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London, 24 Oct 1868

Lieber Marx,

It never rains, but it pours. Wenn ich mal ins Briefschreiben an Sie komme, kann ich gar nicht mehr aufhören. – Sie wissen, daß ich „unter keine Deutschen“, in keine politischen Gesellschaften komme. Nun lesen Sie beiliegende Karte und meine Antwort und schicken Sie sie zurück. Was soll es bedeuten? – Da streichelt mir – wie Schily sagen würde – wieder Jemand meinen podex vitricus Hispaniensis.

Bin ich nicht ein geplagter Mann?

Rudirallaralla Rudira!

Der da nicht für sein Unglück kann?

Rudirallaralla, Rudira!

Ich bezweifle, ob ich den Herrn Weber mehr als drei Mal in meinem ganzen Leben gesehen habe – und doch behandelt er mich wie | der Hahn das Küchlein! –

Da habe ich heute bei mir eine Broschüre entdeckt von Nestor Koszutski gegen Schulze-Delitsch und v. Mohl geschrieben im Jahre 1862. Titel:

Die polnische Frage im Lichte der

Socialwissenschaft.

Sendschreiben

an Herrn Schultze-Delitsch.

Koszutski reißt einige ganz gute Witze – viel bessere als Herzen, Bakunin und alle die russische „Talgbande“. – Die Broschüre giebt mir einen Stoß in medias res. Aber diese res sind nicht idoneae und auch nicht faciles. Der Satz:

Ruhe wollen wir haben – ferner Ruhe müssen wir haben – das ist Alles gut. Aber nun kommt:

Ruhe (ökonomische) können wir nur haben durch Wiederherstellung Polens – die Beweisführung erfordert Arbeit und ist um so schwerer, wenn darauf berechnet, den Arbeitern | schnell und leicht verständlich zu sein, die National-Polen zu befriedigen und den Russen keine Blöße zu geben. Ich sehe nur einen Ausweg: Ihr Polen geht mit Europa – oder mit Rußland. In jenem Falle hauen wir zusammen auf die Russen, in diesem auf Euch und die Russen. Das letztere ist nicht so schwer, wie Herr Koszutski meint. Von einer polnischen politischen „Größe“, die heute mit Rußland, morgen mit Europa gehen würde, darf keine Rede sein. Und doch scheint mir das so die Hintergedanken aller polnischen Parteien. Ein wiederaufgerichtetes Polen muß in Europa aufgehen, von seiner Individualität wie die Andern etwas abgeben. Zieht sie dort (in Rußland) etwa Abstammung, Sprache an – so sollen sie es abwägen gegen unsre „Kultur“. | Heute mit unsrer „Kultur“, morgen mit jener „Abstammung und Sprache“ gehen – das geht nicht. Aber hauen wir sie jedenfalls heraus – unsretwegen. Die Polen werden es jedenfalls als für sich nützlich betrachten. Und später – wirds schöner! – Diese Bemerkungen werden Ihnen andeuten, daß ich mich nicht leichtsinnig in Gefahr begeben will.

In dem Liebknechtschen Blatte standen gleich zu Anfange 4 oder 5 Artikel über Polen, die nicht übel waren. Addiren Sie dazu die von mir an demselben Orte gethanenen Äußerungen, so ist das schon etwas zur Verhandlung mit Gazeta Narodowa u. ähnlichen Blättern. Ich schicke heute an Narodowa meine Sonderabdrucke. Die polnische „Frage“ geradezu mit der „socialen“ Europas in Ihrem und meinem Sinne zusammengestellt, das habe ich noch nicht gelesen. Aufrichtig – ich gehe mit Scheu dran. Es fehlen Vorarbeiten dazu; ich meine die Anderer! –

Als ich Ihnen gestern von BidermannsRuthenen in Ungarn“ sprach, erwähnten Sie einen andern polnischen Namen – den eines – – ki. Bitte ihn mir anzugeben.

Der Ihrige
Borkheim
 

Zitiervorschlag

Sigismund Ludwig Borkheim an Karl Marx in London. London, Samstag, 24. Oktober 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00807. Abgerufen am 21.10.2021.