| Genthiner Str. 16.
Berlin, 9. April 1868.

Lieber Marx,

Danke bestens für die übersandten „Beehive“ & „Reynold’s Newspaper“. Sie würden mich verbinden, Ihrem news-vendor meine Adresse aufzugeben und ihn zu veranlassen, mir beide Blätter regelmäßig zu schicken. Er kann mir auf dem Couvert der nächsten Sendung (11. April) seine Adresse mittheilen, damit ich ihm den Betrag der Portoauslagen etc. remittiren kann.

Das in der „Beehive“ abgedruckte Cirkularschreiben des Oberst T. C. Maude werde ich nächsten Mittwoch höchst effectvoll verwerthen und nebst einem gegen die Versöhnungspolitik der „Volkszeitung“ gerichteten Commentar in der „Zukunft“ zum Abdruck bringen. Die „Zukunft“ hat sich zwar in einer durch die „Norddeutsche Allgemeine“ hervorgerufenen Gefühlsaufwallung ihres Chefredacteurs zu der Erklärung hinreißen lassen, mit der im „Socialdemokrat“ verkörperten Arbeiterpartei kein Bündniß schließen zu wollen, doch ist diese Erklärung, die dem guten Guido Weiss sehr verdacht worden ist, rein buchstäblich zu nehmen. Leider Gottes ist sie finanziell nur zu sehr abhängig von ihrem Gründungscomité, darunter der calico printer Geheime Commerzienrath Liebermann und andere „Jacobyten“ unter den Juden der Spandauerstraße. Es ist schade, daß die 1000 Abonnenten, welche die „Volkszeitung“ regelmäßig von Vierteljahr zu Vierteljahr | einbüßt, nicht ihr zufallen, sondern der „Staatsbürgerztg“.

Über Held übrigens bin ich vollkommen Ihrer Ansicht und namentlich finde ich es stark, daß er die bewußte partie honteuse seines Lebens zum Gegenstand eines öffentlichen Vortrags gemacht hat. Andererseits freut mich, daß die Wuth der Nationalliberalen etc. über seine finanziellen & demagogischen Erfolge um so intensiver ist.

Wagener steht ebenso fest wie Stieber, die Affairen Dühring & Trabert mögen einen Ausgang nehmen, welcher Art es sein wolle.

Besten Dank für Ihre Notizen über den Handelsvertrag. Die jetzige Stagnation in Frankreich will auch ich nicht aus demselben herleiten, sondern aus dem schwindelhaften napoleonischen Handelscreditsystem, für dessen Kritik Newmarch das nöthige Material zusammengestellt hat. Den von Newmarch präcisirten 4 Puncten (Convertirung der Rente; Privat-, Gemeinde- & Staatsbauunternehmungen; crédit mobilier und Vermehrung des Capitals der Staatsschuld) lassen sich die Handelsverträge vortrefflich als nichtofficielle „Krönung des Gebäudes“ anreihen.

Schulze Delitzsch kommt nächste Woche als „Karlchen Miessnick“ in die „Zukunft“, vorausgesetzt, daß Guido Weiss mein eigenes Referat über meinen nächsten Vortrag aufnimmt. Auch den Referenten der Norddeutschen werde ich um Aufnahme des „Miessnick“ ersuchen, ihm wird der Vergleich für sein wagenerlich-brassisch gefärbtes Referat ganz gut | passen. Mich machte er in der Ihnen übersandten No. zum Lobredner der Verwaltung der Hauptbank.

Vorher besuchte mich Dr Reinke, dessen Antrag, daß dem Reichstag die Befugniß der Einsetzung parlamentarischer Untersuchungscommissionen über sociale Verhältnisse verliehen werden möchte, bald nach Wiederbeginn der Sitzungen zur Verhandlung kommt. Der Referent, Statistiker Geh. Rath Engel wird den Antrag befürworten, und es ist Aussicht vorhanden, daß er durchgeht. Dann würde es sich darum handeln, der Regierung zuvorzukommen und einen Gesetzentwurf einzubringen, der so tief eingreifende Bestimmungen enthält, daß das Kokettiren endlich einmal aufhört, und die Regierung sowohl, wie die Parteien gezwungen werden, Stellung zu nehmen. Die Regierung, soweit es sich um die sonst beliebte Proclamirung und Anwendung des „Amtsgeheimnisses“ handelt, die Industriellen etc. der diversen Parteien durch die Entscheidung über die Frage, ob sie sich auf eine andere als bloß landräthliche Weise in die Karten kucken lassen wollen oder nicht. Reinke fragte mich, ob ich ihm vielleicht das Material nachweisen könnte, welches in den blue books enthalten sei, um sich daraus zu informiren, resp. mit Hülfe eines Juristen einen Gesetzentwurf zusammenzuschmieden. Wir haben hier in der Königlichen Bibliothek alle officiellen englischen Actenstücke und Documente, und wenn Sie mir die Titel derjenigen angeben könnten, in welchen wir das nöthige Material vorfinden und, wenn es Ihnen paßt, auch einige Winke aus Ihrer Praxis hinzufügen würden, so würden wir | beide Ihnen sehr verbunden sein. Ich habe Reinke übrigens nicht gesagt, daß ich deshalb an Sie schreiben würde. Sie kennen ihn vielleicht schon durch Liebknecht, der noch immer den Reichstag Reichstag sein läßt und seinen Sitz noch nicht eingenommen hat. Es ist der einzig passende Gegencandidat gegen Schulze-Del. für die nächste Berliner Wahl, und mein aufrichtiger Wunsch ist, ihn durch einen derartigen Gesetzentwurf hier populär zu machen, was ihm bisher noch fehlt. Würde es gelingen, Reinke hier durchzubringen, – ich glaube, nächstes Jahr ist „Wiederwahl“, – so wird Waldeck und die ganze Blase nach & nach beseitigt. Bitte, unterstützen Sie uns darin so viel als möglich.

An Mad. Laura Lafargue meinen herzlichen Glückwunsch.

Hoffentlich wird Ihr Unwohlsein das Erscheinen des 2. Bandes nicht zu lange verzögern. Ist derselbe bereits druckfertig, vielleicht schon unter der Presse?

Besten Gruß an Ihre Familie von Ihrem

Wm Eichhoff.

P. S. Meine Bitte um Titelangabe der einschlägigen Actenstücke erstreckt sich selbstverständlich auf acts, reports & papers. Ich beabsichtige bei Zusammenstellung des Materials mitzuhelfen.

 

Zitiervorschlag

Wilhelm Eichhoff an Karl Marx in London. Berlin, Donnerstag, 9. April 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00611. Abgerufen am 28.11.2021.