| Hannover, 8. April 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Um nicht selbstsüchtig zu erscheinen, zuerst Ihnen u. den lieben Ihrigen unsere innigsten, herzlichsten Glückwünsche zur Vermählung Ihrer Laura. Möge Ihnen Allen hieraus so viel Freude erblühen, wie Niemand sie Ihnen aufrichtiger wünscht als ich. Ich weiß nicht ob es in England Sitte ist, dem jungen Ehepaare für die Hochzeitskarten wieder Karten zu senden. Wenn – dann bitte ich einliegende, nach der Rückkehr, in unserem Namen mit freundlichen Grüßen u. zierlicher Verbeugung zu überreichen. –

Daß Sie schon wieder in Gefahr waren „verkoppelt“ zu werden ist mir leid, da ich die Ursache daran. – Gut, daß Sie der Gefahr entrannen. – Meyer aus Bielfeld, dessen Brief ich Ihnen neulich sandte, bat mich von London aus, wo er in Geschäften war, um eine Karte an Sie. – Ich schickte sie ihm, auch eine ditto an Eccarius u. ein Briefchen an Borkheim. Letzterer hat dasselbe per Post erhalten u. ob Meyer Sie aufsuchte weiß ich weder von ihm noch von Ihnen. – Ich glaubte seinen Wunsch, ihn Ihnen vorzustellen, nicht abschlagen zu dürfen, weil er wirklich ein redliches Streben hat u. wir uns doch wo es geht „Laienbrüder“ schaffen müssen. –

Nun aber die Versicherung unserer großen Freude über Ihren in Aussicht stehenden Besuch, über dessen Termin wir gern bald Näheres hören möchten (Dies die selbstsüchtigen Regungen.) Mutter ist augenblicklich wieder bei Verwandten, weil sie bei uns das Osterfest nicht rituell feiern kann u. wenn wir Ihren Besuch bald erwarten dürfen, so würde Mutter wahrscheinlich gern | ihren Aufenthalt bei den Verwandten etwas verlängern (Sie ist lieber dort, wo sie im Garten promeniren kann etc als hier) u. Sie könnten dann ganz wieder in den „vorkapitalistischen“ Status eintreten. (Ich hoffe, Sie werden diesen Wunsch nicht als reactionär betrachten, oder daraus folgern, daß ich Ihr Buch ohne Nutzen gelesen.)

Einliegend der Brief des „Nationalöconomen mit’s G.“ (i.e. „mit dem Gemüthe“) zurück. — Welch bürgerlich, schwatzschweifig-grielächeriges Geschreibsel. – Dabei aus jedem Worte die Furcht vor dem Blitzstrahle Zeus Kronions. – Welch' erhebendes Gefühl für Sie, zu erfahren, daß Ihr Buch jetzt bereits beginnt „seinen eigentlichen Zweck“ zu „erfüllen“, darin bestehend „jüngere Kaufleute u. Fabrikbesitzer“ am Rhein „zu begeistern“ u. „nebenbei“ „für den Gelehrten als Quellenwerk unentbehrlich zu sein.“ – Welche Auffassung! Welch naïve Indication u. Heiligsprechung, der an Ihnen so lange geübten trauten Gewohnheit des Plagiarismus. – Wahrlich der Mann ist nur aus Versehen in die glänzende Tafelrunde der N.Rh.Ztg. gekommen u. Sie thun sehr unrecht sich gegen Rasch u. Struve zu erboßen, die Ihre Nichtzusammengehörigkeit behaupten. – Über die Frage, ob Freiligrath oder Sie, Engels oder Lupus höher stehen beantrage ich einfache Tagesordnung. – Wenn er, wie zuzugestehen, zu Ihnen nicht paßte, so war er vollkommen der Pension Fr. Wilh. IV würdig u. es muß als ein bedauerlicher Mangel an Selbstkenntniß betrachtet werden, daß er sich von dieser Richtung abwandte.–

NB. Was bedeutet „Ostsee-Pirat, wie sie“ (oder vielleicht richtiger Sie?) „den alten Poeten die Töchter wegkapern.“?

| Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich Ihnen schon bei Ihrem Hiersein meinen Wunsch äußerte Virchow für das Studium Ihrer Schriften zu interessiren. Grund dazu war: Virchows Richtung in der Wissenschaft, die er vertritt mußte ihn für das Verständniß Ihrer Analysis sehr befähigen. – Seine Richtung in der Politik entbehrte der anatomisch-physiologischen Grundanschauung etc.–

Vor ganz Kurzem bot sich mir für diese Anknüpfung eine Gelegenheit, die ich getreulich benutzte. – Ich hatte nämlich eine Kranke mit einem merkwürdigen Uterusleiden zu behandeln. Die Details des Falles würden Engels gewiß sehr interessiren, Sie, will ich indeß nicht damit behelligen. Kurz ich nahm die Möglichkeit an, daß hoch oben im Canal. cervicalis uteri ein Neoplasma stecke. – Corpulenz der Patientin schloß die Möglichkeit von vorn herein aus, selbst nach künstlicher Ausdehnung des cervix so weit mit dem Finger eindringen zu können. Indeß erklärte ich der Kranken u. deren Arzte, daß es vielleicht möglich sei, wenn meine Annahme sich bestätigte, ein solches Neoplasma durch eingeführten Preßschwamm zu zerstören. – Die Behandlung wurde mir anvertraut; ich spaltete zunächst die Portio vaginalis u. legte dann Preßschwamm ein. Denken Sie sich meine freudige Überraschung als ich bei dessen Entfernung, an der Spitze desselben einen Schleimhautpolypen finde, so vollständig, als hätte ich ihn mit dem Messer abgeschnitten. –

Ich theilte Virchow diesen in seiner Art einzigen Fall, unter Beifügung des Präparats mit, ihn bittend, letzteres zu untersuchen, ob es auch nichts anderes sei. – P. S. mache ich ihn nun auf Ihr Werk aufmerksam, sage ihm wie Sie von | Waarenform als Zelle ausgehend, die bürgerliche Gesellschaft analysiren etc, daß Sie in der polit. Oecon. dieselb. Methode, wie er in der Medicin, befolgen; daß man Ihr „Kapital“ füglich die Cellular-Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft nennen könne etc. –

Virchow antwortete mir sehr verbindlich, dankte mir für die „Notiz über Marx“ u. versprach „das Buch genauer anzusehen“. – In einiger Zeit werde ich mal wieder bei ihm anklopfen. – Gelänge es V. zu überzeugen, so wäre das ein großer Gewinn, da der deutschen Agitation nichts weiter fehlt als ein Kopf. Ich würde dann einen Artikel über das Causalverhältniß der Schleimhautpolypen des Uterus zur Arbeiterbewegung schreiben. –

Schreiben Sie mir doch die NNo des Social-Democrat in denen v. Schweitzer Ihr Buch bespricht. –

Engels Empfehlung der Solutio arsenicalis Fowleri unterstütze ich. – Sie brauchen keine Gefahr davon zu fürchten. Ich habe das Mittel sehr oft angewandt ohne jemals Nachtheil davon gesehen zu haben. –

Nun sagen Sie uns bald, wann Sie zu uns zu kommen gedenken u. welche Reiseroute Sie nehmen werden, da auch letztere mich interessirt. – Mit herzlichsten Grüßen an Ihre Damen

stets Ihr treu ergebener

L. Kugelmann
Dr


Da mein Mann sehr eilig mit der Absendung seines Briefes ist, so will ich Ihnen, lieber Herr Marx, nur mit kürzesten Worten meine innige Freude darüber ausdrücken Sie bald wieder bei uns zu sehen und meine herzlichste Gratulation zur Verheirathung Ihrer Tochter hinzufügen. Hoffentlich erfahren wir bald Bestimmtes über Ihre Hierherkunft u. seien Sie für heute nur noch herzlichst gegrüßt von

Ihrer Gertr. Kglm.

Beste Grüße an Ihre Damen.

| Das Couvert Ihres heute empfangenen Briefes war schlecht gummirt und kaum verklebt. – Dühring Schrift sub nomine Wagner hierbei.–

| Ihrer Notiz betreff Borkheim bedurfte es nicht. – Für Ihre Antwort auf den Brief von Meyer-Bielefeld u. Ihre Notizen über die Irische Frage verbindlichen Dank.–

 

Zitiervorschlag

Louis und Gertrud Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Mittwoch, 8. April 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00610. Abgerufen am 07.12.2021.