| Friedrich Strasse 79.
Berlin, 31. October 1868.

Lieber Marx,

Freundlichen Dank für Ihre Benachrichtigung und Bereitwilligkeit meine Vertheidigung zu übernehmen gegen – – – ? Über das Wen habe ich allerdings meine bestimmte Muthmaßung im Bereich der höheren Socialdemokratie.

Was nun 1., meinen Compromiß mit der preußischen Regierung resp. Polizei betrifft, so beruht dieser Vorwurf offenbar auf der Thatsache, daß ich nach meiner Rückkehr nach Berlin 5 oder 6 mal in einem hiesigen renommirten Bierlokal Skat gespielt habe, den Point à 1 Pfennig, mit einem interimistisch bei der Fremdenabtheilung des hiesigen Polizeipräsidiums angestellten Regierungsassessor, (einem alten Universitätsbekannten von mir,) und zwei Polizeilieutenants, darunter mein damaliger Revierpolizeilieutenant. In Folge und im Verlauf dieser Skatverschwörung wurde mir eines Nachts nach Zwölfe die erfreuliche Mittheilung (unter dem Siegel der Verschwiegenheit, weshalb ich auch Sie um Discretion ersuche,) es sei vom Polizei-Präsidium die Observation meiner Person, meines Thuns und Treibens anbefohlen gewesen, indessen in Folge der Berichte meines Revierpolizeilieutenants eingestellt worden. Letzterer nämlich hatte sich durch den persönlichen Skatumgang mit mir davon überzeugt, daß ich den alten Sauerteig durchaus nicht wieder aufzurühren beabsichtigte, hatte sich ohne mein Zuthun, ohne mein Wissen, ohne meine Autorisation für mein Wohlverhalten verbürgt, und ich habe es allerdings diesem Umstande zu danken, daß ich seitdem gänzlich unbelästigt und unbehelligt geblieben bin. Der Assessor ist seitdem nach Holstein, der Lieutenant nach Hannover versetzt, den anderen Lieutenant sehe ich nicht mehr, und damit hat meine einzige | Beziehung zur preußischen Regierung resp. Polizei ihr definitives Ende erreicht. Was nun die dort verhandelten Compromisse betrifft, so beschränkten sich diese auf den unumgänglich nothwendigen Compromiß zwischen Schellen – Roth – Grün und Eicheln etc.: andere Compromisse zwischen der preußischen Polizei und mir sind nie abgeschlossen oder verhandelt worden.

Was 2., den Ihnen übersandten Auszug aus meiner Rede bei Stiftung des Demokr. Arb. Vereins betrifft, so vermuthe ich, daß dieser Auszug derjenige Tendenzbericht ist, welcher von dem reporter der „Kreuzzeitung“ und „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, Herrn Matthias, angefertigt, von beiden Zeitungen indeß nicht abgedruckt worden ist, und wahrscheinlich seinen Weg ins Lager des „Socialdemokrat“ gefunden hat, und aus diesem an den Generalrath in Form einer Denunciation gelangt ist. Über die Mittheilungen dieses Berichts kann ich mich nicht eher erklären, ehe sie mir nicht mitgetheilt worden sind; ich weiß nur von der Existenz dieses Berichts, ohne seinen Inhalt zu kennen. Ebenso wenig darf ich für den Bericht des „Demokratischen Wochenblatts“ verantwortlich gemacht werden; derselbe ist ein einfacher Abdruck des vom Berichterstatter der „Zukunft“ ohne mein Zuthun verfaßten Berichts; ich habe nicht gewußt, daß Liebknecht solchen Detailbericht bringen würde, sonst hätte ich die „Zukunft“ corrigirt und ihm den redigirten Bericht eingesandt. Ich kann daher weder den in Ihren Händen befindlichen Bericht, noch den Bericht der „Zukunft“ und des „Demokratischen Wochenblatts“ anerkennen, schon aus dem Grunde, weil dieser Bericht, den ich kenne, die Pointe, um die es sich gehandelt hat, nicht verstanden, nicht erfaßt und an Stelle eines Gedankens zusammenhangslose Worte wiedergegeben hat.

