| 1, Modena Villas, Maitland Park.

London, 12 Oct. 1868.

Mein lieber Freund,

Ihr hartnäckiges Stillschweigen ist mir völlig unbegreifbar. Habe ich Ihnen etwa durch meinen letzten Brief dazu Anlaß gegeben? Ich hoffe nicht. Jedenfalls wider Absicht. Ich brauche Ihnen nicht erst ausdrücklich zu erklären, Sie wissen, daß Sie mein intimster Freund in Deutschland sind, u. ich sehe nicht recht ein, wie man inter amicos, wegen irgend einer Kleinigkeit, sich wechselseitig so scharf auf die Finger sehn darf. Am wenigsten haben Sie mir gegenüber dieß Recht weil Sie wissen, wie sehr ich Ihnen verpflichtet bin. Sie haben mehr – von allem Persönlichen abgesehn – für mein Buch gethan als ganz Deutschland zusammengenommen.

Vielleicht aber schweigen Sie so energisch, um mir zu beweisen, daß Sie nicht sind, wie der Troß der s. g. Freunde, die schweigen, wenn die Dinge schlecht, u. sprechen, wenn sie gut gehn. Doch bedarf es keiner solchen Demonstration Ihrerseits.

Wenn ich vom „guten Stand der Dinge“ spreche, so geschieht es erstens mit Bezug auf die Propaganda, die mein Buch gemacht, u. die Anerkennung, die es seitens der | deutschen Arbeiter gefunden, since you wrote me last. Zweitens aber in Bezug auf die wundervollen Fortschritte, welche die Int. A. A., speziell auch in England, gemacht hat.

Vor einigen Tagen überraschte mich ein Petersburger Buchhändler mit der Nachricht, daß „das Kapital“ in russischer Uebersetzung sich jezt im Druck befindet. Er verlangte mein Photogramm dafür als Titelvignette, u. diese Kleinigkeit konnte ich „meinen guten Freunden“, den Russen, nicht abschlagen. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß die Russen, die ich seit 25 J. unausgesetzt, u. nicht nur deutsch, sondern französisch u. englisch bekämpft habe, immer meine „Gönner“ waren. 1843–44 in Paris trugen mich die dortigen russischen Aristokraten auf Händen. Meine Schrift gegen Proudhon (1847), ditto die bei Dunker (1859) haben nirgends grösseren Absatz gefunden als in Rußland. Und die erste fremde Nation, die „das Kapital“ übersetzt, ist die russische. Aber man muß das alles nicht hoch anschlagen. Die russische Aristokratie wird auf deutschen Universitäten u. zu Paris, in ihrer Jünglingszeit, erzogen. Sie hascht immer nach dem Extremsten, was der Westen liefert. Es ist reine Gourmandise, wie ein Theil der französischen Aristokratie sie während des 18. Jahrhunderts trieb. „Ce n’est pas pour les tailleurs et les bottiers“, | sagte Voltaire damals von seiner eignen Aufklärung. Dieß hindert dieselben Russen nicht, sobald sie in Staatsdienst getreten, Hallunken zu werden.

Ich habe viel „bother“ just now in Deutschland mit dem Krakehl der Führer, wie Sie aus den einliegenden Briefen, die Sie mir gefälligst zurücksenden, sehn werden. Auf der einen Seite Schweitzer, der mich zum Pabst in partibus infidelium ernennt, damit ich ihn zum Arbeiterkaiser in Deutschland ausrufe. Auf der andern Seite Liebknecht, der vergißt, daß Sch., in point of fact, ihn gezwungen hat sich zu erinnern, daß es eine von der kleinbürgerlich demokratischen verschiedne Proletariatsbewegung giebt.

Ich hoffe, daß Sie u. Familie sich wohlbefinden. Ich hoffe, daß ich bei Ihrer lieben Frau nicht in Ungnade gefallen bin. À Propos. Die Intern. Damenassociation, duce Frau Gögg (read Geck), hat eine Epistel an den Brüssler Kongreß geschickt, mit Anfrage, ob auch die Damen sich uns anschliessen können? Man hat natürlich höflich bejahend geantwortet. Sollten Sie also mit Ihrem Schweigen fortfahren, so werde ich Ihrer Frau Vollmacht als Correspondent des Generalraths schicken.

Ich habe, von wegen meiner Leber, viel v. der Hitze gelitten, bin aber jezt einstweilen gesund.

Salut

Ihr Karl Marx.

/ Pst. I. Die spanische Revolution kam wie ein deux ex machina, um den sonst unausbleiblichen u. disastrous pr. französ. Krieg zu verhindern.

Pst. II. Sie schrieben mir einmal, daß ich ein Buch v. Büchner erhalten soll. Wann u. wie? /

 

Zitiervorschlag

Karl Marx an Louis Kugelmann in Hannover. London, Montag, 12. Oktober 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00790. Abgerufen am 20.10.2021.