| Hannover, 4. Febr. 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Dem Rathe des Collegen Gumpert, Sie möchten Arsenik (wahrscheinlich Solutio arsenicalis Fowleri) nehmen stimme ich vollkommen bei. Die günstige Wirkung desselben auf die Haut u. deren Producte ist annerkannt. – So zB. war es lange Zeit ein Geheimniß, wie die Jütländischen Bauern das äußerst glänzende u. weiche Haar ihrer Pferde produciren, bis man entdeckte, daß sie den Thieren Arsen geben. – Durch Letzteres wird außerdem die Ernährung gehoben. – Die günstigen Resultate der Schweinemästung durch Antimonschlacken beruht auf dem Gehalt an Arsen. –

Für die Abortivbehandlung der bereits in Entwicklung begriffenen Furunkeln ist das einzige u. sichere Mittel (ceterum censeo): Incision mit Lanzette mitten durch den Zellgewebspropf (gelber Punct) bis in’s Unterhautzellgewebe. Noch in diesen Tagen hatte ich Gelegenheit bei (Fränzchen mich hiervon zu überzeugen. –

Carl Koppel wird jetzt bei Ihnen gewesen sein; wo nicht senden Sie gefälligst ein Zettelchen per Stadtpost nach Long’s Hôtel, Bondstr., worin Sie ihn in meinem Auftrage um Zustellung des Paquets ersuchen. –

Daß Kertbeny Deutsch-Ungar ist mir um so interessanter (?) weil er mir sagte, daß er bis zu seinem 16. Jahre kein Wort deutsch gehört habe. – Ich werde mich mit ihm in angegebener Weise benehmen. – Ihre Notizen habe ich ihm gegeben. Er will Sie in der (Leipziger) „Illustrirt. Ztg“ vermöbeln u. hat mich um Point-de-vues über „Das Kapital“ gebeten, die ich ihm, so gut ich kann, geben werde. –

Daß Sie den „Plagiarismus“ auf einen anderen Ursprung zurückführen zu können glaubten u. mit Recht, ist ein Beweis welche Kritiklosigkeit Sie den Herren zutrauen u. wiederum mit Recht.

| Man braucht nur „Die heilige Familie“ oder „Herr Vogt“ gelesen zu haben, um aus der Empfindlichkeit gegen eine legère Behandlung der deutschen Sprache sofort den Verfasser zu erkennen.

Von den Zeitungen etc in welchen Besprechungen Ihres Buches, wüßte ich gern die NNo um sie mir kommen zu lassen. – Daß ein bürgerliches Blatt, wie die Saturday Review u. in solcher Weise Notiz vom „Kapital“ nimmt ist das Höchste was man erwarten kann. Wenn unser Freund in Manchester die mir mitgetheilte Stelle geschrieben hätte, so wüßte ich nicht, wie er dieselbe anders hätte stylisiren sollen. –

Ich bin jetzt mit der ersten Lesung fertig u. werde bald wieder von Vorn anfangen. – Mit der „ursprüngl. Accumulation“ haben Sie einen, über alle Begriffe glänzenden Schluß geliefert. – Schade, daß Sie nicht damit anfangen konnten, Sie würden manchen Leser mehr gefunden haben. –

Haben Sie Liebknecht die Artikel aus London für sein Blatt geliefert, oder wer?

In Berlin fängt die Arbeiterbewegung an sich zu directer Kampfform gegen das Kapital zu entwickeln, so unter den Wollarbeitern u. Cigarrenarbeitern. Lassen Sie sich doch von Borkheim die „Zukunft“ mittheilen, die zB. in voriger Woche derartige Berichte brachte. Außerdem interessiren Sie darin auch die Nothstandsberichte, welche zum Theil sehr detaillirt. – Es wäre ein Verdienst, wenn Jemand – der es ordentlich versteht – zB. in Liebknechts Blatt, den Nachweis lieferte, daß nicht Bismark, sondern die capitalistische Productionsweise Schuld an dem „Nothstande“ ist, der ja in England in chronischer u. acuter Form stets neben einander studirt werden kann.

Mein Befinden ist auch schon seit Monaten nicht nach Wunsch. – Ich fühle wieder Gallensteine u. um Koliken zu vermeiden trinke ich jetzt das berühmte Durandsche Mittel (Terpenthin mit Schwefeläther) unter gleichzeitiger Beifügung von Seife. Während ich so durch Durand in das Stadium gelange, welches Heine von | der Birch-Pfeiffer voraussetzte „Wenn Hermann nicht die Schlacht gewann, mit seinen blonden Horden“, befördere ich (nach Liebig) durch den gleichzeitigen inneren u. äußeren Gebrauch meine moderne Bildung. – Hoffentlich werde ich die Concremente u. zugleich meine Hypochondrie u. Unlust los. Um mir mehr Bewegung machen zu können, habe ich meine Nachmittagssprechstunde (von 4–5) auf 2–3 verlegt. Ich denke „im wunderschönen Monat Mai“ marschiren wir wieder tüchtig in der Eilenriede umher! –

Für Alles, was von Ihnen kommt u. sich auf Sie und die lieben Ihrigen bezieht sind wir Ihnen dankbar, also auch für die in Aussicht gestellten Bilder, bei denen wir das Ihrer lieben Frau Gemahlin nicht vermissen möchten. –

v. Thünen „Der isolirte Staat“ etc werde ich wahrscheinlich diese Woche noch schicken können. –

Miquèl sinkt immer tiefer, wie Sie aus der Debatte für die Abfindung der Depossedirten sehen können. – Er läßt sich dazu benutzen das zu sagen, was Bismark zu behaupten sich genirt. Was thut der Mensch nicht um preußischer Landrath zu werden. Hoffentlich u. wahrscheinlich vergebens. –

Wäre jetzt ein tüchtiger Mann aus Ihrer Schule in Berlin, er könnte an der Spitze des Proletariats eine solche Stellung einnehmen, daß jeder deutsche Minister mit ihm zu rechnen hätte.

Es ist bald Mitternacht, deshalb für heute Lebewohl, lieber Freund. Werden Sie bald wieder gesund u. froh u. versprechen Sie mir bald im Frühling zur Nachcur zu kommen zu

Ihrem
treu ergebenen
L. Kugelmann
Dr

An Engels freundliche Grüße. Bitte ihm zu sagen, daß ich jetzt täglich Wein trinke u. dadurch einen Anspruch mehr auf seine Achtung erworben zu haben glaube. –

/ Werden die Puncte 3 u. 4. („Zur Kritik der polit. Oecon. pag 40. 41“) Koncurrenz u. Grundrente in Bd II Ihres „Kapital“ erledigt? /

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Dienstag, 4. Februar 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00549. Abgerufen am 28.11.2021.