| St. Petersburg d 12/24 Septbr 1868.

Hochverehrter Meister und Freund!

Sie werden, hoffe ich, es nicht unfreundlich aufnehmen, wenn ich Ihnen beiliegend mittelst einer Probe von der Arbeit Mittheilung mache, welche mich seit längerer Zeit beschäftigt hat. Ich kann dem Wunsch nicht widerstehn darüber Ihr Urtheil zu hören und bitte, wenn auch nur mit ein paar Zeilen, mir aufrichtig zu sagen, ob nach Ihrem Dafürhalten die Arbeit der subjektiven Arbeit werth ist, welche ich daran verwende.

Sie werden es diesen wenigen Bogen ansehen, daß ich nichts weiter will und kann, als die abstrakte, generelle Form des Denkvermögens erläutern. Die Schrift dreht sich um den Satz: Wissen, begreifen, denken heißt, an einem sinnlich gegebenen, manichfaltigen Material, das Abstrakte, Generelle od. Allgemeine gewahr werden.

Nun will es mir oft dünken, als sei diese Wahrheit schon so vielfältig erkannt, daß es nicht mehr der Mühe lohne, darüber zu schreiben. Wenn mir dann aber die Werke unser naturforschenden und philosophischen Gelehrten zu Händen kommen, finde ich darin eine so manigfache Verkennung dieser bekannten Wahrheit, daß ich daraus klar erkenne, wie überall noch und durchaus die theoretische Einsicht in ihre allgemeine Gültigkeit fehlt. Man praktizirt das Denken, wie die Bauern den Akerbau – ohne Theorie. Die Wissenschaften gerathen, wie die Kartoffel.

Anderseits stört mich wieder das Bewußtsein meines großen Mangels an Kenntnissen. Wie darfst du, sage ich mir, über die Gegenstände der Kritik der reinen Vernunft, der Wissenschaftslehre, der Logik aburtheilen, da du das, was die berühmtesten Männer | davon lehren nicht einmal gründlich studirt und verstanden hast. Darauf erwidere ich mir dann, daß der gehaltvolle Saame dieser Werke doch wohl längst Früchte getragen; daß er, wie die Vergangenheit überhaupt, dem Wesen nach in der Gegenwart enthalten sei. Und da ich nun von Kleinem an immer emsig daran gewesen bin, in allem Zugänglichen nach Aufschluß über mein Thema zu suchen, darf ich nicht zweifeln, daß, wenn nicht der Form, so doch der Sache nach, alles zu meiner Kenntniß gebracht ist, was Aristoteles, Kant, Fichte, Hegel u.s.w. über diesen Punkt gewusst haben. Ich gestehe es gern, ich habe mir nie die Zeit nehmen mögen, diese Werke gründlich zu studiren und bin vermessen genug, mir das sogar, wie die Kaufleute sagen, „gut schreiben“ zu wollen, weil ich dadurch von allen Nebensachen und besonders von allen Schuldogmen freier und für meinen Zweck offener geblieben bin. Ich dächte, ebensowohl, wie ich ein tüchtiger Gerber sein, in diesem Fach auf der Höhe meiner Zeit stehen und die Prinzipien, also die Wissenschaft desselben weiter bringen kann, ohne die Geschichte der Gerberei studirt zu haben, ebensowohl könne ich ein produktiver Philosoph sein, ohne die Geschichte der Philosophie zu kennen. Mein Objekt, das Denken, liegt ja doch dem Leben so nah, daß ich, um es kennen zu lernen, nicht nöthig habe in die dunkeln Tiefen der scholastischen Wissenschaft hinabzusteigen.

Das ungefähr wäre der Inhalt meiner Vorrede. Nun bitte dringlichst um Ihren freundlichen Rath. Soll ich fortarbeiten und die Sache veröffentlichen? Ich möchte dazu den Titel wählen: „Das menschliche Denkvermögen oder Zusammenhang zwischen Logik, Physik u. Ethik. Grundriß zu einer abermaligen Kritik der reinen und praktischen Vernunft, von einem autodidaktischen Philosophen.“

„I Die Einleitung“, enthält eine Betrachtung der spekulativen Philosophie. Ihr Zweck ist derselbe, wie der Zweck der Naturwissenschaft, oder vielmehr der Wissenschaft überhaupt: eine systematische Weltanschauung. Doch ist sie nicht charakterisirt durch ihren Zweck, sondern | durch ihre Methode: die spekulative Erkenntniß sucht die Wahrheit ohne Sinnlichkeit, rein aus dem Kopf. Ihre Auflösung besteht in der induktiven Erkenntniß, daß zum Denken, wissen, erkennen, ein sinnliches Objekt gehört. Diese einfache Thatsache, welche von der modernen Wissenschaft emsig gehandhabt, praktizirt ist, wird theoretisch noch durchaus verkannt.

