes. – Wenn seine Arbeit erschienen, muß Engels dieselbe jedenfalls oxsen. –

Nächstens noch etwas Nebensächliches über Büchner. – Für Ihre Mittheilungen über die French branch besten Dank. – Daß Lafargue nochmals in Frankreich die vorschriftsmäßigen Examina machen muß, wundert mich nicht. Es ist so, wie ich meine in ganz Europa. –

Meine Frau sendet Ihnen u. den lieben Ihrigen herzliche Grüße, auch Fränzchen. – Wenn Sie glauben, daß meine Frau sich für die Bestrebungen der Frau Göck, oder sonst irgend welche interessirt, so verkennen Sie sie. –

Ist es nicht indiscret zu fragen, ob das „settlement“ dessen Sie erwähnen, Sie in Ihren bisherigen Studien u. Arbeiten hemmt? Haben Sie irgend eine andere Thätigkeit übernommen?

Es ist Postschluß, deshalb eilig gute Nacht u. herzliche Grüße für Sie u. die l. Ihrigen von

Ihrem treuen
L. Kugelmann
Dr
 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Montag, 7. Dezember 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00872. Abgerufen am 29.11.2021.