| Wladimir-Lederfabrik, St. Petersburg 20. Mai 1868.

Hochverehrter Freund,

Es freut mich unendlich daß Ihr lieber Brief vom 9t Mai und Ihr Beispiel mir die Erlaubniß gibt, Sie so nennen zu dürfen. Man verehrt wohl Manchen in der Adresse. Sie aber bitte ich um die Erlaubniß Ihnen sagen zu dürfen und es für mehr als eine artige Redensart gelten zu lassen, daß ich das Ideal eines eminenten Denkers, eines unerreichten Stylisten, eines wahrhaftigen, furchtlosen Charakters und eines thatkräftigen Mannes in Ihnen verehre.

Wie sollte nun das freundliche Entgegenkommen eines so hochgeschätzten Meisters nicht den Schüler erfreuen? Ich verdanke Ihnen das Verständniß für die geschichtliche Bewegung der Menschheit, ein Schatz, der mich über sehr viele Widerwärtigkeiten des Lebens und über alle Erbärmlichkeiten meiner Zeit und meiner Umgebung emporhebt. Noch mehr! Indem Sie mir einen Einblick in das allgemeine Wesen der bürgerlichen Oekonomie eröffneten, befähigten Sie mich gleichzeitig meinen Privat-Standpunkt innerhalb dieser Gesellschaft mit Bewusstsein zu besetzen. Diesem Bewusstsein verdanke ich zu einem großen Theile den guten Erfolg, dessen ich bisher mich in diesem unvermeidlichen bürgerlichen Leben rühmen durfte.

Ihren Vorschlag eine Empfehlung Ihres letzten Werkes zu verfassen, bin ich wohl in der Lage anzunehmen. Meine Stellung ist durchaus independent und darf ich nicht scheuen, mit meinem Namen zu unterzeichnen. Wohl vermag Armuth zu demüthigen, doch bedürfte es viel davon, bevor ich so demüthig werden könnte, mir die Freiheit der Gedankenäußerung zu beschränken. „Rücksichtslosigkeit“ ist ein Wort, das – entschuldigen Sie die romantische Wendung – ich mir als Devise erwählte. Aus Ihren Schriften spricht dieselbe in einer Art, welche ich von jeher bewunderte und nacheiferte. Im Denken und bei wesentlichen Anlässen auch im Leben thue ich mir genug darin. Aber im allgemeinen Verkehr besitze ich zunächst das gerade Gegentheil, eine | große Geschmeidigkeit und Nachgiebigkeit des Charakters. Es ist eine solche Eigenschaft eine Sache, welche, wie alle Dinge, manichfaltig erscheint: bald als Laster, bald als Tugend, bald als Mangel, bald als Talent. So glaube ich das Talent zu besitzen, meine extreme, rücksichtslose Denkungsweise bei Personen und Verhältnissen insinuiren zu können, wo dergleichen sonst durchaus verpönt und unzulässig ist. D. h. ich schmeichle mir zur Popularisirung der von Ihnen zu Tage geförderten wissenschaftlichen Schätze beitragen zu können. Mit dem Versuch habe ich bereits begonnen.

Gleichzeitig mit diesem sende ich Ihnen unter Kreuzband einige kleine Artikel von mir, welche von dem Organ eines hiesigen Handwerker-Vereins aufgenommen sind. Letzterer ist von der russischen Regierung unter die ehrwürdige Obhut der evangelischen Pastores gestellt, und von dieser Diktatur so bedrückt, daß er fortwährend nach Luft schnappt. So war es mir hier nicht vergönnt, das zu sagen, was ich eigentlich auf dem Herzen hatte. Die Matadores sind enragirte Troßleute von Schulze-Delitzsch. So schrieb ich denn in der Hoffnung allmählich die widerstrebenden Antipathien durch die Macht der Wahrheit soweit besiegen zu können; schließlich die Sache nakter und unverhüllter darstellen zu dürfen. Auch habe ich mir noch ein anderes Terrain erschlossen. Die „Gerber-Zeitung“ in Berlin, der ich öfter Fach-Beiträge lieferte, hat mir versprochen einen Cyklus von „Skizzen aus dem Gebiete der politischen Oekonomie“ aufzunehmen. Einige sind bereits geschrieben und in Händen der Redaktion. Ich beabsichtige damit die Resultate Ihrer Forschungen dem Verständniß der deutschen Gerber mundgerecht zu machen, und am Schlusse, in einem besonderen Artikel auf Ihr Werk zu verweisen, dem der Inhalt dieser Skizzen entnommen sei. Ich gebrauche die Taktik dem Vorurtheil der Menschen scheinbar Konzession zu machen, nur damit man mich näher heranlässt und also der Angriff wirksamer wird. Jedoch fehlt es mir auch nicht an Muth, wo es der Zweck erfordern kann, meine Ueberzeugung aufs entschiedenste mit Wort und That und Namen zu vertreten. Die Frage unserer herrschenden Klassen ist, not to be, but to seem. Ich hasse dies scheinheilige, hohle, windbeutelige Wesen aus dem Grunde meiner Seele, mache ihm im Großen u. Kleinen, im Thun und Denken Opposition. Doch habe ich deshalb die Liebe nicht verloren, ich suche auch am Akord. Und gerade das denke ich, und Sie werden beistimmen, ist das Beste unserer gemeinschaftlichen | Anschauungsweise, daß sie lehrt, alles was da ist, als nothwendiges Glied des Ganzen zu verstehen, daß sie uns versöhnt mit der einzelnen Mangelhaftigkeit durch das Bewusstsein, das Vollkommene im Ganzen zu besitzen. Das Wesen der Dinge besteht aus der Summe ihrer Scheinbarkeiten, das Absolute ist aus Relativem zusammengesetzt u.s.w.

