| 1 | St. Louis Mo. Janr. 26/68

Lieber Herr Doctor.

Drei Tage vor meiner Ankunft in New York war Frau Weydemeyer gestorben. Laura nahm ich mit hierher; sie lebt bei der Familie Barth, fühlt sich aber nicht heimisch, weil sie es sehr empfindet, geduldet zu sein. Zudem sind die Ansichten der Leute zu sehr bürgerlich-moralisch.

Einmal wöchentlich verbringen sie und Otto den Abend bei mir; dann sind die Kinder recht glüklich und froh. Und das ist auch mein schönster Abend; denn auch ich fühle mich durch den Verlust so langjähriger, gesinnungsgleicher, treuer Freunde sehr vereinsamt.

Von Ihrem Buche sind ziemlich viel Exempl. in New York abgesetzt. Schmidt sagte mir, daß er mehr habe verkaufen können, wenn er den Hauptzeitungen hätte Freiexempl. zuschicken können, damit sie es besprächen, denn nur dann thun sie das. Meissner habe ihn aber dazu nicht ermächtigen wollen. Ob es sich rentirt hätte, ist auch noch die Frage.

Heinzen mußte seinem Herzen Luft machen wie Sie aus einliegendem Ausschnitt ersehen. Er hat Ihr Talent und Ihre Kenntnisse stets willig anerkannt. Rührt Sie das nicht? Wenn Sie doch nur ordentliches Teutsch schreiben wollten oder könnten! Wie aber wird der Mensch sich | 2 | ärgern, wenn die englische Ausgabe erscheint.

In New York wurde mir erzählt, daß Wade eine Einsendung an die Tribune gemacht, worin er behauptet habe, daß er das, was Sie von ihm anführen nie gesagt habe. Ich bemühte mich sehr, das Eingesandt zu erhalten, aber ohne Erfolg.

Jacobi war sehr erfreut von Ihnen, den Ihrigen und Engels zu hören. Daß er einen Brief von Ihnen erhalten habe, konnte ich nicht aus ihm herausbringen, so sehr ich auch darauf hinarbeitete. Ich ging ihm auch sehr zu Leibe wegen seiner Lauheit als Parteimann. Er gibt freilich nicht zu, der Partei untreu geworden zu sein, aber viel Interesse für dieselbe hat er nicht mehr. Er ist eben ganz und gar Mediziner, und betreibt alles Andere ein wenig zur Erholung, wozu auch etwas amerikanische Politik gehört.

Komp steht an der Spitze einer sich bildenden neuen Partei, deren Programm ich Ihnen beilege. Ich bin mit ihm in Korrespondenz getreten, um zu verhüten, daß die Sache nicht gar zu blamabel wird. Wenn gut geleitet, kann eine radikale Partei großen Einfluss bei der nächsten Präsidentenwahl ausüben.

Ich bestand darauf, jede einseitige deutsche Agitation aufzugeben, auf Abänderung mehrerer Punkte der Platform, besonders des §1. Ich habe noch keine Antwort erhalten auch nichts Weiteres über die ganze Bewegung erfahren.

| 3. | Wie es jetzt steht ist kaum zu bezweifeln, daß Grant nominirt und erwählt wird. Die s.g. republikanische Partei ist zu schwach, um sich einen Mann nach ihrem Geschmack auszusuchen. Grant gehörte immer der demokratischen Partei an und hat bis jetzt mit keiner Silbe angedeutet, daß er nicht mehr dazu gehöre. Aber ein beutegieriger und ämtersüchtiger Politiker, Elihu B.Washburn, hat ihn so lange bearbeitet bis er willig war, die Nomination der Republikaner anzunehmen. –

Die hiesigen „Radikalen“, an deren Spitze Preetorius und der General Carl Schurz stehen, haben sich auch in ihr Schicksal gefunden. Sie sagten mir, daß Washburn Secretary of State werde und das sei Garantie genug für uns.

Daß unter solchen Umständen Viele sich einer entschieden freisinnigen Partei anschließen würden ist wohl keine Frage. Diese Partei könnte einen solchen Druck ausüben, daß ein besserer Kandidat nominirt würde, weil die Republikaner befürchten müßten, daß jene einen selbständig Kandidaten aufstellen, der dem ihrigen Stimmen genug nehmen würde, daß er nicht gewählt werden könnte. Wenn aber nichts Anderes gewonnen würde, als daß man diese radikalen Führer zwänge, ihren Radikalismus aufzugeben, es wäre schon genug. Viele Geschäftsleute hoffen daß die Geschäfte sich bessern werden, wenn man G. nominire, weil dessen Wahl als sicher angenommen und deshalb die „Campagne“ nicht so aufregend sein wird. | 4 | Butler will es sich zur Aufgabe machen, den Süden, d.h. die Neger gegen Grant aufzubringen, welches von großer Bedeutung werden kann. Im Süden soll die Noth und das Elend ganz fürchterlich sein. Die Spannung zwischen „Weiß u. Schwarz“ wird immer größer, und es ist kaum anzunehmen, daß man ohne Kampf zur Ordnung kommen werde.

Ein schönes Stückchen Feigheit war auch das Benehmen des Senats bei den s.g. „Stanton Imbroglio“. Anfangs wurde allgemein angenommen, die Angelegenheit müsse offen im Senat verhandelt werden und es hieß schon allgemein, daß man sie wahrscheinlich ganz liegen lassen werde, weil bei den Verhandlungen Manches vorkommen müsse, was Grant als Präsidentschafts Kandidaten schaden würde. Man kam also auf den schlauen Einfall, sie in Executif Sitzung (die geheim sind) zu verhandeln, und so geschah es. Freilich hatten die hochweisen Herren gehofft, Stanton werde gleich nach Wiederantritt seines Amtes resigniren, damit die Sache zu Ende komme. Es scheint aber als drehe Stanton ihnen eine Nase, denn er läßt noch nichts von Resignation merken.