Ich befinde mich nämlich in der angenehmen Lage, daß ich von meiner Rede selbst nicht ein Wort zurückzunehmen oder hinzuzufügen | habe, schon aus dem Grunde, weil es sich gar nicht um Bismark und den Königlichen Preußischen Socialismus gehandelt hat; letzterer ist ganz aus dem Spiel geblieben, und das Recht, den Herrn von Bismark en passant erwähnen zu dürfen, wird mir wohl höchstens diejenige höhere Socialdemokratie bestreiten, welche mit Bismark kokettirt hat und schnöde zurückgewiesen worden ist. Es ist mir zwar nicht möglich, heute meine damaligen Worte zu reproduciren: der Sinn und Zusammenhang aber war folgender.

Es handelte sich um die Bornirtheit der Partei Schulze-Delitzsch, Franz Duncker, Max Hirsch. Ich citirte aus einem Bericht der „Zukunft“ Einiges aus den Verhandlungen des „social science congress“, und gab im Gegensatz dazu Excerpte aus den Leitartikeln der „Volkszeitung“ zum besten, in welchen sie gegen die Nürnberger Beschlüsse die Apostelgeschichte (Ananias & Sapphira) ins Gefecht führt, die Arbeiter vor dem in Nürnberg adoptirten Programm warnt und väterlich ermahnt, sich auf

„erreichbare Forderungen“

(also auf Vorschuß-, Kranken- Versicherungskassen etc.) zu beschränken. Gegen diese Theorie der „erreichbaren Forderungen“ waren meine Ausführungen gerichtet, und nachdem ich sie zur Genüge lächerlich gemacht hatte, schloß ich mit folgender Betrachtung, welche das in Rede stehende Mißverständniß verursacht hat:

Während Schulze-Delitzsch und Consorten den Arbeitern genau die Gränze des Erreichbaren fixiren, über welche Linie hinaus die Bestrebungen der Arbeiter als Thorheit und Wahnsinn zu betrachten seien, verhalte sich die Regierung passiv, offenbar aus Rathlosigkeit und Unentschlossenheit, was zu thun sei. Inzwischen aber nähmen die Ereignisse unbekümmert um die Regierung und Schulze-Delitzsch ihren Fortgang, und würden sich bald naturgemäß dahin entwickeln, daß die Regierung Stellung zu nehmen gezwungen sein würde. Diese könne doppelter Art sein: arbeiterfeindlich oder arbeiter- | freundlich. Im ersteren Falle würde die Regierung den Versuch machen, die sociale Bewegung mit Gewalt zu unterdrücken, da indeß anzunehmen sei, daß auch die Regierung aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt habe, sei nicht zu erwarten, daß die alte Hetzjagd der 50er Jahre von Neuem losgehen würde. Somit bleibe der Regierung nur übrig, die Arbeiter durch freundliches Entgegenkommen zu ködern. Da frage sich nun, ob der Köder darin bestehen solle, daß die Regierung den Arbeitern die „erreichbaren Forderungen“ des Herrn Schulze auf dem Präsentirteller darreichen, und damit die Arbeiter abspeisen solle. Es sei kein Zweifel, daß Herr Schulze sich so etwas alles Ernstes einbilde, und vielleicht aus diesem Grunde gehe er über die Gränze dessen, was er von der Regierung für acceptabel halte, nicht hinaus. Doch gehöre dazu die Voraussetzung, daß sich Herr von Bismark von Schulze-Delitzsch ins Schlepptau nehmen lassen wolle, und unter den obwaltenden Verhältnissen diese Voraussetzung für möglich zu halten, dazu müsse man so verblendet sein, wie Schulze-Delitzsch selbst. Grade Schulze mache es der Regierung möglich, ihn durch einen einzigen Theatercoup zu überbieten, und wenn dieser coup bevorstehen sollte, müsse im Voraus darauf hingearbeitet werden, daß die Arbeiter an der dann zu Tage tretenden Bornirtheit ihrer Führer nicht irre würden, daß sie im Gegensatz zu deren kläglichen Haltung dastünden als geschlossene Phalanx mit ihren nach Ansicht von Schulze-Delitzsch „unerreichbaren“ Forderungen. Zu diesem Zweck habe man in Nürnberg ein Programm von großer politisch-socialer Tragweite angenommen, welches eben verhindere, daß die Arbeiter jemals ein Spielball in den Händen der jeweiligen Machthaber, gleichviel ob Bismark, ob Schulze-Delitzsch, würden; es sei nur nöthig, daß die Arbeiter sich um dies Banner schaarten, daher zum Schluß der alten Mahnruf: „Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch!“

| cont. 1. November 1868.

