| Hannover, 13. März 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Hätte ich ahnen können, daß jeune Coppel 6 Stunden lang Ihre Geduld mißbrauchte, so würde ich Ihnen diese Prüfung erspart haben. – Ich dachte nur, daß Sie das Buch selbst von ihm annehmen möchten und einige Worte mit ihm reden. Es ist schrecklich, wie so wenige Menschen wegzugehen verstehen. –

Dühring hat jetzt einen amüsanten Krakehl mit Wagner von der Kreuzzeitung. Näheres darüber einliegend. –

In der „Zukunft“ v. 8. d.M. stand ein sehr interessanter Artikel über die Reise Plon-Plon’s, worin auch ein Citat aus Ihrem „18. Brumaire“. Ich habe Engels als Autor in Verdacht. Ist er es? Jedenfalls muß, wenn E. es nicht ist, es ein Schüler von Ihnen sein. –

Noch eine Frage, wenn erlaubt. – Sind die Artikel über die „Wiederherstellung Polens“ von Ihnen oder Engels?

Wie tief Miquèl gesunken sehen Sie aus beifolgender „Ztg f. Nddtschl.“ „Miquèl an seine Wähler“. Herr M. kann lange warten ehe Bismark solch’ kraft- u. saftlose Subjecte, ohne allen Einfluß in größeren Kreisen zu höheren Stellen geeignet hält. –

Einliegender Brief eines jungen Wäschefabrikanten, der in seinem Fache bedeutend ist u. ca 40 Nähmaschinen beschäftigt macht Ihnen vielleicht Freude. – Zur Ergänzung füge ich noch hinzu, daß, als er seinen Vortrag „Über die Entwicklung u. den Einfluß der modernen Industrie“ beendet hatte u. die entwickelten Ansichten, die Ihrem Ideengange folgten, u. die Verheerungen der Industrie | darlegten, zur Debatte gestellt wurden, kein Einziger sich dagegen oder dafür erhob, sondern das ganze Auditorium, aus großentheils sehr intelligenten (!) Kaufleuten bestehend, stumm u. starr gegenüber dieser neuen Welt war, in der sie schon so lange gelebt und gewirkt. –

Mit innigestem Bedauern höre ich, was ich längst vermuthete, daß Ihre Calamitäten nicht aufhören Sie zu quälen. – Wenn es wirklich wahr ist, daß Sie in Genf sorglos leben können, so müßen Sie wirklich diese Frage in ernstliche Erwägung ziehen. – Was nützt Ihnen ein Aufenthalt in London, der ein so unersetzbares Leben, wie das Ihrige, durch Entbehrungen in beständige Gefahr bringt u. durch ewige kleinliche Sorgen Sie am Arbeiten hindert. – Wenn Sie anderswo behaglich leben, so können Sie Ihre, in den Vorarbeiten vollendeten Werke herausgeben und – wenn ein zeitweiliger Aufenthalt in London nöthig, so werden gewiß manche Freunde, zB. Borkheim, sich glücklich schätzen Ihnen ihre Gastfreundschaft anbieten zu können. – Ceterum censeo: Sie müssen die Resultate Ihrer Forschungen veröffentlichen, von denen einst eine neue Culturepoche datiren wird. –

Ob wir bald die Freude haben werden Sie bei uns zu sehen, vergaßen Sie bislang zu beantworten. –

Ihrer Tochter Laura wünsche ich zu ihrer Vermählung alles mögliche Glück. – Sollte das junge Paar vielleicht eine Hochzeitsreise nach dem Continent machen, dann hoffen wir dasselbe auch hier zu sehen. –

Es ist Postschluß u. ich sage Ihnen, verehrtester Freund, für heute adieu u. füge nur noch die Bitte hinzu einliegende £ 15 so geradezu u. gern entgegen zu nehmen, wie Sie Ihnen von Herzen sendet

Ihr
treu ergebener
K.

Meine Frau u. Fränzchen grüßen. Erstere hat sich sehr über Ihren Brief gefreut. Die Brochüre Dühring–Wagner schicke ich Ihnen nächstens. –

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Freitag, 13. März 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00575. Abgerufen am 28.10.2021.