| 25 März 1868.

Dear Fred,

Ich wollte Dir gestern vom Museum schreiben, aber ich wurde plötzlich so überaus unwohl, daß ich das sehr interessante Buch, das ich in der Hand hatte, zuschlagen mußte. Es kam mir wie ein schwarzer Flor über die Augen. Dabei furchtbarstes Kopfweh u. Brustbeklemmung. Ich strolchte also nach Haus. Die Luft u. das Licht thaten mir wohl u. zu Haus schlief ich for some time. Mein Zustand ist der Art, daß ich eigentlich alles Arbeiten u. Denken für some time aufgeben müßte; aber das würde mir schwer selbst wenn ich die Mittel zum Strolchen hätte.

Ad vocem Maurer: Seine Bücher sind ausserordentlich bedeutend. Nicht nur die Urzeit, sondern die ganze spätere Entwicklung, der die freien Reichsstädte, der Immunität besitzenden besitzende Gutsbesitzer, der die öffentlichen öffentliche Gewalt, des Kampfes zwischen freiem Bauernthum u. Leibeigenschaft erhält eine ganz neue Gestalt.

Es geht in der Menschengeschichte wie in der Paläontologie. Sachen, die vor der Nase liegen, werden prinzipiell, durch a certain judicial blindness, selbst v. den bedeutendsten Köpfen nicht gesehn. Später, wenn die Zeit | angebrochen, wundert man sich daß das Nichtgesehne allüberall noch seine Spuren f // zeigt. Die erste Reaction gegen die fzs. Revolution u. das damit verbundne Aufklärerthum war natürlich alles mittelaltrich, romantisch zu sehn, u. selbst Leute wie Grimm, sind nicht frei davon. Die 2e Reaction ist u. // – u. sie entspricht der socialistischen Richtung, obgleich jene Gelehrten keine Ahnung haben, daß sie damit zusammenhängen – über das Mittelalter hinaus in die Urzeit jeden Volks zu sehn. Da sind sie dann überrascht im Aeltesten das Neuste zu finden, u. sogar Egalitarians to a degree, wovor Proudhon schaudern würde.

Wie sehr wir alle in dieser judicial blindness befangen: direkt in meiner Gegend, auf dem Hundsrücken, hat das jetzige // altdeutsche System bis in die letzten Jahre fortgedauert. Ich erinnere mich jezt, daß mein Vater als Advokat mir davon sprach! Andrer Beweis: Wie die Geologen gewisse faits, selbst die besten, wie Cuvier, ganz verkehrt ausgelegt, so übersetzten Philologen, v. der force eines Grimm, die einfachsten lateinischen Sätze falsch, weil v. Möser etc [[der, ich erinnre mich, entzückt, daß bei den Deutschen die „Freiheit“ nie existirte, wohl aber „Luft macht eigen“]] beherrscht. Z. B. die bekannte Stelle bei Tacitus: „arva per annos mutant et superest ager“, was heißt: sie wechseln (durch Loose Loos, daher auch sortes in allen Leges Barbarorum | später) die Felder (arva) u. es bleibt Gemeindeland (ager im Gegensatz v. arva als ager publicus) übrig, übersezt Grimm etc, sie bauen jedes Jahr neue Felder Aecker , u. es bleibt immer noch (unbebautes) Land übrig! )

Ebenso die Stelle: „Colunt discreti ac diversi“ sollte beweisen, daß die Deutschen v. jeher als westphälische Junker auf Einzelhöfen wirthschafteten. Aber in derselben Stelle heißt es weiter: „Vicos locant non in nostrum morem, connexis et cohaerentibus aedificiis: suum quisque locum spatio cirumdat“, u. solche germanischen Urdörfer in der beschriebenen Form existiren noch hier u. da in Dänemark. D Scandinavien mußte natürlich f. deutsche Jurisprudenz u. Oekonomie so wichtig werden wie für deutsche Mythologie. Und v. da ausgehnd konnten wir erst wieder unsre Vergangenheit entziffern. Uebrigens fanden ja selbst Grimm etc bei Cäsar, daß die Deutschen sich immer als Geschlechtsgenossenschaften, nicht als Einzelne ansiedelten: „gentibus cognationibusque, qui uno coiereant“.

Was würde aber old Hegel sagen, wenn er erführe jenseits, daß das Allgemeine im Dtschen u. Nordischen nichts bedeutet als das Gemeinland u. das D Sundre , Besondre nichts als das aus dem Gemeindeland ausgeschiedne Sondereigne? Da gehen dann doch verflucht die logischen Kategorien aus „unsrem Verkehr“ hervor.

| Sehr interessant ist v. Fraas (1847): „Klima und Pflanzenwelt in der Zeit, eine Geschichte beider“, nämlich zum Nachweis, daß in historischer Zeit Klima u. Flora wechseln. Er ist vor Darwin Darwinist; u. läßt die Arten selbst in der historischen Zeit entstehn. Aber zugleich Agronom. Er behauptet, daß mit der Kultur – u. entsprechend ihrem Grad – die v. den Bauern so sehr geliebte „Feuchtigkeit“ verlorengeht (daher auch die Pflanzen v. Süden nach Norden wandern) u. endlich Steppenbildung eintritt. Die erste Wirkung der Kultur nützlich, schließlich verödend durch Entholzung etc. Dieser Mann ist ebenso sehr grundgelehrter Philolog (er hat griechische Bücher geschrieben) als Chemiker, Agronom etc. Das Facit ist, daß die Kultur wenn naturwüchsig voranschreitend u. nicht durch x // bewußt beherrscht (dazu kommt er natürlich als Bürger nicht) Wüsten hinter sich zurück läßt, Persien, Mesopotamien etc, Griechenland. Also auch wieder socialistische Tendenz unbewußt!

Auch dieser Fraas ist interessant f. das Dtschthum. Erst Dr. Med. dann Inspector u. Lehrer der Chemie u. Technologie. Jezt Chef des Bairischen Veterinärwesens, Universitäts Prof., Chef der Agronomischen Staatsexperimente etc. In seinen letzten Sachen sieht man das hohe Alter, aber immer noch flotten Burschen. Viel sich in Griechenland, Kleinasien, Aegypten herumgetrieben! Auch seine Geschichte der Agrikultur wichtig. Fourier nennt er diesen „frommen u. gemüthlichen humanistischen Socialisten“. V. den Albanesen etc „jede Art affenschänderischer Un- u. Nothzucht“.

Nöthig das Neue und Neuste u. Ne // über Agricultur genau anzusehn. Die physikalische Schule steht der chemischen gegenüber.

Vergiß nicht, mir den Brief des Kugelmannschen Fabrikanten rückzuschicken.

Freue mich auf nichts mehr als Dich hierzusehn

D
KM

/ À Propos. Edgar’s Pflanzerhuth ist wieder gefunden u. kannst Du ihn dießmal Mrs. Lizzy mitbringen.

 

Zitiervorschlag

Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester. London, Mittwoch, 25. März 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00594. Abgerufen am 05.12.2021.