Ich habe Ihnen einige Exempl. der N.Y. Tribune geschickt, welche die Botschaft des Präsidenten, Berichte des Secr. of the Treasury, des Comptrollers of the Currency &c enthielten, da ich nicht wußte, ob die dortigen Blätter sie vollständig bringen.

Aus dem Bericht des Comptrollers of the Currency werden Sie das Verhältniß der fallirten Nationalbanken ersehen haben. Eine sonderbare Erscheinung | 5 | aber ist die, daß die Noten derselben auf 4% Prämium stiegen. Es verhält sich dieses so: Das Kapital sämmtlicher Nationalbanken ist auf 300 Millionen limitirt; nun bildeten sich, nachdem diese Summe ausgegeben war, noch neue Banken, die aber keine Noten Cirkulation haben konnten. Sie kauften die Noten der fallirten Banken auf, um die Cirkulation derselben auf sich übertragen zu lassen und bei der Konkurrenz wurden sie auf die angegebene Höhe getrieben.

Ist ein ähnlicher Fall schon dagewesen?

Von den verschiednen Finanzplänen werden Sie wohl die Hauptsächlichsten gelesen haben. Den von Walker schickte ich Ihnen. Fast der ganze Westen ist für Zahlung der 5/20r Bonds in Papier. Die Folgen sind den Leuten nicht klar. Im Congress herrscht viel Confusion in der Finanzfrage, doch scheint er mit großer Majorität gegen Verminderung der Papier Cirkulation zu sein. Die Leutchen glauben, daß die schlechten Geschäfte dem Mangel an genügenden Cirkulationsmitteln zuzuschreiben seien: Also mehr Papiergeld, wenigstens keine Verminderung desselben!

Mit Ihrem Buche bin ich noch nicht ganz durch. Nachdem ich „die Waare“ überwunden hatte, wurde mir das Uebrige nicht sehr schwer. Die Belehrung welche es mir gibt ist bedeutend. Es ist mir bis jetzt noch keine Kritik darüber zu Gesichte gekom | 6 | men. Haben deutsche Zeitungen oder Zeischriften es besprochen? Und wie?

Die „Mississippi Blätter“, Sonntagsblatt der hiesigenWestlichen Post“ brachte einen Theil des Kapitels „Der Arbeitstag“. Zur Aufnahme des ganzen konnte ich H. Preetorius nicht bewegen, der angeheftete naive Bemerkung dazu machte. Auf meine Frage, was er von Ihnen gelesen habe, blieb er die Antwort schuldig.

Ich konnte noch nicht in Erfahrung bringen, welche Staaten das Acht Stunden Gesetz angenommen haben, hörte aber, daß es acht seien. Erfahre ich es vor Absendung dieses Briefes, so bemerke ich es noch am Schlusse.

Bei Weydemeyers Büchern fand ich nur einen Band des Westphälischen Dampfboots, worin aber der Artikel, von dem Sie mir sagten, nicht enthalten ist. Jedenfalls hat Helmich in Bielefeld noch Exemplare, und würde es Kugelmann leicht sein, das gewünschte zu bekommen.

Ich bin seit meiner Rückkehr sehr beschäftigt, so daß ich nur wenig freie Zeit für mich habe. Diesen Brief brachte ich nur mit vielen Unterbrechungen zu Stande, was auch der Grund des Durcheinander.

Die Verhaftung des „Humbug Train“ oder “Lightning Train” wie man ihn hier nennt, hat hier viel Spaß gemacht. Manche gaben sich der | 7 | Hoffnung hin, daß die Affaire zu ernsten Verwickelungen führen könne, Seward aber läßt sich viel gefallen.

Ich lege Ihnen zwei Bilder unseres geliebten „Hans“ bei, eins davon ist für Carstens, dem ich es auch versprochen habe. Von der Frau Weydemeyer lasse ich eins nach einem Daguerreotype anfertigen, von dem ich Ihnen später eines schicken werde.

Meine herzlichsten Grüße an Ihre liebe Frau, Ihre Fräulein Töchter, Herren Lafargue und Engels.

Empfangen auch Sie die herzlichsten Grüße von

Ihrem

Hermann Meyer care of
Angelrodt & Barth

*) Aus dem gleich interessanten wie gründlichen neuen Werke von Karl Marx, „Das Kapital, Kritik der politischen Oekonomie“ theilen wir in Obigem den Schluß des Kapitels vom Arbeitstage mit. Der aufmerksame Leser wird darin viel des Anregenden und Belehrenden über einen Gegenstand finden, der auch hier s.Z. eine aufgeregte Debatte veranlaßt hat.

Wir selbst geben, ohne Anhänger der Marx’schen Theorien zu sein, gern einem Manne das Wort, der durch Scharfsinn und Belesenheit seinen Stoff so völlig beherrscht.

Anm. d. Red.

Angeheftete Depesche erschien heute. “The Sun” war früher ein “Penny Paper” und viel fast ausschließlich von den Arbeitern gelesen. Obschon Dana conservative sein zu wollen scheint, könnte die Sun immerhin ein geeignetes Blatt für Ihre Arbeiten werden. Ich werde nähere Erkundigungen einziehen & Ihnen Mittheilungen machen.

In Eile
Ihr
M.
 

Zitiervorschlag

Hermann Meyer an Karl Marx in London. St. Louis, Sonntag, 26. Januar 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00539. Abgerufen am 16.10.2021.