| care H. Hellmers
20 Rennwick str.

New-York 16 oktob 1868

Lieber freund,

ich erhielt ihren brief vom 14 sept und die beiden sendungen der Times. Der 2te artikel erscheint mir von noch größerer bedeutung als der erste. Parker Pillsbury von der Revolution wird vielleicht gelegentlich darüber sprechen. Ich will versuchen bei der Nation an zu klopfen, damit das ‚Kapital‘ in derselben besprochen werde; das blatt hat sehr viele mitarbeiter, die des Deutschen vollkommen mächtig sind. Uebersetzungen werde ich in der Revolution und Workingmen’s Advocate an zu bringen versuchen. Leider erlauben mir meine verhältnisse nicht, so viel Englisch zu treiben, als ich wol müste, um schnell und nicht zu schlecht schreiben zu können; mit dem sprechen bin ich so weit, daß ich verständlich bin und somit im verkehr mit einzelnen auskomme. Wir gründen jetzt hier eine sektion der I. A. A. aus den personen bestehend, welche dem verfehlten versuch der Socialen Partei ihre mitwirkung schenkten. Weber, der jezt ganz in der deutschen bewegung der Republikaner (Grant-fieber) verwickelt ist, wird uns aus dem gehege bleiben. Sorge hat erklärt, diesen winter keine arbeiter bewegung mit zu machen und somit haben wir freies feld für diejenigen, welche lernen und ehrlich arbeiten wollen. – Einige tage vor eröfnung des hiesigen arbeiter-kongresses, dessen verhandlungen sie wol durch Jessup bekommen haben werden, sagte mir Sorge, bei dem ich noch wohne, daß er zu Jessup gehe und erzählte mir später einzelnheiten der unterhaltung. Die vollmacht wird er selbstverständlich vorgezeigt haben; Jessup ist aber sehr zu geknöpft und hat ihm gewiß nicht mitgetheilt, daß ich und Vogt (dieser als stummer und zum theil tauber zuhörer) schon vorher bei ihm gewesen waren. Ich will Sorge vorläufig auch noch nicht mittheilen, daß ich mit J. verkehre und würde gern sehen, wenn ihm die vollmacht entzogen werden könnte, ohne daß er glauben muß, ich wüßte davon; denn er weiß auch nichts von meiner adresse in New-York. Diese diplomatischen heimlichkeiten habe ich gewählt, weil ich ohne aufsehen und skandal mit Sorge brechen will. Sorge wird nichts thun, was der I. A. A. schadet, dafür bürgt seine persönliche freundschaft für J. Ph. Becker, von dem er offenbar viel mehr hält, als von Liebknecht; lezterer schmeichelt ihm jedenfalls weniger; doch steht er auch mit Liebknecht noch in briefverkehr. Sein name, gedrukt auf dem Vorboten, – das ist, was ihm wol thut, dasselbe erstrebt er für das Demokr. Wochenbl. Im Pionier steht die anzeige des Komm. Klubs mit seinem namen als präsident schon seit mehr als 1 jahre, ohne daß sitzungen stattfinden, der spaß kostet ihn 6 dollar jährlich; doch er liebt Heinzen sehr und ist erbittert, wenn ich gegen ihn los ziehe. Diese einzelnheiten sollen beweisen, daß er nicht gefährlich ist. Freilich sind solche menschen, gereizt und in ihrem innersten wesen (der eitelkeit) angegriffen, auch schlechter streiche fähig. Bis jetzt hat er, bei glänzenden einanhmen als musiklehrer, sehr viel geld für freunde, allgemeine zwecke u. s. f. geopfert auch mich hat er, als ich im frühling 1867 ohne arbeit war, freundlich behandelt; ich schulde ihm noch 200 dollar | Daß ich Sorge so spät durchschaut habe, macht meiner menschen-kenntniß wenig ehre. Vogt ließ mich so lange im unklaren, weil er einen offenen bruch zwischen Sorge und mir als sehr schädlich für meine erwerbs-verhältnisse ansah; und zum theil ist das noch richtig. Wenn sie mir vollmacht ertheilen lassen wollen, so ist es ja wol nicht nöthig, daß Sorge davon erfährt; ich würde in N-Y nur im notfalle gebrauch davon machen, damit Sorge eben nicht unnötiger weise verlezt werde. Mit Drury will ich so oft als möglich zusammen zu kommen suchen; ich schreibe später darüber. D. gab im winter ein blättchen ‚Solidarity‘ heraus und gründete eine geselschaft gleichen namens, deren endzweck co-operative war. Mit konsum-vereinen sollte begonnen und dann allmälich die ganze produktion der stadt N-Y in die hand genommen werden. Davon spricht er jetzt nicht mehr. Als redner übertrift er alle der stadt N-Y. – Sie schlagen mir wieder agitatori schriften ab; aber statuten der I. A. A. müssen doch da sein; schicken sie, was eben da ist, oder lassen sie es schicken. Eben weil ich mit der Englischen sprache noch nicht gut fortkomme brauche ich solche stützen. –

Ich habe nicht ohne absicht an Eccarius geschrieben, weil Jessup nur ihn kennt und ein paar worte über mich eindruck machen würden. Auch glaubte ich durch ihn Engl. schriften zu bekommen

An G. W. Randall haben sie mir keine karte gesendet. Ich habe noch nicht an ihn geschrieben, werde es aber thun.

Wegen materialien über boden-verhältnisse bin ich in großer verlegenheit. Wenn ich zeit hätte, mich ein paar tage nur auf der Astor bibliothek um zu sehen, so fände ich vielleicht etwas. In den papieren des kongressses in Washington muß viel stecken; ich werde, nach vielen vergeblichen briefen, auch noch an S. Cary, M. C. für Cincinnati, gewählt auf die arbeiter-platform, schreiben, wahrscheinlich auch ohne erfolg. Sorgen sie dafür, bei Sylvis auf eine durchführung der arbeiter-statistik zu dringen. Freilich die am schauderhaftesten behandelten arbeiter, bilden keine vereine; thatsachen über frauen-schindung bringt bereits die Revolution und wird mit der zeit noch mehr bringen.

Liebknecht ist sehr vergnügt über den Nürnberger erfolg; seine thätigkeit sollte wol etwas vorsichtiger sein. Ich fürchte sehr für seine persönlichen verhältnisse; das opfer welches er bringt, ist groß und ich sehe wenig mitarbeiter, bei denen er sich in Deutschland rath holen könnte. Wenigstens läßt er sich von wenigen so viel sagen, als von Vogt, der ihn oft gewarnt und dadurch nützlich gewirkt hat

Ihr

Sgfd Meyer.
 

Zitiervorschlag

Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. New York, Freitag, 16. Oktober 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00798. Abgerufen am 20.10.2021.