| Hoboken N. J. Box 101 31 juli 69

Lieber freund!

ihr lang ersehnter brief brachte mir eine unangenehme überraschung, die vollmacht für Sorge. Ich wenigstens hatte nur an oberflächliche empfehlungsschreiben für Chicago gedacht; J. Phil. Becker hat wol auch sein theil zu diesem schritt des generalrats gethan. S. ist noch der alte in jeder beziehung; der kom-klub in N-Y besteht mehr als 10 jahre und enthielt (wie der name nicht verheimlicht) spießbürger oder gar noch schlimmere leutchen. Ich höre jetzt die toten (Fritz Jacobi, Kamm) sehr rühmen glaube aber nicht mehr. Statt irgend etwas in dieser zeit zu thun, haben sie überall mißtrauen hervorgerufen und uns (ich meine vorläufig Aug. Vogt und mich) die wirksamkeit erschwert. S. liegt die atheistische agitation sehr in den gliedern, er ist präsident der freien gemeinde in Hoboken und seit einigen monaten auch einer Amerikanischen geheimen Loge von ungläubigen Secularisten: – Deshalb ist von einem misbrauch der vollmacht kaum die rede, er wird und kann gar nichts thun; aber ich bedauere lebhaft, daß seine eitelkeit dieses schriftstück ausbeuten kann. Was Becker im Vorboten über eine erklärung der Socialen Partei zu gunsten der I. A. A. schreibt, beruht nicht auf strenger wahrheit; eine adreße nach Genf ist abgeschikt, auch geld gesammelt; aber für die I. A. A hatte sich nur der kom-klub erklärt, der sehr sanft schläft. Die Sociale Partei (jetzt etwa den Lassalliten in Deutschland vergleichbar) wird bald sterben; das treibende motiv der meisten ist weniger gewinnsucht, als eitelkeit; ausnahmen bilden Conrad Carl aus Nürnberg schneider und Ad. S. Wydler aus der Schweiz, kaufmann; lezterer ist soeben in die nähe von Baltimore Md gegangen. Vogt hat schon vor 4 monaten sehr klar gesehen, aber in seiner griesgrämigkeit (die schlechten zeiten treffen ihn sehr hart) mich im klareren sehen zu unterstützen versäumt. Er hat mit S offen gebrochen, ich wohne noch bei ihm und werde auch äußerlich freundschaftlich mit ihm zu verkehren fortfahren; unsere differenzen sind in der Socialen Partei sehr oft zu tage getreten und er ist höchst erbittert auf mich, freilich ohne es offen zu zeigen. Sein einfluß in N-Y ist noch zu mächtig, als daß es gerathen wäre, ihm offnen krieg zu erklären; doch wird er bewacht. Der arbeiterkongreß 21 sept in N-Y, an welchem er theil nehmen sollte, kann aber wol nur von der Soc Part beschickt werden, wenn sie zu der National Labor Union zugelassen ist; ich glaube nicht, daß er schon schritte gethan hat und hüte mich ihn zu erinnern. Ich werde Jessup selbständig aufsuchen; ich denke, im Englischen jetzt weit genug zu sein. – Schreiben sie nur unbesorgt unter der alten adresse; auch, wenn ich fortzöge, würden die briefe sicher ankommen. – V. W. Weber ist wieder sehr lebendig, spionirt überall, correspondirt fleißig nach Deutschland, schimpft überall auf Karl Marx und Liebknecht, und geht jetzt munter mit der Republ. oder bondholder-partei, von welcher er wein-bestellungen oder gar ein ämtchen erwartet. Er ist jetzt eng verbunden mit einem gewissen Lucker (präsident des Schneider-Vereins und vice-präsident der Workingsmen Assembly (Jessup 1st präsident) dieser war auch der Soc Part bei – ist nun aber wieder mit glanz aus getreten. – Froschmäuslerkrieg! – Der boden in N-Y ist sehr ungünstig; corruption unter den Deutschen ganz unglaublich! die kapital-sklaverei auch im äußern benehmen der freien Amerikaner ganz unverkennbar; die arbeits-zustände viel gräulicher, als sie sie in Engl schildern. Schneider u schuster besonders tief gesunken; jedes vertrauen auf besserung der zustände verschwunden, weil das allgemeine vorurteil eine revolution in Amerika für unmöglich hält und betrüger an allen ecken und enden auftauchen. Schon um die corruption fort zu fegen, wird hier eine revolution nötig sein, welche vielleicht der kapitalmacht noch zu gute kommt. – Ich bedauere, so wenig gelegenheit zu haben, mich im lande, besonders im Westen um zu sehen; von individuellem eigentum eines selbst wirtschaftenden bauern kann kaum mehr die rede sein; die leute welche eine leidliche scholle landes erhalten wollen, müssen sie von agenten der eisenbahn-kompagnien erstehen. Vielleicht verschaft mir Wydler eine bergmann stellung in der nähe von Baltimore, so daß ich selbst gelegenheit habe, in das innere getriebe der ackerbau-zustände einen blik zu werfen. Das kapital arbeitet hier in bezug auf zwischen und kleinhandel z.b. in der unerbittlichsten, rücksichtslosesten art; massenhafte vernichtung der lebens | mittel, um die preise zu halten, ist ganz gewöhnlich. Jede kirche veranstaltet jährlich eine „fair“, worin allerlei gegenstände verkauft werden. Jährlicher reingewinn mehrere 1000 dollars, vielleicht weniger als die hälfte des ganzen umsatzes. Woher? Dennoch cooperative-stores (consum-vereine) bisher hier noch ohne erfolge, trotzdem alle zeitungen besonders Tribune, darauf herum reiten. – Selbst in der National Labor Union müssen die schufte die leitung in händen haben; ich hoffe wenig von dem arbeiter congreß in bezug auf die kandidaten-aufstellung. Sam. F. Cary (congreßman von Ohio, gewählt auf die arbeiter platform) hörte ich am 3ten juli; windmacher, ohne alle kenntnisse, aber bejubelt und als künftiger Präsident sich gebahrend. – Die Deutschen Trades-Unions viel schlechter, als die Englischen, in welchen die Irländer, trotz ihrer theilweise unangenehmen eigenschaften, sich durch klassen-bewußtsein und eine gewisse humanität auszeichnen. Der Deutsche will nicht proletarier sein, glaubt nicht an besserung und lebt dumpf dahin, entweder nach oben d. h. nach den fleischtöpfen sehnsüchtig blickend und durch verrath sie manchmal erreichend oder sich geduldig der sklaverei fügend und dabei gegen die herren meister kriechend und wedelnd, um mit der zeit einen dollar in der woche mehr zu erhalten. – Die „Arbeiter-Union“ das neue blatt behagt einigen arbeitern ganz gut – das ist genug! –