Ich freue mich Ihrer Erlaubniß, Ihnen von meinem philosophischen Gedankenspänen mehr mittheilen zu dürfen, und gedenke bald einen weiteren Gebrauch davon zu machen. In meinen freien Stunden beschäftigt mich nunmehr die Darstellung, daß die Erkenntniß des menschlichen Denkvermögens, die Erkenntniß, daß Denken im allgemeinen darin besteht, aus sinnlich Gegebenem, aus Besonderm das Allgemeine zu entwickeln – daß diese Wissenschaft die Quelle der von der spekulativen Philosophie solange erfolglos erstrebten systematischen Weltanschauung enthält. Die Spekulation unterscheidet sich von andern Wissenschaften, von der Naturwissenschaft eben durch das Mißverständniß dieser Thatsache, des Denkprozesses. Sie glaubte ohne besonderes Material, ohne Sinnlichkeit, ohne Erscheinung Wahrheit, Absolutes finden zu können. Die Naturwissenschaft sucht die Wahrheit am Objekt, die spek. Philosophie in sich, im Denkvermögen. Das Denkvermögen war das wirkliche, aber unbewusste Objekt der Philosophie. Alle andern Wissenschaften unterscheiden sich durch ihre Objekte, die Philosophie durch ihre objektlose Methode. Sie hat diese Methode bis zu einem Exzeß kultivirt, wo es offenbar wurde, daß das Organ womit alle Wissenschaften gemeinschaftlich arbeiten, das heimliche Objekt dieser Methode war. Daraus folgte das Resultat: irgend ein Objekt, Sinnlichkeit ist Voraussetzung des Denkens, Erscheinung Voraussetzung der Wahrheit, das Wesen einer Sache, das wahre Recht, das wahre Gut, die wahre Schönheit, kann nur in der Erscheinung, nur in seinem Gegensatz, nur im Besonderen wirklich sein. Der gesunde Menschenverstand und die Naturwissenschaft haben diese Lehre immer praktizirt, aber nicht gewusst und praktiziren deshalb nebenbei auch spekulativ. Der Naturwissenschaft ergeht es, wie Liebig von den Bauern sagt: Die Kartoffel gerathen ihnen, aber sie pflanzen nicht wissenschaftlich, nicht mit Vorausbestimmung des Erfolgs.

Entschuldigen Sie, daß ich so schwatzhaft bin. Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen bald ein kleines Manuscript zusenden, mit der Bitte mir Ihre Belehrungen darüber und Ausstellungen daran nicht vorzuenthalten. Ich reise in den nächsten | Tagen in Familien-Angelegenheiten nach meiner rheinischen Heimath. Villeicht sende ich schon von dort aus etwas an Sie ab. Nachrichten von Ihnen werden mich immer sehr erfreuen, doch wünsche ich ganz und gar nicht, daß Sie deshalb ihre Arbeiten unterbrechen, oder sich irgendwie Zwang anthun.

Zu hören, daß Krankheit Sie von der Vollendung Ihres Werkes vielfältig zurückhält, hat mich tief betrübt. Daß der Inhalt diesem großmäuligen Carl Heinzen unverständlich ist, liegt an der geringen Kultur seines Gehirns. Das Schweigen der Journale hat mich längst ennuyirt, aber die Köpfe der Menschen sind nun einmal so mit Vorurtheilen vollgepfropft, daß Licht ihnen nur in sehr winzigen homöopathischen Dosen beigebracht werden kann. Was Sie geben ist zu stark für diese vernagelte Welt. Sie werden um soweniger erwarten dürfen eine Ausnahme zu machen von den bisherigen Heroen der Wissenschaft, als Sie sich gerade die unzugänglichste Stelle zum Objekt erwählt haben. Die Leute sind nie dummer, als wenn sie sich in ihren pekuniären Interessen verletzt glauben. Man muß Geduld mit ihnen haben, le jour esperé, le jour inévitable viendra.

Sobald ich von meiner Reise zurück bin, werde ich mich daran machen, einen Artikel abzufassen, welcher den Arbeitern das Studium Ihres unschätzbaren Werkes ans Herz legen soll. Und sobald ich dann mit meinem „Denkvermögen“ zu Ende bin, will ich mehr dafür thun. Ein sehr warmes Herz trage ich sowohl für die geistige Erkenntniß, wie für die facktische Bewegung der socialen Fragen. Dagegen mit starken Hoffnungen an das nahe Ende der kapitalistischen Wirthschaft trage ich mich nicht. Trotzdem glaube ich früher an das Faktum, als an die allgemeine Erkenntniß. In unserm Jahrhundert und, fürchte ich, wohl auch noch im nächsten wird der Instinkt mehr an der Weltgeschichte fördern, als das Bewusstsein. Wir arbeiten da an einer Sache, die langsamer wächst, langsamer steigt, als wir persönlich fallen, absterben. Unterdessen muß uns die Freude am Wachsthum genügen. – Die Arbeiter in Genf scheinen wohl ihre Sache am besten zu verstehn? Als mir vorigen Herbst zum erstenmale die „Vorboten“ zu Gesicht kamen, habe ich mich ungemein gefreut über dieß Lebenszeichen.

Mit der Versicherung, daß ich wünsche, Sie möchten mir Gelegenheit geben, Ihnen meine Verehrung und Dankbarkeit bezeugen zu können

bleibe ich
Ihr ergebener
Joseph Dietzgen
 

Zitiervorschlag

Joseph Dietzgen an Karl Marx in London. Sankt Petersburg, Mittwoch, 20. Mai 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00645. Abgerufen am 07.12.2021.