Dann folgt
II Die reine Vernunft oder das Denkvermögen im allgemeinen.

III Vom Wesen der Dinge.

IV Die Praxis der Vernunft in der physischen Wissenschaft.

a. Ursache u. Wirkung. b. Geist u. Materie. c. Kraft u. Stoff.

V Praktische Vernunft oder Ethik.

a, das Weise, Vernünftige. b, das Rechte, Sittliche.

Das Ganze würde vielleicht 25 solcher geschriebenen Bogen umfassen, wie beiliegende.

Wie ergeht es Ihnen mit Ihrer Gesundheit und der Arbeit an Ihrem Werke? Wird unsere Erwartung auf den zweiten Band bald befriedigt werden? Wie sehr ich mich danach sehne, können Sie gar nicht glauben. Daß man diese wissenschaftlichen Schätze noch so wenig zu würdigen weiß, darf Sie gar nicht kränken. Die Welt war und ist immer noch ein verstockter Pöbel, und gerade die tonangebende Welt ist zufolge ihrer Denkart der pöbelhafteste Theil. Da ist gar kein Sinn für Wahrheit. Die Wissenschaft wird viel weniger gepflegt, als die Heuchelei der Wissenschaft. Ohne eine gründliche sociale Revolution wird die Welt weder wahr noch sittlich. – Von Berlin aus hat man mir eine Brochure „Der internationale Arbeiterverein“, zugeschickt. Ich vermuthe auf Ihre Anregung hin, und danke bestens. Es freut mich sehr, daß ich die Bewegung mehr und mehr Wurzel fassen sehe. Ich lebe hier so sehr außerhalb der Civilisation, | daß nur selten ein Ton zu mir dringen kann. Dafür um so aufmerksamer lauscht dann das Ohr, und um so erquiklicher ist die gute Nachricht, welche ankommt. Doch ich bin es müde hier. In wenigen Wochen werde ich Petersburg definitiv mit meiner Heimath verwechseln. Ich gehe von hier nach Siegburg b. Cöln a/Rh., um mich dort als kleiner Meister zu etabliren. Dorthin erbitte ich mir dann auch Ihre gefällige Antwort. – Schon in wenigen Tagen werde ich mit Familie von hier aufbrechen. Ich freue mich sehr auf die heimathliche Luft. Wenn auch der Erwerb dort kärglicher ist, man lebt doch froher. Hoffentlich werde ich von dort aus bald einmal eine Reise nach London unternehmen können und dann das Vergnügen haben Sie, verehrter Meister, besuchen zu dürfen und persönlich kennen zu lernen.

Schließlich bitte ich Sie nochmals, sich von der kalten Aufnahme Ihres erhabenen Werkes doch nur keinen Augenblick wankend machen zu lassen. Gestatten Sie mir, Sie zum Fleiße in der Erfüllung Ihrer Aufgabe auffordern zu dürfen: es ist Niemand da, der Ihnen dieselbe vor- oder nachthun könnte. Und das Werk wird seine Früchte tragen. Unwiderstehlich ist die Macht der Wissenschaft. Schon in der kurzen Spanne Zeit, die ich übersehe, haben Ihre Gedanken Unermessliches gewirkt. Die Wellenkreise welche davon ausgehen, werden täglich sichtbarer, größer und ihre Wogenmacht fürchterlicher. Und die Zeit hilft ja auch. Schon thürmen sich die Wolken und in weiter Ferne grollen die Donner, auch hin und wieder ein Blitz. Das Wetter kommt. Die natürlichen Gewitter sind erhaben, aber was reicht an die Erhabenheit wenn die Weltgeschichte wettert!

Mit vielen herzlichen Grüßen

Jos. Dietzgen.

Das Manuscript bitte mir zurückzulegen. Ich besitze davon Abschrift.

 

Zitiervorschlag

Joseph Dietzgen an Karl Marx in London. Sankt Petersburg, Donnerstag, 24. September 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00759. Abgerufen am 21.10.2021.