| London. 5 Dec. 1868.

Lieber Kugelmann,

Haben Sie die Adresse von Dietzgen? Vor ziemlich langer Zeit schickte er mir das Bruchstück eines Manuscripts über das „Denkvermögen“, was trotz einer gewissen Confusion, u. zu häufiger Wiederholungen, viel Vorzügliches u. – als selbstständiges Produkt eines Arbeiters – selbst Bewundernswerthes enthält. Ich antwortete nicht gleich nach Durchlesung, weil ich auch Engels’ Urtheil hören wollte. Ich schickte ihm daher das Manuscript. Es dauerte lange bis ich es zurückerhielt. Und jezt kann ich Dietzgen’s Brief nicht finden, mit seiner neuen Adresse. Er schrieb mir nämlich in dem letzten Brief von Petersburg, daß er nach dem Rhein zurückkehren u. sich dort etabliren werde. Haben Sie vielleicht die Adresse von ihm erhalten? Wenn so, schicken Sie mir dieselbe gefälligst umgehend. Mein Gewissen – diese Sorte von Ding wird man nie ganz los – peinigt mich, daß ich D. so lange ohne Antwort ließ. Sie hatten mir auch versprochen, einiges über seine Persönlichkeit mitzutheilen.

Ich habe Büchners Vorlesungen über Darwinismus erhalten. Er ist offenbar ein „Buchmacher“ u. heißt deßhalb wahrscheinlich „Büchner“. Das oberflächliche Geschwatz über die Geschichte des Materialismus ist offenbar aus Lange abgeschrieben. Die Art, wie ein solcher Knirps z. B. Aristoteles behandelt abfertigt – ein andrer Naturforscher als B. – ist wahrhaft | erstaunlich. Sehr naiv ist auch, wenn er von xxxx(?) Cabanis sagt, das „man glaube beinah Karl Vogt zu hören“. Wahrscheinlich hat Cabanis den Vogtabgeschrieben!

Ich hatte Ihnen vor längerer Zeit versprochen ein paar Worte über die French branch zu schreiben. Diese Ragamuffins bestehn zur Hälfte oder ⅔ aus Maquereaus u. ähnlichem Gesindel, alle aber – nachdem sich unsre Leute zurückgezogen – aus Helden der revolutionären Phrase, die, from a safe distance, of course, Könige u. Kaiser, ganz besonders aber den Louis Napoleon tödten. Wir sind natürlich in ihren Augen Reactionaire, u. sie hatten in aller Form einen Anklageakt gegen uns aufgesetzt, der auch in der That dem Brüßler Kongreß – in den Geheimsitzungen – unterbreitet wurde. Der Aerger dieser blacklegs war dadurch gesteigert worden, daß Felix Pyat – ein verunglückter französischer Melodramatiker vierten Rangs, in der Revolution 48‘ nur als toastmaster benuzt, – (so nennen nämlich die Engländer die bezahlten Männer, welche bei öffentlichen Essen Toasts auszubringen, resp. die Reihenfolge der Toasts zu überwachen haben) –, der eine wahre Monomanie besizt „to shout in a whisper“ und den gefährlichen Verschwörer zu spielen, sich ihrer bemächtigt hatte. Pyat wollte durch diese Bande di die Intern. Arbeiterassoc. in seinen Schwanz verwandeln. Namentlich galt es uns zu compromittiren. Auf einem öffentlichen Meeting also, welches die French Branch durch Mauerplakate als meeting der Internat. Assoc. angekündigt u. ausposaunt hatte – wurde Louis Nap., alias Badinguet, förmlich zum Tod verurtheilt, die Exekution natürlich den Pariser unbekannten Brutussen überlassen. Da die englische Presse keine Notiz von dieser Farce nahm, hätten wir sie auch mit Stillschweigen | abgemuckt. Abereiner der Bande – ein gewisser Vésinier, Chantage Literatur Betreiber – brachte den ganzen Dreck, weit u. breit, in ein belgisches Blatt, La Cigale, was(?) das sich selbst als Organ der „Intern.“ ausgiebt, eine Art „komisches“ Blatt, wie es sicher kein zweites in Europa existirt. Es ist nämlich nichts Komisches daran als sein Ernst. Aus der Cigale fand das Zeug seinen Weg in das Pays, Journal de l’Empire. Es war natürlich gefundnes Fressen für Paul de Cassagnac. Darauf erklärten wir – i. e. the General Council – in 6 Zeilen officiell in Cigale, daß F. Pyat in durchaus keinem Zusammenhang mit der „Intern.“ stünde, wovon er nicht einmal Mitglied sei. Der Fros // Hinc illae irae. Der Froschmäuslerkrieg endete damit, daß die French Branch sich von uns grollend zurückgezogen hat u. auf eigne Faust, unter Pyat’s Aegide, Geschäfte macht. Sie haben als Succursale hier in London einen s. g. Deutschen Agitationsverein, bestehend aus einem Dutzend u. ein halb, von mit einem alten pfälzischen Flüchtling, dem halbverrückten Uhrmacher Weber als Chef, stiften lassen. Nun wissen Sie alles, was über dieses feierliche, hochtrabende u. wichtige Ereigniß zu berichten ist. Nur das eine noch. Wir hatten die Genugthuung, daß Blanqui, durch einen seiner Freunde, ditto in der „Cigale“, den Pyat zu Tod lächerlich machte, u. ihm nur die Alternative ließ, – monomaniac oder Polizeiagent!

Von Schweitzer erhielt ich gestern Abend Brief, worin er anzeigt, daß er wieder ins Cachot wandert, u. Ausbruch eines Bürgerkriegs – nämlich Krieg zwischen ihm u. W. Liebknecht – unvermeidlich ist. Ich | muß sagen, daß Schweitzer in einem Punkt recht hat, nämlich der Unfähigkeit des Liebknecht. Sein Blatt ist wirklich jämmerlich. Wie ein Mann, dem ich während 15 Jahren mündlich eingepaukt hatte (zum Lesen war er von jeher zu faul) solches Zeug drucken lassen kann, wie z. B. „Gesellschaft u. Staat“, worin „das Gesellschaftliche“ (auch eine schöne Kategorie!) als das Sekundäre u. „das Politische“ als das Wesentliche behandelt wird, wäre unbegreiflich, wenn Liebknecht nicht ein Süddeutscher wäre u., wie es scheint, mich von jeher mit seinem alten Vorgesetzten, dem „edlen“ Gustav Struve, verwechselt hätte.

Lafargue u. Frau seit 2 Monaten zu Paris. Dort will man jedoch die medizinischen Würden, die er in London erlangt hat, nicht anerkennen, u. verlangt, er solle durch 5 neue „Pariser“ Examina passiren!

Meine „ökonomischen“ (nicht polit. ök.) Verhältnisse werden, in Folge eines settlement, vom nächsten Jahr an eine genügende Form erhalten.

Mit besten Grüßen an Ihre liebe Frau u. Fränzchen

Ihr
KMarx

Ist Ihre Frau auch thätig in der grossen deutschen Damenemancipations- Damen Emancipations -Campagne? Ich denke, die deutschen Frauen müssen damit anfangen, ihre Männer zur Selbstemancipation zu treiben.

 

Zitiervorschlag

Karl Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Samstag, 5. Dezember 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00870. Abgerufen am 19.10.2021.