| Hannover, 15. Octob. 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Daß Sie meine Mittheilungen entbehren ist rührend u. erfüllt mich mit Dankbarkeit für Ihre Freundschaft, deren ich mich kaum würdig fühle. Wenn Sie mir nun gar Elogen für das Wenige machen, welches ich für die Verbreitung Ihrer großen, weltbefreienden Arbeiten gethan, so beschämt mich das völlig. Es genügt mir vollkommen zu wissen, daß ich in Ihrem Sinne gehandelt u. Ihnen eine kleine Freude bereitet habe. – Wäre ich im Stande die Sorgen wegräumen zu können, welche Sie umdüstern, so würde das mein höchstes Glück sein, aber ich bin ja leider selber mitten im Kampfe um’s Dasein. –

Seit einiger Zeit bin ich sehr „auf dem Hunde“. – Wenn ich meine Praxis besorge so ist das Alles, im Übrigen fühle ich mich unlustig zu Allem u. unter dem Einfluße dieser hämorrhoidalen Stimmung mochte ich Ihnen nicht schreiben. Wollen Sie es nun aber so genau nicht nehmen, so sei es darum. –

Am 23. Aug. schickte ich auf einliegenden Brief an Kertbeny eine Copie der mir von Engels zugesandten Biographie. – Da dieselbe bis jetzt in der Gartenlaube nicht erschien, gewöhnliche Anpurrungen nichts zu helfen pflegen, so habe ich einen anderen Ausweg ersonnen. – Vor kurzem besuchte mich Gust. Meyer aus Bielefeld, dem Sie vorlängst eine Audienz bewilligten. – Dieser Herr ist mit dem Redacteur des „Daheim“, ein conservatives Concurrenzblatt der Gartenlaube, speziell bekannt, u. ich ersuchte ihn bei demselben anzufragen, ob er geneigt sei, eine Biographie von Ihnen mit Portrait, aber sofort, zu drucken. – Sobald ich hierauf eine bejahende Antwort habe, werde | ich Kertbeny davon in Kenntnis setzen u. ihn um Rücksendung des Manuscripts ersuchen, falls Keil dasselbe nicht unverzüglich drucken will. – Wünscht Engels, für den Fall des „Daheim“ dann noch vielleicht einige Änderungen, zB. einige Puckelterzen für Herrn Vogt beizufügen, so bitte ich um Nachricht. –

Neulich sagte mir Hauptmann v. Böltzig, den ich bisweilen mit Ihren Ideen zu inficiren versuche, er habe hier den Geh. Rath Hansen, Prof. der Nat. Oeconomie aus Berlin (früher in Göttingen) gesprochen, der seinen Schwiegersohn, welcher hier Officier ist besuchte. – Böltzig brachte das Gespräch auf Sie u. Hansen erklärte Ihr Buch für die bedeutendste Erscheinung dieses Jahr100s. Er fragte Böltzig ob Sie vielleicht geneigt wären, eine Professur anzunehmen, es kämen öfters Anfragen an ihn, er würde Sie gern empfehlen. Sagen Sie mir, wie Sie darüber denken, ich werde dann, ohne Sie zu compromittiren, die nöthigen Andeutungen geben. –

Im vorigen Monat war ich in Dresden zur Naturforscherversammlung. – Auch dort versäumte ich nicht, bei jeder passenden Gelegenheitt Ihren Namen zur Geltung zu bringen, sei es bei Besprechung politischer Fragen, bei der genetischen Betrachtung namentlich der großen chronischen Krankheiten (Tuberculose, Scrofulose, Anaemie, Haemorrhoïden, Leberkrankheiten, Psychosen), die in ihrer gegenwärtigen Form, die sociale Basis nicht verkennen lassen; sei es bei der „öffentlichen Gesundheitspflege“. – Ihre Forschungen, die den Collegen wenig bekannt waren, empfahl ich als Quellenstudium für Public health pp u. Ihre Kritik als unentbehrlich für weitere Maaßregeln. –

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie darauf aufmerksam | machen, wie sehr Ihr Buch an allgemeiner Brauchbarkeit u. dadurch auch an allgemeiner Verbreitung durch ein ganz detaillirtes Sachregister, welches das rasche Nachschlagen in jedem einzelnen Falle ermöglicht, gewinnen würde. – Das höchst mühsame der Anfertigung eines solchen Registers verkenne ich nicht, ich glaube aber bestimmt, der Erfolg wird die Mühe lohnen u. dem Werke so rasch ein weit ausgedehnterer Wirkungskreis gewonnen werden. – Bitte, sagen Sie mir doch auch hierüber Ihre Ansicht. –

Gust. Meyer theilte mir mit, daß Ihr Vorschlag den intellectuellen Unterricht mit materiellem zu verbinden bereits auf dem Wege der Erfüllung begriffen sei. – In Bielefeld u. ich glaube auch anderswo in Preußen, wird die Idee der „Gewerbeschulen“ ventilirt, in denen eben diese Unterrichtsmethode beabsichtigt wird. – Es freut mich, daß Sie diesen Gust. Meyer freundlich aufgenommen haben, er ist ganz voll von Ihnen u. unter Ihrer Fahne, u. unter stetem Hinweis auf Ihre Arbeiten hat er wiederholt die Bielefelder Kaufmannschaft in starres Schweigen versetzt. Die Bielefelder Handelskammer verballhornisirte ein, von ihm angefertigtes Referat über die dortigen industriellen Verhältnisse, er reichte der Regierung ein anderes direct ein, was zur Folge hatte, daß man einen Regierungscommissar direct an Meyer zur genaueren Information u. nicht an die Handelskammer schickte. –

