| Berlin, 2. October 1868.

Lieber Marx,

Ihr Brief vom 26. hat sich mit meinem vom 27. vorigen Monats gekreuzt.

Besten Dank für die Bestellung zum Bevollmächtigten des Generalraths. Dieselbe befindet sich nebst allen Ihren Briefen Ihrer vorsichtigen Warnung gemäß an einem dritten Ort.

Ich behalte mir sowohl Dankschreiben an den Generalrath, als auch an den Arbeiterbildungsverein vor: auch ich bin ( wegen großem Geschäftsdrang mit meiner Privatcorrespondenz im Rückstand.

Bin nämlich schon seit 8 Wochen wieder kaufmännisch engagirt, habe sehr viel zu thun und bin Abends in der Regel total abgespannt.

Adressiren Sie, wenn ich bitten darf, von jetzt an:

Herrn W. E.
per adr. Herren Haffer & Co.
Friedrich Str. 79.
Berlin,

da ich Londoner Briefe, die nach der Genthiner Str. 16. gerichtet sind, häufig erst nach Mitternacht, statt am Morgen vorher erhalte.

Was den Lassalleanismus betrifft, so wird Ihnen Liebknecht’s letztes und nächstes Wochenblatt schon unsere übereinstimmende Ansicht verrathen haben, die dahin geht, daß es im Parteiinteresse liegt, Herrn von Schweitzer zu bekämpfen. Oder aber man müßte Selbstverleugnung genug besitzen, sich die unverschämteste Arroganz gefallen zu lassen und sich zum Schuhputzer des Herrn von Schweitzer à la | Tölcke herzugeben. Sie haben keinen Begriff, mit was für Prätensionen Schweitzer auftritt. Ich habe es auf dem Congreß glücklich vermieden, mit ihm in Conversation zu gerathen, habe dagegen Fritzsche längere Zeit gesprochen und aus seinem eigenen Munde gehört, daß er in Parteisachen sich dem Schweitzer blind unterordnet. Ebenso ist der dritte Präsident der Schweitzer’schen „Arbeiterschaften“, Klein. der reine Statist, Drahtpuppe des Herrn von Schweitzer.

Wenn diesen dreien die „Arbeiterschaften“ gelingen, so ist nach meiner besten Überzeugung die Sache verloren, für jede einheitliche Bewegung verdorben.

Im Arbeitercongreß konnte ich nichts erwirken, da die Gäste von der Discussion durch Beschluß ausgeschlossen waren. Dagegen habe ich den Leipziger Taute & den Hildesheimer Dr. Kirchner nach Kräften zur Opposition zu animiren gesucht.

Und im Buchdruckergehilfen-Verein habe ich vergangenen Dienstag Vortrag über den Congreß gehalten, wo ich sowohl gegen Schweitzer als auch gegen Max Hirsch unter großem Beifall opponirt habe.

Es traf sich zufällig, daß im Lauf des Vortrags der Delegirte des Buchdrucker-Verbandes eintraf, der zur selben Zeit, wo ich den Arbeitern rieth, die Gewerb-Vereine selbst in die Hand zu nehmen, in Vauxhall im Auftrag seines Verbandes gegen die dort gefaßten Beschlüsse protestirt hatte.

Für nächsten Montag hatte ich im Krebs’schen Verein (an Becker in Genf habe ich seiner Zeit wegen Krebs | geschrieben,) ein Rencontre mit Max Hirsch vorbereitet, leider aber muß ich morgen Abend in Geschäften nach Dresden & Chemnitz, und werde wahrscheinlich erst Ende nächster Woche zurückkommen. Wäre diese Angelegenheit nicht zu wichtig, und ich, als des Englischen mächtig, nothwendig, so würde ich die Reise ausgeschlagen haben. (Es handelt sich um ein Meeting mit Engländern, welche die Concession zum Bau einer Eisenbahn von Chemnitz über Aue nach Adorf erhalten & gestern 1 Million Thaler bereits deponirt haben.)

Ich habe daher Krebs wissen lassen, daß ich am Montag über 8 Tage, nachdem ich als Mitglied in seinen Verein aufgenommen sein würde, den Antrag stellen würde,

der Verein erklärt seine Zustimmung zur Haltung der Nürnberger Majorität und seinen Anschluß an die Bestrebungen der internationalen

& hoffe, daß der Verein sich in der nächsten Sitzung mit dem Arbeitercongreß beschäftigen wird.

Sollte wider Erwarten der Nürnberger Vereinstag doch debattirt werden & Hirsch die Majorität erhalten, so gründe ich mit einigen Arbeitern der Minorität einen Socialreform-Verein oder so etwas Ähnliches.

Noch eine Frage. Ich habe den Buchdruckern 3 Vorträge zugesagt über die Arbeiterbewegung der Gegenwart, ihre Ursachen (historisch), Mittel (Association) & Ziele (Emancipation).

Zweck der Vorträge ist, den Arbeitern klar zu machen, daß die social-demokratische Bewegung nach der gewaltsamen Unterdrückung von 1849 & 1850 mit um so größerer Kraft & Energie wieder aufleben, sich naturgemäß, ohne jede künstliche Agitation à la Lassalle, ganz von selbst Bahn brechen | mußte, daß die Bewegung durch Ihr „Capital“ eine wissenschaftliche Grundlage gewonnen, durch die ökonomischen Mißstände Reife erlangt und durch die politische Zerfahrenheit der Parteien zum Ausbruch gelangt sei.

Ich will bei dieser Gelegenheit Ihr Capital analysiren, und Max Hirsch etc. provociren, statt gegen Communisten loszuziehen, Ihre Hauptthesen zu widerlegen.

Die Frage nun, um deren Beantwortung ich Sie bitte: können Sie mir Material zum Studium empfehlen, außer folgenden Büchern, aus denen ich bisher mich informirt habe:

Siegmund Engländer, Geschichte der Arbeiterassociationen in Frankreich;

Stieber-Wermuth kommunistische Verschwörungen

Lassalles diverse Schriften und

den Vorboten.

Ich hätte Lust, diese Vorträge stenographiren zu lassen und zu veröffentlichen, wenn sie einigermaßen danach ausfallen.

Ebenso meinen neulichen Vortrag im Buchdruckerverein über den Arbeitercongreß, und den nächsten gegen Max Hirsch über den Nürnberger Congreß.

Solche kleine Schriften, Stück für Stück à 1 Gr., wirken mehr als Zeitungsartikel, namentlich wenn sie schonungslos Kritik üben und nach jeder Richtung hin Hiebe austheilen.

Der Vortrag gegen Max Hirsch würde gegen den „Genossenschaftsschwindel“ der Führer der Genossenschaften, aber nicht gegen die harmlosen Genossenschaften selbst gerichtet sein. Freundschaftlichen Gruß

Ihr
W. Eichhoff.

P. S. Entschuldigen Sie beim Arbeiterbildungs-Verein die Verzögerung meines Dankschreibens!

 

Zitiervorschlag

Wilhelm Eichhoff an Karl Marx in London. Berlin, Freitag, 2. Oktober 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00775. Abgerufen am 20.10.2021.