Dies der inkriminirte Hergang. Es bleibt mir noch übrig, zu erklären, wie dieser 5 Minuten lange Passus einer ¾ stündigen Rede überhaupt zu der Ehre gekommen ist, in dem Bericht der „Zukunft“ und des „Demokr. Wochenblatts“ besonders hervorgehoben zu werden.

Es ist dies die Folge einer wohlwollenden, fürsorglichen Bemerkung von meinem Freunde Guido (nicht Adolf) Weiss, Redacteur der „Zukunft“ . Er hielt für nöthig, um einem möglichen Mißverständniß vorzubeugen, zu constatiren, daß ich Bismark kein Vertrauenssvotum habe ertheilen wollen, (was mir nämlich auch gar nicht eingefallen war,) und fügte die Bemerkung hinzu, die mich und meinen Vortrag zwar nichts anging, aber doch zur Folge hatte, daß die schnodderige „Schlepptau“-Bemerkung in die Zeitung kam, wenn er zu wählen hätte zwischen Schulze und Bismark, so sei ihm Schulze lieber. (Ob als Mensch oder als Politiker, sagte er zwar nicht, jedenfalls aber meinte er den Politiker, denn den versoffenen Sittlichkeitsapostel, den Dr. Henneberg in Gotha noch neulich als den „edelsten“ Menschen pries, überhaupt zu toleriren, ist eine jedenfalls starke Zumuthung.)

Genug: mir war es in dieser ersten Sitzung des Demokr. Arbeiter Vereins nur um die Stellung des Vereins gegenüber Schulze-Delitzsch zu thun. Veranlaßt hierzu wurde ich durch den Umstand, daß von den Gründern des Vereins Tischler Jäger Vorstandsmitglied eines Schulze’schen Consumvereins, und Buchhändler Alex. Jonas manager der Schulze’schen „Friedrichstädtischen Volksbank“ ist. Deshalb hielt ich es für nothwendig, zu allererst nach dieser Rictung hin die Stellung des Vereins zu präcisiren. Dies ist geschehen, und die Regierung und Bismark führte ich, wie Sie aus meinem gestrigen Schreiben ersehen haben werden, genau in derselben Weise ins Gefecht, wie der Verfasser des Aufsatzes: „Das Verhältniß der Capital- und Junkerpartei zu den Arbeitern“ im gestrigen, mir so eben zu Gesicht gekommenen Demokr. Wochenblatt dies thut, d. h. nur im Gegensatz zur Stupidität der Bourgeoispartei und des „edlen“ Schulze-Delitzsch.

| Viel wichtiger, als mich gegen diese lächerliche Anklage zu verantworten, ist mir nun aber die Frage, Wer mein Denunciant ist.

Ich halte dieser Denunciation nur vier Personen fähig: Herrn von Schweitzer, oder dessen Berliner „Tölcke“ Herrn Fritzsche, oder die Herren Hasselmann und Armborst, dessen Werkzeuge.

Ich bin ferner der Ansicht, daß die Denunciation nicht in Folge der inkriminirten Rede, sondern in Folge eines Vorganges in der zweiten Sitzung des Demokr. Arb. Vereins, über welchen das gestrige Demokr. Wochenblatt in (meiner) Berliner Correspondenz berichtet, also nach dem 19. October, entstanden ist.

Daß, gleichviel Wer der nominelle Verfasser, Herr von Schweitzer der eigentliche Urheber ist.

Daß aus Rache wegen meiner Opposition gegen ihn und den Allg. deutschen Arbeiter-Verein und bloß in der Absicht mich auf irgend eine Weise unschädlich zu machen, der Denunciant sich dazu hat hergeben müssen, eine absichtliche Täuschung des Generalraths durch eine wissentlich falsche Denunciation zu versuchen.

Denn: 1., sind von dieser Koterie die Herren Hasselmann und Armborst in der Eröffnungssitzung des Demokr. Arb. Vereins persönlich anwesend gewesen und haben den inkriminirten Passus meiner Rede mit angehört.

