| Hannover, 26. Janr. 1868

Mein hochverehrter, lieber Freund!

Die Abreise des Herrn Coppel hat sich um einige Tage verzögert, indeß hoffe ich, daß Sie jetzt bereits den Carey u. Ihre Photographie erhalten haben werden, ebenso die beigefügten Brochüren des Herrn Kertbeny. – Auch mir hat er Exemplare der letzteren verehrt aus denen ich mit Bestimmtheit schließe, daß er ein Affiliirter des 10 December ist u. sich als Bonapartistischer Agent hier aufhält um über hannöversche Stimmung etc zu berichten. Ich kam, um rasch zur Diagnose zu kommen, öfter mit ihm zusammen, fand, daß er unter dem Scheine großen enceclopädischen Wissens große Unwissenheit u. Kritiklosigkeit verbirgt, daß er sich häufig widerspricht, stets seine u. Louis Bonaparte’s Bedeutung betont. – Ich machte ihm aus meiner Vermuthung kein Hehl u. gab ihm Ihren „18. Brumaire“ zu lesen, womit er natürlich nicht einverstanden. – Er sucht sich indeß bei mir von dem Verdachte der Moucharderie rein zu waschen, als Zeichen einliegender Brief. – Von dem was Sie eigentlich sind hat er gar keinen Begriff u. ich bezweifle, daß er außer jetzt dem „18 Brumaire“ irgend etwas von Ihnen ordentlich gelesen, namentlich halte ich ihn für unfähig für „Das Kapital“. – Er bezeichnete sich mir als Agent (mercantilischer) der ungarischen Regierung u. sagte mir so oft, daß er alle Vierteljahr „sein Geld“ geschickt bekomme, daß mich dies schon stutzig gemacht haben würde. Außerdem wünscht er, daß möglichst wenig von ihm gesprochen werde, was für einen Handelsagenten sonderbar ist. –

Ihre Adresse wußte er u. sagte mir, er habe Ihnen | zu Ihrem „Herr Vogtdas (sic!) Material geliefert, Sie hätten ihm Auskunft über ungarische Flüchtlinge gegeben. –

Als ich ihm meine Ansicht über den Character seiner Agentur zu verstehen gab, sagte er: „Wenn Sie schon so sprechen, wie wird Marx dann erst über die Brochüren wüthend sein.“ Ich beruhigte ihn durch die Bemerkung, daß Sie dies gewiß nicht der Mühe werth halten würden, bat ihn aber sich jedes Urtheils über Sie zu enthalten, bis er Ihre Arbeiten gründlich studirt habe, denn bis jetzt wisse er noch gar nichts davon. –

Ich würde diesen edlen Magyaren bereits schroff haben ablaufen lassen, wenn ich nicht von Ihnen erst Instruction erwartete, ob Sie es vielleicht indicirt halten Verbindung mit ihm zu unterhalten, etwa um ihn zu überwachen. –

Irre ich mich in der Annahme, daß Sie die Zusammenstellung „Plagiarismus“ in der „Zukunft“ selbst verfaßt haben. – v. Hoffstetten‘s Antwort ist sehr amüsant. Jedenfalls hält er Liebknecht für den Verfasser. –

Wie geht es Ihnen, lieber Freund? Haben Sie sich schon wieder erholt? Im Frühjahr müssen Sie jedenfalls auf einige Wochen wieder zu uns kommen, um sich von Ihren aufreibenden Arbeiten zu erholen. Wir wollen dann in unserm schönen Walde recht fleißig spazieren gehen. – In London consumiren Sie sich in Überarbeit. – Abgesehen von persönlichen Empfindungen, muß ich Ihnen immer wiederholen, daß Sie eine große Mission durch die Veröffentlichung Ihrer Arbeiten zu erfüllen haben. –

Vom ganzen Herzen
Ihr
treu ergebener
LKugelmann
Dr

Meine Frau sendet herzliche Grüße für Sie u. Ihre Damen. –

Schreiben Sie für Liebknechts Blatt?

 

Zitiervorschlag

Louis Kugelmann an Karl Marx in London. Hannover, Sonntag, 26. Januar 1868. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http://megadigital.bbaw.de/briefe/detail.xql?id=B00538. Abgerufen am 25.09.2021.