Von Liebknechts verbindungen mit N.-Y. schrieb ich meines wissens nichts, ich meinte die personen von denen der correspondent aus London für das Demokr Wochenbl die nachrichten über die V. St. erhalten hat.

Besten dank für ihre nachrichten über die beurteilungen des werkes. Vergessen sie nicht mir gelegentlich zu schreiben, wenn es in den Hildebrandtschen jahrbüchern beurtheilt ist. Die abhandlungen von Rodbertus über Römische agrar-verhältnisse möchte ich auch gern in der fortsetzung lesen. – Dührings schmierbücher kenne ich von Berlin her; in einem briefe vom 4 october 65 schreibt er mir in erwiderung auf eine interpellation „Wenn ich überhaupt hätte auf mehr persönlichkeiten eingehen wollen, so hätte ich doch wol noch eher in Frankreich die namen derjenigen suchen müssen, welche als eine geistvolle und gesundere vertretungen der socialen bestrebungen gelten können. Louis Blank ist meiner ansicht nach wichtiger, als Rodbertus und Marx, für die sie sogar originalität in anspruch nehmen. Außerdem bringt es mein philosophischer standpunkt mit sich, die erzeugnisse der modernen sophistik oder sogenannten dialektik schon um ihres mangels an wissenschaftlichem gehalt, an solidität und ehrlichkeit willen zurük zu weisen“. – Natürlich hatte der schreibe-bengel noch niemals etwas von Rodb u Marx gelesen. – Um antibürgerliches werde ich mir mühe geben; vorläufig einmal an Dana und Pillsbury (von der Revolution) schreiben. Viel wird kaum erschienen sein und wol mehr raisonnement als thatsache. Hier gedeiht nichts, was nur entfernt mit wissenschaft zu thun hat und ich sehe kaum ein wie durch angriffe gegen Carey geld zu machen gewesen wäre. Im Süden ist vielleicht (!) etwas geschehen, freilich dort das material gefehlt hat.

Was ich speziell für unsere aufgabe halte, ist eine enge verbindung mit einflußreichen leuten der National Labor Union; ich denke, im winter eine trade-union unter den deutschen lehrern zusammen zu bringen; wenn auch nur zu dem zwek, in das getriebe besseren einblik zu erhalten. Vielleicht gelingt es uns auch, mit einem selbstständigen verein, der natürlich der I. A. A. sogleich beitreten würde (Sorge möglichst aus dem spiel zu lassen, werde ich bestrebt sein) in die Nat. Lab. Union aufgenommen zu werden. Carl wird in einem sich bildenden verein der für große geschäfte arbeitenden schneider nach kräften arbeiten; so werden wir gewiß vorwärts kommen, wenn auch sehr langsam. – Dann wird es die nächste aufgabe sein, auf die anfänge einer statistik unter den vereinen hin zu arbeiten. – Für höchst bedeutend in bezug auf proletarische bewegung halte ich die farbigen, welche jetzt schon zum theil den Republikanern den rücken kehren, weil sie die ausbeutung durch das kapital klar einsehen. Die üblen gewohnheiten der kriechenden höflichkeit werden sie ablegen, sobald arbeiter anfangen werden, mit ihnen sich eins zu fühlen. Welche aufgabe für deutsche arbeiter! und gerade diese buchstabiren der regel nach mit gg.

Ihr Sgfrd Meyer.
 

Zitiervorschlag

Sigfrid Meyer an Karl Marx in London. Hoboken, Freitag, 31. Juli 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00703. Abgerufen am 20.10.2021.