2., von den anwesenden reporters hat, weil die Zeitungen über Vereinssitzungen nur kurze Referate bringen, bloß Matthias, reporter der Norddeutschen Allg. und der Kreuzzeitung, sich die Mühe genommen, nachzuschreiben und ein ausführliches Referat zusammenzustellen. Die „Kreuzzeitung“ wies sein Referat mit der Zuschauer-Bemerkung an alle ihre reporters, sie mit derartigen Referaten zu verschonen, zurück, und die Norddeutsche unterdrückte das Referat meiner Rede durch die sehr richtige Bemerkung, dieselbe habe nichts Neues enthalten. Das dem Generalrath übersandte | Referat kann daher nur das von Matthias verfaßte, auf den Ankauf durch die Norddeutsche und Kreuzzeitung berechnet gewesene, aber wahrscheinlich vom „Socialdemokrat“ angekaufte sein. Wenn dies der Fall, so hat

3., der Einsender den Generalrath dadurch, daß er den Ursprung dieses Referats verschwiegen hat, in eine absichtliche Täuschung über den Charakter und die Tendenz meiner Rede versetzen wollen, welche versuchte Täuschung

4., mir gegenüber den Charakter einer wissentlich falschen Denunciation annimmt, da der Denunciant durch Hasselmann und Armborst von dem eigentlichen Sachverhältniß unterrichtet sein mußte. Wozu

5., hinzukommt, daß der angebliche Compromiß zwischen der Preuß. Regierung oder Polizei und mir bloße Erfindung ist und der Denunciant für diese Behauptung nicht einmal den Schatten eines Beweises beibringen kann.

Aus diesen Gründen ersuche ich den Generalrath, sich bei dieser Denunciation und meiner Antwort nicht zu beruhigen, sondern die Sache weiter zu untersuchen, und vor Allem den Denuncianten um genauere Daten und um Beweismaterial zu ersuchen.

Andererseits bin ich, wenn der Generalrath die persönlichen (nicht sachlichen) Gründe zu hören wünscht, aus denen ich in der zweiten Sitzung des Demokr. Arb. Vereins gegen Schweitzer aufgetreten bin, um von vornherein jede Amalgamation, jede Beziehung zwischen ihm und uns zu hintertreiben, gern erbötig, Einzelheiten, die in Berlin von Mund zu Munde circuliren, dem Generalrath mitzutheilen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ich für diese scandalosa, die ich bona fide weiter erzählen würde, und von deren Wahrheit ich allerdings selbst überzeugt bin, nicht verantwortlich gemacht werde, da es unmöglich ist, in Fällen dieser Art die Gränze zwischen Wahrheit und Übertreibung | zu ziehen und ohne auffällige Nachforschung sich innerhalb des Bereiches der beweisfähigen Thatsachen zu halten. Ich habe deshalb eine frühere Aufforderung, dem Generalrath über die Fortschritte des Allg. Deutschen Arbeiter-Vereins zu berichten, bisher absichtlich unbeantwortet gelassen, und nur durch die That meine Ansicht documentirt: denn so, wie die Verhältnisse liegen, ist der Allg. Deutsche Arbeiter-Verein – Herr von Schweitzer, und dieser – unter der Kritik.

Ich wenigstens bin davon überzeugt, daß wenn Herrn von Schweitzer sein Coup mit den Arbeiterschaften mißlingt, und meiner Ansicht nach ist der Versuch bereits gescheitert, der ganze Schwindel über kurz oder lang zusammenbricht und hierdurch der Arbeitersache ein Schlag bevorsteht, der von den Organen der Reaction und Bourgeoisie auf das Kräftigste ausgebeutet werden wird, wenn nicht bei Zeiten vorgebeugt und Herr von Schweitzer und seine Anhängerschaft isolirt wird. Lieber auf alle Vortheile, die sie bieten können, verzichten, als sich mit dieser Bande amalgamiren, lieber auf den gesammten Allgemeinen Deutschen Arbeiter Verein nicht reflectiren, als Herrn von Schweitzer mit in den Kauf nehmen.

Dies ist indessen meine persönliche Ansicht, die ich nur aus dem Grunde rückhaltlos ausspreche, weil ich in Herrn von Schweitzer den eigentlichen Denuncianten vermuthe und deshalb für nöthig halte, meinen Standpunkt zur Sache und zur Denunciation nach jeder Seite hin festzustellen.

Mit freundschaftlichem Gruß

Ihr
Wm Eichhoff.
 

Zitiervorschlag

Wilhelm Eichhoff an Karl Marx in London. Berlin, Samstag, 31. Oktober, und Sonntag, 1. November 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00822. Abgerufen am 05.12.2021.