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Lower Clapstr. N.E.

Apr. 3. 68.

Lieber Marx,

Die Sendung der Hochzeitskarten Eurer Laura hat uns heute aufs Angenehmste überrascht. Wir hatten gar nicht gewußt, daß das frohe Ereigniß so nahe bevorstand, u. wünschen jetzt dem jungen Paar, wie Dir u. Deiner lieben Frau, von ganzem Herzen Glück dazu.

Laß mich Dir nun auch endlich Dank sagen für das Zeichen Deines freundlichen Gedenkens, das Du mir durch das Geschenk des ersten Bandes Deines Werkes „Das Kapital“ gegeben hast, u. schließe, darum | bitte ich Dich angelegentlich, aus der Verspätung dieses Dankes nicht auf eine geringere Wärme u. Aufrichtigkeit desselben! Ich hatte immer vor, ihn Dir persönlich abzustatten, aber in den mancherlei Arbeiten u. Aufregungen, welche diese letzten Monate mir gebracht haben, bin ich immer nicht dazu gekommen. Laß Dir meinen Dank nun auch jetzt noch gefallen, u. sei überzeugt, daß, wenn irgend wer, gewiß ich Einer von den Vielen bin, die den Geist, das Wissen, u. den staunenswerthen Fleiß, durch die Du Dir in | diesem Werke ein monumentum aere perennius gesetzt hast (u. ferner setzen wirst) mit freudiger Anerkennung bewundern. Du weißt, ich bin nicht Mann vom Fach, (eben nur Nationalökonom „mit dem Gemüthe“), u. verlangst darum kein aufs Einzelne eingehendes Urtheil, – aber ich kann Dir wohl sagen, daß ich aus der Lectüre, oder ich will lieber sagen: dem Studium, des Buches schon die mannigfachste Belehrung, den reichsten Genuß geschöpft habe. Es ist eben ein Buch, das studirt sein will, u. darum ist der Erfolg vielleicht kein überschneller | u. überlauter, aber die Wirkung im Stillen wird dafür um so tiefer und nachhaltiger sein. Ich weiß, daß am Rhein viele junge Kaufleute u. Fabrikbesitzer sich für das Buch begeistern. In diesen Kreisen wird es seinen eigentlichen Zweck erfüllen, – für den Gelehrten wird es nebenbei als Quellenwerk unentbehrlich sein. Nochmals herzlichen Dank! Und, nicht wahr, bei der nächsten Gelegenheit schreibst Du mir auch Deinen Namen in das Exemplar? –

Unsre Luise hat sich nun auch verlobt. Wenn die  | Kinderkrankheit des Verlobens u. Hochzeitmachens einmal einreißt in einem Hause, so hilft nichts dagegen. Die Geschichte muß ihren Lauf nehmen. The matrimonial measles!

Uebrigens hat es mit der Hochzeit noch gute Wege. Luise ist noch sehr jung, u. muß noch warten. Ihr Verlobter ist Heinrich Wiens, ein Cousin von Kätchens Mann, u. auch ein richtiger OstseePirat, wie sie dem alten Poeten die Töchter wegkapern.

Mit Deiner Gesundheit geht es hoffentlich wieder besser. Wir kommen bald | einmal hinaus, um uns davon zu überzeugen.

Unterdessen die herzlichsten Grüße an Dich u. Deine Damen von uns Allen!

Dein
F. Freiligrath
 

Zitiervorschlag

Ferdinand Freiligrath an Karl Marx in London. London, Freitag, 3. April 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00606. Abgerufen am 25.09.2021.