| Genthiner Str. 16.
Berlin, 25. März 1868.

Lieber Marx,

Heute morgen war ich bei Herrn v. Schweitzer, und theilte ihm den Inhalt Ihres Briefes mit. Die Sache ist zu seiner Zufriedenheit erledigt. Er freute sich über Ihre Anerkennung seiner Absicht und Leistung, und war auch mit Ihrem Urtheil über Ihren Verleger einverstanden. Ihr „Kapital“, meinte er, habe ihn überrascht. (So auch mich.) Er hat indeß seit 8. März nichts darüber gebracht, in Folge der Einspruch-Erhebung des Verlegers.

Daher sende ich Ihnen keinen Social-Demokraten, wohl aber Held’s Socialreformtheorie, zum Amüsement. Schweitzer wird dagegen im Socialdemokraten polemisiren, und ich werde Ihnen die Polemik auch zustellen. Der Chefredacteur und Socialreformer Held ist jetzt ein ganz einflußreicher und bedeutender Mann geworden, die Verbohrtheit und Hirnvernagelung Anderer hat ihn dazu gemacht. Er hat sich mit vielem Geschick in die Höhe gearbeitet, ist factisch an den Fehlern und Schwächen seiner Verächter emporgeklettert, leidet indeß an maßloser Eitelkeit und Selbstüberschätzung, und wird daran auch wieder zu Grunde gehen. Er liebt es, sich mit Salomon de | Caus zu vergleichen. Ich traf ihn einmal zufällig, gleich im Anfang seiner socialistischen Propaganda, und klopfte auf den Busch betreffs seiner Studien. Er habe bisher, meinte er, gar nichts gelesen, und wolle nun auch nichts mehr lesen. Er stehe auf dem Robinson Standpunct und gehe aus von der wüsten Insel. Ich rieth ihm, doch wenigstens Ihr „Capital“ zu lesen. Nein, meinte er, das würde ihm nur das Bild trüben und seinen Standpunct verrücken. Seine Socialtheorie ist sein ungetrübtes Bild. Ich kenne sie schon aus seiner Zeitung und aus seinen Unterhaltungen: er hat mich fast jedes Mal, daß ich ihn getroffen habe, damit eingeschläfert. Doch habe ich ihm nie widersprochen, denn einmal verträgt er keinen und widerlegt siegreich jeden Einspruch, sodann darf man sich den Redacteur einer Zeitung, die binnen Kurzem so viel Abonnenten haben wird, wie die Volkszeitung zur Zeit ihrer höchsten Blüthe, nicht muthwillig verfeinden. Zur Charakteristik des Ingrimms der „Volkszeitung“ übersende ich Ihnen eine Beilage, und mache Sie auf den Platz aufmerksam, den die Zeitung dem Held’schen Inserat anweist. Ferner lege ich eine Nr. der Staatsbürgerzeitung bei, welche eine Correspondenz der Breslauer Zeitung, des v. Kirchmann’schen Organs, vielleicht aus der Feder des Herrn Präsidenten a. D., wiedergiebt.

| Ich selbst mache fleißig für Ihr „Capital“ unter Philistern und Spießbürgern Reclame. Im Bezirksverein „Alt-Cölln“, von dessen Mitgliedern zwei Drittel dem Schulze’schen Vorschußverein „Alt-Cölln“ angehören, habe ich 3 Vorträge über „Die Ursachen der Handelsstockungen der Gegenwart“ zugesagt, und schon 2 hinter mir. Aus dem „Capital“ habe ich citirt die Chrematistik des Aristoteles (p. 113. Anm. 6, & p. 127) und den unvermittelten Widerspruch des Geldes auf p. 99. Aus dem „Manifest“ den von mir in usum delphini redigirten Passus: „Seit Decennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels“ etc., wobei ich namentlich die bürgerlichen Eigenthumsverhältnisse ganz aus dem Spiel gelassen, und das Wort „Bourgeoisie“, welches sie hier nicht vertragen können, in „geldmächtiges Bürgerthum“ umgewandelt habe und in Letzterem einer von Dr Reinke zuerst angewandten Taktik gefolgt bin. Über den ersten Vortrag ist kein annehmbares Referat vorhanden, über den zweiten sende ich Ihnen Nr. 83 und 87 der „Zukunft“, – das Referat in Nr. 87. rührt von mir her –, und ein ganz selbständiges Referat der Nordd. Allg. Wie Sie daraus ersehen werden, habe ich Schulze-Delitzsch bisher nur indirect angegriffen, und dadurch, daß ich mich hinter Dühring verschanzt habe, ist es mir auch | in der That gelungen, den Angriff mit Erfolg durchzuführen. Ich fing an mit einer Beweihräucherung Schulze’s in dem hier beliebten Genre, rühmte seine Genialität, die einem gemaßregelten Kreisrichter möglich gemacht habe, einen Geschäftsumsatz von 60 Millionen per annum hervorzurufen, seine bewährten Charaktereigenschaften, welche ihm zu wiederholten Malen das Vertrauen des residenzstädtischen Wahlkörpers verschafft hätten. Das Publicum nahm dies Alles bona fide hin, nur ein anwesender Lassalleaner murrte und gab seiner Mißbilligung Ausdruck durch einen Protest unter Bezugnahme auf Schulze’s Stellung zum allgemeinen Wahlrecht. So entstand eine Debatte über den biedern Schulze, während deren ich auf meinem Platz blieb, um etwaige Interpellationen zu beantworten. Doch mir machten alle Redner Complimente und nur der arme Lassalleaner mußte herhalten.