Auf der Reise nach Dresden brachte ich auch einige Stunden in Leipzig mit Schweichel u. Liebknecht zu. – Letzterer ist noch immer in seinem incarnirten Preußenhaß verfahren u. der Mangel des Studiums Ihrer Werke fiel mir sehr auf. Da die politischen Bestrebungen doch, wenn vernünftig, nichts weiter sein dürfen, als die Realisirung der äußeren Bedingungen, | in möglichst umfassender Ausdehnung, für das jeweilige oeconomische Entwicklungsstadium, so scheint ein Politiker ohne klare öconomische Begriffe, wie ein unwissenschaftlicher, symptomatisirender Arzt gegenüber einem wissenschaftlichen, der, bei exacter Diagnose, das Übel an der Wurzel faßt u. sich den Teufel um Symptome kümmert, die, wie alarmirend auch immer in der Erscheinung, mit Beseitigung des Grundleidens von selbst schwinden. – Liebkn. kennt Ihre Schreibweise so wenig, daß er mich für den Verfasser des „Plagiarismus“ in der „Zukunft“ hielt. Ich klärte ihn über seinen Irrthum nicht auf, weil ich vermuthe, daß es Ihnen so lieber sei. – Schweichel erfreute ich durch das Versprechen Ihrer Photogr. – Einlage von Liebkn. bezieht sich wohl auf das Ihnen Zugesandte dessen Ingnorirung Sie wünschen. Ich konnte auf der Börse hier nicht nachsehen, weil die betr. Vierteljahrschr. beim Buchbinder, wird aber nicht vergessen.

Daß Rußland Ihnen die ersten Lorbeeren windet ist famos. Vivant sequentes! In Rußland wird durch Verbreitung Ihres Buches nicht so viel gewagt wie in England oder Frankreich. – Trotzdem Ihre Charakterisirung der gebildeten Rußen gewiß richtig, ist es doch von Bedeutung, wenn sie Ihr Buch studiren. – Semper aliquid haeret!

Wie steht es denn mit dem Debit von Bd I u. wie weit sind Sie mit Bd II? Ich habe, u. gewiß noch manche außer mir noch genug an Bd. I zu oxen, aber mit den 2. Bde hoffe ich Sie wieder für einige Wochen in den nördlichen Flügel einziehen zu sehen. – Es freut mich unendlich Sie jetzt wohl zu wissen. Wie ist Ihren Damen der Aufenthalt an der See bekommen? Ist Lafargue schon nach Paris überge- | siedelt u. wie geht’s ihm u. der Frau Gemahlin, Señora Laura?

In einem früheren Briefe stellten Sie mir Mittheilungen über Vorkommniße mit der French branch in Aussicht. Die Propaganda der Intern. assoc. in Deutschl. ist colossal. Alle momentanen Dummheiten schaden nichts, wenn die Fragen nur stets u. rücksichtslos discutirt werden; daß die Intern. assoc. aber augenblicklich in England so große Fortschritte macht, überrascht mich von Ihnen zu hören. – Mir schien das Interesse durch die gegenwärtigen polit. Fragen fast ganz absorbirt u. die Artikel in Liebkn.’s Blatt aus England (Eccarius?) sagen nichts von der Entwicklung der Assoc.

Ihnen, verehrter Freund, möchte ich aber dringend rathen Ihren großen Namen nicht in die kleinen Affairen, mögen sie von Liebkn. oder Schweizer ausgehen, zu compromittiren. Die Arbeiter mögen aus Ihren Lehren profitiren u. dazu müssen sie dieselben erst begreifen, was nicht so einfach ist als auf Ihren Namen zu schwören u. mit der Errichtung dieses neuen Cultus Ihnen auch die Verpflichtung aufzubürden, für alle etwaigen Dummheiten einzustehen. – Geben Sie Rath wo Sie nur können, aber halten Sie sich persönlich diesen embryonalen Bestrebungen fern. – Gut, daß Sie weder in Hamburg noch Nürnberg waren. – Welch’ eine Vorstellung mag sich nur Liebkn. von Ihnen machen, wenn er glaubt solche Ovationen, die doch nicht von klar bewußten Männern dargebracht werden, könnten Sie glücklich machen! Bis zur Vollendung Ihres großen Werkes möchte ich Sie persönlich außer den Parteikämpfen wissen, die neue persönliche | Feindschaften heraufbeschwören u. in jeder Beziehung Ihrem Einfluße nur hinderlich sein können. Den Herren „Führern“ ist es aber gewiß sehr angenehm, wenn Sie auch die Hausknechtsarbeit übernehmen. –

Die spanische Revolution ist sehr à propos u. Mr. Bonaparte ein gewaltiger Querstrich u. eine neue Mahnung an die Realisirung seines Namens. – Die Nationalwerkstätten in Madrid scheinen mir ein verdächtiges Manöver. – Wäre es nicht geeignet, daß der Generalrath der Intern. Assoc. eine Kundgebung an die spanischen Arbeiter erließe?

Büchner hat im vorigen Winter Vorlesungen gehalten die er drucken ließ. Er fragte mich, ob ich Ihnen etwas schicke, dann möchte ich dieselben beilegen, er wolle mir 1 Exempl. wieder schicken. Ich schrieb ihm, daß ich Ihnen kein Papp zu senden hätte u. ersuchte ihn um directe Zusendung. – Soll ich ihn daran erinnern? –

Mit tausend herzlichen Grüßen an Sie, lieber Freund u. die lieben Ihrigen von meiner Frau u. Fränzchen bitte ich dringend mich durch recht baldige Antwort zu beschämen. – Wie immer (mit Grüßen an Engels, den ich leider diesen Sommer nicht gesehen)

Ihr
treu ergebener
L. Kugelmann
Dr.
 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Donnerstag, 15. Oktober 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00796. Abgerufen am 20.10.2021.