Mitte April werde ich meinen dritten Handelsstockungsvortrag halten und zum Schluß Hrn. Schulze direct verarbeiten. Ich will eine historische Übersicht des Entwickelungsganges der deutschen Industrie seit 1815 bringen und zum Schluß den zweifelhaften Werth der Handelsverträge, des Schlußsteins im Gebäude des Freihandels, beleuchten, unter speciellem Hinweis auf die jetzigen Vorgänge in Frankreich und die unserer Wollenindustrie bevorstehende Crise. Dann komme ich auf die Thätigkeit | unserer Wirthe, Schulzen & anderer Michels, & nehme mir aus der Schulze’schen Antwort auf den Bastiat-Schulze (die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle) die auf p. 12 dem Lassalle entgegengestellten 3 Thesen heraus, deren Blödsinn, die „gegenseitige Bedingung“ und das „umgekehrte Verhältniß“ der intellectuellen Fähigkeiten des Menschen und der seiner Berechnung entrückten äußeren Umstände, ich auch dem dümmsten Zuhörer klar zu machen hoffe. Da nun die „Zukunft“, durch den Einfluß ihres Mitredacteurs Stephany auf Guido Weiss, Alles was sich im Wege des Referats gegen Schulze bringen läßt, aufnimmt, so, denke ich, wird Schulze allmählig der Lächerlichkeit verfallen.

Sehr lieb würde es mir sein, wenn Sie Ihr in dem officiellen Brief enthaltenes Versprechen, mir dortige Blätter zu schicken, erfüllen würden. Nach Paris habe ich schon vor einigen Tagen geschrieben und um Zusendung geeigneter Flugschriften und Journale gebeten. Können Sie mir vielleicht specialia namhaft machen, die ich im Wege des Buchhandels beziehen könnte und die auf die dort sich vorbereitenden Dinge Bezug haben? Ich hole jetzt das nach, was ich in England versäumt habe und studire ausschließlich Ökonomie. Mir thut es jetzt leid, daß ich Jahre habe verstreichen lassen, ohne mich damit zu beschäftigen, trotzdem ich Zeit genug übrig hatte. Wenn in London | irgend etwas Piquantes erscheinen sollte, die Engländer leisten mitunter etwas in der Persifflage ihrer eigenen Zustände, oder interessante Blaubücher, so, bitte, machen Sie mich von Zeit zu Zeit ebenfalls darauf aufmerksam.

Liebknecht habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen. Ich habe ihn durch Dr Reinke grüßen lassen, vielleicht kommt er dieser Tage zu mir. Bis 3. April ist meine Adresse nicht die oben angegebene, sondern Röckern Str. 132.

Ihren und Ihrer Familie Gruß erwidere ich herzlich. Ihrer Fräulein Tochter meinen besten Glückwunsch. Der kleinen „Tussy“, die jetzt auch schon groß geworden sein wird, antworte ich umstehend.

Wenn Sie in Berlin irgend etwas zu besorgen haben, so verfügen Sie über mich. Sollte ich irgend etwas Sie interessirendes finden, so werde ich es Ihnen zuschicken.

Grüßen Sie Dronke & Engels, die „Perle von dem Genfer Congreß“ und alle Bekannten aus dem Verein, und seien auch Sie vielmals gegrüßt

von Ihrem stets ergebenen
Wm Eichhoff.

| My dear Eleanor,

I have received your kind letter & in reply beg to state that I have forgotten neither you nor any one of your family, neither your father & mother, nor you & your sisters, nor the old friend of yours & manager of the house. Please bring my best compliments to all of them & believe me to be always.

Yours most affectionate
William Eichhoff.
 

Zitiervorschlag

Wilhelm Eichhoff an Karl und Eleanor Marx in London. Berlin, Mittwoch, 25. März 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00593. Abgerufen am 16.10.2021.